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Adrian Staudacher

Populärdiskurse im griechischen Fernsehen und deren Wirkung auf den Diskurs der türkisch-griechischen Beziehungen & die gescheiterte Schulbuchreform in Griechenland
Seifenopern, Reality Shows und Unterhaltungssendungen im jüngsten türkisch-griechischen Annäherungsprozess (seit 1999)


Intro
Meine Präsentation behandelt die heutigen griechischen (und indirekt türkischen) Massenmedien aus der Perspektive von internationaler und nationaler Friedensforschung und passt daher zum Themenschwerpunkt: „Symbolische Produktion zwischen Globalisierung, Lokalisierung und Glokalisierung.“ Theoretische Feinheiten können an dieser Stelle nicht erörtert werden und sind zu einem anderen Zeitpunkt zu behandeln. Die Tiefenanalyse der akademischen Diskurse müssen ebenfalls auf einen zweiten, fortgeschrittenen empirischen Teil verschoben werden. Hier beginne ich mit der Präsentation von türkisch-griechischen Populärdiskursen und deren eventuell operationalisierbaren Friedenskonzessionen an die jeweils andere Seite. Die Frage ist, in wieweit es dabei zu einem semantischen Netz imaginärer und symbolischer Diskursreferenzen kommt und ob dieser Mechanismus gefördert werden kann. In meiner Untersuchung wird argumentiert, dass die systematische Analyse der massemedialen Pop-Kultur-TV-Formate als Schlüssel für ein besseres Verständnis der Annäherung (seit 1999) und den jüngsten Rückfall in alte Feindseligkeiten (seit 2003) liefern kann.

Fall
Der jüngste türkisch-griechische Friedensprozess (1999-2003) wurde durch ein doppeltes Erdbeben in Griechenland und der Türkei „ausgelöst“. Wenn diese Lesart der Friedens- und Konfliktforschung mit theoretischen Erklärungsversuchen von Katastrophen- und Erdbebendiplomatie auch etwas übertrieben scheint, so lässt sich eine maßgebliche Eigendynamik im Annäherungsprozess seit dieser Doppelkatastrophe nicht übersehen. Die medial extrem aufgeblähten verbreiteten Bilder und Berichte über die gemeinsamen Rettungsarbeiten bei diesen Athener und Istanbuler Katastrophen hat zur Verstärkung und Vertiefung dieses kollektiv gelebten Moments türkisch-griechischer Partnerschaft und Freundschaft geführt. Auslöser (trigger) für diesen für die türkisch-griechischen Beziehungen einmaligen Annäherungsprozess waren zwei Katastrophen und im Weiteren ausgerechnet die Medien, die in der Friedens- und Konfliktforschung besonders zum türkisch-griechischen Fall für Eskalation und Konflikt hauptverantwortlich gemacht werden.

Das doppelte Erdbeben löste auf beiden Seiten der Ägäis ein bisher unbekanntes breites Interesse der Bevölkerungen für den „Anderen“ aus. Die televisuelle Berichterstattung und Bilderflut lieferte Bilder, Topoi, Stichworte und Schlüsselbegriffe, die auf die folgenden Seifenopern, Reality Shows und Fernsehshows als Inspirationsquelle einwirkten: u.a. „Erdbebendiplomatie“ und „Baklava-Verbrüderung“. Das TV-und Massenmedial aufgeblasene Event gegenseitigen Mitgefühls und die schnell geleistete nachbarschaftliche Hilfe, die in dieser Art ein Novum in dieser Region darstellt, ist Namengeber, Quelle von Inspiration, und in gewisser Weise, Seifenoper-und Reality-Show für bessere türkisch-griechische Beziehungen für sich.

Dieser Realitätsbezug beanspruchenden Berichterstattung als Initialmoment einer neuen symbolischen Diskursreferenz folgte eine Unzahl von konstruierten Narrativen türkisch-griechischer Freundschaft und Annäherung, die sich seither einer großen Beliebtheit und hoher Einschaltquoten und Auflagen erfreuen. In diesen Narrativen werden in der Regel Vorurteile aufgearbeitet oder humorvoll abgeschwächt und bestätigt. Es kommt zu impliziten oder expliziten Konzessionen, die nur auf der imaginären Ebene möglich zu sein scheinen. Ein weiteres wichtiges Element, das die Bereitschaft zu Konzessionen diesmal auf politischer Ebene bezeugt, ist der Vertrag der Außenminister Ismail Cem und Andreas Papandreou von 1999, in dem beschlossen wird, die Schulbücher von den jeweiligen gegenseitigen Feindbildern zu reinigen. Das Schulbuch wurde während seiner Entstehung von polemischen Kontroversen begleitet und nach seinem Druck und der Austeilung in allen griechischen Grundschulen 2007 durch eine politische Entscheidung wieder zurückgezogen.

Theorie
In meiner Dissertation über kollektive Identitäten in den türkisch-griechischen Beziehungen gebrauche ich einen kulturalistischen Ansatz innerhalb der Friedens-und Konfliktforschung. Kulturalistischer Ansatz bedeutet, dass die Auswirkungen bedeutender (pop-)kultureller Unterhaltungsevents und -Formate der Massenmedien auf den Diskurs der Experten maßgeblich ist, und diese beiden Diskursformationen zusammen in ihrer gegenseitigen Beeinflussung einen wichtigen Aspekt für die Bewertung des internationalen Konflikts liefern. Viele laufende Untersuchungen zu den beiden Ländern durch die akademischen Experten neigen zu der Einschätzung, dass die Auswirkungen von (pop-)Kultur als Faktor für die jüngsten Annäherungsbewegungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen und die verbesserten türkisch-griechischen Beziehungen seit 1999 nicht unterschätzt werden sollten.

Meines Erachtens können Isolation und historische Traumata nur überwunden werden, wenn eine gemeinsame Kultur der gewaltfreien Konflikt-Lösung entsteht. Dies kann nur durch die Arbeit an der gemeinsamen Geschichte und die Ersetzung der alten Hassstereotypen geschehen. Der türkisch-griechische Fall zeigt, Stereotypen über die "Anderen" können zu einer Quelle der konstruktiven Kritik, Humor und sogar gemeinsamer Unterhaltungsdiskurse im Fernsehen werden und müssen nicht unbedingt zu Vorurteilen, Hass und Feindseligkeit anstacheln. Auf der anderen Seite haben beide Gruppen in Unterhaltungsdiskursen aufgrund ihrer kulturellen Ähnlichkeit die ähnlichen kulturellen Praktiken der jeweils anderen Nation als provokative Nachahmung oder sogar kulturelle Annexion empfunden. Negative und unerwünschte Teile der eigenen Wir-Gruppenidentitäten wurden häufig nach außen auf die Gruppe der ähnlichen Gegner übertragen, die dadurch zu kollektiven Sündenböcken gemacht wurden. Aber kulturelle Ähnlichkeit kann auch eine stabile Grundlage für Vertrauen und Zusammenarbeit sein.

Problem
Die Menschen auf beiden Seiten der Ägäis sind heute mehr interessiert aneinander, und fordern in den Augen einiger Friedens- und KonfliktforscherInnen bessere Beziehungen von ihren politischen Eliten. Dennoch tätigen die Regierungen der beiden Staaten enorme Ausgaben für ihre Militär-und Verteidigungshaushalte. Zum Beispiel ist Griechenland wegen extrem teuren Anschaffungen in allen Waffengattungen im Jahr 2007 vom vierten auf den dritten Platz der Staaten mit dem größten Verteidigungshaushalt pro Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Jahr aufgestiegen. Die Türkei hat und ist nach wie vor willens, die zweitgrößte Armee der NATO zu stellen.

Staatliche Vertreter beider Seiten fördern Misstrauen und Angst in den türkisch-griechischen Beziehungen. Dieser Widerspruch zwischen den „neuen Tönen“ aus den Massenmedien und der Zivilgesellschaft und die offizielle Ägäis Nachbarschaftspolitik kann in meiner Dissertation nicht gänzlich erklärt werden. Aber die gegenseitige Wirkung der imaginären und konstruierten populären Narrative und der Narrative Realitätsbezug beanspruchender internationaler, türkischer und griechischer Friedens-und KonfliktforscherInnen und deren Widersprüchlichkeit kann als Gegenstand meines Forschungsprojektes erklärt werden. Metatheoretisch soll außerdem der Frage nachgegangen werden, ob Populärdiskurse in der Friedens- und Konfliktforschung als eine (in FKF untypische) zusätzliche Determinante für den Zustand der Beziehungen zweier Kontrahenten hinzugenommen werden kann. Bei meinem jetzigen Untersuchungsstand scheinen die populären Unterhaltungsformate seit 1999 in der Tat eine positive Wirkung auf die türkisch-griechischen Beziehungen zu haben. Das systematische Vergleichen von Kategorien, Konzepten und Schlüsselwörtern der neuen (pop-)Diskursformation mit den internationalen und nationalen Expertendiskursformationen – also zwischen Mediendiskurs und Wissensdiskurs - ist m.E. zum türkisch-griechischen Konflikt noch nicht geschehen und soll mit meiner Dissertation zum ersten mal unternommen werden.

Forschungsinteresse
Viele türkische, griechische und internationale prominente Friedens-und KonfliktforscherInnen haben den Wechsel von negativen zu positiven Stereotypen und deren mögliche Auswirkungen in den Massemedien inzwischen als Kontextvariable erwähnt. Auf diesem Gebiet braucht es eine akademische Zusammenarbeit zwischen Kultur-, Medien- und anderen Sozialwissenschaften. Die neuen populären Narrativen der türkisch-griechischen Beziehungen mit ihrer charakteristischen Nervosität scheinen besonders nachhaltig auf diese neuen Expertendiskurse einzuwirken. Allerdings ist die systematische Beziehung zwischen der enormen Produktion und der Konsumation von transägäischen Seifenopern und Reality-Shows, die die türkisch-griechischen Beziehungen behandeln und den neueren Konzepten in der jüngeren türkischen und griechischen Friedens-und Konfliktforschung, noch nicht analysiert worden. Ich verstehe die recht unsystematischen, meist kontexthaften Erwähnungen von neuen äußerst publikumswirksamen Unterhaltungsformaten von prominenten internationalen, türkischen und griechischen WissenschaftlerInnen als eine Einladung zur Analyse dieser semantischen Netze imaginärer und symbolischer Diskursreferenzen.

Methode
Mein Promotionsprojekt soll die kulturalistisch-diskursanalytisch evaluierbare Konfliktvermeidungsbereitschaft und damit die Stabilität des jüngsten türkisch-griechischen Friedensprozesses in einem zeitlich (1999-2007) und räumlich (hauptsächlich die beiden nationalstaatlichen Territorien) begrenzten Diskursfeld bewerten. Ich habe dafür gemischte türkisch-griechische Populär- und Expertendiskurse danach untersucht, ob es grenzüberschreitend zu neuen und friedlicheren Stereotypen für den Anderen gekommen ist und ob der neue Diskurs folglich die jeweils andere Gruppe weniger radikal alieniert als der Vorherige. Die thematische Diskursanalyse konzentriert sich dabei auf den Interdiskurs verschiedener Diskursformationen (Experten oder Wissenschafts-, medialer Unterhaltungs- und Informations- und Geschichtsschulbuchdiskurs). Interdiskurs bedeutet hier mit Jürgen Link, dass das Nichtgesagte auf die gesamte symbolische Ordnung der Sprache verweist, von der jeder Diskurs differenziert wird.

Hermeneutische Einheit
Ich mache in meiner Untersuchung grundsätzlich keinen Unterschied zwischen Primär- und Sekundärquellen; sodass alle Text-, Audio- und Videodokumente als Primärdokumente in ein und derselben Hermeneutischen Einheit (oder in einen einzigen Quellkorpus) zusammengefasst sind. Das qualitative Datenanalyseprogramm Atlas.ti hilft mir, die einzelnen Dokumente so mit Codes zu versehen, dass ich entscheidende Kategorien verschiedener Stellen in Zusammenhang miteinander bringen kann. Zum besseren Verständnis werde ich die Primärdokumente dennoch zunächst in Gruppen unterteilen. Während meiner Präsentation stelle ich vier verschieden Gruppen von Primärdokumenten vor: 1) allgemeine Wissenschaftliche Texte zur türkisch-griechischen Friedens- und Konfliktforschung, 2) Texte von Beteiligten Expertinnen und Experten am innergriechischen Schulbuchstreit, 3) die beiden griechischen Schulgeschichtsbücher und 4) die verschiedenen Formate televisueller Unterhaltungsdiskurse im griechischen Fernsehen.

Von diesen vier Gruppen habe ich hauptsächlich die wissenschaftlichen Texte und die Fernsehunterhaltungsdiskurse vollständig ausgewertet. Daher werde ich im Hauptteil meines Vortrags ausschließlich den griechischen televisuellen Unterhaltungsdiskurs in dem behandelten Zeitraum (1999-2007) zu einem neuen Narrativ zusammengestellt vortragen. Es geht mir dabei insbesondere um die interdiskursiven Elemente in diesen Dokumenten. Sie verweisen häufig auf historisch begründete Tabus, die in anderen Diskursformationen zu den türkisch-griechischen Beziehungen nicht angesprochen oder genannt werden könnten. Neben dem Gesagten interessiert aber auch gerade das nicht Gesagte, das in (durch Bildunterstützung) lebhaften Anspielungen innerhalb des Unterhaltungsdiskurses recht offensichtlich und für jeden verständlich zur Geltung kommt. Interessant ist dabei, dass es parallel zu dieser (pop-)Diskursformation unter einigen Friedens- und KonfliktforscherInnen zu Anleitungsvorschlägen und Verhaltensregeln zur Annäherung von Türken und Griechen auf zivilgesellschaftlichem Niveau gekommen ist, die genau die Verhaltenskodizes vorschlagen, die in den Seifenopern und Reality-Shows eingehalten werden. Diese offensichtlichen oder stillschweigenden Verhaltenskodizes werde ich in Magdeburg vorstellen.

Vorläufige Ergebnisse und weitere Annahmen
Ich vermute, dass die neuen Unterhaltungsformate der Massenmedien, wie Reality-Shows und Seifenopern, eine konstante Wirkung auf die allgemeine Wahrnehmung des „Anderen“ und insbesondere auf die Expertendispute um die Schulbuchreform in Griechenland im beobachteten Zeitraum (1999-2007) gehabt haben. Die Entwicklung der Beziehungen und ihre Wahrnehmung durch die akademischen Experten und durch die Öffentlichkeit folgen allerdings nicht linearen Tendenzen. So lässt sich die endgültige Ablehnung der neuen Geschichtsbücher der sechsten Grundschulklasse in Griechenland im Jahre 2007 als ein schwerer Rückfall in den türkisch-griechischen Beziehungen von griechischer Seite bewerten. Die Diskursstrukturen von Seifenopern und Reality-Shows bleiben allerding in ihrer oszillierenden Entwicklung nervöser Schwingung und extremer Empfindungen von Liebe und Hass bestehen. Die neuen Narrative türkisch-griechischer Beziehungen seit dem Ende des ägäischen Kalten Krieges von 1999 bleiben durch und in dem neu geschaffenen semantischen Netz imaginärer und symbolischer Diskursreferenzen als typische Diskursformation erhalten. Die gegenwärtige türkische und griechische Medienlandschaft ist nach wie vor überschwemmt von solchen Formaten. Türkisch-griechische Beziehungen als Kolorit oder Gegenstand von Unterhaltungsnarrativen erfreuen sich ungebrochen großer Aufmerksamkeit. Ich gehe davon aus, dass der Disput um die Notwendigkeit eines neuen von Türkophobie gereinigten Schulbuchs der sechsten Grundschulklasse in Griechenland nach den nationalen Wahlen noch in diesem Jahr wieder aufflammt. Ich antizipiere des Weiteren, dass am Ende dieses Disputs diesmal die „guten“ modernen Kräfte über die xenophoben von Gestern obsiegen werden.