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Almut Stoletzki (University of Ibadan, Nigeria)

„Deutsche Geschichte“ meets „amerikanische Gesellschaft“.
Zum Diskurs über das German Problem im amerikanischen Exil


Im Jahr 1941, erschien in Großbritannien Lord Gilbert Vansittarts „Black Record“ worin als Ursache der nationalsozialistischen, deutsche Aggression ein „aggressiver deutscher Charakter“ ausgemacht wurde.(1) Um die Thesen Vansittarts entbrannte ein heftiger Disput und nicht nur in der amerikanischen Öffentlichkeit wurde die Forderung nach der Verurteilung aller Deutschen immer lauter. Nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg erschien in den USA eine ganze Reihe von Buchtiteln, die sich mit der „deutschen aggressiven, politischen und geistesgeschichtlichen Tradition“ im Gegensatz zur „demokratischen, amerikanischen Tradition“ auseinandersetzten. So ließ beispielsweise George Santayana, emeritierter Philosophieprofessor der Harvard University, seine Studie über „Egotism in German Philosophy“ 1939 neu auflegen, in der er der idealistischen Philosophie ein unheimliches Aroma attestiert. John Dewey, einer der prominentesten US-amerikanischen Intellektuellen, versuchte 1942 mit der erweiterten Neuauflage seines Buches „German Philosophy and Politics“ einen Zusammenhang zwischen der deutschen idealistischen Philosophie und der nationalsozialistischen Politik nachzuweisen.

In diesem Diskurs über das „German Problem“ werden nicht nur die kriegführenden Staaten einander gegenüber gestellt, sondern Selbst- und Fremdwahrnehmungen in Form von langen geistesgeschichtlichen Traditionen, und abstrakten Prinzipien. Die Pole „Deutschland/Germany” und der „Westen/The West” lassen sich als Chiffren verstehen, die eine gesellschaftliche Erfahrung der Diskursteilnehmer enthalten. Im Folgenden will ich versuchen, anhand eines Diskussionsprotokolls aus der Study Group on Germany diesen Erfahrungsgehalt zu veranschaulichen.

Die Study Group on Germany an der New School for Social Research

“This group of scholars has been known as the “University in Exile”; what is in fact an organized European faculty established and functioning on American soil, seeking to translate American experience into European terms and European experience into American terms, to the end that the essential conditions of our common modern civilization may be better understood.”(2) Mit diesen Worten beschreibt Alvin Johnson, ein Ökonom und Herausgeber der Encyclopedia of the Sociual Sciences, die 1934 von ihm ins Leben gerufene University in Exile an der New School for Social Research in New York City. Mit Hilfe der Rockefeller Stiftung hatte er nach der Verabschiedung des „Gesetzes zu Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ in Deutschland begonnen, deutsche und österreichische Intellektuelle, die von Verfolgung durch die Nationalsozialisten bedroht waren in die USA zu retten, um dort eine „freie deutsche Universität“ zu schaffen. Seine Auswahl umfasste dabei ganz unterschiedliche Fachdisziplinen: von Soziologie über Verwaltungswissenschaft bis hin zu Gestaltpsychologie.

Aus der „University in Exile“ gründete sich im Jahr 1942 die so genannte Study Group on Germany, die als Teil des Diskurses über das „German Problem“ betrachtet werden kann. In den einzelnen Diskussionen dieser Forschungsgruppe markieren die Chiffren „Germany“ und „The West“ das Spannungsverhältnis zwischen der deutschen Geschichte/Tradition und der Erfahrung der amerikanischen Gesellschaft. Die Forschungsfragen der Study Group werden in der ersten Sitzung am 18.November 1942 klar umrissen: „Are differences between German and other European Groups of a distinct character, and if so, in what does this distinction consist? On the other hand, what do the Germans have in common with other European groups that makes for communication among them?”(3) Diese Fragen sollten mittels einer näheren Bestimmung des „German National Character” geklärt werden. Es scheint zwar Einigkeit über die Verwendung dieses Terminus zu bestehen, keineswegs jedoch über den Gehalt des Begriffs.(4) Im Verlauf der Diskussion zeigt sich schnell, dass das Forschungsinteresse am deutschen „National Character“ durch die Erfahrung des Nationalsozialismus motiviert ist, die das begriffliche und Ideengefüge der geistesgeschichtlichen Tradition erschüttert. Fragen nach der Vermeidbarkeit/Unvermeidbarkeit des Nationalsozialismus, nach der Akzeptanz durch die deutsche Bevölkerung und nach seiner Relevanz für die deutsche Geschichte und die internationale gesellschaftliche Entwicklung werden mit einer kritischen Prüfung der geistesgeschichtlichen Tradition korreliert. Auf der Suche nach Antworten wird die Traditionslinie der deutschen Geschichte bis in die Zeit vor 1500 verlängert.

Die in der Study Group verhandelte lange Traditionslinie und die Unklarheit über den Begriff „National Character“ verweisen auf einen impliziten Gehalt dieser Diskussion.(5) Die Suche nach den Ursachen und Bedingungen des Nationalsozialismus ist zugleich eine Suche nach geistesgeschichtlichen Beständen, an die sich anknüpfen ließe. Für die Emigranten ist mit der geistesgeschichtlichen Tradition auch die eigene Herkunft ins Wanken geraten. Sie sind gezwungen, sich selbst im Bezug auf die Herkunftsgesellschaft und in der neuen Gesellschaft zu verorten. Die reale Erfahrung der amerikanischen Gesellschaft verbindet sich mit dem eigenen Forschungsinteresse und erweitert die Perspektive über die europäischen Verhältnisse hinaus. Die Suche nach Anknüpfungspunkten geht in beide Richtungen: in die deutsche Geschichte und in die amerikanische Gesellschaft. Das in der ersten Sitzung umrissene Vorhaben eines deutsch-westeuropäischen Vergleichs wird nicht eingehalten. Die Mehrheit der Referatsvorschläge in der ersten Sitzung bezieht sich bereits auf den Vergleich von „Deutschland“ und „Amerika“ oder von „deutschen“ und „anglo-amerikanischen Aspekten“ oder auf Literatur amerikanischer Provenienz. Im Exil drängt sich der Vergleich mit Amerika förmlich auf. dieses Aufeinandertreffen von deutscher Geistesgeschichte und Erfahrung der amerikanischen Gesellschaft wird in der Diskussion um einen Vortrag besonders deutlich. Felix Kaufmann, ein Philosoph, Rechtswissenschaftler und Phänomenologe aus Wien spricht über das Verhältnis von deutscher Philosophie und deutschen „National Character“ und untersucht in seinem Vortrag die Interpretationen der deutschen idealistischen Philosophie durch Heinrich Heine, George Santayana und John Dewey.

Felix Kaufmann: German Philosophy and German National Character

Kaufmann weist in den Arbeiten Heinrich Heines, George Santayanas und John Deweys eine äußerst problematische Interpretation des Deutschen Idealismus nach. Er werde als spezifisch deutsche Philosophie bezeichnet, die die innersten Tendenzen des deutschen Geistes und Charakters offenbaren würde und die deutsche Aggression erklären könne. Diese Verbindung kritisiert Kaufmann Zitat: „Here I have my doubts. I do not think that transcendental idealism is specifically protestant or specifically German. It rather seems to me that it can only be understood in terms of a philosophical tradition spreading over more than two millenia [sic!] and common to all civilized European countries. I am therefore rather skeptical [sic!] toward attempts to link transcendental idealism with German politics.”(6) Kaufmann gibt zu bedenken, dass man die Rolle der „großen Philosophen“ bei der Ausbildung eines „National Character“ nicht analysieren könne, ohne die Transformation durch ihre Epigonen zu berücksichtigen, denn diese sei wesentlich bezeichnender für das geistige und politische Klima als für die Lehre selbst.(7) Im Gegensatz zum Umgang mit Heinrich Heines und George Santayanas Arbeiten, die von Kaufmann kurz und scharf als unwissenschaftlich kritisiert werden, nimmt die Auseinandersetzung mit John Deweys „German Philosophy and Politics“ den breitesten Raum in seinem Vortrag ein. Kaufmann versucht einerseits, Deweys Kant-Interpretation zu kritisieren und die humanistischen Momente dieser Philosophie zu betonen und andererseits an seine Idee der demokratischen Erziehung anzuschließen. „Kant’s system is one that reflects a society that is not based on discussion, but on authority, and the unity of which is thus determined. On this basis, Dewey discussed the most effective means by which a society’s unity may be build up by discussion.“ (SGM 19.5.1943:3) Dewey kläre bereits in der Einleitung, dass er nicht von einem direkten Einfluss der idealistischen Philosophie auf den Nationalsozialismus ausgehe, dennoch habe sie durch die deutsche Erziehung und Bildung den Boden für Hitlers Ideologie bereitet. Die Einheit einer Gesellschaft könne auf zwei verschiedene Arten hergestellt werden, Zitat: „by telling and being told, which is the German way; and by discussion, which is the American way.“ (SGM, 19.5.1943:3) Die deutsche Erziehung, beherrscht von den Ideen der klassischen Philosophen, erscheine Dewey verdächtig, weil sie auf subjektiver Einsicht beruhe und daher unzugänglich für andere sei. Im Gegensatz dazu werden in Deweys pragmatischer Philosophie Ziele und Zwecke durch Erfahrung und in der Diskussion überprüft. Kaufmann betont, dass dieser Punkt für die Re-Education in Deutschland von fundamentaler Bedeutung sei. Während Felix Kaufmann in seinem Vortrag den Deutschen Idealismus entnationalisiert und ihn in eine europäische Tradition stellt, bietet sich für ihn bei der pragmatischen Philosophie Deweys ein klarer Anknüpfungspunkt an die Traditionen in der amerikanischen Gesellschaft.

Die anschließende Diskussion entzündet sich an George Santayanas These über das unbehagliche Aroma der idealistischen Philosophie und changiert zwischen der Betonung der progressiven Momente dieser Philosophie und dem Versuch, mögliche reaktionäre Tendenzen zu bestimmen. So wird hervorgehoben, dass die idealistische Philosophie eines der größten Hindernisse für den Nationalsozialismus gewesen sei und die Idealisten selbst stets Kosmopoliten geblieben seien, wohingegen als mögliche reaktionäre Tendenzen benannt werden, dass sie unverständlich und unzugänglich sei und keinen „Common Sense“ besitze. Mehrere Teilnehmer verweisen auf die immense Wirkung des Idealismus in Amerika und auf den daraus resultierenden Widerspruch: „Thus the ‚bad’ influences of the German idealists had been used to defend democratic institutions.“ (SGM 5.5.1943:4)

Eine philosophische Lehre hat in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten auch ein unterschiedliches „Aroma“. Für viele amerikanische Intellektuelle, darunter auch John Dewey, besaß der Idealismus im 19.Jh. eine enorme Anziehungskraft. Mit dem Ersten Weltkrieg verändern sich jedoch die Bezüge. Horace Kallen bezeichnet die Bücher von John Dewey und George Santayana in der Diskussion um Kaufmanns Vortrag auch als „War Books“. Vor dem Hintergrund des „German assault on civilization“ wird der Idealismus für die amerikanischen Intellektuellen fragwürdig, denn „the violation of treaties is impossible to bring in line with the Cateogrical Imperative unless there was something wrong with it.“ (Horace Kallen, SGM 19.5.1943:3) Im Ersten wie auch im Zweiten Weltkrieg stellt sich in der amerikanischen Gesellschaft die Frage nach der „Americanization“ der Einwanderer und nach der Konstitution der „American Identity“. Im Zuge dessen rücken Intellektuelle wie John Dewey die universalistischen Elemente der „American Identity“ in den Vordergrund und protestieren gegen Vorurteile: „Prejudices of economic status, of race, of religion, imperil democracy because they set up barriers to communication, or deflect and distort its operation“(8). Durch diese Entwicklung in der amerikanischen Gesellschaft gerät die idealistische Philosophie in den Verdacht, nicht mehr zeitgemäß zu sein, ein problematisches Erbe. Dewey, als Vertreter einer pragmatischen Philosophie, formuliert aus diesem Grund im gleichen Text, in welchem er die problematische nationalhistorische Identifikation des Idealismus mit einer deutschen Individualität kritisiert, den Gedanken an eine „American Philosophy“, die ihre Ziele und Mittel am „Democratic Way of Life“ orientieren müsse, um das Ideal sozialer Einigkeit jenseits von Zwang und Gewalt zu erreichen.

Adolph Lowe erfasst am Ende der Diskussion die gesellschaftliche Wirkung der reaktionären Momente der idealistischen Philosophie mit dem Begriff „Privatmensch“ und thematisiert damit zugleich implizit ein Stück amerikanischer Erfahrung. Er beschreibt den „Privatmensch“ als einsames Individuum konfrontiert mit sich und dem Universum. Kurt Riezler sieht darin ebenfalls den zentralen Punkt, da dieser Begriff mit dem Fehlen einer Gesellschaft in Deutschland konvergiere. (Vgl. SGM 19.5.1943:5) In diesem Begriff, der in den vorangegangenen Diskussionen öfter auftaucht, aber nie diskutiert wird, drückt sich der implizite Gegensatz zum politischen Menschen in Amerika aus. Für die intellektuellen Emigranten, die an einer Erwachsenenbildungsstätte lehren, wo zukünftige Beamte und politische Entscheidungsträger ausgebildet werden, erscheint der Mensch der deutschen Herkunftsgesellschaft als „Privatmensch“, unpolitisch und einsam versunken in Selbstbetrachtung. Im Gegensatz zur politischen Umgebung in Amerika wirkt die Haltung des „Privatmenschen“ weltfremd und gesellschaftlich problematisch.

Auf diese Weise eröffnet die Diskussion um Felix Kaufmanns Vortrag nicht nur einen prismatischen Blick auf die Transformation der idealistischen Philosophie in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten, sondern auch einen Einblick in die Selbstverortung der emigrierten Intellektuellen zwischen der „deutschen Geschichte“ und der Erfahrung der amerikanischen Gesellschaft.

Anmerkungen

1Vgl. Jörg Später (2003): Vansittart. Britische Debatten über Deutsche und Nazis 1902-1945, Göttingen. Später geht in seiner Arbeit ausführlich auf die Missverständnisse bei Rezeption des Black Record ein.
2Alvin Johnson: Foreword, in Max Ascoli/Fritz Lehmann (Eds.): Political or Economic Democracy, New York 1937, S.9.
3Study Group on Germany, Transcribed Minutes 18.11.1942 (zitiert als SGM), S.1, in Adolph Lowe Papers, Box 5 Folder 63, German and Jewish Emigré Collection, State University of New York at Albany, alle anderen Seiten befinden sich im Nachlass Carl Mayer, Mappe 37.8, Sozialwissenschaftliches Archiv Konstanz.
4Dies zeigt sich sowohl an Verweisen auf die Ambivalenz des Begriffs als auch an wiederholten Fragen was „National Character“ eigentlich für ein Konzept sei. Vgl. SGM 18.11.1942, S.1,2.
5Die Unklarheit des Begriffs „National Character“ erklärt sich zusätzlich durch den unterschiedlichen Gehalt in der deutschen und in der englischen Fassung mit dem die Teilnehmer der Study Group konfrontiert waren.
6Felix Kaufmann (1943): „German Philosophy and German National Character“, S.3, im Nachlass Felix Kaufmann, Mikrofilm Rolle IV, Seite 2083-2102, Sozialwissenschaftliches Archiv Konstanz.
7Kaufmann gibt zudem zu bedenken, dass die Erkenntnistheorie notwenig immer das Erste sei, während die Moralphilosophie das psychologisch Erste sein könne. Insofern ließen sich die „großen Philosophen“ nicht auf ein letztes Ziel festnageln. Vgl. ebd.
8John Dewey (1915, 1942): German Philosophy and Politics, New York, S.46.