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Christoph Grothe (University of Magdeburg, Germany)

Die Genealogie der Machttechniken des Internationalen Olympischen Komitees


Das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist ein Ensemble von Persönlichkeiten und wichtigen Vertretern ausgestattet mit viel Geld, einer besonderen Stellung im internationalen Maßstab und viel Einfluss auf höchsten Ebenen. Simplifizierend könnte man sagen, dass es viel Macht hat. Aber worin liegt diese Macht? Wie funktioniert das IOC? Was sind die Mechanismen, die zum einen diesen Mythos erhoben haben und zum anderen dennoch so weit reichend sind? Was ist die Genealogie der Machttechniken des IOC? Was man wohl gleich festhalten muss, ist die Tatsache, dass diese Organisation und die Spiele der Neuzeit eigentlich gar nichts mit den Spielen der Antike zu tun haben.

Ausgehend von Michel Foucaults Sicherheit, Territorium und Bevölkerung ist einWandel im 18. Jahrhundert dahingehend nachzuzeichnen, dass es zum Aufkommen des Liberalismus kam. Der Liberalismus sei in erster Linie gekennzeichnet durch eine Form des „gewähren-lassen“:

„Der Liberalismus, das Spiel: Die Leute gewähren lassen, die Dinge geschehen, die Dinge laufen lassen, laisser faire, geschehen und laufen lassen, dies bedeutet wesentlich und grundlegend Machen in dem Sinne, daß sich die Realität entwickelt und läuft, ihrem Lauf folgt, nach den Gesetzen, den Prinzipien und den Mechanismen der Realität selbst.“ (Foucault 2006, S. 77)
Diese Ideologie der Freiheit und Technik der Regierung sei eine der Entwicklungsbedingungen für moderne, kapitalistische Formen der Ökonomie, welche wiederum als Transformationen der Machttechnologien zu verstehen seien (Foucault 2006, S. 77f). Die Transformation der Genealgie der Machttechnolgien im Frankreich des 18. Jahrhunderts basieren also auf dieser Transformation hin zur modernen Form der Ökonomie, welche wiederum die Gouvernementalität hervorgebracht hat. Dabei geht es um eine Kunst des Regierens (gouverner), die die Ökonomie einführt, um die Individuen, Güter und Reichtümer mustergültig zu verwalten (Foucault 2006, S. 143). Die zentrale Einheit ist die Bevölkerung. Sie muss durch Disziplinierung und Selbstregieung verwaltet werden:
„Ich verstehe unter ’Gouvernementalität’ die aus den Institutionen, den Vorgängen, Analysen und Reflexionen, den Berechnungen und den Taktiken gebildete Gesamtheit, welche es erlauben, diese recht spezifische, wenn auch sehr komplexe Form der Macht auszuüben, die als Hauptziel die Bevölkerung, als wichtigste Wissensform die politische Ökonomie und als wesentliches technisches Instrument die Sicherheitsdispositive hat.“ (Foucault 2006, S. 162)
Das IOC hat sich nun 1894 in der Sorbonne (Kolleg der Pariser Universität) gegründet. Federführend bei der Gründung des IOC war ein gewisser Baron Pierre de Coubertin, der bis in die 30er Jahre fast ausschließlich als Erziehungswissenschaftler bekannt war und weniger als Begründer des IOC (Müller 2000, S. 33). Seine grundsätzlichen erzieherischen Einstellungen ließ er in seinem Olympismus deutlich zum Ausdruck kommen. Darin geht es im Wesentlichen um die Verbesserung des Selbst, die eine Verbesserung der gesamten Gesellschaft ermöglichen wird. Durch die Selbstdisziplinierung von Körper und Geist, oder auch Charakter soll der Einzelne sich selbst und seine Leistungsfähigkeit verbessern, um letzendlich der Gesellschaft besser dienen zu können. Diesen Gedankengang finden wir noch heute in den fundamentalen Prinzipien der Olympischen Charter:
„1. Olympism is a philosophy of life, exalting and combining in a balanced whole the qualities of body, will and mind. Blending sport with culture and education, Olympism seeks to create a way of life based on the joy of effort, the educational value of good example and respect for universal fundamental ethical principles.
2. The goal of Olympism is to place sport at the service of the harmonious development of man, with a view to promoting a peaceful society concerned with the preservation of human dignity.“ (IOC 2007, S. 11)
Der Einzelne als gutes Beispiel für universale, fundamentale, ethnische Prinzipien für die Gesellschaft; das citius, altius, fortius (schneller, höher, weiter) als Prinzip für den Einzelnen und die Gesellschaft. Verbessert werden soll die Lebensqulaität- und dauer. Aber was steckt dahinter? Was wird hier zum Ausdruck gebracht?

Hier wurde zum Ausdruck gebracht, wie man gouvernementalisiert wird auf der Basis des Liberalismus. Es ist ein Ausdruck der Regierungstechniken der Gouvernementalität, in der es nicht um den Einzelnen geht, sondern letztendlich um die Verbesserung und Verlängerung des Lebens ganz im Sinne der Biopoltik Michel Foucaults, wobei die Ebene der Multiplizität der Individuen als Instrument dient, um auf der relevanten Ebene der Bevölkerung, das eigentliche Objekt, Wirkungen zu erzielen (Foucault 2006, S. 70). Dass ausgerechnet einer der führenden Erziehungswissenschaftler der damaligen Zeit maßgeblich an der Gründung eines Komitees mit solchen Prinzipien beteiligt ist, scheint mir kein Zufall. Darin wird deutlich, dass über Wissen regiert wird; Wissen das in der politischen Ökonomie verankert ist, in der Wissenschaft ihren Ausdruck findet und über das IOC eine Zirkulation erfährt, die darauf abzeilt, die ganze Welt zu erfassen. Sicherlich gibt es viele Institutionen an denen man das Funktionieren der Gouvernementalität nachweisen kann und wahrscheinlich auch seine Kraft der Ausbreitung mittels der Sicherheitsdipositive und die Organisation von neuen Kreisläufen (Foucault 2006, S. 73). Aber ich denke, dass am IOC das Neue darin zu sehen ist, dass hier vielleicht das erste Mal ein Ansprch von Internationalität erhoben wird, wenngleich das IOC zum damiligen Zeitpunkt genauso wenig wie heute international ist. Dennoch soll die ganze Welt vom Geist des Olympismus beseelt werden, in dem im wesentlichen ein Liberalismus steckt der mittels Wissen und dem Instrument der Sicherheitsdispositive regieren will.

Wie sieht es nun mit den Sicherheitsdipositiven aus? Ich denke, der Olympismus selbst ist schon das erste Dispositiv von einer ganzen Reihe an Dispositiven, die eng mit dem IOC verbunden sind und regelmäßig Transformationen des Apparates hervorgebracht haben. Hier geht es um die Stärkung des zerbrechlichen menschlichen Körpers, der, wenn man mit ihm unpfleglich umgeht, schneller vergeht als wenn man diszipliniert trainiert. Auf die Ideologie der Olympischen Bewegung fußend werden Menschen dazu gebracht, ihre Körper allgemein, aber auch den besonderen Anforderungen eines speziellen Wettkampfs entsprechend zu adaptieren, um so als gutes Beispiel der Gesellschaft zu dienen. Im Sport wird die Leistungsstärke ausgebaut, wodurch sie in anderen Bereichen des Lebens zur Verfügung steht. Der leistungsstärkere Mensch kann in seinem Beruf mehr leisten, der gesündere Mensch lebt länger, ist attraktiver, ist besser geeignet für das Weiterbestehen der Bevölkerung und für die Teilhabe an der Verbesserung der ökonomischen Zirkulation. Eine ganze Ideologie des Besser-werdens wird dann transportiert, die auch anderen sagen will: Mach mit. Du kannst das auch!

Sicherheitsdispositive haben oft Transformationen der Gouvernementalität als Reaktion auf ein Ereignis, das unerwünscht ist, zur Folge. Die Regierungstechniken verändern sich, um auf das Ereignis adäquat reagieren zu können. Nichtsdestotrotz muss sich dieses Ereignis in regelmäßigen Abständen wiederholen und potentiell weiterbestehen, damit die Transformationen nachhaltig Bestand haben (Foucault 2006, S. 76).

Sie müssen auch im größeren Zusammenhang gesehen werden. Im Beispiel des Terrorismus wird die Verknüpfung mit anderen Ökonomien deutlich. Mit dem aufkommen des Terrorismus ist eine stärkere Zusammenarbeit mit den Sicherheitsapparaten von Staaten, die stets als klassische Akteure im Punkt Sicherheit gesehen werden und somit eine unmittelbare diskursive Verknüpfung besteht, einhergegangen. Alle Teilnehmer bei Olympische Großveranstalltungen sind einem großen Sicherheitsapparat sowohl verpflichtet als auch unterworfen, hinter dem eine ganze Sicherheitsökonomie steht, die eine Verknüpfung von Staat und Olympischen Spielen derart verfestigt hat, dass hier das Wissen eine gewisse Selbstverständlichkeit vorschreibt.

Doping ist ein weiteres Ereignis, auf das sich ein Sicherheitsdispositiv begründet. Die Installation von Kontrollmechanismen, die Einschaltung von Laboren, die Tests auswerten, das Schaffen eines ganzen Dopingkomitees, die insgesamt damit verbundene Ökonomie und der ständigeWettkampf zwischen dem System für dieWeiterentwicklung von Dopingmitteln und dem der Dopingbekämpfer, als Kampf um das Wissen: all das fußt darauf, das Doping regelmäßig stattfindet. Wenn über einen längeren Zeitraum keine Dopingfälle mehr bekannt würden, das Ereignis weder real noch diskursiv auftreten würde, wäre das ganze Dispositiv obsolet.

Korruption, Menschenrechtsverletzungen, Klimawandel und vermutlich noch vieles mehr sind weitere Ereignisse, von denen ich glaube, dass sie einen multiplen Wandel im IOC hervorgebracht haben, die aber trotzdem wiederholend aufteten müssen, damit die Transformation bestand hat. Das, was bekämpft bzw. ausgeschlossen werden soll, wird für den Fortbestand der Macht- und Regierungstechniken gebraucht.

Hier darf allerdings kein abduktiver Schluss gezogen werden. Doping ist keine Erfindung des IOC, um bestimmte Regierungstechniken zu rechtfertigen. Es ist vielmehr eine Veränderung in der Realität; gerade zu ein Fehler, der eine Veränderung in der Gouvernementalität hervorruft, welche wiederum den Fehler zur Existenz braucht. Sie braucht ihn, weil sich auf diesen Fehler eine ganze Zirkulation der Ökonomie und Wissensökonomie begründet.

Literatur

Foucault, Michel (2006): Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementaltät I. Frankfurt/Main.
Internationales Olympisches Komitee (Hrsg., 2007): Olympic Charter. In force as from July, 7th 2007.
Müller, Norbert (2000): "Coubertin’s Olympism." In: Norbert Müller (Hrsg.): Pierre de Coubertin 1863-1937 Olympism. Selected Writings, S. 33–48. Lausanne.