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Carsten von Wissel (HOF Wittenberg)

Zur Kreativität der Universität


In der Wissensgesellschaft – so heißt es – machen Kreativität und Innovativität das Herz des ökonomischen Erfolgs aus. Die Regel je kreativer und innovativer, desto erfolgreicher wird dabei auf Personen, Organisationen, Regionen, Städte, ja ganze Volkswirtschaften angewendet. Kreativität und Innovativität (als gerne zusammengezogene Begriffe) werden in ihren politischen und wirtschaftlichen Verwendungszusammenhängen weniger alteuropäisch in ihrer Verbindung mit Schöpfung und Genius (Bröckling 2004) verwendet, sondern vielmehr mit Wissen und immer stärker auch mit Entrepreneurship der Schumpeterschen kreativ-zerstörerischen Tradition verbunden. Die vom allgemeinen Wissensgesellschaftsdiskurs dezentrierten Hochschulen – gerade erst haben sie ihre Monopolstellung in Sachen Wissensproduktion verloren – gelangen damit wieder in das Zentrum der Aufmerksamkeit, denn sie sind die einzigen Orte, an denen Wissen produziert und erworben wird. Aber inwiefern und unter welchen Umständen sind Hochschulen innovativ und kreativ?

Zunächst einmal sind sie dies nicht allein schon deshalb, weil sie Wissenschaftsorganisationen sind. Forschung kann im Kuhnschen Sinne Normalwissenschaft sein, dann ist sie an einem Paradigma, insbesondere an dessen Grenzen und Begrenztheiten orientiert (Kuhn 1973). Innerhalb dieses Paradigmas kann Innovation zustande kommen, von außen wird sie jedoch u. U. nicht als solche wahrgenommen werden. Lehre kann – noch mehr als Forschung – vornehmlich auf das Imitieren und Nacherzählen orientiert sein. Muster der Hochschulorganisation wiederum sind, z.B. weil das Ziel der Risikominimierung verfolgt wird, oft in hohem Grade auf Imitation ausgerichtet.

Der Beitrag wird den Versuch unternehmen, zu bestimmen, unter welchen Umständen Kreativität und Innovativität in Hochschulen zustande kommen kann, welche Bedingungen dafür förderlich und welche hinderlich sind.

Will man der Kreativität in und von Hochschulen, ihrer Innovativität auf die Spur kommen, muss man die Fragestellung getrennt an die Wissenschaft und an die Organisation richten. Wissenschaftliche und organisationale Kreativität stehen nicht notwendigerweise in einem spannungsfreien, einander gegenseitig bedingenden Verhältnis zueinander. In einer Gesamtperspektive hängt die Innovativität einer Hochschule davon ab, wie die wissenschaftliche, die politische und die organisationale Dimension aufeinander bezogen sind. In diesem Zusammenhang ist das Konzept der Autonomie von entscheidender Bedeutung, denn organisationale oder wissenschaftliche Autonomie kann nur gewährt werden, wenn Vertrauen vorliegt, die Vermutung berechtigt erscheint, dass die Ergebnisse stimmen werden.

Mit Hilfe historischer Beispiele lässt sich dieser Zusammenhang illustrieren: Im späten 19. Jahrhundert in Deutschland war die Organisation schwach, die durch die Korporation der Ordinarien repräsentierte Disziplinenebene stark, die Politikebene – der Staat – stark (vom Brocke 1991). Die stark disziplinär segmentierte Korporationsebene der Ordinarien war in der Lage, Innovation im Sinne der Einrichtung natur- und technikwissenschaftlicher Lehrstühle in den Universitäten zu verhindern (Clark 2006). Im Ergebnis kam es zur Gründung außeruniversitärer Forschungsinstitute und der Technischen Hochschulen. Kurzfristig erwies sich die Umgehung der universitären Ebene als erfolgreich, heute jedoch gilt es als ein Wettbewerbsnachteil der deutschen Universitäten, dass große Teile der Forschung nicht dort integriert sind.

Als ein zeitgenössisches Beispiel für eine suboptimale Abstimmung von Organisations- und Disziplinen- und Politikebene kann die in Deutschland und EU-Europa immer wieder zu beobachtende Ambivalenz in Bezug auf Autonomie dienen. Sowohl die Autonomie der Wissenschaftler/innen als auch die Autonomie der Hochschulorganisationen sind Gegenstand skeptischer Beobachtung der jeweils anderen Ebenen. Allenthalben überwiegt ein gegenseitiges Misstrauen. Hochschulleitungen befürchten, Wissenschaftler/innen würden sich unbeobachteterweise nur im disziplinären Elfenbeinturm herumdrücken, Wissenschaftler/innen wiederum fühlen sich von der Hochschulen organisational belästigt durch immer wiederkehrende Berichtspflichten, immer neue, selbstverständlich nicht einzelfallangemessene Leistungsbewertungsroutinen etc… In beiden Fällen wird zwar der Autonomie das Wort geredet, selten aber wird hier präzisiert, von welcher und wessen Autonomie die Rede ist und noch häufiger wird gegenteilig gehandelt. Der Beitrag wird diese Dialektik als eine Entkopplung von Talk und Action (Brunsson 1989) im neoinstitutionalistischen Sinn beschreiben.

Wie lässt sich nun der Begriff der Kreativität auf die unterschiedlichen Ebenen zurechnen? Organisationale Kreativität von Hochschulen äußert sich als Jedermannskreativität im gouvernmentalitätstheoretischen Sinne, danach soll jede Hochschul- und Forschungsorganisation kreativ sein. Für Organisationskreativität – so scheint es – gelten die gleichen Kriterien wie für die von Individuen. Danach ist Kreativität etwas, was jeder besitzt, ein anthropologisches Vermögen, zugleich aber etwas, das man haben soll, eine verbindliche Norm, zum dritten etwas, von dem man nie genug haben kann, ein unabschließbares Telos und schließlich etwas, das man durch methodische Anleitung und Übung steigern kann, also eine erlernbare Kompetenz (Bröckling 2004).

Worin aber besteht Organisationskreativität von Hochschulen: Zumeist in der Begründung von neuen Studiengängen, die disziplinäre Grenzen transzendieren und an Relevanzen der Praxis orientiert sind. Darüber hinaus besteht die Organisationskreativität von Hochschulen in Entrepreneurship organisationaler Art. Wissenschaftliche Disziplinen und die Orientierung and disziplinären Relevanzen erscheinen aus dieser Perspektive als ein Innovationshindernis (Krücken/Meier 2005), Kreativität, Innovativität und Entrepreneurship von Hochschulorganisation ist scheinbar gegen diese zu realisieren.

Spätestens an dieser Stelle ist zu fragen, ob eine derartige Perspektive nicht die institutionellen Innovativität von Wissenschaftseinrichtungen systematisch unterschätzt (Fuller 2005). Zeichnet sich mit der Organifizierung von Hochschulen (Krücken/Meier 2006; v. Wissel 2007) eine Entwicklung ab, nach der Hochschulen wissenschaftliche Kreativität in gleicher Weise betrachten wie Wirtschaftsorganisationen, d. h. in erster Linie instrumentell? Diese blicken auf Kreativität als etwas Fremdes, Unverständliches, das man sich nur aneignen kann, indem man kreative Personen einstellt. Kreativität bleibt damit etwas der Organisation äußerliches, im Ergebnis sind die Organisationen der heute politisch so hochgeschätzten Kreativwirtschaft (Haselbach 2007) ihrerseits vielfach mitnichten kreative Organisationen (Tschmuck 2003). Das Verhältnis, dass die Organisation zu Kreativität entwickelt, wird damit dem zu Rohstoffen gleichen, Kreativität wird wie Wissen im Wissensmanagementdiskurs (Fuller 2002) zu einem allgemeinen Roh- und Treibstoff wirtschaftlichen Handelns. Ist vor einem solchen Hintergrund der Begriff der Kreativität noch zu halten oder sollten anderen Begriffe gesucht werden (Osborne 2003)?

In der Gesamtschau bleibt festzustellen, dass die Konzepte, die eine Perspektive auf organisationale Kreativität gewählt haben, unterkomplex erscheinen und Perspektiven der Wissenschaftsforschung in nur unzureichender Weise integriert haben (Styhre 2006). Fernerhin entsteht die Gefahr, wissenschaftliche Forschung an Gesetzmäßigkeiten und Praxen der Kreativwirtschaft zu orientieren (Gibson/Klocker 2004).

Literatur:

Bröckling, U. (2004): Kreativität, in Ulrich Bröckling (Hg.): Glossar der Gegenwart. Frankfurt/Main: Suhrkamp,&xnbsp;139-144.
Brunsson, Nils (1989): The Organization of Hypocrisy. Chichester: Wiley.
Clark, William (2006): Academic Charisma and the Origins of the Research University. Chicago, London: University of Chicago Press.
Fuller, Steve (2002): Knowledge Management Foundations. Boston e. a., Butterworth-Heinemann.
Fuller, Steve (2005): What makes universities unique? Updating the ideal for an entrepreneurial age. Higher Education Management and Policy 17(3), 27-50.
Gibson, Chris/Natascha Klocker (2004): Academic publishing as `creative´ industry, and recent discourses of `creative economics´: some critical reflections. Area 36(4), 423-434.
Haselbach, Dieter (2007): Kulturwirtschaft. Zum Stand der Debatte und zu Forschungsdesideraten. Kultur­politische Mitteilungen (119 (IV 2007)), 32-36.
Krücken, Georg/Frank Meier (2005): Der gesellschaftliche Innovationsdiskurs und die Rolle von Universitäten. Eine Analyse gegenwärtiger Mythen. Die Hochschule (1/2005), 157-170.
Krücken, Georg/Frank Meier (2006): Turning the University into an Organizational Actor, in Gili S. Drori/John W. Meyer/Hokyu Hwang (Hg.): Globalization and Organization: World Society and Organizational Change. Oxford: Oxford University Press, 241-257.
Kuhn, Thomas (1973): Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen (deutsche Ausgabe). Frankfurt/Main: Suhrkamp.
Osborne, Thomas (2003): Against 'creativity': a philistine rant. Economy and Society 32(4), 507-525.
Styhre, Alexander (2006): Organization creativity and the empiricist image of novelty. Creativity and Innovation Management 15(2), 143-149.
Tschmuck, Peter (2003): How creative are the creative industries? A case of the music industry. (technological and economic shifts in the music industry from 1920s to present). Journal of Arts Management, Law and Society (June 22, 2003).
vom Brocke, Bernhard (Hg.) (1991): Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftspolitik im Industriezeitalter. Das "System Althoff" in historischer Perspektive. Hildesheim: Lax.
Wissel, Carsten von (2007): Hochschule als Organisationsproblem. Neue Modi universitärer Selbstbeschreibung in Deutschland. Bielefeld: transcript.