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Frederike Felcht und Florentina Hausknotz

Intellektuelle als Grenzgänger oder:
Was ist kritisches Sprechen?


"Behandelt mein Buch wie ein auf das Draußen gerichtetes Paar Sehgläser, und, tja, wenn sie euch nicht passen, dann nehmt doch andere, findet selbst euren Apparat, der notwendigerweise ein Kampfapparat ist." (Foucault 2005, S.55)
So zitiert Gilles Deleuze Marcel Proust im Zuge eines Interviews mit dem Titel Die Intellektuellen und die Macht. Drei Arbeitsaufgaben ergeben sich aus diesem Zitat, die dem Folgenden Struktur verschaffen. Vorläufig soll damit ein Weg der Aktion, entgegen dem des bloßen Erkennenwollens, mit Deleuze eingeschlagen werden, soll die/der Intellektuelle als jene/r gedacht werden, die/der versucht die Mauer, an die Deleuze zufolge jede Theorie stoßen muss, durch Praxis einzureißen. (Vgl.: Foucault 2005, S.52) Aktiviert sollen wir, die Autorinnen selbst, sowie die LeserInnen werden, ihr Denken mit dem Leben zu verbinden, zu vermischen, die jeweils konkret eigene Position zu reflektieren. Jedoch wird nämliches Interview nicht neutral stehen bleiben, sondern an späterer Stelle zum Angriffspunkt einer postkolonialen Kritik der/des Intellektuellen werden. Drei Arbeitsschritte:

Wer benötigt ein Paar Sehgläser? Jene/r, die/der trotz eines durch Vorurteile und etablierte Institutionen verstellten Blickes klarer sehen möchte. Nach draußen schauen, auch um den eigenen Ort dort wieder zu finden, möchten die ZweiflerInnen, die ungemütlichen Geister, die wir (Florentina Hausknotz und Frederike Felcht) mit Edward W. Said in diesem Text, Intellektuelle nennen. (Siehe 1.) Welche Gefahr bergen Apparate des Erkennens und Sprechens? Sie erlauben es, sich auszuruhen auf bereits bekannten Erklärungen, sie ermöglichen, es sich gemütlich zu machen innerhalb eines Spiels von Stereotypen. Brillen, die der Anschauung Rahmen geben, ermöglichen zwar einerseits erst ein Sprechen-über, verhindern aber das Hören der Rede je einzelner Individuen. Diese erscheinen oft erst im Versuch des Erzählens anderer möglicher Geschichten als subversiv Sprechende und als etablierte Erkennungsmuster aufsprengende Personen, könnte mit Gayatri Chakravorty Spivak argumentiert werden. (Siehe 2.) Was wir suchen, ist ein Kampfapparat? Was gefunden werden soll, sind Wege des Sichfreimachens, Orte der Rebellion und Selbstkritik. Wird eine kämpferische Form von Identität benötigt? Dieser Frage möchten wir mit Frantz Fanon und Gayatri Chakravorty Spivak nachgehen. (Siehe 3.)

1. Wer/Wo sind Intellektuelle in einer globalen Wissensökonomie?
Intellektuelle werden von uns verstanden als KritikerInnen, als ZweiflerInnen, die sich beständig an der Macht des herrschenden Diskurses reiben. Edward W. Said verortet diese denkenden, das Establishment hartnäckig quälenden Geister, die Intellektuelle seiner Erwartung nach immer sein müssen, an den Rändern fertiger Lebensentwürfe. Said erlaubt es den Intellektuellen nicht, an einem Ort heimisch zu werden, sich einzuwohnen in ein durch Theorie, Kultur oder Anerkennung befestigtes Haus. Intellektuelle, so argumentiert Said, müssen, möchten sie kritische Geister bleiben, ihr Leben im Exil verbringen, oder anders, und in den Worten Theodor Adornos formuliert „(…) es gehört zur Moral, nicht bei sich selber zu Hause zu sein.“ (Adorno 1964, S.41) Das Exil, wo liegt es? Im Exil können Said zufolge nicht nur Intellektuelle leben, die gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen. Er möchte dieses Wort Exil auch metaphorisch verstehen, womit ein/e jede/r zur/zum GrenzgängerIn, zur/zum Entheimateten werden kann, die/der es wagt, im Dissens mit den herrschenden Normen und Stereotypen der jeweiligen Gesellschaft, die sie/er bewohnt, zu verweilen. In diesem Sinne schreibt Said: „Ein Intellektueller ist wie ein Schiffbrüchiger, der gewissermaßen mit dem Land zu leben lernt, nicht auf ihm (…)“ (Said 1997, S.67) Kurz: Intellektuell wird ein/e jede/r, die/der daran geht, sich das Material, aus dem Welt gebaut wird, kreativ anzueignen.

Während es sich bei der Diskussion um die Figur der/des Intellektuellen zunächst um einen europäischen Diskurs zu handeln schien, wurde mit dem Eintreten postkolonialen Denkens, dem auch Said zuzurechnen ist, in die europäisch-nordamerikanisch dominierte Wissensökonomie deutlich, dass Kritik kein Privileg von Denkern des Zentrums ist. Allerdings, und das ist ein Strukturelement globaler Wissensökonomie, ist die intellektuelle Kritik überall nicht ohne das Vorhandensein eines Zentrums – oder mehrerer Zentren – denkbar. Wie bezieht sich der Intellektuelle auf das Zentrum oder die Zentren? Diese Frage gewann mit der postkolonialen Kritik eine erweiterte räumliche Dimension.

2. Die Vermessung des Schweigens
An Saids Position knüpft Gayatri Chakravorty Spivak explizit an, wenn sie betont, der Kritiker habe „institutionelle Verantwortung“ (Spivak 2008, S.40). Nach Spivak verschiebt sich angesichts globaler Arbeitsteilung und Ausbeutung der Fokus hinsichtlich theoretischer Fragen, die sich nicht unabhängig vom Befragten denken lassen:

„Das Verhältnis zwischen dem globalen Kapitalismus (ökonomische Ausbeutung) und nationalstaatlichen Allianzen (geopolitische Herkunft) ist dermaßen makrologisch, dass es die mikrologische Textur der Macht nicht erklären kann. Um sich einer solchen Erklärung anzunähern, muss man sich Theorien der Ideologie zuwenden – also Theorien von Subjektformationen, die mikrologisch und in oft unberechenbarer Weise die Interessen betreiben, die zur Verhärtung der Makrologien führen. Solche Theorien können es sich nicht leisten, die Kategorie der Repräsentation in ihren zwei Bedeutungen zu übersehen. Sie müssen davon Notiz nehmen, wie die Inszenierung der Welt in der Repräsentation – die Bühne, auf der sie geschrieben wird, ihre Darstellung* – die Wahl und das Bedürfnis nach »Helden«, väterlichen Stellvertretern, Agenten der Macht verschleiert – Vertretung*.“ (Spivak 2008, S.38 – Die Sternchen sagen aus, dass die Worte auch im Original in Deutsch stehen.)
Spivak richtet sich gegen die Vorstellung, die/der Intellektuelle sei transparent. Sie erklärt, dass das Vernachlässigen der eigenen Position blind machen kann für die Hintergründe des eigenen Denkens, dessen ökonomische Grundlagen. In Spivaks berühmtem Aufsatz Can the Subaltern Speak? nimmt sie sich die Positionen von Michel Foucault und Gilles Deleuze in jenem einleitend bereits angesprochenen Interview vor, um deren AnhängerInnen mit den Gefahren zu konfrontieren, die eine scheinbar völlig nicht-parternalistische Allianzpolitik mit sich bringen kann. Deleuze argumentiert dafür, die ArbeiterInnen nicht mehr zu repräsentieren, sondern ihnen Räume auszuformen, die es ermöglichen, den Arbeiterkampf selbst sichtbar werden zu lassen, und es den Widerständigen erlauben, selbst für sich zu sprechen. Spivak entgegnet darauf, dass es noch lange nicht genüge, Räume des Sprechens zu etablieren, da das Gehör der die Machtzentren Bewohnenden in bestimmter Weise geschult sei, und damit jede Äußerung einer/eines Arbeiterin/Arbeiters ideologisch verfärbt interpretiert wird. Zur Veranschaulichung des Problems bringt Spivak am Ende ihres Texts das Beispiel einer jungen Frau an, deren Selbstmord, der ein politischer war, allzu lange und ohne argumentative Grundlage ihrem Scheitern im Hochzeitsspiel zugeschrieben wurde. Doch bevor wir kurz auf dieses Beispiel eingehen möchten, erscheint es sinnvoll, den Begriff subaltern zu erläutern.

„Was die »wahre« subalterne Gruppe anbelangt, deren Identität ihre Differenz ist, so gibt es hier kein nicht-repräsentierbares subalternes Subjekt, das selbst wissen und sprechen kann; die Lösung der Intellektuellen besteht nicht darin, sich der Repräsentation zu enthalten. Das Problem ist, dass der Werdegang des Subjekts nicht in einer Weise verzeichnet worden ist, die es den repräsentierenden Intellektuellen als Objekt der Verführung anböte.“ (Spivak 2008, S.52)
Kurz gesagt, subaltern zu sein bedeutet, keine Sätze zum Ausdruck der eigenen Geschichte ausformulieren zu können, da sie im Auge der die Sprache kontrollierenden Macht als nur widersprüchliche erscheinen könnten, da sie keine bekannte Identität zu bedienen vermögen. Subaltern zu sein bedeutet damit, selbst nichts (über sich) aussagen zu können. Womit nun auch genau jener Punkt benannt wäre, an dem wir damit enden müssen, im Allgemeinen über eine/n Subalterne/n zu sprechen, denn eben diese Gruppe gibt es als benannte nicht. Nur ein Beispiel kann nach Spivak dabei helfen, noch tiefer in dieses schwierige Thema einzudringen und wir wollen ihr darin folgen.

Spivak berichtet von einer Frau von 16 oder 17 Jahren, namens Bhuvaneswari Bhaduri, die sich 1926 in Kalkutta erhängt hat. Weil sie zum Zeitpunkt ihres Selbstmordes menstruierte, konnte ihr Grund für diese Tat nicht unerlaubte Schwangerschaft gewesen sein. Fast ein Jahrzehnt später, so schreibt Spivak, fand man heraus, dass sie im bewaffneten Kampf für die indische Unabhängigkeit aktiv gewesen war. Sie sah sich der Aufgabe eines politischen Mordes nicht gewachsen und nahm sich aufgrund dieses Umstands das Leben. Dennoch galt zu der Zeit, als Spivak ihre Nachforschungen begann, unerlaubte Liebe als Grund für den Selbstmord - trotz des körperlichen Versuchs der Frau, sich anders zu äußern. Es wurde damit eine weitere Frauengestalt vor dem Hintergrund konstruiert, dass es sie nur als ausgebeutete und potenziell zu rettende gegeben hätte. (Vgl. Spivak 2008, S.104-106) Womit ich bei Spivaks Satz angekommen bin: „Die Subalterne kann nicht sprechen.“ (Spivak 2008, S.106) Sie kann nicht sprechen, weil sie nicht gehört oder verstanden wird – aber nur, solange sie nicht verstanden wird, denn, so scheint es, dies letzte Beispiel erlaubt Hoffnung! Als exilierte Intellektuelle im Sinne Saids, hat Spivak es in jedem Fall geschafft, dieser Frau Geschichte und Namen zu geben.

3. Frantz Fanon - Zur Möglichkeit, strategisch Positionen zu besetzen
In einem Interview mit Elizabeth Grosz gibt Spivak an, dass der/die Intellektuelle an universalistische und essentialistische Positionen gebunden bleibt, ob er/sie dies anerkennt oder nicht. Und obgleich es absolut richtig sei, rhetorisch nicht an sie gebunden zu bleiben und gegen Diskurse des Essentialismus Stellung zu beziehen, lasse sich dieser Standpunkt strategisch nicht vertreten. Denn um gegen seine Gegner Stellung beziehen zu können, muss „theoretical purity“ auch einmal über Bord geworfen werden. (Vgl. Spivak 1990, S.11f.)

Wir wollen der Frage des Standpunkte Beziehens am Beispiel von Frantz Fanons nachgehen. Damit kommen wir auch auf die Aneignung von Welt durch den Intellektuellen zurück. So bezieht sich Die Verdammten dieser Erde in weiten Teilen konkret auf den Algerischen Befreiungskrieg. Welche Rolle spielt hier der/die Intellektuelle? Für Fanon bewegen Intellektuelle sich in einem permanenten Stellungswechsel, den er selbst ebenfalls vollzieht: Seine Argumente sind stets auf konkrete Situationen bezogen und bleiben differenziert, indem er historische, ökonomische, soziale und politische Aspekte einbezieht.

Nicht nur Fanons oppositionelle und Anstoß erregende Kritik, sondern auch der Ort ihrer Äußerung bindet Fanon in Edward Saids Konzeption des Intellektuellen ein: Es handelt sich gewissermaßen um eine deplazierte Kritik. Denn Fanons Schriften sind Produkte eines mehrfach migrierten Denkers, aber auch eine Theorie kolonialer Entfremdung. Anhand der Ideen Saids und Spivaks wollen wir uns Fanon als Beispiel für einen Intellektuellen entgegen der üblichen Reihenfolge zuletzt annähern – und damit eine andere Geschichte erzählen als diejenige einer chronologischen Entwicklungsgeschichte postkolonialer Theorie, deren Ursprung er sein könnte.

Literatur:

Edward W. Said: Götter, die keine sind. Der Ort des Intellektuellen. Berlin (Berlin Verlag) 1997
Frantz Fanon: Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2008
Gayatri Chakravorty Spivak: Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation, Wien (Turia + Kant) 2008
Gayatri Chakravorty Spivak: The Post-Colonial Critic. Interviews, Strategies, Dialogues, New York / London (Routledge) 1990
Michel Foucault: Die Intellektuellen und die Macht, in: Analytik der Macht, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2005
Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1964