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Anja Meyerrose

Revolution im Schritt?


1968 wird assoziiert mit einer Männermode, mit der Mann gegen die Kleidernormen, den grauen Anzug des Spießers rebellierte. Ich möchte in meinem Vortrag darauf eingehen, wie revolutionär dieser Wandel der Männerkleidung tatsächlich war.

Im Rahmen meines Dissertationsprojektes beschäftige ich mich mit der Veränderung der Männerkleidung vor 1968. Dazu mache ich einen Vergleich der us-amerikanischen mit der bundesrepublikanischen Gesellschaft, um über die Differenzen der Kleidungsgewohnheiten Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Gesellschaften zu erklären. 1968 wird als Chiffre verstanden, die ich anhand der Männerkleidung entschlüsseln werde.

Aus diesem Dissertationsprojekt möchte ich für meinen Beitrag einen Teilaspekt herausnehmen und als Anregung zur Diskussion stellen:


Revolution im Schritt?

Zur Veränderung der Männerkleidung um 1968

Achtundsechzig löst ganz unterschiedliche Emotionen aus: Für die einen ist es die Zeit der vergangenen wilden Jugend, für andere ist es eine Lebenseinstellung, die sie geprägt hat und die sie weiterleben möchten. Andere sehen Achtundsechzig als ungeregelte, chaotische Zeit und die Protestbewegung als Prüfstein für die junge Bundesrepublik. Für die Jüngeren verknüpft sich mit Achtundsechzig oft die Erinnerung an eine Generation, die endlich mit der spießigen Gesellschaft aufgeräumt hat uvm.

In der deutschen Literatur gibt es über die Interpretation von 1968 heftige Kontroversen (Schmidtke 2003:9f). Man streitet sich darüber, ob 1968 die bundesdeutsche Gesellschaft verändert hat, einen Stillstand darstellte oder aber einen Rückschlag bedeutet hat. Doch eine identische Erinnerung bleibt trotz aller Kontroversen im Rückblick, bei der die Achtundsechzigerbewegung zum Vorreiter des „sich um Normen nicht scherenden alternativen Lebensstils“ (Sontheimer 1999:109f) wird, zur „dauerhaften Wandlung dieses Lebensstils“ beigetragen (Rudolph 1990:148f) und „die Individualisierung und Differenzierung der Gesellschaft gefördert“ habe (Siegfried 1999:259) Die alternativen Kleidungsstile werden durchweg als öffentlich sichtbarstes Zeichen des Aufbegehrens einer neuen, jungen Generation gegen das Bestehende, gegen die gesellschaftlichen Normen gewertet.

Hierbei sind es vor allem die Männer, die ihre Alltagskleidung radikal verändert haben. In der BRD waren die ersten Brüche der konformen Kleidung von den "Halbstarken, jugendlichen Jeansträgern der fünfziger Jahre ausgegangen, ihnen folgten später andere junge Leute, die den american way of life für sich reklamierten. Schließlich waren es die „68er-Revolutionäre“, die sich radikal gegen die gültigen (spieß-) bürgerlichen Kleidernormen auflehnten und ihre Emanzipation vom Muff der Kleinfamilie und deren „Geschlechterrollen“ markierten.

In der deutschen Nachkriegszeit war der Anzug zum uniformen Alltagsgewand der Männer aller Schichten und Altersgruppen geworden. Und von diesem einen konformen Stil, von einer augenscheinlich wahrgenommenen Uniformität in der deutschen Gesellschaft, lösten sich die deutschen Männer. Nach Jahrhunderten des Stillstands in der Veränderung der Männerkleidung wurde diese Entwicklung nicht mehr als normale modische Pendelbewegung empfunden, sondern diese Veränderungen wurden und werden, auch von den sich sonst stark widersprechenden Interpreten von 1968, einstimmig mit dem Beginn alternativer Lebensstile gleichgesetzt und in der Modeliteratur als Fortschritt, Errungenschaft, eben als Revolution bezeichnet. (Schulz 2003:132, Baudot 1999:186, Mulvey 1999:136)

Doch, wie es J. E. Bollmann, ein Beobachter der Französischen Verhältnisse nach der Großen Revolution, mit ihrer Forderung nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, am 27.12.1793 bemerkte, bestätigte sich auch für die Revolte von 1968: “Wenige Revolutionen sind bis jetzt noch vollendet worden, und aus dem Nichtvollendeten derselben entsprang größeres übel als das, wo wider sie anfänglich ausbrachen“

An der Männerkleidung lässt sich das anschaulich zeigen:

Beidseits des Atlantiks waren die Studentenproteste Ausgangspunkt demokratischer Emanzipationsbewegungen geworden, aus denen sich spätestens 1968 eine internationale neue Protestkultur entwickelt hatte. Den überwältigenden Schein der Gleichzeitigkeit stellten um 1968 die Massenmedien her und in einer einzigen Sendung wurden der Kriegsschauplatz Vietnam, Straßenschlachten in Berkeley und Berlin sowie die Barriadenkämpfe in Paris gezeigt. Diese Medienaufmerksamkeit ließ sich nur mit Schock, Tabubruch und Provokation erzielen. Wer anders aussah, als der typische Anzugträger, war als Darsteller interessant. Die Wahrnehmung unterschiedlicher Kleidung der Männer wurde zur einheitlichen Wahrnehmung antibürgerlicher Kleidung, die sich schnell schematisch in Jeans, T-Shirt, Parka und wilde Haare einordnen ließ.

Jugend wurde zum entscheidenden Motor neuer Bewegungen und trieb die Generationen in den sechziger Jahren auseinander. Denn anstatt die Entwicklung der gesellschaftlichen Zustände als „normale“ zu akzeptieren, wurde sie in der gestörten bundesrepublikanischen öffentlichkeit durch teilweise hysterische Abgrenzung zum Ausgrenzungs-Zustand. Sie als "Gammler" beschimpfend, spuckten manche wohlanständigen Bürger den Langhaarigen ins Gesicht. In den Augen der Mehrheit, für die es nur noch aufwärts gehen sollte, waren die 'Krawallmacher' Feinde des Fortschritts." (Cohn-Bendit/Mohr, S. 19). Spätestens als im Anschluß an das Attentat auf Rudi Dutschke, den von den Medien gerne herausgehobenen charismatischen Studentenführer, gewaltsame Auseinandersetzungen um die Springerpresse stattfanden, schlug die öffentliche Meinung um. Jetzt begann die Phase der Ausgrenzung, die das geeignete Klima für den Beginn der massiven staatlichen Repressionen schuf und die Kluft zur "Normalgesellschaft" verstärkte (Stamm, S. 37f) So wurde durch die Revolte eines Teils der Gesellschaft nicht an den Grundfesten der Stabilität des Systems gerüttelt, sie übertrug sich nicht auf eine Massenbasis.

Wo überhaupt Konsumkritik an der überflußgesellschaft betrieben wurde, führte sie auch zur Bildung neuer, sich selbst abgrenzender oder von anderen ausgegrenzter Gruppen, zur Zersplitterung der Konsumlandschaft, die jetzt einzelne Bedürfnisarrangements bedient. (Viele waren sich der Wirkung der Kleidung und Frisuren durchaus bewusst. Rudi Dutschke fand sich ganz schick in seiner Lederjacke und dem feschen Käppi auf dem Kopf, als er dem Prager Frühling beiwohnte und die fahlen und billigen Anzüge der tschechoslowakischen Aktivisten doch eher abschätzig betrachtete. Doch borgte er sich für ein Streitgespräch in der Stadthalle in Wanne-Eickel ein Jackett von einem der Organisatoren, weil es sich nach dessen Meinung nicht ziemte, vor Arbeitern in Jeans und Pullover aufzutreten. (Kraushaar, S. 41) Andere, wie der Kommune-Mitstreiter Bommi Baumann, endeckten hinter dem unkonventionellen Aussehen ungeahnte Möglichkeiten: "Wenn du lange Haare hattest und bist irgendwo hingekommen, da haben unheimlich viele Bräute auf dir (sic!) gestanden, gerade die ganzen Fabrikmiezen." (zit. n. Cohn-Bendit/Mohr, S. 79))

Die vermeintliche Freiheit der Wahl, die den Zwang der Uniformität ersetzten sollte, wurde durch eine neue Uniform der Jugendlichen, Jeans und Turnschuhe, eingeschränkt. Sie hat zur Unfreiheit größeren Ausmaßes geführt.

Durch die längeren Ausbildungszeiten war Jugend nicht mehr eine kurze Spanne zwischen Kindheit und Erwachsensein. Jugendliche wurden eine Gruppe, für die sich die Wirtschaft zu interessieren begann. Die Vereinnahmung der Studentenrevolte durch die Industrie war ein Leichtes (Bovenschen 1986:13) Gerade für die Textilindustrie wurden die Jugendlichen, die mehr Geld als je zuvor verdienten, aber auch ausgeben wollten und schneller auf Modisches reagierten, zu vielversprechenden neuen Käuferschichten. Die Nachfrage an vielfältiger und bunter Freizeitkleidung wurde erfüllt, neue Werbestrategien beförderten die Wünsche nach dem Ausbrechen aus der Konformität, der Langeweile, dem Ewiggleichen.

Man muss betonen, dass der eigentliche Höhepunkt der Unruhen in der BRD das Jahr 1967 war. Erst mit zwanzigjähriger Verspätung wurde 1968 zur Chiffre für die gesellschaftlichen Veränderungen. 1968 steht aber eigentlich für das Ende des Aufbruchs, für eine Revolte, die nicht zur Revolution wurde, wieder einmal unvollendet blieb. Wollte man diese Aussage zuspitzen, so könnte man sagen, dass die 68er-Revolte die Stabilität der kapitalistischen Ordnung eher noch gefestigt hat. Weder ist es zu einer politischen Selbstbestimmung der Mehrheit der Deutschen noch zu einer ökonomischen gekommen. (Brückner, S. 10) Im Gegenteil, auch wenn außen Selbstbestimmung draufsteht, ist die Auswahl der Kleidung fremdbestimmter denn je. Die modische Verpackung mit dem rebellischen Touch muss häufiger erneutert werden als der alte Anzug. Selbst bei unmodischen Männern muss die diskrete Anpassung an das Mittelmaß des Modischen schneller verlaufen, das gilt auch für die Anzugträger.

Die Norm der einen vorherrschenden uniformen Alltagskleidung für Männer wurde in den sechziger Jahren aufgebrochen. Und der Anzug hält sich nach 1968 als Kleidungsstück für bedeutende Ereignisse, wie Hochzeiten und Trauerfälle, auch als offizielle Kleidung einer herrschenden Klasse in Wirtschaft und Politik. Ansonsten verschwimmen die Differenzen zwischen Arbeits- und Freizeitkleidung immer mehr, jeder will vor allem jugendlich gekleidet, wenn nicht sogar jung sein. Sportkleidung wird alltagstauglich, Arbeitskleidung aus dem manuell handwerklichen Bereich, wie Holzfällerhemden, derbe Arbeitsschuhe, sogar Gefängniskleidung, wird in die Alltagskleidung integriert. Die Textilindustrie entwickelt neue High-Tech-Stoffe mit Hilfe der Nanotechnologie und verbindet Technik und Kleidung, z.B. mit Blutdruckmessgeräten in Sportjacken. „Technische Revolution ist in einem solchen Maße in das Konsumentenbewußtsein eingedrungen, daß Novität zum eigentlichen Kaufanreiz für jedes Produkt geworden ist ...“. (Hobsbawm 2000:335) Damit die Käufer dieses Neuen nicht überdrüssig werden, musste etwas hinzukommen. Die neue Norm der Nachachtundsechziger ist der ständige Normenbruch, dem immer das Flair des Revolutionären, des Freien, des Jugendlichen angeheftet werden kann. Sie erzeugt eine Stabilität, die bis heute nicht erschüttert worden ist.

Noch leichter greift die Gesellschaft auf das Individuum zu. Je mehr versprochene Freiheit, und der Wunsch danach, desto leichter der Zugriff auf die Unfreiheit des Einzelnen. Denn das isolierte Individuum ist "... unter der Decke der Konformität mit den Resten seines Ich einsam geworden... Der einzelne löst seine Spannungen in einer auf Konsum eingestimmten sozialen Welt und benötigt überdies, was ihm an Eigentum verfügbar bleibt, dazu, das in sich abzuwehren, was als promesse du bonheur noch nicht gänzlich erloschen ist ... Mit dem mächtigen Anwachsen der Produktionsraten haben aber, wie im Individuum, innere Widersprüche auch in der Gesellschaft an Sprengkraft eingebüßt: Sie kann mitsamt ihrem Antagonismus stationär werden. ... Die Gesellschaft im überfluß (Galbraith) ist das wahre Ende der Französischen Revolution“. (Brückner, S. 29f).