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Neelke Wagner

Welche Bilder braucht die Revolution, und welche hat sie?

In der Politik(wissenschaft) ebenso wie in den revolutionären Bewegungen sind Metaphern praktisch allgegenwärtig. Schon der Gebrauch des Wortes „Revolution“ (dt. „Umwälzung“) für einen politischen Vorgang ist selbst metaphorisch: Es soll ja nicht buchstäblich ein materieller Gegenstand „umgewälzt“ werden, sondern der Gebrauch dieses Wortes für diese Situation soll zeigen, wie man sich diese einschneidende politische Veränderung vorstellt. „Umwälzung“ bedeutet: Es geht weder um den Aus- oder Umbau eines vorhandenen „Staatsgebäudes“ noch um einen chirurgischen Eingriff am „Volkskörper“ (zwei andere sehr wirkungsvolle Bilder für politische Veränderung), sondern um einen dynamischen Prozess, der alles mitreisst, „keinen Stein auf dem anderen lässt“. Es geht darum, das bestehende Gebäude umzuwerfen und letztlich aufzulösen – Revolution ist ein sehr radikales Bild, das kaum Möglichkeiten beinhaltet, nur „ein bisschen“ Revolution zu machen.

In der Regel lösen solche Hinweise auf politische Bilder und ihre Wirkungsmacht Unbehagen aus, besonders wenn es nicht um politische Agitation, sondern um theoretische Reflexion, um einen wissenschaftlichen Umgang mit solchen Phänomenen gehen soll. Zwar erscheinen starke Bilder für die Selbstverständigung der RevolutionärInnen, der überzeugung anderer für den revolutionären Kampf oder die revolutionäre Lebensweise wichtig. Trotzdem oder gerade deswegen werden sie als Manipulation oder überredungskunst angesehen und für die wissenschaftliche bzw. philosophische Auseinandersetzung gefordert, sie zu vermeiden und sich den reinen Begrifflichkeiten zuzuwenden. Begriffsklärung und Errichtung eines möglichst klar konturierten theoretischen Modells sollen vor den Fallstricken des bildlichen Denkens, vor Verdinglichung, Reduktionismus und Fetischisierung bewahren.

In meinem Beitrag möchte ich zeigen, dass eine solches bilderloses Denken weder möglich noch wünschenswert ist. Bilder und Metaphern erfüllen eine wertvolle Funktion im Denk- und Verständigungsprozess, wenn man kritisch und kreativ mit ihnen umgeht. Sie können als Modelle dienen, als eine bestimmte Form des Vergleichs, anhand derer eine bestimmte Gesellschaftsformation oder eine politische Situation erstanden werden kann. Die Bilder bzw. Metaphern, mit denen von der Revolution gesprochen wird, stehen mit den Denkweisen und –wegen in einem engen Zusammenhang. Sie zeigen, wie wir die Revolution sehen, was wir uns darunter vorstellen. Was soll passieren und was ist die Rolle der RevolutionärInnen darin? Warum passiert es nicht?

Anhand der aktuell in der Diskussion wirkenden Bilder möchte ich das Panorama aufzeigen, innerhalb dessen die Möglichkeit und die Praxis der Revolution gedacht werden und die Frage zur Diskussion stellen, ob diese Bilder sinnvoll sind, wo sie Lücken haben oder wo sie Denkfehler offen legen. Welche Perspektive bieten sie, welche Handlungsmöglichkeiten? Ist das Bild der „Revolution“ selbst ein wirksames Instrument? Daran anschließend möchte ich diskutieren, welche Bilder wir verwenden und benötigen, um „unsere“ Revolution(en) zu denken und zu illustrieren.

Eine Sprachkritik der Bilder

Die Sprachkritik, die solche Metaphernanalyse betreibt, ist aus der Auseinandersetzung mit der Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins entstanden. Sie orientiert sich an folgenden Grundannahmen, die Wittgenstein u.a. in seinen „Philosophischen Untersuchungen“ entwickelt hat:

1. die Zurückweisung sowohl einer Abbildtheorie der Sprache als auch der Vorstellung einer Idealsprache,

2. daraus folgend die Annahme, dass Sprache per sé bildlich sei, aber eben nicht abbildend, sondern zeigend, sichtbar machend

Aus der Ablehnung einer Abbildtheorie der Sprache folgt, dass Sprache mehr ist als das exakte Zuweisen eines Begriffes an einen Gegenstand. Zwar kann die von der Sprache unabhängige Realität (die physikalische Welt) auch ohne Worte erfahren werden, die soziale Welt jedoch ist qua definitionem „öffentlich zugänglich“ und abhängig von Kommunikation, wird also erst durch die Verständigung der Menschen untereinander, in der Sprache, geschaffen. Umgekehrt entspringen die Bedeutungen keiner wesenhaften Identität von Begriff und bezeichnetem Gegenstand, sei diese nun anzustrebendes Ideal oder vorausgesetzte Eigenschaft der Sprache. Die Bedeutung eines Wortes oder eines Begriffes wird nicht auf ein ihm innewohnendes ursprüngliches Wesen oder seinen Wahrheitskern bezogen – damit kann es auch keinen substanziellen Unterschied zwischen metaphorischem und nicht-metaphorischem Sprechen geben.

Die Bedeutung der einzelnen Wörter und Begriffe zeigt sich in ihrem Gebrauch. Das heisst, dass das Bemühen, Begriffe letztendlich und widerspruchsfrei zu klären ein hoffnungsloses Unterfangen bleibt, denn ein endgültig „geklärter“ und damit „reiner“ Begriff fern von der unreinen Wirklichkeit wäre nicht mehr dazu in der Lage, irgend etwas zu „greifen“. Vielmehr besteht hier die Gefahr, genau der Fetischisierung der Begriffe zu erliegen, die mit der Arbeit am abstrakten Begriff vermieden werden sollte, wenn man den „Begriff“ für einen substanziellen Gegenstand hält, der „da ist“ und eine von der Sprache und damit seinem „instrumentalen Charakter“ unabhängige Realität besitzt. Ebenso gilt dies für die Vorstellung, man müsse die Wörter nur „richtig“ (also nichtmetaphorisch) gebrauchen, um perfekte Verständigung zu erreichen.

Dem möchte ich die Arbeitshypothese entgegensetzen, dass Sprache als Instrument des Denkens und Voraussetzung gemeinsamen Handelns in erster Linie auf Vergleiche angewiesen ist, die die involvierten Personen zwischen Sprache und Erfahrung, der eigenen und der anderen Perspektive sowie dem einen und einem anderen Gegenstand anstellen. Dabei haben Bilder und Metaphern eine wichtige Funktion im Erkenntnis- und Verständigungsprozess, weil sie als sichtbares Einnehmen einer bestimmten Perspektive und als Modell zeigen können, was zum Beispiel eine Revolution sein kann – und was nicht. Dies gilt auch und besonders für die Revolution und die Rolle der „RevolutionärInnen“ für sie. Eher als ein perfekter Begriff, der die Bedingungen der Revolution als solche erfassen will, sind bewusst gewählte und erarbeitete Bilder dazu in der Lage, eine Verständigung auf eine gemeinsame Perspektive und die damit verbundenen Handlungen zu ermöglichen.

Die oben angesprochenen Gefahren des bildhaften Sprechens müssen bei der Analyse und Kritik bestehender und zukünftiger Bilder der Revolution natürlich beachtet werden. Sie treten in zwei Momenten des Sprachgebrauchs auf: Wenn die Bilder sich so reibungslos „von selbst“ verstehen, dass sie mit der Wirklichkeit verwechselt werden und wenn sie, im Gegenteil, Unverständnis hervorrufen. Laut Wittgenstein entstehen Verständnisprobleme vor allem daraus, dass die ähnlichkeiten zwischen sprachlichem Bild/ Sprachstruktur und Sache überschätzt werden. Die Anwendung von Bildern lohnt sich nur dann, wenn ihre Möglichkeiten und Grenzen in der Darstellung sorgfältig bedacht werden. Personalisierung wie Verdinglichung sind alltägliche Phänomene im Sprachgebrauch, die so lange kein Problem darstellen, solange sie nicht philosophisch für voll genommen und als empirische Aussagen verstanden werden. Dies sollte auch bei der jetzt folgenden Darstellung beachtet werden.

Bilder der Revolution: Marx und Foucault

Die marxistischen Modelle der Revolution sind von einem Bruch durchzogen, der aus der Unklarheit herrührt, was genau die Rolle der RevolutionärInnen in der Geschichte sein soll. Einmal gibt es die vielfach kritisierte „Biologie“ der Geschichte, das evolutionäre Modell von Entwicklungsstadien, welche die Menschheit auf dem Weg vom „Urkommunismus“ über die antike, feudale und kapitalistische Produktionsweise durchmachen muss, um dann eines Tages im eigentlichen Kommunismus anzukommen. Die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaftsformation, in der die heutigen potentiellen RevolutionärInnen immer noch leben, erinnert dagegen an die Altersstufen der Menschen: Ihre verschiedenen Stadien sind der Geburt, dem Aufwachsen, der Reife, dem Altern und dem Tod eines lebenden Organismus vergleichbar. Deshalb wird immer wieder nach Anzeichen eines „Verfalls“ des kapitalistischen Systems gesucht, weil das bedeutet, dass es bald stirbt. Die Revolution ist hier weniger ein menschengemachtes historisches Ereignis als ein entwicklungsgeschichtlich notwendiger Umbruch, der eine überkommene Gesellschaftsformation zerstört, um einer neuen (jungen und starken) Platz zu machen, die besser dem Stand der Produktivkräfte entspricht. Daraus ergibt sich für diejenigen, die doch für die Revolution kämpfen wollten, ein Problem: Sie können eigentlich nur abwarten, dass die Geschichte ihren natürlichen Verlauf nimmt. Rosa Luxemburg hat dieses Problem erkannt, aber dennoch revolutionären Aktivismus verteidigt: Sie argumentierte, dass zwar die Revolution sich erst vollziehen könne, wenn ihre Zeit gekommen sei, jedoch brauche sie den kämpferischen Impuls, eine Art Initialzündung, welcher aus der ArbeiterInnenbewegung kommen müsste. Viele erfolglose Versuche würden schließlich den einen hervorbringen, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort den Umbruch in Gang bringe. Damit ist die Revolution auch nie Verdienst eines Individuums, sondern einer revolutionären Bewegung, die aus vielen Einzeltaten sich zusammensetzt, von denen die erfolgreiche nicht ruhmvoller ist als die vorherigen.

Bei Foucault, dessen Arbeiten viele Menschen zu neuen Strategien des Widerstands inspiriert haben, löst sich dieses lineare Modell auf in eine „Vielfalt von Kräfteverhältnissen“, die in gewisser Weise wie ein elektromagnetisches Feld funktionieren, in dem sich Materie befindet. Hier durchdringt das elektrische Feld der Macht den Raum und führt dazu, dass die Materie im Feld differenziert und angeordnet wird, sie bringt eine bestimmte Ordnung hervor, die aber andererseits durch eben diese Materie gestört werden kann, etwa dadurch dass die Körper (im physikalischen Sinne) sich auch untereinander anziehen, abstoßen und in Bewegung bringen können. Daraus entwickelt sich ein relativ abstraktes „Oberflächennetz“, dessen Linien Kraftimpulse und Strategierichtungen anzeigen, aber selbst keine materiellen Eigenschaften aufweisen. Er sieht das Netz quer durch alle Instanzen, sogar „durch die Körper hindurch wirken“ und Wissen, Macht und deren Zugriff auf die Körper der Menschen organisieren. Ebenfalls bei Foucault zu finden ist ein materielles Gewebe-Netz, welches er dort verwendet, wo es ihm um die konkreten Diskurse geht, die die Menschen unter dem Eindruck des Sexualitätsdispositivs halten. Das Netz wird zu einem strategischen Instrument, einem Macht-Netz, das von den Gezwungenen selbst gewoben wird, wenn sie ihre Diskurse vor den Richtern, Lehrern und Psychiatern halten müssen. Damit vereint es die Funktionen der Erfassung, der Kontrolle und des strategischen Zugriffs, lässt aber dadurch auch kaum Chancen für eine mögliche revolutionäre Veränderung dieses Netzes sichtbar werden. Folgerichtig geht es Foucault auch gar nicht mehr um eine „Umwälzung“, sondern das Erkennen und Nutzen von Widerstandspunkten.

Selbst diejenigen, denen das Netz bei Foucault noch nicht explizit aufgefallen ist – weil es sich so reibungslos von selbst versteht-, sind mit seinem Gebrauch bestens vertraut. Kaum ein gesellschaftlicher Zusammenhang wurde noch nicht als Netz(werk) beschrieben. Jürgen Link spricht von der vorherrschenden „interaktionistischen Illusion“, welche die Individuen als Knotenpunkte eines Netzes imaginiert, innerhalb dessen sie weitgehend horizontal und durch eigene Entscheidung miteinander verbunden sind. Er stellt diesem Netzmodell ein anderes gegenüber, das die Vernetzung als „rein physikalische, subjektfremde“ Entwicklung denkt, welche die ständige Gefahr von „Laufmaschen-Katastrophen“ mit sich bringt. Der Millenniumsbug wäre ein schönes Beispiel für eine solche Katastrophe.

...und die Revolution?

Wie in einem Netz jedoch eine Revolution aussehen kann, ist schwierig zu bestimmen. Nicht umsonst wird hier lieber von „Widerstand“ als von Revolution gesprochen. Der/ die Einzelne kann versuchen, durchs „Raster zu fallen -auch wenn das Netz eine Hängematte ist-, dies aber um den Preis weitgehender Marginalisierung und Ausschluss aus den gesellschaftlichen Wechselwirkungen. Die Vereinzelung der Knotenpunkte, die mit der Netzmetapher einhergeht, macht die Vorstellung eine kollektiven Welle, welche die alte Ordnung wegreisst, unpraktikabel – und verbannt das marx’sche Bild der Revolution in die Geschichte. Es geht nicht mehr darum, ein festgefügtes hierarchisches Gebäude zum Einsturz zu bringen, sondern sich in einem vielgestaltigen und multifunktionalen Netz zu verorten. Das Netz wird in postmodernen Revolutionsutopien nicht mehr zerstört, sondern umgedeutet, neu genutzt, wie es etwa der linke Umgang mit dem Internet, bis hin zu Emailattacken auf Lufthansaserver, eindrucksvoll zeigt.

Das Ziel war, die Revolution in ihren Bildern zu erfassen und zu fragen, ob diese Bilder eine tatsächliche Revolution behindern oder befördern können. Dabei habe ich festgestellt, dass die hier untersuchten Metaphern der Evolution und des Netzes die konkrete Praxis der Revolution nur wenig thematisieren. Meine Fragen zum Abschluss: Was könnte die Rolle von RevolutionärInnen in einem Netz sein? Ist dieses Bild als Beschreibung der gesellschaftlichen Verhältnisse sinnvoll, wenn man eine Revolution will? Wenn nicht, könnte das einer der Gründe sein, warum sich all jene, die von einem Ende des Kapitalismus träumen, so schwer auf eine Strategie verständigen können? Welche Alternativen könnte es geben?