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Tobias Schlechtriemen

Netzwerke
Zur Zirkulation einer ‚anschaulichen Idee’


Es gibt ein Bild, das um den ganzen Globus zirkuliert und in dem sich sowohl transnationale Institutionen, als auch Gesellschaften, Gruppen oder einzelne Organisationen beschreiben: das Bild des Netzwerks. Allerorten wird von ‚Vernetzung’, von ‚Netzwerken’, ‚networking’, ‚Beziehungen knüpfen’ usw. gesprochen, wenn Menschen ihr Verhältnis zueinander beschreiben. Die Metapher des Netzwerks ist ein aktuelles Bild des Sozialen, das andere Bilder – wie das der Gesellschaft als Körper oder Organismus – abgelöst hat. Das Bild des Netzwerks kursiert aber nicht nur in der breiten Öffentlichkeit, sondern taucht auch in fachwissenschaftlichen Diskursen auf. So wird in soziologischen Texten die Gesellschaft immer häufiger als ‚Netzwerk’ beschrieben.

In diesem Beitrag soll erstens nachgezeichnet werden, wie sich das Bild des Netz(werk)es durch verschiedene Räume des Wissens bewegt. Zweitens soll überlegt werden, wie diese Zirkulation adäquat beschrieben werden kann. Es handelt sich in bestimmter Hinsicht bei der Gesellschaft als Netz(werk) um eine Metapher (von griech. metapherein ‚übertragen’), aber Metaphertheorien beschreiben nur die Übertragung von einem Bereich in einen anderen. Sie stoßen bei der Beschreibung dessen, wie die Bilder des Sozialen agieren und was sie ausmacht, an ihre Grenzen. Denn die Bilder des Sozialen zirkulieren durch unterschiedlichste Bereiche, oft auch über eine lange Zeit. Außerdem könnte im Rahmen einer Zirkulationstheorie der Bilder thematisiert werden, warum ein Bild zu einer bestimmten Zeit für eine Gesellschaft so attraktiv wird, dass sich alle darauf beziehen und es zum Medium der Selbstbeschreibungen avanciert.

Die zirkulierenden Bilder des Sozialen oder Metaphern der Gesellschaft sind eine Form des Wissens, an der sich besonders gut zeigen lässt, wie populäre Ideen in fachwissenschaftliche Theoriebildung eingehen und – aus der Wissenschaft kommend – auch wieder von der öffentlichen Diskussion aufgenommen werden. Diese Transfer- und Aneignungsprozesse sollen zum einen anhand von Manuel Castells’ The Rise of the Network Society und zum anderen anhand von Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie untersucht werden.

Es soll gezeigt werden, dass Manuel Castells in seinem Buch Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft den Prozess einer zunehmenden globalen Vernetzung beschreibt. Auf der Grundlage der neuen seit den 1970er Jahren entwickelten Informationstheorien bildet sich auch eine neue Form des Wirtschaftens heraus: die ‚informationelle Ökonomie’. Beide beruhen auf der ‚Logik der Vernetzung’. Diese techno-ökonomische Vernetzung wird als eine kontinuierliche und expansive Bewegung gedacht, die vom Westen – genauer: von Silicon Valley – ausgeht und sich über den ganzen Globus ausbreitet. Lokale und kulturelle Faktoren spielen dabei kaum eine Rolle – sie werden nur daraufhin untersucht, inwieweit sie die globale Vernetzung umsetzen oder behindern.

Populärer Diskurs und Castells’ soziologische Theorie verstärken sich dabei gegenseitig – über das Bild der Vernetzung. Dass seine Analysen überzeugen, liegt auch daran, dass sie im Rahmen – oder vor dem Hintergrund – eines Bildes durchgeführt werden, das sich zur selben Zeit etabliert: dem Bild des Netz(werk)s oder der Vernetzung. Andererseits tragen Castells’ Texte auch zur Etablierung des Bildes in einer breiten Öffentlichkeit bei.

Bruno Latour geht in seinen Texten davon aus, dass die Welt schon immer aus ‚Netzen’ – im Plural – besteht. Menschen, technische Apparate, Texte und natürliche Dinge sind immer schon miteinander verbunden und verwoben. Aber es ist das zentrale Charakteristikum der Moderne überall zu trennen: in Natur und Gesellschaft, Natur und Kultur, Mensch und Technik, Subjekt und Objekt. Latour möchte dort, wo ‚die Modernen’ Trennungen vollziehen, die Verbindungen aufzeigen und somit eine andere Perspektive auf die ‚Gemengelage’ der modernen Gesellschaft etablieren. Das gilt auch für lokale und globale Aspekte, die für ihn immer in je spezifischen Verknüpfungen verbunden sind.

In seinem Buch Wir sind nie modern gewesen, das 1991 unter dem Titel Nous n’avons jamais été modernes. Essai d’anthropologie symétrique in Paris erscheint, bezieht er sich sehr positiv auf das Bild der Netze. Als Reaktion auf die allgemeine Verbreitung und Etablierung des Netz(werk)-Bildes in den folgenden Jahren, startet er einen ‚Rückruf’ seiner Theorie und insbesondere des Netzwerks. In Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft eignet er sich das Bild der Netze dann wieder an, indem er ein eigenes Verständnis von ‚Netzen’ entwickelt, das er der gängigen Auffassung entgegensetzt.

Es geht mir aber nicht nur darum, aufzuzeigen, dass und wie die ‚anschauliche Idee’ des Netz(werk)s in der breiten Öffentlichkeit, aber auch in soziologischen Theorien, wie bei Castells und Latour zirkuliert. Die Konzepte von Netz(werk)en und Vernetzung können vielmehr selbst als Modelle der Zirkulation von Ideen, Bildern und Texten verstanden werden. Denn Zirkulation findet in Netz(werk)en statt. Nachdem ‚Zirkulation’ lange Zeit im Sinne der Zirkulation eines Blutkreislaufs im geschlossenen System des Körpers gedacht worden ist, wird sie heute in offenen Systemen, in Netz(werk)en lokalisiert. In diesem Sinne sollen im Anschluss an Latour erste Überlegungen zu einer Zirkulationstheorie der Bilder angestellt werden.