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Sebastian Tränkle

Wo ist das Denken zu Hause?
Zum Begriff der „Heimat“ in der Kritischen Theorie von Adorno bis Türcke.


Novalis zu Folge ist die Philosophie „eigentlich Heimweh.“ Drückt sich darin ein romantischer Reflex gegen die kosmopolitische Aufklärung aus? Im Zuge der viel gescholtenen „Globalisierung“ gewinnen auch heute Bedürfnisse nach räumlicher Verortung und kultureller oder nationaler Identität immer wieder von Neuem an Konjunktur. Oder zielt schon Novalis auf „Heimat“ in ganz anderem Sinne? Immerhin heißt es bei ihm weiter, Philosophie als Heimweh sei „der Trieb, überall zu Hause zu sein.“ In der Dialektik der Aufklärung versuchten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, selbst im amerikanischen Exil und noch zur Zeit des Nationalsozialismus, der sich den Begriff der „Heimat“ im Sinne einer „Blut und Boden“ Ideologie angeeignet hatte, ebenfalls eine andere Dimension des Begriffs freizulegen. „Heimweh“ ist demnach weniger die Sehnsucht nach einem „verlorenen Ältesten,“ als die nach dem besseren Leben – und „Heimat“ „das Entronnensein“ aus dem mythischen Bann von Herrschaft und Gewalt.

In diesem Vortrag soll nachvollzogen werden, wie in der Kritischen Theorie eine Verschiebung des Begriffs der „Heimat“ von einer räumlichen in eine zeitlich konnotierte Dimension stattfindet, die bei Adorno begrifflich, historisch sowie durch die eigene Erfahrung der Emigration begründet wird. Dementsprechend soll versucht werden, diese Entwicklung in einer Engführung von Werk und historischem Kontext, von theoretischen Reflexionen und autobiographischen Aufzeichnungen nachzuvollziehen. Daran anschließend wird die weitere Entwicklung des Umgangs mit dem Begriff der „Heimat“ in einem sich auf die Tradition Adornos berufenden Denken, vor allem beim Leipziger Philosophen Christoph Türcke, diskutiert werden.

In Adornos Kindheitserinnerungen fungieren Orte und Namen, allen voran das berühmte „Amorbach,“ als Metaphern für einen möglichen zukünftigen Gesellschaftsstand der „Versöhnung.“ Der emphatische Bezug auf die Kindheit, wie er sich auch in Walter Benjamins „Berliner Kindheit um 1900“ findet, zielt dabei weniger auf eine sentimentale Verklärung der eigenen Kindheit ab, und ist weniger Resultat dessen, was Freud einmal den „Zauber der Kindheit, die ihnen [den Menschen, S. T.] von einer nicht unparteiischen Erinnerung als eine Zeit von ungestörter Seligkeit gespiegelt wird“ genannt hat. Vielmehr ist Kindheit hier eine Chiffre für die Utopie einer Erkenntnis, in der sich die Erkennenden unbefangen der ganzen „einzelmenschlichen Erfahrung“ (Adorno) der Dinge und menschlichen Interaktionen hinzugeben vermögen. Die naive und noch nicht gänzlich dem Diktat der Zweckhaftigkeit unterworfene kindliche Neugier auf das Andere, Fremde und die gleichzeitige Suche nach dem Vertrauten im Fremden und vice versa, wird dabei zum Prototyp einer Form unreglementierter Erfahrung, die sich dem Neuen, Anderen und Fremden vorurteilslos aussetzt und darin sich selbst bzw. das Eigene erkennt. Im diesen Sinne wäre das Denken, wie bei Novalis, „überall zu Hause,“ nämlich in den jeweiligen konkreten Akten menschlicher Erfahrung im Umgang mit anderen Menschen und Dingen. Der zuerst von Benjamin und dann von Adorno monierte moderne Erfahrungsverlust bedeutet in diesem Sinne auch einen „Heimatverlust:“ Das Denken abstrahiert zunehmend von der tatsächlichen Qualität seiner Gegenstände und das Erkennen wird zu einem Prozess zweckhafter Zurichtung des zu Erkennenden. Die gefährliche Antwort moderner antimoderner Ideologien darauf ist die Anrufung einer falschen Eigentlichkeit, die verdinglicht in Form einer räumlich, kulturell oder gar biologisch definierten „Heimat“ gerinnt, zu der um jeden Preis (zurück)gefunden werden soll. Adorno entfaltet in seinem autobiographisch eingefärbten Text „Amorbach“ dagegen eine Dialektik von „Heimat“ zwischen Örtlichkeit und Ortlosigkeit: Die Erfahrung des Glücks, als die des „Unaustauschbaren“ bleibt an einen bestimmten Ort im Raum gebunden. Aber dieser Ort selbst ist nicht vorab definiert, bestimmbar oder gar ebenso unaustauschbar. Der Absatz in dem Adorno Amorbach als sein kindheitliches Urbild eines solchen Ortes entwirft, wird darüber hinaus von dem, was ihm im Text folgt, kontrastiert: Das „Niemandsland“ zwischen zwei Staaten, das Adorno als Kind spielerisch zu seinem freien Reich phantasierte, zeichnet er als Sinnbild der Utopie. Der bornierten Staatlichkeit mit ihren klar gezogenen Grenzen stellt er das kindliche „Gefühl“ einer „Internationale“ als „festlichem Ensemble von Verschiedenem“ gegenüber.

Die Erfahrung der erzwungenen Emigration in die Vereinigten Staaten bildet einen weiteren Bezugspunkt für den Adornoschen Heimatbegriff. Dies reflektiert er unter Anderem in seinem Essay „Die Wunde Heine.“ Heines Lyrik erschien Adorno, so sein Biograph Detlev Claussen, als Vorwegnahme einer im 20. Jahrhundert „universal gewordenen Heimatlosigkeit.“ Die von Verfolgung, Vertreibung und Ausschluss im Nationalsozialismus verursachten Beschädigungen an „Wesen und Sprache“ (Adorno) verbieten fortan jegliche nationale oder anderweitige Identifikation, sie lassen allein einen utopischen Begriff von „Heimat“ zu: „als eine Welt, in der keiner mehr ausgestoßen wäre, die der real befreiten Gesellschaft.“

Adornos Reflexionen eröffnen außerdem eine sprachliche Dimension von „Heimat.“ Sprache, ins besondere ästhetisch geformte, wird zu einem Art Refugium für das „ganz Andere“ (Horkheimer), die Idee und Möglichkeit von „Heimat“ als befreiter Menschheit. Die Sprache vermag die Utopie aufzubewahren, sie zu „beheimaten,“ ist aber nicht wie in Martin Heideggers „Brief über den Humanismus“ „Haus“ eines vorgängigen, wesenhaften und authentischen menschlichen „Seins,“ zu dem es zurückzufinden gilt.

Der Begriff der „Heimat“ blieb nach 1945 einem kritischen Bewusstsein stets suspekt. Vor allem in den Diskussionen einer akademischen und politischen Linken haftet ihm bis heute der Ruf des Reaktionären an. In seinem 2006 erschienen Essay „Heimat. Eine Rehabilitierung“ versucht Christoph Türcke eine an Horkheimer und Adorno anschließende Neuaneignung des Begriffs. Mit einem psychoanalytischen Fokus auf Kindheit möchte er den Begriff aus dessen enger historischer Verquickung mit Nation und Nationalismus lösen. Türcke geht dem Begriff der „Heimat“ in einem Dreischritt Kindheit – Nation – Globus und aus ontogenetischer bzw. historischer Entwicklungsperspektive nach. Die erste und eigentliche „Heimat“ sei der Mutterleib, der durch den Schock der Geburt zwangsläufig verlasen werden muss. Erst durch den Verlust aber bilde sich die Sehnsucht, erst durch den Mangel das Bedürfnis: wie in der biblischen Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies dieses erst nach seinem Verlust als solches erscheint, so entstehe Heimweh erst mit dem Verlust des vertrauten, behüteten und allseitig umsorgten Zustands. Was sich an der Trennung vom Mutterleib bildet, verlängere sich ins Leben hinein und mache die besondere Bedeutung des Komplexes für von Emigration geprägte Denker wie Jean Améry oder Theodor W. Adorno aus. Die „staatlich verstandene Nation“ des 19. Und 20. Jahrhunderts als „überdehnte, überspannte Heimat“ und die heutigen von fortschreitenden Prozessen der „Globalisierung“ bedingten neuen „Lokalpatriotismen“ sind für Türcke entstellter Ausdruck eines berechtigten, weil ontogenetisch bedingten Bedürfnisses nach „Heimat.“ Damit wendet sich Türcke schließlich gegen eine angebliche Tabuisierung des Begriffs. Inwiefern Türckes Versuch „Heimat“ und Nation(alismus) sauber auseinanderzudividieren und dabei einzig eine „Überspannung“ des Heimatbegriffs anzugreifen aufgeht, bleibt aber fraglich, weil sein Heimatbegriff selbst weiter einer örtlichen Auffassung, zumindest einem lokalisierbaren „Heimatkern,“ Tribut zollt. Er tauscht damit unbemerkt die bei Adorno und Horkheimer zu findende kosmopolitische und im besten Sinne universalistische Auffassung einer „Heimat ohne Grenzstein“ (Dialektik der Aufklärung) gegen eine in letzter Instanz räumlich bornierte ein.

Ob es überhaupt möglich ist durch philosophische Begriffsarbeit und Reflexion dem Begriff der „Heimat“ seine reaktionären Konnotationen und Funktionen zu nehmen, kann mit gutem Grund bezweifelt werden. Zugleich aber stellt sich aus ideologiekritischer Perspektive weiter die Frage nach dem transzendenten Gehalt des Bedürfnisses nach „Heimat.“ Und auch die Frage nach dem „zu Hause“ kritischen Denkens ist es gerade in einer „globalisierten“ Welt weiterhin wert, gestellt zu werden.