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Mareike Teigeler

`Widerstand im Zeichen verinnerlichter Kontrolle -
Die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit von Widerstand in der Passage von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft´


Mein Dissertationsprojekt versucht soziologische Fragestellungen mit philosophischen zu verbinden. Müssen Gesellschaften schon generell die Aufgabe lösen, wie jene Kontingenz zu steuern sei, die mit den Handlungsmöglichkeiten der Menschen und den unvorhersehbaren Faktizitäten von Naturereignissen gegeben ist, so verschärft sich diese Aufgabe unter Bedingungen einer Moderne, die zwar an Steuerungsmöglichkeiten im Zeichen der Ratio festhält und sie sogar potenziert, andererseits aber auch mit der revolutionär bürgerlichen Freiheitsbewegung seit dem Ende des 18. Jahrhunderts einen Individualisierungsschub auslöst, der mit staatlichen Allgemeinheitsansprüchen zunehmend in Konflikt gerät. Die Geschichte der vergangenen zwei Jahrhunderte lässt sich dementsprechend als ein permanenter Versuch beschreiben, diese beiden konfligierenden Ansprüche miteinander in ein verträgliches Verhältnis zu bringen. An kritischen Stimmen hat es in dieser soziologisch und philosophisch inspirierten Geschichtsschreibung nicht gefehlt. Während man zu Beginn, unter anderem bei Kant, Hegel und Marx versucht, den Konflikt im Zeichen einer dynamisierenden Dialektik zu lösen, mehren sich später, z.B. mit Max Weber die skeptischen bis pessimistischen Stimmen. Zu letzteren gehören Horkheimer und Adorno und in jüngster Zeit Theoretiker wie Foucault und Deleuze, die mit ihren Konzepten von `Disziplinar-´ und `Kontrollgesellschaft´ den Ausgangspunkt meines Vorhabens bilden. Die historisch-gesellschaftspolitischen Veränderungen in der Passage vom `Fordismus´ zum `Postfordismus´ bzw. eben von der `Disziplinargesellschaft´ zur `Kontrollgesellschaft´ sollen daraufhin untersucht werden, inwieweit sie ihren Niederschlag innerhalb der gesellschaftlichen Steuerung von Kontingenz gefunden haben. Als Grundlage dient diese Analyse dazu, Fragen widerständischen Verhaltens anhand einer Verbindung der Konzepte Michel Foucaults mit denen Hellmuth Plessners stellen und beantworten zu können.

Inwieweit die zu untersuchende Passage einen Zeitraum beschreibt, der die Möglichkeit, Widerspruch zu denken durch seine changierenden, schwerlich einzusehenden Strategien in immer neue Engen zu treiben vermag, lässt sich sehr anschaulich anhand des gewandelten Umgangs mit explizit widerständischen Artikulations- und Handlungsformen vergangener Traditionen ermessen. Offenkundig wird dieser Sachverhalt beispielsweise im Kontext aktueller Managementliteratur, die, wie etwa Gary Hamels `Das revolutionäre Unternehmen´ Entfremdung als ihr Gegenteil erscheinen lässt. In dem Sinne, in dem in diesem Bereich `Phantasie´ und `permanente Regelverletzung´ proklamiert werden vollzieht sich ähnliches, allerdings auf anderer Ebene, innerhalb der Ende 2005 ins Leben gerufenen Kampagne `Du bist Deutschland´. Im Gegensatz zu der Revolution als Angebot von Unternehmen an den Einzelnen, erscheint in deren Manifest ein revolutionärer Geist daraus zu entspringen, Teil eines Ganzen, Teil eines Landes zu sein. Bizarrer Weise beschreibt die Essenz des Gesagten jedoch kein Wir-Gefühl, sondern stellt am Ende einer jeden Strophe klar, dass es um die Leistung des Einzelnen geht, der den `Laden zusammen halten soll´ . Dem gegenwärtig propagierten Rückzug des Staates zum Trotz greift in diesem Fall das, was Joachim Hirsch eine „neue Durchstaatlichung der Gesellschaft“ nennt, die aber im Gegensatz zu dem in Auflösung begriffenen fordistischen Sicherheitsstaat nicht mehr wohlfahrtsstaatlich konstruiert ist, sondern auf die umfassende Mobilisierung der Individuen zu Zwecken profitabler Privatproduktion zielt. Die Revolution als das angesprochene Angebot von Unternehmen, wie auch die Revolution als Angebot des Staates im Sinne der Selbstfindung `Du bist Deutschland´ zeigen, einmal offen dargelegt, im Sinne eines individuellen Erfolgskonzepts, einmal verschlüsselt über den `Umweg´ scheinbarer Solidarität die Aufforderung, die eigene Subjektivität zu vernutzen, ähnlich des romantischen Image vom Künstler, für den Leben und Werk in eins fallen. Dietrich Diederichsen beschreibt diesen Sachverhalt wie folgt: „So wird von uns nicht mehr verlangt, eine Rolle zu spielen, sondern wir müssen gerade im Umgang mit den Institutionen und im Angesicht der Vergesellschaftung wir selbst sein. Die Rolle wäre zu wenig. Die Rolle ist ja eine Verknappung unserer Person und unserer Vitalität, die Company (oder das Land, paradoxer Weise jedoch, um eine vom Nationalstaat befreite Biographie zu befördern M.T.) will aber alles, was wir haben.“

Im Fokus dieser in sich verschachtelten Strategie werfen Foucaults späte Schriften über die `ästhetik der Existenz´ bzw. die `Ethik der Selbstsorge´ einige vieldiskutierte Fragen, bzw. zentrale Kritikpunkte auf, die darum kreisen, inwiefern seine hier vorgestellten Konzepte über das Subjekt möglicherweise dem postfordistisch, neoliberalen Dauerplädoyer für Eigenverantwortung im Sinne des Selbstmanagements in die Hände spielen und für eine Verschränkung seiner kritisch intendierten Ethik mit einer kapitalistisch-affirmativen Doktrin sorgen. Einen Ansatz dieser möglichen Doppeldeutigkeit zu entgehen, bzw. das kritisch motivierte Moment innerhalb Foucaults Konzept deutlich zu machen, bietet die Zusammenführung seiner Konstitutionsanalysen mit den Arbeiten Hellmuth Plessners zur `exzentrischen Positionalität´, insofern diese den Zentralbegriff modernen Selbstverständnisses, nämlich `Autonomie´ oder `Freiheit´ als einen Sachverhalt der Unbestimmtheit und Möglichkeitsoffenheit beschreibt. Der Mensch ist in seiner Freiheit nicht festzulegen, Identität insofern nicht zu sichern.

Anhand dieser Zusammenführung soll deutlich gemacht werden, dass es nicht diese eine Identität geben kann die im Wechselspiel mit einer ökonomisch ausgerichteten Freiheit im Sinne des `Du bist Deutschland´ Beispiels konstituiert wird. Genauso wenig lässt sich Phantasie oder Regelverstoß im Kontext der genannten Managementliteratur als freiheitlicher Grundzustand einer erfolgreichen Selbstverwirklichung darstellen. Vielmehr existieren kurze, situative Momente, deren Handhabung beispielsweise auf dem Boden einer erst dieser Situation entspringenden Phantasie in immer weitere Auseinandersetzungen gespannt werden kann und einen Kontakt zu sich herzustellen vermag, einen Kontakt, den man vielleicht nicht dauerhaft leben kann, aber wie Deleuze es vorschlägt, zumindest zu fühlen im Stande ist: „In der Kritik handelt es sich nicht darum zu rechtfertigen, sondern anders zu fühlen: um eine andere Sensibilität.“



Die Begriffe Fordismus/ Postfordismus bzw. Disziplinargesellschaft/ Kontrollgesellschaft markieren einen übergang, der sich sowohl in sozioökonomischer Hinsicht als auch in bezug auf das Auftreten der in diesem Kontext wirksam werdenden Machttechnologie aufzeigen lässt. Gilles Deleuze bezeichnet diesen neuen Machttypus dem Titel seines Essays Postskriptum über die Kontrollgesellschaft folgend als eine Technologie der Kontrolle, die die Einschließungsmilieus der Disziplinargesellschaft durch eine permanente Kontrolle ersetzt. Die Krise des Akkumulationsregimes in den 70er Jahren und der mit diesem einhergehenden fordistischen Regulationsweise beschreibt in diesem Zusammenhang den übergang von einem fordistisch geprägten Nationalstaat hin zu dem von Joachim Hirsch postulierten `nationalen Wettbewerbsstaat´. (vgl: u.a. Deleuze, Gilles: Postskriptum über die Kontrollgesellschaft. In: Deleuze, Gilles: Unterhandlungen. Frankfurt am Main.1993. Seiten 254 – 262; Hirsch, Joachim: Der nationale Wettbewerbsstaat. Staat, Demokratie und Politik im globalen Kapitalismus. Berlin. 1995)
Hamel, Gary: Das revolutionäre Unternehmen. Wer Regeln bricht: gewinnt. München. 2001
vgl.: www.du-bist-deutschland.de/opencms/opencms/Kampagne/Manifest.html
Hirsch, Joachim: Der nationale Wettbewerbsstaat. Staat, Demokratie und Politik im globalen Kapitalismus. Berlin. 1995. S. 113
Interessanterweise stellt sich die Kampagne explizit als politisch unabhängig dar. Sie findet jedoch im Rahmen der Initiative `Partner für Innovation´ statt, die 2004 auf Anregung des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder ins Leben gerufen wurde. Die Bundesregierung versteht sich neben Akteuren, die vor allem aus den Bereichen Wirtschaft und Wissenschaft kommen auch heute noch als direkter Partner dieser Initiative.
Vgl.: u.a. www.bundesregierung.de/-,413.892912/artikel/25-Medienunternehmen-starten-g.htm; www.du-bist-deutschland.de/opencms/opencms/Kampagne/TVSpotsAnzeigen.html; www.innovationen-fuer-deutschland.de
Diederichsen, Dietrich: Maggies Agentur. In: Pollesch, Rene: Prater Saga. Berlin. 2005. Seiten 7 – 20. S. 9
Deleuze, Gilles: Nietzsche und die Philosophie. Hamburg. 1991. S.103