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Julian Hamann

Der Preis des Erfolges
Die „Krise der Geisteswissenschaften“ als Ergebnis ihrer sozialen und kognitiven Öffnung


Mit dem 2007 ausgerufenen Jahr der Geisteswissenschaften wurde eine Fächergruppe in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, deren Zustand in der Regel widersprüchlich bewertet wird. Der defensiven Krisenrhetorik als Reaktion auf eine existentielle Bedrohung steht ein fast programmatisch anmutender Optimismus gegenüber, der die im Studium vermittelten Soft Skills sowie die Flexibilität der Absolventen auf dem Arbeitsmarkt rühmt. Um bei der Beantwortung der Fragen, ob sich die Geisteswissenschaften in einer Krise befinden, worin die Krise besteht und worauf sie zurückzuführen ist, nicht von so unterschiedlichen Deutungen abhängig zu sein, nähert sich dieses Paper dem Gegenstand in feldtheoretischer Perspektive (Bourdieu 1992, 1999). Die Analyse ist durch drei historische Wendepunkte in der Entwicklung der Geisteswissenschaften gegliedert, die entscheidende Marksteine für das Selbst- und Fremdverständnis der Fächergruppe bilden.

Erstens steht die Ausbildung der geisteswissenschaftlichen Identität im Vordergrund, bei der die Doxa als reine Lehre des Feldes entstanden ist. Die Wurzeln und die Entstehungsbedingungen des noch heute existenten Selbstverständnisses finden sich besonders deutlich an der nach Humboldts (1956) Leitlinien gegründeten Universität wieder.

Nachdem mit der idealistischen Philosophie neues Wissen in das geisteswissenschaftliche Feld eingetreten ist, gewinnt die zunächst häretische Position mit der Universitätsgründung an wissenschaftlicher Macht und wird zu einer dominanten Bewegung im geisteswissenschaftlichen Feld. Durch den Zugewinn weltlicher Macht findet eine Metamorphose der idealistischen Philosophie von einer rein wissenschaftlichen Macht zur Autorität des Feldes statt. Homolog zu dieser Entwicklung kann auch die philosophische Fakultät eine dominante Position im universitären Feld einnehmen. Ursache und Wirkung dieses Machtgewinns ist die Tatsache, dass sich das deutsche Bildungswesen im 19. Jh. an Humboldts Vorstellungen ausrichtet. Auch die Professionalisierung der philosophischen Fakultät spielt in dieser Hinsicht eine Rolle. Die Geisteswissenschaften verfügen nun über ausreichend Macht, um die legitimen Gegenstände wissenschaftlicher Forschung und Lehre zu definieren: Untrennbar mit der sittlichen und an klassischen Werken vollzogenen Bildung verbunden ist für sie die reine Wissenschaft, die jede Spezialisierung oder Anwendungsorientierung ablehnt.

Die Philosophie als Leitwissenschaft des geisteswissenschaftlichen und, vermittelt durch die philosophische Fakultät, auch des universitären Feldes, ist aufgrund ihrer weltlichen und wissenschaftlichen Macht in der Lage, den Zutritt zum Feld zu kontrollieren und es gegen konkurrierende Definitionen wissenschaftlicher Praxis abzuschließen. Diese als kognitive Schließung verstandene Absicherung der eigenen Macht findet in der sozialen Schließung des Feldes ihre Entsprechung: Die Trägerschicht der Geisteswissenschaften ist ein weitgehend geschlossenes Bildungsbürgertum, aus dessen Nachkommen sich die gelehrte Elite rekrutiert (Bourdieu 2004; Ringer 1987). Ihre dominante Stellung verdanken die Geisteswissenschaften demzufolge einer homologen kognitiven und sozialen Schließung.

Als zweiter entscheidender Punkt in der Entwicklung der Geisteswissenschaften kann ihre Systematisierung und epistemologische Grundlegung durch Dilthey im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gelten. Im Vordergrund stehen die zu dieser Zeit stattfindenden symbolischen Kämpfe im geisteswissenschaftlichen und im universitären Feld und der Einfluss, den diese Macht- und Herrschaftsverhältnisse auf die Begründung der Geisteswissenschaften haben.

Zunächst lassen sich erste feldinterne Krisenerscheinungen diagnostizieren. Sie setzen ein, als das Wissenschaftsverständnis der idealistischen Philosophie durch einen neuen Typus historischer Wissenschaft herausgefordert wird: Der von Habermas (1974: 149) als „Positivismus der Geisteswissenschaften“ bezeichnete Historismus betont die Pluralität aller Orientierungssysteme und stellt sich damit konträr zum idealistischen Anspruch, Geschichte als objektive Einheit zu begreifen. Mit den zwei Positionen, die gleichwertig um die absolute Macht im Feld kämpfen, ist die innere Ordnung des Feldes instabil. Weder der Historismus noch die Philosophie verfügen über die symbolischen Ressourcen, die Ordnung des Feldes allein zu bestimmen. Der deutliche Zuwachs an Spezialdisziplinen ist ein Zeichen dafür, dass eine völlige kognitive Schließung des Feldes in dieser unbeständigen Situation nicht möglich ist. Es ist Dilthey (1923), der die beiden nun im geisteswissenschaftlichen Feld dominanten Positionen des Historismus und der idealistischen Philosophie in einer Synthese verknüpft. Der von ihm formulierte Methodenkanon der Hermeneutik stellt in seiner Systematik und in seiner Absicht, objektive Erkenntnisse zu produzieren, ein Zugeständnis an die nun im universitären Feld herrschende Definition von Wissenschaft dar. Als orthodoxe Lehre kann er die kognitive Schließung des Feldes weitgehend aufrechterhalten.

Weiterhin bildet sich durch die ab dem zweiten Drittel des 19. Jh. immer dominanter werdenden empirischen Wissenschaften neben der Front im geisteswissenschaftlichen Feld eine zweite Front, an der Philosophie und Historismus gemeinsam um die Wahrheit im universitären Feld kämpfen. Im Rahmen feldexterner Krisenerscheinungen ist die hegemoniale Position im universitären Feld von den empirischen Wissenschaften eingenommen worden. Das nun herrschende Wissenschaftsverständnis zielt nicht mehr darauf ab, Wahrheit deduktiv aus absoluten Ideen und Prinzipien zu gewinnen, sondern leitet aus empirischen Beobachtungen induktive Schlüsse ab. Ein Grund für diesen Machtwechsel ist, dass die empirisch verfahrenden Wissenschaften weitaus besser in der Lage sind, sich an die alles umwälzenden Kräfte der Modernisierung anzupassen und das explodierende experimentelle Wissen zu integrieren. Sie können ihre Theorien dem steigenden Innovationsdruck unterordnen und sie als Zwischenstationen auf dem durch Erfahrung geleiteten Weg zur Erkenntnis begreifen. Feldexterne Entwicklungen führen außerdem dazu, dass sich zu der in erkenntnistheoretischer Hinsicht längst dominanten Bedrohung des Empirismus auch die Gefahr der sozialen Öffnung gesellt. Mit der Expansion der Sekundarschul- und Hochschulbildung steigt die Zahl der Studierenden und damit Druck auf die Universität, Bildung nicht nur durch allgemeine Gelehrsamkeit zu vermitteln, sondern eine Ausbildung anzubieten, die explizit auf eine spätere berufliche Tätigkeit hin ausgerichtet ist. Doch durch das Monopol zur Ausbildung der Lehrer für das klassische Gymnasium haben die Geisteswissenschaften weiterhin eine sichere Basis, um ihre soziale Legitimität bewahren und sich vor externen Anforderungen schützen. Trotz feldinterner und feldexterner Krisenerscheinungen kann eine völlige soziale und kognitive Öffnung des geisteswissenschaftlichen Feldes also zunächst verhindert werden.

Den dritten historischen Wendepunkt stellen die 1970er Jahre dar. Entscheidend ist hier, dass die sich ab der zweiten Hälfte des 19. Jh. ankündigenden Krisenerscheinungen ihre Latenz verlieren und sich in Rahmen der massiven Bildungsexpansion zu einer manifesten Krise entwickeln.

Die soziale Öffnung des gesamten universitären Feldes übersteigt in ihrer Dramatik die vorhergehenden Krisenerscheinungen. Besonders für die Geisteswissenschaften gilt, dass der Anstieg der Studentenzahlen in dieser Phase auf bestimmte Fächer zurückzuführen ist, die den gesellschaftlichen Anforderungen und (Verwertungs-)Ansprüchen an das Feld entsprechen können. Das Schlagwort „Bildung ist Bürgerrecht“ (Dahrendorf 1965) steht der elitären Ausrichtung der idealistischen Bildungsidee konträr gegenüber. Schnell zeigt sich, dass zu wenig Lehrerstellen verfügbar sind, um alle Studierenden der Geisteswissenschaften in Lehramtsstudiengängen unterzubringen. Die durch die Bildungsexpansion beseitigte soziale Schließung steht nun in einem Widerspruch zur kognitiven Schließung des Feldes.

Die soziale Öffnung des geisteswissenschaftlichen Feldes und die damit einhergehende Ausrichtung an einer berufsorientierten Ausbildung der Absolventen macht eine kognitive Öffnung im Sinne einer qualitativen Anpassung der Inhalte unabwendbar. In der Folge nimmt der Druck zu, auch in den Geisteswissenschaften praktisch verwertbare Fähigkeiten zu vermitteln. Dennoch wird die Einrichtung neuer Studiengänge – für die neue Leitwissenschaft Germanistik sind bspw. Journalistik und Deutsch als Fremdsprache zu nennen – zunächst als Häresie und als Verrat an der jeweiligen Disziplin kritisiert. Seitens der Studenten mehren sich jedoch die Forderungen nach Fertigkeiten, die außerhalb des universitären Feldes anwendbar sind. Parallel entsteht ein wachsender Arbeitsmarkt für Absolventen der neuen geisteswissenschaftlichen Studiengänge. Zu diesem Zeitpunkt ist die Doxa des Feldes bereits zur Orthodoxie geworden, die sich gegen starke heterodoxe Strömungen innerhalb des Feldes wehren muss. Seit den 1980er Jahren scheint sich die Ablösung der geisteswissenschaftlichen Orthodoxie durch ein neues Paradigma endgültig vollzogen zu haben. Besonders unter dem Einfluss der angelsächsischen Cultural Studies hat eine Banalisierung der geistes- und kulturwissenschaftlichen Gegenstände stattgefunden. Die völlige kognitive Öffnung des Feldes hat zwar die Homologie zur sozialen Öffnung wieder hergestellt, mit der Aufgabe der geisteswissenschaftlichen Identität jedoch einen hohen Preis gezahlt.

Abschließend muss Klarheit darüber herrschen, dass die „Krise der Geisteswissenschaften“ gerade durch ihren quantitativen Erfolg, der sich nicht nur für Studentenzahlen, sondern auch in finanzieller Hinsicht aufzeigen lässt, ausgelöst wurde. Der im Krisendiskurs regelmäßig beschriebene Verdrängungsprozess im universitären Feld, bei dem die Geisteswissenschaften zum Opfer besonders der Naturwissenschaften werden, kann damit nicht bestätigt werden. Die – letztlich erfolglosen – Abwehrkämpfe wurden ausgelöst, weil die Geisteswissen­schaften expandierten und nicht weil sie, wie es die bis heute üblichen Klagen über den schweren Stand der Fächergruppe vermuten lassen, schrumpften oder verdrängt wurden. Ebenso klar muss aber auch sein, dass die Geisteswissenschaften nur durch die Öffnung des Feldes und die Preisgabe des eigenen Paradigmas in der Lage waren, sich den veränderten externen Bedingungen im universitären Feld und in der gesamten Gesellschaft anzupassen. Erst mit der Verabschiedung der reinen Lehre wurde das Missverhältnis von sozialer Öffnung und kognitiver Schließung allmählich beendet und das Gleichgewicht im geisteswissen­schaftlichen Feld schrittweise wiederhergestellt. Der Abstieg der geisteswissenschaftlichen Doxa von einer uneingeschränkten Autorität im gesamten universitären Feld über eine Orthodoxie, die sich im Kampf mit den aufstrebenden Naturwissenschaften befindet, bis hin zu einer marginalisierten Heterodoxie, die im geisteswissenschaftlichen Feld selbst nur noch eine Nischenposition einnimmt und dem neuen kulturwissenschaftlichen Paradigma Platz macht, ist der Preis, den die Geisteswissenschaften für ihren Erfolg zahlen.

Literatur:

Bourdieu, Pierre. 1992. Homo academicus. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Bourdieu, Pierre. 1999. Die Regeln der Kunst. Genese und Struktur des literarischen Feldes. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Bourdieu, Pierre. 2004. Der Staatsadel. Konstanz: Universitätsverlag Konstanz.
Dahrendorf, Ralf. 1965. Bildung ist Bürgerrecht. Plädoyer für eine aktive Bildungspolitik. Hamburg: Nannen.
Dilthey, Wilhelm. 1923. Einleitung in die Geisteswissenschaften. Versuch einer Grundlegung für das Studium der Gesellschaft und der Geschichte. In: Wilhelm Diltheys Gesammelte Schriften, Bd. 1, 2. Aufl., hg. von B. Groethuysen. Leipzig/Berlin: B. G. Teubner.
Habermas, Jürgen. 1974. „Erkenntnis und Interesse“. In: Ders. (Hg.). Technik und Wissenschaft als »Ideologie«. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Humboldt, Wilhelm von. 1956. Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten in Berlin. In: Die Idee der deutschen Universität. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Ringer, Fritz K. 1987. Die Gelehrten. Der Niedergang der deutschen Mandarine 1890-1933. Stuttgart: Klett-Cotta.