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Rationalität: Ordnung und Veränderung


1. Begriffe

Rationalität versuchsweise zum Gegenstand eines - an dieser Stelle nur skizzierten - Gedankenganges zu machen und zu behaupten, sie mit diesen vielleicht weniger abstrakten Begriffen: Ordnung und Veränderung erläutern zu können, bedarf einer einleitenden Erklärung, zumal hier allen drei Begriffen nicht umfassend entsprochen werden soll. Ich habe mich nicht um eine systematische Darlegung vorhandener Interpretationen bemüht; Definitionen der dem common sense nahestehenden Rationalität, der Vernunft, des Rationalen bzw. Rationalistischen, der Ratio und des Rationalismus bin ich ausgewichen, da ich mir noch nicht schlüssig über die Notwendigkeit dessen bin.

Eine Vorstellung vom wissenschaftlichen Arbeiten - um von diesem Gebrauch des Rationalen auszugehen - ist, dass eine allgemein gültige Ordnung durch Exaktheit und Umfang ausgedehnt und das Begriffsnetz verschoben werden kann (Kuhn 1976: 38, 55, 115). Entsprechend lautet eine Einordnung von Rationalität in das Denken bei Lévinas (1992: 292): “Die Struktur ist eben genau eine Verstehbarkeit oder eine Rationalität oder eine Bedeutung, deren Begriffe aus sich selbst keine Bedeutung haben [...]”; bei Foucault (1981: 298): “Und ich meinerseits würde [...] Ihnen eine Frage stellen: welche Vorstellung haben Sie von der Veränderung und sagen wir von der Revolution, wenigstens in der wissenschaftlichen Ordnung und in dem Feld der Diskurse, wenn Sie sie mit den Themen des Sinns, des Vorhabens, des Ursprungs und der Wiederkehr, des konstitutiven Subjekts, kurz mit der ganzen Thematik verbinden, die der Geschichte die universelle Präsenz des Logos garantiert?”

In meinem Beitrag möchte ich Rationalität als eine universelle Funktion verstehen, die ihren Sinn den anderen beiden im Titel genannten Begriffen mitteilt. Diese wären ihrerseits diskussionswürdig. Ordnung - um zwei klassische Sichtweisen zu erwähnen - meint entweder die bestehende des Kosmos, welcher Veränderung durch eine Verletzung eben dieser Ordnung erfährt; oder das Vermögen, etwas (eine Absicht oder ein Begehren) angesichts von Möglichkeiten verwirklichen zu können. Dieses von Aristoteles formulierte Vermögen wäre eine sich durch permanente Veränderung in der Zeit erhaltende Ordnung. Man muss wohl entscheiden, worüber man sprechen will: Die Suche nach Wahrheit ist die “Suche nach dem, was man tatsächlich sagen möchte.” (Marcus 1996: 136).

“Rational ist eine Ordnung, in der das Denken das Sein bestimmt.” (Lichtheim 1973: 30, Hervorhebung Lichtheim) Auch Speicherfunktionen - Bildsysteme und Schrift - sind als Ordnungskomponenten zu verstehen, über deren Anwendbarkeit - trotz kultureller Unterschiede und Wertschätzung - Einverständnis herrscht. Ordnung und Veränderung sind keine antagonistischen Begriffe, und sie helfen, sich über die Entwicklung von Rationalität im Rahmen abendländischer Geschichte klar zu werden.


2. Sprachen

Da ich Begrifflichkeiten zum Gegenstand meiner Untersuchung mache, möchte ich auf W. v. O. Quine hinweisen, welcher die Sprachentwicklung seines Kindes exemplarisch als eine Entdeckung von Abstraktionsgraden beschrieb: Ein Worterwerb, der beim direkten Gegenüber eines konkreten Gegenstandes in der Wirklichkeit beginnt und über die Zurkenntnisnahme irrtümlich oder falsch bezeichneter Gegenstände (eine Attrappe als das Gemeinte nehmen oder etwas bezeichnen, das auf nichts zutrifft, wie ein blauer Apfel) zu Begriffen gelangt, “die sich auf etwas beziehen, das als für immer unbeobachtbar gelten darf”: etwas Abwesendes, das um des Vergleichs willen erwähnt wird und nur eben deshalb als existent gilt (Quine 2003: 28f.). Letzte Phase dieser Entwicklung sei die Entdeckung abstrakter Entitäten, wie “Röte”, “Rundheit” und “Menschheit”. Ich bin ziemlich sicher, dass der Begriff Rationalität nicht auf dieser Ebene angesiedelt werden sollte, da er einem anderen, späteren Prozess des Worterwerbs zuzurechnen ist - während Rationalität eine für die Sprachentwicklung selbst notwendige Fähigkeit darstellt.

Damit möchte ich die nahezu selbstverständliche, bis ins Detail wirksame Erwartung der Voraussetzbarkeit von Rationalität für jede zumindest menschliche Unternehmung feststellen - eine Erwartung, deren Wurzeln in den Max Webers Erklärungen des Begriffs zugrundeliegenden historischen Tatsachen zu erkennen sind. Es braucht also nicht einen bestimmten Grad von Begründbarkeit, Kausalität, Richtigkeit, Logik, Strategie, Wahrheit usw. (was mein Thema vielleicht trivial erscheinen lässt), um jene besondere, vollkommen allgemeine und keineswegs distanzierte Eigenschaftlichkeit von Rationalität in Erinnerung zu rufen, die jeder/jede als sein/ihr Recht in Anspruch nimmt - ein Recht, das nicht als für die Zukunft gesichert gelten kann (vgl. Weber 1980: 92). Rationalität in ihrer Allgemeingültigkeit steht den Wissenschaften und dem Denken nahe, ohne - so Luhmann - wissenschaftlichen Ethos zu versprechen. Dieser zählt vielmehr zu den von Weber (1980: 397) als materiale Rationalität bezeichneten Qualitäten: “Normen anderer qualitativer Dignität”.


3. Welten

Gefühle, Verwirrung, Wahn, Lüge, Sinnlichkeit und Aventiure - stark verändernde Erfahrungen - sind letztlich keine Gegenbegriffe zur Rationalität. Das Verhältnis zwischen dem Ich und seiner Welt, als Konstruktion empfunden, wird in jedem Fall als rational bezeichnet werden: Das bewusst Konstruktive daran, das in Allem enthalten zu sein scheint, würde man eben als rational bezeichnen wollen. Historische Architektur spiegelt dies mit einem veränderten Verständnis maßvoller Unterordnung wider (Alpatow 1974: 259); Max Weber beschreibt den Islam als eine an die Religion untrennbar gebundene Staatsform, während die abendländische Politik in überwindung absolutistischer rationale Regierungsformen entwickelt habe. Als rational bezeichnet er die als anonyme Verwaltungsstruktur organisierte Regierung, eine kontinuierlich, planvoll arbeitende Anstalt, die eine Monopolbildung verunmöglichen soll. (Weber 1980: 30ff.)


Wie dem auch sei, Rationalität nimmt möglicherweise die Funktion der von Wheeler so verlockend als “tiefe Metapher” bezeichneten Stelle ein, das heisst einer Leerstelle, deren Wirkung “Erwerb einer Einsicht” ist. Dabei kommt Zweckmäßigkeit, im Sinne einer rhetorischen Absicht, zur Sprache, die auf etwas anderes als das Vorhandene aufmerksam machen will. Wheeler unterscheidet Metapher, als eine “Denken und Fühlen” verändernde Artikulation, von Information. “Je radikaler die änderungen, um so metaphorischer die äußerung.” (Wheeler 1998: 152-157).


4. Handeln

Simmel scheint dem Begriff Rationalität aus dem Weg gegangen zu sein, zugunsten des Gefühls: eine fließende Verbindung zu den Gegenständen in der Welt. Raum und Zeit sind nun “lebendige Formungen, die der Geist an den Sinnesempfindungen vornimmt, um aus ihnen eine Welt zu bilden, Handlungen des Geistes, nicht in starrer Selbstgenügsamkeit außerhalb unser bestehend, sondern fortwährend durch die Handlung des Anschauens in uns zu Stande gebracht.” (Simmel 1992: 155). Dass Simmel überhaupt von Rationalität spricht, liegt wohl an Kant, dessen Unterscheidung von rationalistischer und sensualistischer Vernunft (in der Kritik der Urteilskraft) zwischen Vernunft und Sinnesempfindung vermittelt. Rückt Kants Auffassung damit in die Nähe der Phänomenologie, ist die Außenwelt als existent anerkannt und gibt es keine rationale Verbindung zu Glück und Tugend (was hier nicht weiter ausgeführt werden soll), so hat Kant damit bereits angesprochen, was in Bezug auf diese beiden Begriffe Glück und Tugend zur französischen Revolution diskutiert wurde.


5. Krisen

Die Gegenüberstellung von Realität und Imagination - und das beinhaltet eine kompensatorische Funktion der Kunst für das, was der gesellschaftlichen Kommunikation entgeht - wurde, nicht zu Unrecht, als Verarmung beschrieben (Wellberg 1999: 21). Es handelt sich, kurz gesagt, um eine Polarisierung des Rationalen als das scharf Artikulierte, Autoritäre usw., dem entweder Außenwelt oder inneres Erleben zu entsprechen hat; ein Machtgebilde. Als Bruch mit der “Einheitsrationalität” des Faschismus, die man als abgründige Irrationalität bezeichnen kann, wurde die Moderne begriffen - mit der die von Weber beschriebene demokratische Bewältigung zu einem Formulierungsproblem wurde.

Eine - unter Umständen heimliche - Trennung von der Wirklichkeit, die einen Stillstand in der Fantasie markiert, wurde von Ladan psychologisch als eine Strategie zur Vermeidung schmerzlicher Empfindungen und der den Alterungsprozess umschließenden Realität erkannt: Bilder sind Ursache der Vorstellungen vom Selbst in der Welt und seiner Bedeutung in dieser. Tatsächlich sollten Individuen in der Lage sein, wahrzunehmen, was sich “von innen heraus ereignet” und innere Kontinuität erwerben, die es ihnen erlaubt, sich selbst zu regulieren. Traumatische, relativ unbeeinflussbare innere Szenarios jedoch verhindern ein Wiederfinden “von etwas Verlorenem”; möglich ist dagegen die (Re-)Konstruktion eines Gefühlszustandes (Ladan 2003: 109). In dieser Sphäre ungefähren Konstruierens spielt wiederum das dank Verbalisierungen in der Kommunikation erreichbare Bewusstsein und damit Rationalität eine entscheidende Rolle - als Vermögen, die “Gedanken der Anderen” aufnehmen zu können (die natürlich keine “reinen” Gedanken sind).


6. Ausblick

Mein Beitrag möchte das spezifisch Rationale in der Wissenschaft, im Denken und in der Bildwahrnehmung erkunden, bei Autoren, die mit der Anwendung dieses beiläufig benutzten (im neueren Rhetorikdiskurs enthaltenen) Begriffs Gegenwart vorbereiten. “Die Kritik der Vernunft führt [...] zuletzt notwendig zur Wissenschaft.” (Kant 1998: 77) Dabei interessieren Formen der Veränderung im Sinne eines revolutionären Evolutionsbegriffs; in erster Linie jedoch Rationalität als Grenzbegriff, mit dem Veränderung herbeigeführt oder Ordnung legitimiert werden kann.


Literatur

Alpatow, Michail W. (1974): Studien zur Geschichte der westeuropäischen Kunst. Köln: M. DuMont Schauberg.
Aristoteles (1995): Metaphysik. N. d. übersetzung v. H. Bonitz bearb. v. H. Seidl. Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft 1995 (Philosophische Schriften; Bd. 5).
Foucault, Michel (1981): Archäologie des Wissens. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Haverkamp, Anselm: Paradigma Metapher/Metapher Paradigma (1987). In: Ders. (Hg.): Die paradoxe Metapher. Frankfurt/M.: Suhrkamp: 268-286.
Hohlfeldt, Marion (Hg./2004): Jochen Gerz: Die Anthologie der Kunst. Köln: DuMont.
Kant, Immanuel (1998): Kritik der reinen Vernunft. Hg.v. J. Timmermann. Hamburg: Meiner. (Philosophische Bibliothek; Bd. 505)
Kuhn, Thomas S. (1976): Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Ladan, Antonie (2003): Kopfwandler. Die geheime Fantasie, eine Ausnahme zu sein. Frankfurt/M.: Brandes & Apsel.
Lévinas, Emmanuel (1992): Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht. Freiburg/Br., München: Alber.
Lichtheim, George (1973): Das Konzept der Ideologie. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Marcus, Greil (1996): Der Mülleimer der Geschichte. Hamburg: Rogner & Bernhard.
Quine, W. v. O. (2003): Das Sprechen über Gegenstände. In: Ders.: Ontologische Relativität und andere Schriften. Frankfurt: Klostermann: 17-42 (1957).
Sachs-Hombach, Klaus/Schürmann, Eva (2005): Philosophie. In: Sachs-Hombach (Hg.): Bildwissenschaft. Disziplinen, Themen, Methoden. Frankfurt/M.: Suhrkamp: 109-123.
Simmel, Georg (1992): Was ist uns Kant? In: Ders.: Aufsätze und Abhandlungen 1894-1900. Hg.v. H.-J. Dahme u. D. P. Frisby. Frankfurt/M.: Suhrkamp: 145-177.
Weber, Max (1980): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Tübingen: Mohr Siebeck.
Wellberg, David E. (1999): Die Ausblendung der Genese. Grenzen der systemtheoretischen Reform der Kulturwissenschaften. In: Koschoke, Albrecht/Vismann, Cornelia (Hg.): Widerstände der Systemtheorie. Kulturtheoretische Analysen zum Werk von Niklas Luhmann. Berlin: Akademie Verlag: 19-27.
Wheeler, Samuel C. (1998): Metapher nach Davidson und de Man (1989). In: Haverkamp, Anselm (Hg.): Die paradoxe Metapher. Frankfurt/M.: Suhrkamp: 123-160.