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Josemaria Ripalda

Zerstörung und Rückforderung des Nationalstaats


I.

“Die Unerträglichkeit der Erfahrung seiner wirklichen Situation produziert beim Proletarier einen Abwehrmechanismus, der das Ich gegen die Erschütterung durch die entfremdete Realität absichert. Da lebendige dialektische Erfahrung diese Realität nicht aushalten könnte, drängt sich ihr bedrückender Teil in die Phantasie; hier erscheint er auf Grund der libidinösen Triebstruktur dieser Phantasie nicht als Alpdruck.

Um die in der Phantasie gebundene Erfahrung in kollektive praktische Emanzipation zu verwandeln, reicht es nicht aus, das phantastische Resultat zu verwenden, sondern man muss theoretisch das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Phantasie und Erfahrung der entfremdeten Realität begreifen; nur so kann die in der Phantasieform gebundene Erfahrung rückübersetzt werden.

In ihrer unaufgehobenen Form, als bloss triebökonomisches Gleichgewicht gegenüber unerträglichen entfremdeten Verhältnissen, ist die Phantasie selber nur ein Ausdruck dieser Entfremdung. Ihre Inhalte sind deshalb verkehrtes Bewusstsein. Der Form ihrer Produktion nach ist diese Phantasie jedoch unbewusste praktische Kritik an den entfremdeten Verhältnissen.“


Negt/Kluge beziehen sich hier auf Anna Freud und vor allem auf Marx’ Brief an Ruge von September 1843, wonach „die Welt längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewusstsein besitzen muss, um sie wirklich zu besitzen“. Es gehe dabei um „Analysierung“ der Politik wie der Religion [und ihre Aufhebung] „in die selbstbewusste menschliche Form“. Diese ist nicht die Form des comics, dessen sofistizierte, glamourvolle Szenarien, unmögliche Helden oder unglaubliche Handlungsspielräume gerade das Selbstbewusste fliehen. Wie Allan Moor und David Lloyd, die Schöpfer von V for Vendetta einmal gestanden haben, ging es ihnen nicht darum eine revolutionäre These aufzustellen, sondern um die dunkle Vorahnung einer dunklen, totalitären Zukunft: um den Ausdruck eines, wie ich sagen würde, dem Optimismus der Jugendschriften von Marx entgegengesetzten, trostlosen politischen Pessimismus. „V“ selber ist im comic ein durch chemische Manipulation in einem KZ verrückt gemachter Rächer, welcher der Selbstzerstörung zusteuert. Seine Maske ist einer immer noch geläufigen Tradition entnommen ohne daß dabei Rücksicht auf deren konkreten historischen Inhalt genommen wurde. Es geht hier eher um die ihr im Kollektivbewusstsein anhaftenden negativen, bedrohlichen Assotiationen im Verein mit einem niederschmetternden endgültigen Triumph von ‚law and order’ im kollektiven Imaginären. Moore gesteht auch, dass sein psychischer Zustand beim Zustandekommen der ‚story’ des öfteren angegriffen gewesen sei. Dies stellt sich auch graphisch in der auffallenden Vorherrschaft einer rohen schwarzen Farbe sowie von Nacht- und unterirdischen Szenen dar. Der Feind ist, wie seit eh und je, der Staat; aber auch der unaufhaltsame Aufstand am Ende der Erzählung bringt keine Anarchie sondern nur (vorläufiges?) Chaos, Entfesselung der niedrigen Leidenschaften, Dunkelheit, Einsamkeit.

Anders der kommerziell gepflegte Film. Während im comic „der Mann allein gegen die Welt“ im Laufe der Erzählung seiner protagonistischen Rolle verlustig geht und zudem für Nachfolge sorgte, ist die Hauptfigur des Films ein befreiender Held, der durch sein Opfer den Tyrannen tötet und die Revolution einleitet; im comic wird dagegen der Tyrann von der Witwe eines regimetreuen Polizisten ermordet. Die Geschichte von „V“ wird auf wenige Elemente reduziert und linear erzählt. Die Sprengung des Parlaments am Anfang der Erzählung und von Downing Street an ihrem Ende wird durch eine einzige Explosion am Schluß des Filmes zusammen mit dem Triumph der demokratischen Revolution gegen die Diktatur ersetzt. So gesehen, liesse sich freilich die Revolution als ein kindischer Wunsch auslegen, alles zu zerstören, wenn denn Sicherheit und Wohlstand für den Einzelnen nicht garantiert sind; oder, anders gesagt, als bloße Drohung gegen den Staat, der den individuellen Traum nicht mehr sichern kann. Dennoch erscheint das Ergebnis verheissungsvoll: Das ganze Volk trägt am Ende die Maske des Befreiers, und dies ist immerhin eine entscheidende Aussicht, die der Film hinzufügt.

Bei Moore und Lloyd bleibt die volkstümliche Maske ominös; erst am Ende wird sie mit Liebe von einer einzelnen Figur am Rande der Gesellschaft übernommen. In McTeigues Film wird dagegen die Maske von der Masse getragen, als ob inzwischen eine Lektüre von Negri erfolgt wäre, oder, schlimmer noch: als ob am Ende alle zusammen und einheitlich für die Freiheit und gegen die schärfste Fassung eines Autoritarismus eintreten würden. Wird also die „unbewusste praktische Kritik an den entfremdeten Verhältnissen“ bewusst? Aber was wäre damit gewonnen? Denn nach Freud müsste man doch zumindest wissen, dass die bloße Anerkennung zur effektiven überwindung nicht genügt. Eine Revolution kann sich, wie man in diesem Lande gut weiss, durch ihren eigenen Impuls verflüchtigen, auflösen und versanden. Das Problem stellt sich daher eher als eine Eröffnung und Entwicklung neuer Erfahrungen (?). Dann aber wäre die Frage: Welcher Erfahrungen und wie ließen sich diese konkretisieren?


II.

Das Szenarium von „V for Vendetta“ ist imaginär und es entspricht nur in bestimmten Zügen der unmittelbaren realen Erfahrung von Moore und Lloyd. Das ist nun bei mir nicht der Fall, denn ich verlebte meine ganze Kindheit unter einer Diktatur, die den Lebensstandard der Menschen hoffnungslos herunterdrückte –Spanien brauchte 30 Jahre um den Lebenstandard von vor dem Bürgerkrieg wieder zu erreichen - und zusammen mit der katolischen Kirche das Land ins Mittelalter regredieren liess. Dieser Prozeß verlief unter Motti wie „Cruzada“ und „Reconquista“ - was wiederum dem Imaginären des anfänglich erwähnten comic entspricht. Allerdings ist der Abstand zwischen dem Imaginären und der Realität in meiner Erfahrung wesentlich größer als in der des Schöpfers von „V“. Denn in den letzten beiden Jahrzehnten des Frankismus wuchs Spaniens Wirtschaft sehr schnell, was wiederum der Diktatur eine teilweise anonyme Akzeptanz verschuf. Gewiss hatte sie ihre unumschränkte Hegemonie verloren und musste sich den neuen europäischen Verhältnissen anpassen oder untergehen. Unter diesen Bedingungen war es wiederum die Breite des Aufstands, welche die ehemaligen Führer des Kampfes gegen Franco nach dessen Tod dazu bewog, einen Kompromiss mit den ehemaligen Herrschern anzustreben, wohl in der Absicht, sich selbst ein Stück Macht zu sichern. Ich sage dies mit aller Vorsicht, denn natürlich spielten dabei auch noch andere Umstände eine Rolle.

Ein Hauptstück des genannten Kompromisses war, dass man das Problem der Selbstbestimmung der Basken unter den Tisch fallen ließ, die den schärfsten Widerstand gegen das Franco- Regime geleistet hatten. Von vielen Basken wurde der so genannte „übergang“ zur Demokratie daher als Farce und als Fortsetzung des Frankismus unter geänderten Umständen angesehen. Und so wurde der bewaffnete Kampf fortgeführt, ja er verschärfte sich, denn ETA ging nun auch zu terroristischen Angriffen über. Mir wurde dabei klar, dass dennoch etwas entscheidendes geschehen war: die Hegemonie hatte sich wiederum bewegt und war nun auf der Seite der neuen Demokratie mit allen ihren Kompromissen; die Baskische Frage gehörte zu dem Preis, den man dafür zu bezahlen hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte diese Frage in Spanien im Blickpunkt einer öffentlichen Meinung gestanden, die zwar nicht ganz einheitlich war, aber trotzdem als eine betrachtet werden konnte. Von nun an aber konnte der Aufstand der Basken mit keiner bedeutenden Unterstützung oder Aufmerksamkeit in Spanien mehr rechnen. In den folgenden 30 Jahren verlor ETA den Krieg und –ich würde sagen- auch die Unterstützung der Basken; aber in dieser Zeit wurde gleichzeitig auch der Legitimationsverlust des Staates unter den Basken immer grösser. Das Endergebnis war zwar nicht das im klassischen Guerrilla-Handbuch vorgesehene, nämlich die Spirale Aktion-Unterdrückung, wohl aber die Trennung in zwei öffentliche Meinungen, die Baskische und die Spanische (mit Ausnahme von Katalonien).

Vielleicht versteige ich mich, wenn ich behaupte, dass die nationalistische Linke im Baskenland eine territoriale Hegemonie hat. Aber das gilt zweifellos nicht nur nicht für Spanien, sondern nicht einmal für die im Jetzt und Zukunft möglichen Institutionen des Baskenlandes. Voraussichtlich würden die Basken auch im Falle einer hypothetischen Unabhängigkeit keinem Abenteuer trauen und den Radikalismus scheuen. In einem entwickelten Land wird jede Hegemonie diffus und nähert sich dem jeweiligen ‚status quo’ an. Die Wirklichkeit mag zwar „entfremdet“ sein, aber nicht unbedingt „unerträglich“. Das gehört wohl zu den Gründen aus denen die offizielle Hochkultur die Fähigkeit zum Widerspiegeln, Reflektieren und Analysieren der Realität verloren hat, über die sie wie Fredric Jameson sagt, etwa im realistischen Roman des XIX. Jahrhunderts noch verfügt hatte. Das „Unerträgliche“ taucht heute eher am Rande auf und in Formen, die politisch wenig wirkungsvoll sind: eher als Erinnerungszeichen für das Unterirdische und nur als solche effektiv.

Hegemonie als Weg zur Revolution von Verhältnissen, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ ? Oder Revolution ohne Hegemonie? Vielleicht ist die Revolution nur dort möglich wo die Hegemonisierten rebellieren. Denn vielleicht ist es nur dort, in der sogenannten „dritten Welt“ ausserhalb unserer metropolitanischen Gesellschaften möglich, Revolution, und das heisst auch neue Selbstorganisationsformen zu definieren. Die Orte der Brüche und Störungen gegebener Gleichgewichte in den metropolitanischen Gesellschaften werden vom Nationalstaat, mit seiner öffentlichen Meinung, Kultur und seinen ‚wellfare’- Instanzen weitgehend kontrolliert. Kann dabei die Revolution nicht sogar zu einem Mittel werden, die Krise des Staats zu bewältigen? Darauf deutet jedenfalls der politische Pessimismus von Moore und darum sind wir, die europäische Linke und besonders die Intellektuellen, blind und hegemonisch zugleich und im Verein mit dem Schlimmsten in unseren Gesellschaften.

Zweifellos müssen wir deshalb subtiler denken, müssen wir nicht das Allgemeine des Staates sondern, als selbst unter ihm Leidende, das vom Staat verachtete Einzelne vertreten. Dabei mag es wohl geschehen, dass das „Einzelne“ als solches bereits vom allgemeinen Denken des Staats definiert wurde, wenn es sich in der Tat um eine von ihm nicht anerkannte Allgemeinheit handelt. Und in dieser unterdrückten, implizit gebliebenen Allgemeinheit kann durchaus etwas mehr als ihr bloßes Leiden, können vor allem andere Möglichkeiten als die offiziell wahrgenommenen liegen. So lange wir als Einzelne vor dem Hegelschen Allgemeinen des Staates stehen, sind wir –entgegen dem Anspruch der aufgeklärten „Kritik“- kaum in der Lage, die, von Negt/Kluge mit Marx geforderte vollständige Selbstreflexion zu leisten. Sie gehört dem Staat, denn dieser bestimmt -gut Hegelisch, vor der endgültigen Diskreditierung des Nationalstaates- im allgemeinen Recht, was als Wirklichkeit gilt: Wir Intellektuelle würden hierbei lediglich das Gemeinsame ersetzen, zwar vielleicht mit dem besten Willen, aber doch selber in der Funktion des Staatsapparates. Nicht das Bewusstmachen der Phantasie ist unsere erhabene Aufgabe, sondern zunächst die Erfahrung ihrer äusseren und inneren Hegemonisierung. Denn sonst werden auch wir Intellektuelle missverstehen, worin unser eigenes „verächtliches Wesen“ liegt.


Oskar Negt, Alexander Kluge, öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer öffentlichkeit. Frankfurt: Suhrkamp, 1972. 67.
In der Nr. 17 vom “Warrior Magazín” (1983).
Auch die von den Verfassern erwünschte Niederlage der Konservativen in den 1983 bevorstehenden Wahlen hätte erreicht, dass es keine Raketen mehr auf britischem Boden gäbe und dadurch die Insel vom am Ende stattfindenden atomaren Krieg relativ verschont geblieben wäre. Aber das hätte doch nicht ausgereicht, den Triumph des Faschismus im eigenen Land zu vermeiden.
Die “Schiesspulververschwörung” (1605) versuchte das Parlament zusammen mit dem König in die Luft zu sprengen. In Großbritannien wird dieses Attentat jedes Jahr am 5. November mit einem Straßenumzug in der Guy Fawkes Night (auch Bonfire Night oder Fireworks Night genannt) gefeiert, ungeachtet der Tatsache , dass Guy Fawkes kein Einzelgänger war, sondern der Sprengstoffexperte der Gruppe. Dabei wird eine Guy-Fawkes-Puppe verbrannt und Feuerwerke entzündet (Wickipedie), weswegen die Feuerwerke sowohl im comic wie im Film zur Szene gehören. Auch die Volksliedzeile „Remember, remember the fifth of November“ wird schon im comic
rezitiert. Man hat lange Zeit den Verdacht gehegt, oder verbreitet, dass die Regierung davon gewusst und die Gelegenheit ausgenützt habe, um die Katholiken ausserhalb des Gesetzes zu stellen.
Moore war dermaßen empört über die übersetzung seines englischen Anarchismus in die amerikanischen Verhältnisse der Bush-Era, dass er sie als eine “impotent American liberal fantasy” bezeichnete und die Beziehungen zu DC Comics, seinem Verleger, abbrach, als Warner Bross, der Besitzer von DC Comics, seine Behauptung nicht widerrief, dass Moore mit diesem Film einverstanden sei.
“Euskadi eta Askatasuna“: Baskenland und Freiheit. Politisches Ziel von ETA war und blieb es, Verhandlungen zu forcieren, es handelte sich um keinen direkten Befreiungskrieg.
Kart Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung ( MEW 1. 385).
So interprätiert Raúl Zibechi (Dispersar el poder. Los movimientos como poderes antiestatales. Buenos Aires: Tinta Limón, 2006.165) die klassischen Revolutionen in Frankreich, Russland und China.