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Mareike Teigeler

Qualitätsmanagement und Komplizenschaft


In der Literatur zum Thema Qualitätsmanagement in der Hochschule wird eine Praxis beschrieben, deren Hauptelemente Evaluation und Akkreditierung sind. Es wird hierbei davon ausgegangen, dass sich Evaluation an einem relativen Qualitätsbegriff orientiert, während Akkreditierung an einem absoluten, nach Qualitätsstandards urteilenden Begriff von Qualität ausgerichtet ist. Während man im Kontext des Verfahrens der Evaluation also von einem prozesshaften Charakter der Qualität ausgeht, dem es sich unter anderem durch qualitativ ausgerichtete Messverfahren schrittweise zu nähern gilt, etablierten sich unter der Prämisse standardisierter Vorgaben quantifizierende Methoden der Leistungsüberprüfung, der die Akkreditierung zugerechnet wird (vgl.: Löffler 2005: 6). Den Hintergrund dieser Verschränkung „zu einem umfassenden Qualitätsmanagement“ (Bülow-Schramm 2005: 283) bildet der so genannte Bologna- Prozess, eine Rahmenerklärung der europäischen Bildungsminister, die anhand folgender Punkte definiert, wie die Zielsetzung einer gemeinsamen Gestaltung des europäischen Hochschulraumes erreicht werden soll:

"Die Hochschulen garantieren durch ihre Unabhängigkeit und Selbstverantwortlichkeit, dass Bildung und Forschung ständig orientiert sind an den sich wandelnden Bedürfnissen, den Anforderungen der Gesellschaft und den Fortschritten in den Wissenschaften. Durch ein gemeinsames Vorgehen soll insbesondere die internationale Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Hochschulsystems verbessert werden." (Bülow-Schramm 2005: 293)
Die hier angesprochene Unabhängigkeit und Selbstverantwortlichkeit der Hochschule bezeichnet meiner Meinung nach eine neoliberale Individualisierungsstrategie, die nicht nur auf empirisch Einzelne gerichtet ist, sondern auch kollektive Subjekte, wie eben die Hochschule, einschließt. Dieser Strategie folgend entsteht, was als Subjekt des Neoliberalismus bezeichnet werden kann; das aktive, eigenverantwortliche Selbst, der Unternehmer seiner selbst, der in der Lage ist, sich selbst zu regieren, von sich aus aktiv zu werden, scheinbar ohne dafür einer Anleitung von außen zu bedürfen. Die scheinbare Freiheit, die der neoliberalen Strategie entspringt, entlarvt sich bei genauerem Hinsehen jedoch als Handlungsaufforderung dazu, dem neoliberalen Leitbild einer `schlanken´, `fitten´, `flexiblen´ und `autonomen´ Subjektivität zu entsprechen.
"Die Förderung von Handlungsoptionen ist nicht zu trennen von der Forderung, einen spezifischen Gebrauch von diesen `Freiheiten´ zu machen, so dass die Freiheit zum Handeln sich oftmals in einen faktischen Zwang zum Handeln oder eine Entscheidungszumutung verwandelt. Da die Wahl der Handlungsoptionen als Ausdruck eines freien Willens erscheint, haben sich die Einzelnen die Folgen ihres Handelns selbst zuzurechnen." (Lemke et al 2000: 30)
Qualitätsmanagement gewinnt vor diesem Hintergrund eine zentrale Rolle dabei, die Selbstkontrolle der Hochschule als kollektives Subjekt dahingehend zu steuern, als dass diese sich zu einem wettbewerbsfähigen Unternehmen auf dem freien Markt entwickelt. Die Verknüpfung von Evaluation und Akkreditierung, oder allgemeiner von internen und externen Methoden der Qualitätssicherung wie sie in folgendem Zitat benannt wird, stellt über die ihr zugrunde liegende Einteilung in freiwillige Möglichkeiten und an Mindeststandards ausgerichteten Vorgaben dar, inwiefern die scheinbar freiheitlichen Handlungsoptionen der Evaluation an Gewicht gewinnen:
"Evaluation breitete sich aus, weil sich die Hochschule freiwillig an weitgehend selbstgesteuerten Verfahren beteiligen und damit auch die Konsequenzen und die Veröffentlichungspraxis in der Hand haben. Die Studienrealität als Übereinstimmung von gesetzten Zielen mit der Durchführungspraxis ist im Focus der Evaluation und ist insofern eine ex-post Bewertung. Akkreditierung dient der Qualitätsprüfung neuer Studienprogramme und hat eine stärkere Betonung der externen Komponente des Peer-Review-Verfahrens und der ex-ante Steuerung, sofern die Einhaltung von Mindeststandards und die Zertifizierung eines Programms Voraussetzung für seine Durchführung sind." (Bülow-Schramm 2005: 14)
Während Leitwerte, wie zum Beispiel Fleiß, Gehorsam oder Ordnung, die sich im 19. und 20. Jahrhundert entwickelten, daraufhin ausgelegt waren, sich an vorgegebene Normen möglichst gut anzupassen, fordert das heutige Ideal von jedem, sich ständig zu verändern. Im Gegensatz zu Momenten der Optimierung, die von Außen, über das Etablieren von Leitwerten gesteuert werden, beschreibt die Aufforderung dazu, sich auf dem Markt durch permanente Veränderung zu behaupten, einen Ansatz der Selbstoptimierung. Man muss `exzellent´ sein und sich von anderen unterscheiden. Das führt zur Forderung nach Bewegung und der Sehnsucht nach Unterstützung (vgl.: Die Zeit, 35/2008). Diese Sehnsucht nach Unterstützung wird von Qualitätsmanagementangeboten aufgenommen und in betriebswirtschaftliche Ziele überführt. Die innerhalb dieser Programme etablierten Lösungsvorschläge basieren darauf, Strategien der Vereinigung diverser als gegensätzlich konstruierter Bereiche herzustellen. Auf diese Art und Weise entstehen Dynamiken zwischen Gebieten wie Arbeit und Leben oder in diesem Fall zwischen Gebieten wie Forschung und Effizienz, die über eine unternehmerische Selbstführung auszugleichen und in Balance zu halten sind. In diesem Sinne spiegeln Qualitätsmanagementprogramme die neue Vorsorgehaltung eines Unternehmens wider, das eigenverantwortlich plant, leistungsorientiert denkt und dabei seine persönlichen Risiken berechnet. Ziel dieser Strategie ist die erfolgreiche Mischung der Extreme. Während die Widersprüche im Anforderungsprofil eines jeden gesteigert werden, werden sowohl schlechtes Gewissen als auch Motivation noch größer (vgl.: Die Zeit, 35/2008). Auf einen Punkt gebracht lässt sich festhalten, dass „die Qualitätsspezialisten nicht mehr die Produkte kontrollieren, sondern die Selbstkontrolle der Produzenten.“ (Bröckling 2000: 136)

Die Frage ist nun, inwieweit die Balance, die zwischen den Elementen effizienten Handelns hinsichtlich einer Akkreditierung (ex-ante Bewertung) und Evaluation im Sinne attraktiver Lehre (ex-post Bewertung) in selbstverantwortlicher Art und Weise herzustellen ist, der vordergründig konstruierten Trennung der zu balancierenden Gebiete zum Trotz in weit reichende Verbindungen, Verwicklungen und Abhängigkeiten eingebunden ist, die betriebswirtschaftlichen Zielen folgen.

Ulrich Bröckling beschreibt die Entwicklung des Begriffes der Evaluation in diesem Kontext folgendermaßen:
"Konzentrierte Evaluation sich früher darauf, die erzielten Wirkungen an den gesteckten Zielen zu messen, Defizite zu identifizieren und Schritte zu ihrer Behebung aufzuzeigen, so dienen die fortwährenden Aus- und Bewertungsrituale jetzt vor allem dazu, Leistungen zu vergleichen, den internen wie externen Wettbewerb zu stimulieren und so einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess, kurz: KVP, in Gang zu setzen." (Bröckling 2004: 78)
Der in den europäischen Wissenschafts- und Universitätstraditionen seit deren Anfängen immer vorhandene Wettbewerb, der sich als Auseinandersetzung um bessere Theorien und attraktivere Lehrer dargestellt hatte, wird nun neu erfunden und auf einen imaginären Markt bezogen, der überhaupt erst durch die in eine Reihung gebrachten Evaluationsergebnisse erzeugt wird:
"Leistung ist eine Definitions- und damit eine Machtfrage. Wer die Indikatoren festlegt, entscheidet, wenn auch indirekt, über die Ergebnisse. Die Evaluationsmacht legitimiert sich über ihre Objektivität: Sie weißt nicht willkürlich Ränge zu, sondern gibt einheitliche Maßstäbe vor, nach denen alle beurteilt werden. Das zeitigt paradoxe Effekte: Weil die Position im Ranking weit reichende Folgen hat – Beförderung oder Entlassung, Aufstockung oder Kürzung des Budgets -, richten die Evaluierten ihr Verhalten prospektiv auf die zu Grunde gelegten Kriterien hin aus. Man tut, was gemessen, und unterlässt, was vom Bewertungsraster nicht erfasst wird. Evaluation schafft so erst die Wirklichkeit, die sie zu bewerten vorgibt, und erzeugt statt der allseits beschworenen Innovationsfähigkeit einen Aggregatzustand betriebsamer Konformität." (Bröckling 2004: 78)
Sobald die Hochschule weiß, was von ihr erwartet wird, kann sie diese Erwartungen erfüllen; eine Balance zwischen den Verfahren der Akkreditierung und der Evaluation lässt sich insofern als ökonomisch gesteuerte Strategie erkennen. Die vermeintlich individuell, also hochschulintern zu kreierenden Zielvorstellungen sind der Dynamik innerhalb des Spannungsfeldes zwischen hochschulinterner und hochschulübergreifender Qualitätssicherung ausgeliefert. Individuelle Vorlieben sind notwendigerweise den zu erreichenden Zielen untergeordnet, bzw. werden durch diese Ziele erst hergestellt, anstatt als für sich genommen erfahrbar zu sein.

Die kaschierte Trennung der Bereiche Forschung und/oder Lehre und Effizienz, die auf die umfassende Mobilisierung der Individuen, bzw. der Hochschulen zu Zwecken profitabler Privatproduktion zielt, ist in ihrem Bemühen, Pausen des Eigentlichen, in diesem Fall durch die hochschulinterne Instanz der Evaluation, auszuloten schwerlich von einem widerständigen Ansatz autonomer Selbstführung zu unterscheiden, der sich aller äußerer Umstände zum Trotz, Innovation und Kreativität auf seine Fahnen schreibt. Das Urteilsvermögen des Einzelnen läuft in diesem Fall Gefahr, gerade weil es sich so nah an die Materie heranwagt, den Überblick zu verlieren. In diesem Fall wäre die Definition des eigenen Ortes, des eigenen, intern ermittelten Profils also von vorne herein an eine ökonomisch vermittelte Abhängigkeit gebunden.

Ein alternativer Weg besteht meiner Einsicht nach darin, zu versuchen, die Verwicklungen und Abhängigkeiten wahrzunehmen, sie auszuhalten und den so entstehenden Entwicklungen Raum zu lassen. In diesem Fall geht es also nicht darum, vorher definierte Werte zu ordnen und aus einer Position heraus zu handeln, sondern vielmehr darum, den Fokus auf Prozesse und Wirkungen zu legen. Es geht um eine Taktik, die dazu animiert, mit den Ereignissen zu spielen und günstige Gelegenheiten dafür zu ergreifen, neue Verknüpfungen herzustellen.

Welche Komponenten können hierbei eine Rolle spielen?

Ich möchte in meinem Beitrag auf das von Gesa Ziemer entwickelte Modell der Komplizenschaft eingehen, um aufzuzeigen, inwieweit dieses eine Form dafür bietet, Freiräume zu schaffen, die es ermöglichen, der „paradoxen Kombination aus markwirtschaftlicher Freiheitsrhetorik und einer nahezu totalitären Kontrolle“ (http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/471218) zu entweichen.

Komplizenschaft ist Ziemer zufolge ein Begriff, der in Form von Spielregeln definiert wird, anhand derer ein Handlungsspielraum klar begrenzt und fokussiert wird, die andererseits jedoch auch starke Reaktionen auslösen können, so etwa das Bestreben, sie zu überschreiten, zu ergänzen oder zu ignorieren (vgl.: Ziemer 2007: 44). Ich möchte diese Regeln vorstellen und überprüfen, inwieweit das Konzept der Komplizenschaft eine Möglichkeit des Handelns bereithält, das vorhandene Kräfte situativ ordnen kann und in der Lage ist, eine Art von Übersicht herstellen zu können, aus der heraus die Notwendigkeit der Einordnung zugunsten einer situativen Wahrnehmung weicht.

Literatur:

Bröckling, Ulrich (2000): „Totale Mobilmachung. Menschenführung im Qualitäts- und Selbstmanagement“. In: U. Bröckling / S. Krasmann / T.Lemke (Hrsg.): Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt am Main, S. 131 – 167.
Bröckling, Ulrich (2004): „Evaluation“. In: U. Bröckling / S. Krasmann / T.Lemke (Hrsg.): Glossar der Gegenwart. Frankfurt am Main, S. 76 – 81.
Bülow-Schramm, Margret (2005): „Prozesse der Qualitätssicherung an Hochschulen in der BRD“. In: S. Brendel / K. Kaiser / G. Macke (Hrsg.): Hochschuldidaktische Qualifizierung. Reihe Blickpunkt Hochschuldidaktik, Bielefeld, S. 283 – 302.
Lemke, Thomas / Krasmann, Susanne / Bröckling, Ulrich (2000): „Gouvernementalität, Neoliberalismus und Selbsttechnologien. Eine Einleitung“. In: U. Bröckling / S. Krasmann / T. Lemke (Hrsg.): Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt am Main, S. 7 – 40.
Löffler, Sylvia (2005): „Qualitätsmanagement unter genderrelevanten Aspekten“. Bericht über die Prüfung von ausgewählten Qualitätsmanagementsystemen an Hochschulen auf die Berücksichtigung genderrelevanter Aspekte. Erstellt für das Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung (ZHW) der Universität Hamburg.
Ziemer, Gesa (2007): „11 Regeln der Komplizenschaft“ In: Notroff, Andrea / Oberhänsli, Erwin / Ziemer, Gesa (Hrsg.): Komplizenschaft – Andere Arbeitsformen (k)ein Leitfaden. Zürich: Institut für Theorie, S. 44 - 48.
Die Zeit 35/ 2008: Das gecoachte Ich - Ulrich Bröckling im Gespräch.
http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/471218