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Robert Zwarg

Die Suche nach dem Wort, das gilt - Epochenbruch und Sprachverlust bei Max Horkheimer


Dass kein Begriff ohne Geschichte ist, d.h. einer Tradition der Überlieferung und historischen Umständen, in denen er zur Geltung kommt, hat kaum eine intellektuelle Schule so sehr reflektiert wie die Kritische Theorie um Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse et al. Deswegen ist es kaum verwunderlich, dass die geschichtliche Erfahrung des Nationalsozialismus und seinem negativen Klimax, der Vernichtung des europäischen Judentums, am Denken der kritischen Theoretiker nicht spurlos vorbeigegangen sind. An Max Horkheimer lässt sich eine Denkbewegung studieren, die sich als Reflexion auf einen profunden Zweifel an der Tauglichkeit früherer Begriffe, vor allem jenen der Marxschen Tradition verstehen lässt: sie reagiert auf nichts weniger als einen Sprachverlust. Die weitere Entwicklung von Horkheimers Denken wurde dabei immer wieder als „religiöse“ bzw. „pessimistische“ Wende paraphrasiert. Dieses Urteil ist nicht nur subjektivistisch verkürzend, sondern unterschätzt auch die systematische Denkanstrengung Horkheimers, Begriffe und Kategorien aus dem intellektuell-politischen Kosmos der 20er und 30er Jahre in eine neue historische Konstellation zu übertragen. Die stärkere Akzentuierung theologisierender Ideen – ohne dabei selbst auf einem positiven theologischen Boden zu stehen – war die Suche nach Begriffen, denen ein vergleichbares politisches und emanzipatorisches Mobilisierungspotential innewohnt wie den marxistischen Konzepten der 20er und 30er Jahre. Vor dem Hintergrund einer unabgeschlossenen Säkularisierung und der andauernden Strahlkraft religiös konnotierter Begriffe – sei es in transponierten Formen der „Alltagsreligion“ oder in der sog. Politischen Theologie –, lohnt es sich, diese Denkbewegung genauer zu untersuchen.

Die Marxsche Theorie hatte für Max Horkheimer nicht nur einen deskriptiven, sondern auch einen epistemologischen Wert. Ihren Begriffen sollte es, mit anderen Worten, nicht nur gelingen, die Verflechtung von Wirtschaft, Kultur und Politik in einer bestimmten historischen Situation angemessen zum Ausdruck zu bringen, sondern sie sollte auch emanzipatorische Potenzial induzieren, d.h. die Veränderbarkeit von Geschichte anzeigen. Beides wird durch den Nationalsozialismus gebrochen und ist entscheidend für das weitere intellektuelle Schaffen Max Horkheimers. Noch bis in die 30er Jahre hinein bestand für Horkheimer die Hoffnung, dass der Nationalsozialismus mittels einer Revolution zum Umsturz zu bringen sei. Dass dies nicht geschah, lässt Horkheimer einerseits vom Revolutionsbegriff als Ganzes abrücken und richtet anderseits seinen Blick in die Vergangenheit. Eine praktisch zu rechtfertigende utopische Perspektive verschwindet. Dies verbindet sich mit einer Kritik an den Begriffen Freiheit und Gerechtigkeit, die in den späten Schriften immer wieder auftaucht. Historisch wird das Aussagepotential der Theorie von Karl Marx vor allem auf die Verhältnisse des sich entwickelnden Liberalismus beschränkt. Mit dessen historischen Niedergang verliert auch die Kritik der politischen Ökonomie ihren deskriptiven Gehalt. Außerdem hatte ein weiteres Element, weniger aus der Marxschen Theorie als aus dem Marxismus, seine Gültigkeit eingebüßt. Die sogenannten Verelendungstheorie, die an den Begriff der Klasse, in ihrer verallgemeinerten Lesart an die »Unterdrückten« gebunden war, beruhte auf der Vorstellung, dass eine bestimmte Stellung im Produktionsprozess einen bevorzugten Ort emanzipatorischen Bewusstseins bilde. Die Geschichte hatte diese Idee widerlegt. Paradoxerweise ist es aber gerade die Erfüllung einiger von Marx’ Prognosen, bspw. die Tendenz zur Monopolisierung, die ihr letztlich den gesellschaftlichen Boden unter den Füßen wegzieht, nämlich insofern man annimmt, dass dieser Prozess die Markt- und Konkurrenzmechanismen tendenziell außer Kraft setzt.

Vor dem Hintergrund dieses Anspruchs an die Marxsche Theorie lässt sich das Spätwerk Max Horkheimers als Versuch einer Übersetzung lesen. Der Weg dieser Übersetzung führt schließlich auf das Feld von Metaphysik und Theologie. Dies allerdings nicht als bloßer Ausdruck von Pessimismus und Konservatismus, sondern aus angebbaren systematischen Gründen. Was hier als Sprachverlust paraphrasiert wurde, meint das Fragwürdig-werden eines bestimmten Begriffssystems. Mit dem Scheitern des prognostischen Charakters der Marxschen Theorie waren Horkheimer wertvolle Begriffe und Kategorien abhanden gekommen, die bei aller Distanz von der traditionellen Arbeiterbewegung vor dem 2. Weltkrieg noch eine gewisse Gültigkeit innehatten. Das gebrochene Verhältnis zwischen Sprache und Handeln lässt sich leicht als der marxistisch verstandene Zusammenhang von Theorie und Praxis dechiffrieren. Fasst man das Problem jedoch strenger philosophiegeschichtlich – als Frage nach dem Begriff und seiner Verbindung zum von ihm Gemeinten – eröffnet sich ein Horizont, der noch weiter in die Geschichte zurückreicht. Ein historischer Fixpunkt in der Diskussion um das Verhältnis von Sprache und Realität war der sogenannte Universalienstreit. Dies lässt sich auch bei Max Horkheimer wiederfinden. In seinem Spätwerk verbinden sich zwei verbundene Gedanken: Einerseits die Unhintergehbarkeit der nominalistischen Kritik, anderseits eine Art ›realistisches Bedürfnis‹, d.h. die Erinnerung an das durch den Nominalismus Aufgelöste. Dieses ›realistisches Bedürfnis‹ bestimmt Horkheimers Interesse an Marx vor dem Nationalsozialismus. Auch bei Marx existieren beide Momente: Zum einen die nominalistische Kritik der Metaphysik, die im Wesentlichen in einer reductio ad hominem besteht. Zum anderen die Verwendung von Begriffen, die mehr sein sollen als kontingente Merkmalseinheiten des darunter Befassten. Kategorien wie »Gattung« oder »Kapital« sind keine bloße Container für bestimmte Einzeldingen, sondern objektive und vor allem gesellschaftlich wirksame Begriffe. Sie sollten eine tatsächliche Verbindung zur Realität zum Ausdruck bringen, die letztlich nicht nur deskriptives, sondern auch mobilisierendes Potential hat; in einem emphatischen Sinne sollten die Dinge beim Namen genannt werden. Dies widerspricht dem pragmatisierten, entsubstantialisierten Sprach- und Begriffsverständnis des Nominalismus und als diese Gegenbewegung korrespondiert sie mit einem sich durchhaltenden Interesse Horkheimers. Während also einerseits die nominalistische Kritik, die Begriffe als vom Subjekt abhängig und damit als relativ ausweist, für Horkheimer unhintergehbar ist, so möchte er doch anderseits den Anspruch auf einen emphatischen Begriff von Wahrheit, den die Begriffe der Theologie und Metaphysik noch enthielten, nicht ganz aufhalten. Diese Doppelbewegung ist kennzeichnend für die Rolle der Religion im Spätwerk von Max Horkheimer. Wird sie angemessen zur Kenntnis genommen, bewahrt sie davor, Horkheimer einen unmittelbaren Rückfall ins Religiöse und bloß Pessimistische zu unterstellen. Dies tentaiv darzustellen, ist der Anspruch dieses Papers.