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René Lehmann (Universität Erlangen)

„Zweimal wurde ich betrogen“ - Vergleichende Perspektiven auf gesellschaftliche Verhältnisse


Nach dem politischen und ökonomischen Zusammenbruch der DDR und der darauf folgenden Forderung nach der Aufarbeitung der sozialistischen Vergangenheit erfuhr die Frage nach der Vergleichbarkeit der DDR-Diktatur mit dem totalitären nationalsozialistischen Gesellschaftssystem sowohl auf wissenschaftlicher Ebene und in öffentlichen Diskursen, als auch in privaten Bereichen eine bedeutende Reaktualisierung. Daneben eröffnete sich jedoch speziell für die von den gesellschaftlichen Umbrüchen persönlich Betroffenen eine weitere potentielle Vergleichsdimension, die des Vergleichs der beiden vergangenen Gesellschaftssysteme mit dem gegenwärtigen.

Anhand einer Fallstudie aus einem empirisch-qualitativen Forschungsprojekt soll im Tagungsbeitrag der gegenwärtige Umgang mit gesellschaftlichen Transformationserfahrungen in ostdeutschen Familien analysiert werden. Dazu erfolgt die Rekonstruktion von auf die Vergangenheit(-en) sowohl des nationalsozialistischen, als auch des DDR-Systems bezogenen Deutungsmustern, welche in zu diesen Themenbereichen in ostdeutschen Familien durchgeführten narrativen Interviews und Gruppendiskussionen von den TeilnehmerInnen reproduziert werden. Der Focus der Untersuchung richtet sich dabei auf die Analyse von generationellen Differenzen und Gemeinsamkeiten. Im Weiteren wird danach gefragt, inwieweit spezifische, durch die Sozialisation in der DDR geprägte Deutungen - beispielsweise aus der Perspektive der marxistischen Gesellschaftstheorie - sowohl der individuellen Erfahrungen in unterschiedlichen Gesellschaftssystemen und von gesellschaftlichen (Um-) Brüchen, als auch der gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen erfolgen und welche persönlichen Konsequenzen die Betroffenen daraus ableiten.

Im ausgewählten Fall wird neben dem Vergleich der unterschiedlichen Gesellschaftssysteme auch dem Umgang mit Themen wie Flucht und Vertreibung bzw. Umsiedlung unter dem Aspekt der Beibehaltung oder Veränderung von DDR-spezifischen Erinnerungssemantiken nachgegangen. Weiterhin werden Ambivalenzen zu analysieren sein, zwischen einer auf die DDR-Vergangenheit bezogenen kritischen Distanzierungen und einer ostentativen Verteidigung des sozialistischen Gesellschaftssystems. Diese Verteidigungshaltung beruht unter anderem auf einer - nunmehr massiv enttäuschten - Hoffnung auf die Realisation einer menschlicheren Gesellschaftsordnung, welche maßgeblich durch einen antifaschistischen Gründungsmythos der DDR gestützt wurde. Seitens der Interviewten bleiben erhebliche Zweifel daran bestehen, ob diese Umsetzung in Form des real existierenden Sozialismus wirklich in sämtlichen (Lebens-) Bereichen als gescheitert zu betrachten sei. So wird für die Gegenwart neben dem Verlust von sozialen Errungenschaften auch ein Autoritätsverlust des Staates problematisiert. In diesem Zusammenhang erfolgt für das gegenwärtige Gesellschaftssystem die Einforderung einer klareren Positionierung seitens des Staates gegenüber der nationalsozialistischen Vergangenheit, sowie eines stärkeren staatlichen Engagements gegen Neonazismus und Rechtsextremismus. Die Ursachen für dessen Anwachsen im Vergleich zur DDR-Vergangenheit schreiben die Befragten vor allem einem legeren Umgang mit diesen politischen Strömungen in der Bundesrepublik zu. Der Rückzug aus eigenem gesellschaftspolitischem Engagement wird wiederum aus der persönlichen Enttäuschung und der Erfahrung von politischer Manipulation und Instrumentalisierung abgeleitet. Insbesondere der potentiell manipulative (v.a. mediale) Umgang mit der Vergangenheit stellt aus Sicht der SprecherInnen sowohl für die vergangenen Gesellschaftssysteme, als auch für das gegenwärtige ein unauflösbares Problem dar: Geschichtsbetrachtung ist immer klassengebunden, die Darstellung der Geschichte hängt immer vom Klassenstandpunkt der (gerade) herrschenden Klasse ab.

Ausgehend von einer Diskussion dieses Einzelfalls soll im Konferenzbeitrag auf weitere kontrastierende Fälle verwiesen werden und ein Ausblick auf eine zu erwartende Typologie erfolgen.