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Axel Rüdiger

Die Revolution neu denken. Zur Archäologie und Genealogie des Revolutionsbegriffes


Das Konzept der Revolution gewinnt in der politischen Theorie der Gegenwart wieder an Bedeutung und Interesse, nicht ohne dieses dabei jedoch zugleich einer archäologischen wie genealogischen Problematisierung zu unterziehen. Problematisiert muss hierbei vor allem die strategische Vereinnahmung der demokratischen Revolutionen in den Ostblockstaaten als bloß „nachholende Revolution“ (Habermas) durch den Liberalismus werden, wodurch der Revolutionsbegriff in den 90ern zu einem postpolitischen PR-Begriff für die politische Subjektposition des neoliberalen „homo oeconomicus“ geworden ist. Um die Revolution alternativ hierzu wieder politisch denken zu können, muss der Begriff daher zunächst unter Anwendung von archäologischen und dekonstruktivistischen Methoden aus seinem hegemonialen Kontext herausgelöst werden. Besonders geeignet hierfür ist eine radikale Historisierung und Kontextualisierung, welche die Begriffs- und Theoriegeschichte auch auf die Ereignisgeschichte bezieht. Deshalb soll es hier um die spezifisch moderne Artikulation des Revolutionsbegriffes in der Französischen Revolution gehen.

Bezeichnete der Revolutionsbegriff bis 1789 einen zyklischen Umlauf mit kontinuierlicher Rückkehr zu der natürlichen Ausgangskonstellation (Regeneration), der dem überkommenen Weltbild immanent blieb, so bricht der moderne Revolutionsbegriff mit diesem, da er die Zeit nun diskontinuierlich in ein schroffes Davor und ein Danach teilt. Der neue Revolutionsbegriff wird gerade dadurch zu einem der großen Signifikanten moderner Identität. Diese in ihrer diskontinuierlichen Radikalität in die Gründungsfigur der Moderne eingeschriebene Tatsache, stellt jedoch auch das Menetekel derselben dar, da sie die permanente Selbstüberwindung zum generativen Programm derselben erhebt. Es bedarf daher unablässig politischer Strategien, um die Revolution innerhalb eines politischen Systems repräsentieren zu können.

Die gleiche Ambivalenz wird ebenfalls von dem modernen Phänomen der „Gesellschaft“ geteilt, welches durch die beiden Grundtendenzen zur revolutionären Dekorporation des Sozialen bei gleichzeitiger Entgrenzung der Politik entstand. Die hierin zu leistende spezifisch politische Vermittlung von sozialer Individualität und Allgemeinheit wird in ihrer Widersprüchlichkeit zu dem konstitutiven Problem der entstehenden Gesellschaftswissenschaften. Staat, Nation, Klasse und Partei sind die Namen diskursiver Konzepte, welche diese gesellschaftliche Vermittlung nach der Revolution zu leisten beansprucht haben. Da sich die während der Aufklärung herausgebildete politische öffentlichkeit in der Auseinandersetzung um die Französische Revolution in die seitdem hegemonialen politischen Strömungen des Liberalismus, Konservativismus und Radikaldemokratismus/Sozialismus aufspaltete, lassen sich alle modernen Repräsentationsprogramme nach ihrer Haltung zur Revolution bzw. in ihrer Definition des Revolutionsbegriffs unterscheiden.

Werden die politischen Revolutionsdiskurse mit der Anthropologie Jacques Lacans konfrontiert, lassen sich in Analogie zum Symbolischem, Imaginärem und Realem 3 Grundtypen unterscheiden: 1. Die Revolution als ein symbolisches Ereignis. Die eigentliche Revolution erscheint hier als die politische Vollendung bzw. Verallgemeinerung der bereits durch die intellektuelle Aufklärung geleisteten symbolischen Revolution der sozialen Muster des Erkennens und Anerkennens. Die politische Revolution bestätigt hier lediglich die kulturelle Revolution der Legitimitätsgrundlagen. Dies erfolgt in der Regel in der juristischen Semantik des Gesellschaftsvertrages, wie sie in den Naturrechtstheorien von Thomas Hobbes bis Jean-Jacques Rousseau entwickelt wurde. Die Revolution symbolisiert hier das moralische Gesetz, welches die Gesellschaft befriedet, den Gesellschaftsvertrag garantiert und die imaginäre Agressivität durchbricht. Sie vereint das symbolische „Ich-Ideal“ mit dem Guten und Schönen. In der liberalen Phase der Französischen Revolution (1789-1791), in welcher die symbolische Interpretation der Revolution dominiert, artikuliert dieses Revolutionsverständnis rationale und traditionale Elemente des Revolutionsbegriffs in der politischen Figur der konstitutionellen Monarchie. Im Mittelpunkt steht dabei der übergang vom Absolutismus zum Verfassungsstaat als friedlicher Bewußtseinsakt der gesamten Nation.

Davon unterscheiden lässt sich zweitens die Revolution als imaginäres Ereignis, in dem die Revolution unter Rückgriff auf Verschwörungstheorien und personalisierte Stereotype bekämpft oder gerechtfertigt wird. Und 3. schließlich die Revolution als reales Ereignis, in welches sie in Analogie zu einer Naturkatastrophe (Erdbeben, Vulkanausbruch etc.) beschrieben wird. Bereits in der unmittelbaren Revolutionsrezeption lassen sich alle drei Interpretationstypen feststellen, die durch den schnellen Gestaltwandel der Französischen Revolution auch bald miteinander verschränkt werden. Aus ihrer Kombination und Variation gehen nicht nur die modernen politischen Strömungen des Konservatismus, Liberalismus und Radikaldemokratismus hervor, sondern auch die methodische Orientierung der entstehenden Gesellschaftswissenschaften zwischen Materialismus und Idealismus wird hiervon maßgeblich beeinflusst. Die politische Funktion der hierin enthaltenen Artikulationen des Revolutionsbegriffes ist es, alternative Repräsentationen zu blockieren.

Für eine politische Renaissance der Revolutionstheorie bedarf es daher einer archäologischen Analyse des sozio-diskursiven Feldes ebenso wie der genealogischen Beschreibung der artikulatorischen Diskurse.