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Rebecca Eulzer

Glatte Biographie?
Zum Transfer des Begriffs der Nicht-Identität in die Biographieanalyse


Den Anlass zur Beschäftigung mit der Biographie Rita Kuczynskis bot ein Referat in einem Seminar zu Fremdheitserfahrungen. In der Vorarbeit stellte sich heraus, dass die Versuche, eine stringente Darstellung über ihr Leben zu erreichen, ihrem Leben nicht gerecht wurden. Trotz der Analyse von Verlaufskurvenmechanismen, schien sich die Komplexität nicht in angemessener Weise darstellen zu lassen. Jede Biographie ist in ihrer Art und Weise komplex, aber die von Rita Kuczynski ist möglicherweise durch ihre Erfahrungen zwischen den Gesellschaften in Ost- und Westdeutschland besonders komplex.

Die Präsentation ihrer Vita im Internet zeigt die zahlreichen Brüche in ihrem Leben nicht:

„Rita Kuczynski wurde 1944 geboren. Sie wuchs auf in Berlin Ost und West. Sie studierte Musik (Piano und Orgel) in Berlin und Leningrad. Danach studierte sie Philosophie in Leipzig und Berlin (Humboldt-Universität).
1976 promovierte sie über Hegels Logik und war wissenschaftliche Mitarbeiterin der Akademie der Wissenschaften in der DDR.
1981 stieg sie aus der DDR-Wissenschaft aus. Sie war dann zunächst Hausfrau und später als freie Schriftstellerin tätig.
1986 war sie Gastprofessorin an der Columbia University New York und an der University of Buffalo für Philosophie und Literatur (…)“
(http://www.literaturport.de)

Diese Darstellung schleift glatt, was nicht glatt ist; Stationen im Leben ohne Zusammenhang, ohne Bruch. Hier geht es nicht um ihre Grenzerfahrungen zwischen Ost und West im Berlin der Nachkriegsjahre. Nicht um das Erleben von unterschiedlichen, oft gegensätzlichen Sinnwelten, wie den sich je nach Ort wandelnden Feindbildern und Weltanschauungen und auch nicht um ihren Anpassungsprozess an diese beiden Bühnen, zwischen denen sie sich bewegen muss. Es geht auch nicht um die Welt der Musik, in die sie flieht, um den Alltag zu ertragen. Kein Wort über die traumatische Erfahrung des Mauerbaus, der sie gefangen hält in Ostberlin und nichts über den langen Suchprozess nach neuen identitätsstiftenden Angeboten.

Kein Hinweis darauf, dass sich hinter dem offiziellen Hausfrauendasein eine schriftstellerische Tätigkeit verbarg, was ihr nur möglich war, weil sie in eine privilegierte Familie einheiratete. Zuschreibungen wie Hausfrau können der Identität Rita Kuczynskis in keiner Weise gerecht werden. Sie suggerieren eine Identifikation als Hausfrau, ohne mitzudenken, was dieser Begriff abschneidet.

Anders als die Vita es vermuten lassen könnte, handelt es sich hier nicht um eine „typische“ Ostbiographie.

In der Biographieanalyse nach Fritz Schütze sticht bei Rita Kuczynski die Verlaufskurve in ihrer Lebensgeschichte hervor: In der Kindheit schichtet sich ein enormes Verlaufskurvenpotential durch die schwierigen Beziehungsgefüge und die inneren und äußeren Konflikte zwischen Ost und West auf. Rita Kuczynski vermag es dieses Verlaufskurvenpotential durch die Hingabe in die Musik daran zu hindern, sich voll zu entfalten. Durch den Mauerbau kann jedoch das mühsam stabilisierte Gefüge nicht mehr aufrechterhalten werden. Ihre Zukunftsperspektive, die musikalische Karriere an der westberliner Musikhochschule fortzuführen, wird verunmöglicht.

Rita Kuczynski gerät ins Trudeln und versucht verzweifelt über die Musik aus dem ostberliner Alltag zu entfliehen. Diese Strategie führt jedoch nicht mehr zur Bewältigung, wie zuvor, sondern zieht einen Nervenzusammenbruch nach sich.

Biographieanalytisch kommt es zu einem Orientierungszusammenbruch, bei dem Rita Kuczynski das verliert, vor dessen Verlust sie seit ihrer Kindheit große Angst hat: Die Töne.

Es folgen für sie sehr mühsame Versuche der Wiederherstellung eines labilen Gleichgewichts, die begleitet sind von zahlreichen Destabilisierungen, wie die Auseinandersetzung mit der Nomenklatur in der DDR oder auch der Mauerfall, der sie bedroht, nachdem sie sich gerade mit den privilegierten Freiheiten in der DDR eingerichtet hatte. Rita Kuczynski findet auf der Suche nach neuen identitätsstiftenden Angeboten zur Philosophie Hegels, die ihr zum Ersatz für die Musik wird. Zudem beginnt sie über ihre schriftstellerische Tätigkeit, aus der heraus auch autobiographische Werke entstehen, die Bearbeitung der Verlaufskurve.

Diese Verlaufskurvenanalyse spannt einen großen Bogen über ihr Leben und ordnet die Widersprüche und Brüche in den Prozess der Verlaufkurve ein. Sie reicht jedoch nicht konkret an die Konflikte der Identitätssuche heran.

Auf der Suche nach einem Ansatz, der diese Problematik berücksichtigt, bildete sich die These, dass Adornos Begriff der Nichtidentität für die Biographieanalyse aufschlussreich sein kann.

Hierbei geht es gerade nicht darum, jemanden oder etwas mit etwas zu identifizieren, sondern darum, etwas oder jemanden als etwas zu identifizieren, was die Möglichkeit einschließt, dass er/sie/es auch noch anders ist. Dies ermöglicht es dem Biographieträger näher zu kommen, in dem was er ist und über das hinauszugehen, worunter er fällt. Es ermöglicht Brüche aufzuzeigen und stehen zu lassen.

Nichtidentität ist in diesem Zusammenhang nicht als Gegensatz zur Identität zu verstehen, sondern als konstruktiver Grenzbegriff des Begrifflichen der Identität selber.

Der Biographieträger kann über Begriffe, die ihn identifizieren sollen nicht vollständig identifiziert werden. „Nichtidentisches Interesse nimmt am Besonderen, aber nicht gegen das Allgemeine, sondern durch das Allgemeine vermittelt.“ (Thyen (1989): Negative Dialektik und Erfahrung, S. 205)

In der Biographie sind solche nichtidentischen Anteile entlang der Brüche zu analysieren, die sich durch das Leben des Biographieträgers ziehen. Es ist davon auszugehen, dass gerade Personen, die Fremdheitserfahrungen machen, beispielsweise durch Migration zwischen unterschiedlichen Gesellschaften, über bekannte und neue Erfahrungen reflektieren (müssen).

Im Leben von Rita Kuczynski gibt es eine Vielzahl solcher Brüche, die eine unreflektierte Annahme von Identitätsangeboten verunmöglicht:

Die Familienkonstellation führt zu Beziehungen, die einander widersprüchliche Sinnwelten vermitteln. Die Mutter verschreibt sich dem Aufbau eines sozialistischen Staates und erhält die Ehe mit ihrem Mann trotz dessen körperlichen Misshandlungen und Alkoholabhängigkeit aufrecht. Sie steht im scharfen Gegensatz zu der Großmutter (mütterlicherseits), die in ihrer Enkelin ihre Nachfolgerin bezüglich des musikalischen Talents entdeckt, das sie bei ihrer eigenen Tochter vergeblich gesucht hatte. Rita erfährt eine besondere Förderung durch ihre Großmutter in Westberlin, die an ihrer Karriere feilt. Gleichzeitig besucht sie in Ostberlin die Normalschule, wo sie als geistig krank eingestuft wird und fast auf die Hilfsschule kommt. In Ostberlin muss sie sich dem Vater fügen, der aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt ist und den sie nicht als ihren Vater anerkennen kann. Bindungstheoretisch ist Rita unsicher-ambivalent gebunden. Sie ist sich der Zuneigung ihrer Mutter nie gewiss, sucht den Kontakt, bricht ihn aber auch ab und orientiert sich an anderen Bezugspersonen, wozu ihre Großmutter und ihre Schwester zählen. Zu dem schwierigen Beziehungsverhältnis kommen die Widersprüche zwischen Ost und West. Rita versucht sich an die „zwei Bühnen mit unterschiedlichen Spielplänen, Requisiten und Akteuren“(Kuczynski (1999): Mauerblume, S. 17) anzupassen, in denen ganz unterschiedliche Sinnsysteme existieren.

So soll sie beispielsweise ihr schönstes Ferienerlebnis in der Schule aufschreiben und kommt dabei in große Schwierigkeiten: Sie war die gesamten Ferien bei der Oma in Westdeutschland und hat dort unter anderem an einem Sommerkurs an der Musikschule teilgenommen. All dies kann sie jedoch nicht schreiben, denn ihre Eltern haben ihr verboten darüber zu sprechen, aus Angst vor Konsequenzen für die Karriere der Mutter in der SED. Um sicherzustellen, dass sie nichts davon erzählt, haben sie angedroht, dass sie andernfalls nicht mehr zur Oma dürfe. Es ist auch nicht möglich den Aufsatz nicht mitzuschreiben, weil sie der Oma versprochen hat artiger in der Schule zu sein. In ihrem Dilemma beginnt Rita Kuczynski damit eine Geschichte über eine Begegnung mit einer Wildschweinfamilie zu schreiben und grunzt während des Schreibens versehentlich. Daraufhin erhält sie einen Tadel und eine Fünf für den Aufsatz, den die Lehrerin als unglaubwürdig einstuft. Ihre Lehrerin wertet ihr Verhalten als mangelnde Intelligenz und will sie auf die Hilfsschule schicken und auch ihre Eltern glauben zunehmend, dass sie nicht normal sei. Allein die Oma lobt ihre Geschichte als künstlerisch wertvoll und bestärkt Rita.

Was hier zum Ausdruck kommt ist eine Identifikation mit ihren Erlebnissen bei ihrer Oma, die ihr jedoch in Ostberlin nicht zugestanden wird. Sie wird so vor eine Aufgabe gestellt, die für sie nur über das Erfinden einer anderen Identität zu lösen ist; einer die in den Osten passt. Ihre künstlerischen Fähigkeiten werden dabei jedoch ebenso fehlgedeutet, wie ihr Aufgehen in der Musik. Die Lehrerin bemüht sich nicht darum, die Ursache für das abweichende Verhalten zu finden. Anders zu sein wird nicht anerkannt oder hinterfragt, sondern versucht abzuschieben. Auch ihre Eltern machen sich nicht klar, was sie von ihrer Tochter verlangen. Die Einzige, die sich identifiziert mit ihr zeigt, ist letztlich ihre Großmutter.

Rita erlebt sich in dieser Situation als nichtidentisch und entwickelt ein zunehmend kritisches Bild von den Bezugspersonen in Ostberlin. Sie wendet sich auf der Suche nach Identifikationsangeboten zunehmend von Menschen ab. Die tiefe Angst und Einsamkeit sowie der Wunsch in der Musik aufzugehen, zeigt sich in ihren Gedichten:

„Manchmal, wenn ich traurig bin, geh ich in den Wald, wo die Flöten wohnen, bis ich euch alle verloren. (…) Zwischen ihren Tönen treibe ich… (…) Wenn ich zurückkomme aus dem Flötenland, habe ich mitunter viel Angst, weil ich euch nicht mehr verstehen kann. Dann hole ich die Blockflöte aus meinem Schrank und frage sie: Warum hat mich denn keiner so richtig lieb. Die Flöten und die Töne zwischen ihren bittenden Tönen werden mich, wenn ich nicht gestorben bin, an mein Alleinsein gewöhnen (…)“ (Kuczynski (1990): Wenn ich kein Vogel wär, S. 34)

Rita kann sich kaum mit der Ost- und Westwelt identifizieren. Sie sucht die Verschmelzung mit der Musik als Trost für die empfundene Lieblosigkeit.

Was aus ihr spricht ist der Wunsch nach einem besseren Zustand, zu denken als der, „in dem man ohne Angst verschieden sein kann“ (Adorno (1969): Minima Moralia, S.131).

An ihrem Beispiel ließe sich sicherlich auch das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft(en) analysieren. Der Vortrag soll sich jedoch auf die exemplarische Analyse von Nichtidentischem in der Biographie Rita Kuczynskis beschränken und damit diskutieren, inwiefern Adornos Begriff der Nichtidentität für die Biographieanalyse aufschlussreich sein kann.