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Hannes Gießler

Kritische Theorie des Tausches
Von Marx zu Adorno


Thesen und Fragen:

Theodor W. Adorno scheint sich kaum mit Karl Marx‘ Kritik der Politischen Ökonomie auseinandergesetzt zu haben. Doch trügt der Schein, da er die Ökonomie weniger in ihrer entwickelten Gestalt, d.h. als Wirtschaftsordnung, zum Thema hat. Stattdessen interessiert ihn mehr eine bestimmte Kategorie – eine, die einerseits zentral für die Ökonomie, andererseits aber offenbar nicht ökonomisch herzuleiten ist: der Tausch.

Während Marx den kapitalistischen Warentausch der Kritik unterzieht, ohne den Tausch historisch zu untersuchen, finden sich bei Adorno keine präzisen Bestimmungen des Warentauschs in seiner besonderen Gestalt, dafür aber – anknüpfend an Nietzsche – gewagte Vorstöße zur Geschichte des Tausches allgemein, die den kapitalistischen Warentausch relativieren und als besondere Gestalt eines der Menschheitsgeschichte innewohnenden Verhängnisses ausweisen.

Das Verhängnis des „Gleich um Gleich“, das im Tausch fortwirkt, wohnte ursprünglich dem Opfer an die Götter und der Rache inne. Insofern ist der Tausch nicht nur als seine Fortsetzung zu bestimmen, sondern auch als relativ humane Form dieses Verhängnisses.

Das „Gleich um Gleich“ ist nicht einfach zu negieren. Denn es handelt sich um das Prinzip der Gerechtigkeit. Und dessen abstrakte Negation hieße Ungerechtigkeit.

Marx propagierte aus dem „Gleich um Gleich“ in der Sphäre der Produktion zwar einen Ausweg: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen!“ Aber ein praktikabler Weg zeigte sich ihm nicht. In der „ersten Phase“ des Kommunismus herrscht, so Marx, weiterhin „dasselbe Prinzip wie beim Austausch von Warenäquivalenten, es wird gleich viel Arbeit in einer Form gegen gleich viel Arbeit in einer andern ausgetauscht.” (Marx, Kritik des Gothaer Programms, S. 19ff.)

Marx und Adorno haben es mit dem gleichen Dilemma zu tun, über das sich schon Platon und Aristoteles den Kopf zerbrachen. Wie kann es Gerechtigkeit geben, ohne von den besonderen Individuen und besonderen Fällen mittels eines abstrakten Maßstabes zu abstrahieren? Andersherum formuliert: Wie kann Ungerechtigkeit ausgeschlossen werden, wenn kein Maßstab mehr, der zwangsläufig nur einen Aspekt bemisst, angelegt wird?

Während Marx das Problem auseinander reißt und eine schlechte Lösung für die „erste Phase“ reklamiert und eine ideale Lösung in die ungewisse Zukunft einer „höheren Phase“ des Kommunismus verlegt, flüchtet sich Adorno in unterbestimmte Formulierungen: „der Tausch verschwände, wenn wahrhaft Gleiches getauscht würde”. (Adorno, Fortschritt, S. 637)

Platon und Aristoteles argumentieren an dieser Stelle redlicher, indem sie zum Einen die Fatalität des Problems benennen und zum Zweiten realistische Lösungen oder – im Falle von Platon – messianische Erlösungshoffnungen auch also solche ausweisen. Während sich Platon am Ende seines Wirkens eingesteht, dass er sich mit dem „Zweitbesten“ zufrieden geben müsse, nämlich der Herrschaft der Gesetze und damit der Herrschaft von Abstraktionen, und darüber hinaus nur auf eine „göttliche Fügung“ hoffen könne (Platon, Gesetze, IX, 875a-d), kann Aristoteles „nur“ ein Korrektiv angeben: das der Billigkeit. Gerechtigkeit bedeute, nicht nur recht, sondern auch billig zu urteilen. Der Richter dürfe nicht nur entsprechend der Gesetze entscheiden, sondern müsse die Besonderheiten des jeweiligen Falles in seiner Rechtsprechung berücksichtigen. Doch was könnte das hinsichtlich des Tausches bedeuten? Auf jeden Fall müsste die blinde Form des Tausches, in der kein Richter entscheidet, sondern der abstrakte Maßstab sich über eine anarchische und verdinglichte Vermittlung – etwa die des Geldes – herstellt und das Wertgesetz daher nicht bewusst angewandt wird, sondern sich wie ein Naturgesetz zur Geltung bringt, aufgehoben werden.

Aber: Lauert jenseits vermittelter Herrschaft durch abstrakte Gesetze und Kategorien unmittelbare Herrschaft? Adorno warnt vor der „Tendenz“, dass die Gesellschaft „nicht mehr durch den klassischen Tauschmechanismus definierten Formen zusteuert“, sei man doch durch den Faschismus darüber „belehrt worden“, „was der erneute Übergang in unmittelbare Herrschaft bedeuten kann.“ (Adorno, Diskussionsbeitrag, S. 583f.)

Was garantiert, dass aus der Aufhebung verdinglichter gesellschaftlicher Verhältnisse, wie sie die Kategorien der kapitalistischen Produktionsweise darstellen, vernünftige Produktionsverhältnisse erwachsen und nicht unmittelbare Formen von Herrschaft und Ausbeutung? Und was garantiert, dass an die Stelle verdinglichter ökonomischer Kategorien, die den Menschen mit dem Gemeinwesen vermitteln, nicht Ideologien treten, die den Menschen aufs Gemeinwesen verpflichten?

Zudem wäre anschließend an Adornos und Max Horkheimers Dialektik der Aufklärung zu fragen, inwieweit der kommunistische Anspruch, verdinglichte (beziehungsweise entfremdete) gesellschaftliche Verhältnisse zu beseitigen und die gesamtgesellschaftliche Produktion und Distribution rational einzurichten, eine unvernünftige Allmachtsphantasie der Vernunft ist, die eine Ranküne gegen das Fremde und Spontane impliziert. In der Negativen Dialektik kritisiert Adorno einerseits, dass das Lamento gegen Verdinglichung im Banne einer „Endogamie des Bewusstseins“ steht, er weiß aber anderseits, dass die Objektivität ökonomischer Kategorien nur eine „Fratze“ des „Vorrangs des Objekts“ ist, dem gegen den Allmachtanspruch des Subjekts Rechnung zu tragen wäre (Adorno, Negative Dialektik, S. 190-192).

Es stellt sich die Frage, welchen Standpunkt eine Kritik der politischen Ökonomie einnehmen muss, nachdem der alte Standpunkt: die Aufhebung der verdinglichten ökonomischen Vermittlung zugunsten rationaler Ökonomie, in der Praxis Irrationalität und Inhumanität bedingt hat.

Anknüpfend an Alfred Sohn-Rethel, aber auch an Nietzsche, beschäftigt sich Adorno mit dem Verhältnis von Warenform und Denkform. Anders allerdings als Sohn-Rethel, der die bürgerliche Denkform einseitig aus der Warenform abzuleiten versucht, konstatiert Adorno eine „Urverwandtschaft“ (ebd., S. 149) des Identitätsprinzips des Denkens und des Tauschprinzips (Adorno, Negative Dialektik, S. 149).

Adornos verkündet in seiner Erkenntniskritik nachdrücklich: So wenig Unmittelbarkeit die Rettung ist, so wenig sind Begriffe aufzugeben. Nur müssen sie aufhören, ihre Gegenstände nahtlos identifizieren zu wollen. Wie beim Gleich um Gleich des Tausches stellt sich die Frage, inwieweit die Herrschaft der Abstraktionen aufgehoben werden kann, ohne hinter sie zurückzufallen. Adorno hat seine Erkenntniskritik, die eine Utopie dessen einschließt, was dereinst Begriffe zu leisten hätten, weitaus ausführlicher dargelegt als seine Kritik des Tausches. Kann jene auch auf den „objektiv in der Gesellschaft selbst gelegenen Begriff vom Tausch” angewandt werden (Adorno, Einleitung in die Soziologie, S. 60)?

Literatur:

Adorno, Diskussionsbeitrag zu »Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?«, Gesammelte Schriften (GS) Bd. 8, Frankfurt am Main 1998, S. 583f.
Adorno, Einleitung in die Soziologie [Vorlesung], Frankfurt am Main 2003
Adorno, Fortschritt, GS Bd. 10.2
Adorno, Negative Dialektik, GS 6
Marx, Kritik des Gothaer Programms, Marx-Engels-Werke Bd. 19, Berlin 1975
Platon, Gesetze, Zitiert nach der Übersetzung von Klaus Schöpsdau: Platon, Gesetze, Werke in 8 Bänden Bd. 8, Darmstadt 2001