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Thomas Ernst

Subversion der Subversion
Versuch über eine Figur der deutschsprachigen Gegenwartsprosa


Literarische Texte können von revolutionären Ereignissen berichten, durch die Zertrümmerung einer ´herrschenden Sprache` oder die Entwicklung avancierter Schreibstrategien selbst zu einer ´revolutionären Literatur` werden. Der Widerstreit, der sich auf der Ebene konkreter politischer Aktionen über die Wirkung derselben abspielt, findet sich auch auf der Ebene der Literatur – allerdings deren spezifische Formen reflektierend. In meinem Vortrag in Magdeburg werde ich – da das Publikum nicht nur aus LiteraturwissenschaftlerInnen bestehen wird – die formal-stilistischen Reflexionen über ´revolutionäre Schreibweisen` weitestgehend ausblenden, anstelle dessen vor allem auf die inhaltliche Verhandlung subversiver Konzepte und Strategien in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur eingehen.

Der Vortrag bezieht sich auf Ergebnisse meines Dissertationsprojektes über Subversive Konzepte in der deutschsprachigen Gegenwartsprosa. Darin untersuche ich, wie literarische Texte nach 1995 ihre ´politische bzw. revolutionäre Kraft` behaupten, welche ´politischen bzw. revolutionären Strategien` sie verhandeln und in welche Aporien sie sich dabei verstricken. Mein Vortrag wird sich zunächst mit den groben Linien und Grundannahmen dieses Projektes beschäftigen und somit eine Einführung in den Bereich ´politische Gegenwartsliteratur in Deutschland` zu liefern versuchen.

In einem zweiten Schritt werde ich erste Ergebnisse des Projektes präsentieren, die die These unterstützen sollen, dass sich die politische Aufladung von Literatur heute vor allem über die Figur einer ´Subversion der Subversion` vollzieht: Subversive äußerungen oder Strategien werden präsentiert, zugleich jedoch negiert, ironisiert oder problematisiert, gerade in diesem Spannungsverhältnis bleibt Subversives sagbar – remember ´Der Sinn der Bewegung ist ihr Scheitern`. Unter der Vorherrschaft hegemonialer Diskurse, die das Ende engagierter Literaturen behaupten, erscheint diese Doppelfigur als eine adäquate, um ´politische Botschaften`, ´minorisierte Subjekte` oder die Auseinandersetzungen unterschiedlicher ´revolutionärer Konzepte` literarisch überhaupt noch repräsentieren zu können.

Subversive Konzepte in der deutschsprachigen Gegenwartsprosa. Ein Dissertationsprojekt

Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Literatur eine Rolle als (politisches) Lehrmedium und dem Autor eine Funktion als eingreifendem Intellektuellen zugewiesen, ausgehend von Émile Zolas ´J´accuse`. Diese Funktion von Literatur und AutorInnen wird im 20. Jahrhundert zunehmend angegriffen: In den 1960er-Jahren wird der ´Tod der (politischen) Literatur` ausgerufen, Lyotard stellt in den 1970er-Jahren das ´Grabmal des Intellektuellen` auf. Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989/90 und der Aufkunft neuer Medien wie Computer, Internet und Privatfernsehen sind Topoi, die das ´Ende der Geschichte` (Francis Fukuyama), das ´Ende der Gutenberg-Galaxis` (Marshall Mc Luhan/Norbert Bolz) oder das ´Ende der engagierten Literatur und der Intellektuellen` behaupten, immer wirkungsmächtiger geworden.

Trotz dieser hegemonialen Diskurse, die die eingreifende Geste politischer Literaturen unglaubhaft machen wollen, finden sich auch heute noch Texte und AutorInnen, die sich als politische beschreiben lassen. Allerdings haben sich, so eine erste These, ihre Formen politischen Schreibens – in Abgrenzung von früheren Lehr- oder Agitprop-Texten – ästhetisch ausdifferenziert: Wo früher der direkte Einfluss von Literatur auf gesellschaftliche oder gar revolutionäre Prozesse behauptet wurde, geht es der gegenwärtigen ´politischen Literatur` um indirekte, gebrochene Formen politischer und sprachlicher Eingriffe. Daher eignet sich, so die zweite These, zur Beschreibung dieser Konzepte politischer Literaturen der Gegenwart am besten der Begriff der ´Subversion`. Deshalb bemüht sich die Untersuchung, heutige Formen politischer Literaturen als ´Subversive Konzepte in der deutschsprachigen Gegenwartsprosa` zu untersuchen.

Zum Verhältnis von Literatur und Subversion liegen bereits einzelne Arbeiten vor (vgl. Bordeaux, Giovanopoulus, Kramer, Orlovsky, Sauerland, Wüst). Keine dieser Arbeiten befasst sich jedoch mit der jüngeren Gegenwartsliteratur (d.h. mit AutorInnen, die nach 1960 geboren wurden, bzw. mit Texten, die nach 1995 verfasst wurden), die meisten Arbeiten nutzen einen verengten oder unbestimmten Begriff der Subversion. Zudem setzen die Untersuchungen den Begriff der Subversion meist nur in ein Verhältnis zu einem/r AutorIn bzw. einem spezifischen Feld der Literatur.

Daher hat mein Projekt zum Thema Subversive Konzepte in der deutschsprachigen Gegenwartsprosa drei zentrale Zielstellungen: Erstens geht es ihm um eine diskursanalytische und diachrone Untersuchung des Begriffs der Subversion und seiner wichtigsten Bedeutungsebenen. Zweitens zielt das Projekt darauf ab, diese unterschiedlichen Begriffsebenen auf vier verschiedene Felder der Gegenwartsliteratur zu applizieren und in diesen vergleichenden Untersuchungen die Spezifika und möglichen Aporien jener Versuche zu beschreiben, die heute eine Form ´subversiver Literatur` (nach deren behauptetem Ende) zu produzieren versuchen. Dies geschieht sowohl auf der ästhetischen Ebene der Schreibweisen, auf der untersucht wird, wie sich stilistisch-formal ´subversive Schreibweisen` gestalten, als auch auf einer inhaltlichen Ebene, auf der die Frage im Vordergrund steht, welche subversiven Konzepte, Strategien und Figuren in den Texten verhandelt werden. Drittens wird die öffentliche Inszenierung der Autorfiguren daraufhin untersucht, inwiefern diese sich als Verlängerung oder Bruch mit der Figur des engagierten Autors bzw. der Intellektuellen begreifen lässt, unter medial, sozial und ökonomisch massiv veränderten Bedingungen.

Die Arbeit wendet sich vier Feldern der Gegenwartsliteratur zu, auf denen jeweils ein Autor exemplarisch untersucht wird. Dabei handelt es sich um die Popliteratur und Thomas Meinecke, die minoritäre Literatur und das ´Kanak Sprak`-Konzept Feridun Zaimoglus, die Untergrund-Literatur der Slam Poetry und des Social Beat sowie die satirische Literatur und Jürgen Roth als Vertreter der ´Neuen Frankfurter Schule`. Untersucht werden ausgewählte Prosatexte, die nach 1995 publiziert wurden. Diese Grenze wurde gezogen aufgrund der Annahme, dass die veränderte politische Situation nach 1989/90 mit gewissen zeitlichen Verzögerungen Einfluss auf Inhalte und Formen der Gegenwartsliteratur genommen haben könnte.

In einem ersten, einleitenden Schritt wird – in kürzester Form – das gewandelte Verhältnis von Literatur und Politik im 20. Jahrhundert und in der Gegenwart dargelegt und begründet, weshalb sich heute dieses Verhältnis am besten anhand des Begriffs der ´Subversion` untersuchen lässt. Zudem werden die aktuellen Debatten um die Topoi ´Ende der Geschichte`, ´Ende der Gutenberg-Galaxis` und ´Ende der engagierten Literatur und der Intellektuellen`, die einen wichtigen Hintergrund für die aktuellen subversiven Konzepte darstellen, kurz präsentiert. Schließlich fundieren Angaben zur Forschungslage, Fragestellung, zum Kanon, zur Zielsetzung, Methodik und Struktur der Arbeit die gesamte Untersuchung.

Der zweite Schritt widmet sich der diskursanalytisch-diachronen Untersuchung des Begriffs der ´Subversion`. Zunächst wird dessen frühe Etymologie und Ableitung in der Mitte des 19. Jahrhunderts dargelegt, dann seine Ausdifferenzierungen im 20. Jahrhundert in einen politisch-revolutionären Begriff der Subversion, einen künstlerisch-avantgardistischen Begriff der Subversion, einen minoritären bzw. Untergrund-Begriff der Subversion sowie einen dekonstruktivistischen Begriff der Subversion. Schließlich werden aus einer literaturwissenschaftlichen Perspektive sowohl literarische Verfahren, denen subversive Kräfte zugeschrieben werden, als auch subversive Topoi und Figuren, die eine literarische Umsetzung subversiver Denkweisen darstellen, beschrieben.

Im dritten Schritt, der Literaturanalyse, werden diese unterschiedlichen Begriffe der Subversion in ein Verhältnis zu den zu untersuchenden literarischen Texten gestellt. Die vier literarischen Felder werden gesondert untersucht, allerdings in derselben Weise: Zunächst wird in einer diskursanalytisch-diachronen Einführung geklärt, inwiefern das jeweilige literarische Feld in der Vergangenheit in ein Verhältnis zu subversiven Konzepten gesetzt worden ist. Dann wird je ein Autor in einem Dreischritt exemplarisch analysiert: Zu Beginn wird geklärt, wie sich das Verhältnis der Texte zu den unterschiedlichen Begriffen der Subversion gestaltet. In einem zweiten Schritt wird versucht, die Texte in ein Verhältnis zu den bekannten literarischen Topoi, Figuren und Verfahren zu setzen. Im dritten Schritt wird die jeweiligen AutorInnenfigur betrachtet: Inwiefern subvertieren die Autoren ihre eigene ´intellektuelle Position` in der öffentlichkeit?

Im abschließenden vierten Schritt werden die Ergebnisse der drei Feld-Analysen in einer Zusammenfassung dargestellt und reflektiert. Dabei wird die Frage geklärt, in welcher Weise sich Prosatexte der Gegenwartsliteratur als Beispiele subversiven Schreibens lesen lassen, worin sie sich unterscheiden, welche Ansprüche von ihnen eingelöst werden, auf welche Weise sie den hegemonialen Diskursen zu widerstehen versuchen und welche Aporien sie ggf. ausbilden. Aus dieser Zusammenfassung werde ich die Figur der ´Subversion der Subversion` in Magdeburg zu beschreiben versuchen.

Im ersten und zweiten Kapitel wird methodisch ein Verfahren der Diskursanalyse angewandt, das danach fragt, wie die Begriffe ´Intellektueller`, ´Engagement` und ´Subversion` in den letzten knapp hundert Jahren öffentlich benutzt worden sind und welche unterschiedlichen Bedeutungszuschreibungen sie erfahren haben. Die Literaturanalysen im dritten Kapitel, die sich den drei unterschiedlichen Feldern der Gegenwartsliteratur zuwenden, müssen den Texten gerecht werden, die auf vielfältige Weisen literaturtheoretische Annahmen nutzen und reflektieren. Im Sinne eines Methodenpluralismus werden daher die ästhetische Theorie Theodor W. Adornos, die Normalismus-Theorie Jürgen Links sowie vor allem poststrukturalistische Ansätze wie die Cultural Studies, die sog. ´Pop-Theorie`, die Intertextualität, der Dekonstruktivismus, die Gender Studies und die Postkoloniale Theorie als Methoden zur Textanalyse genutzt. Die Auswahl dieser Theorien und Methoden ist eine direkte Folge der Textauswahl: Ihnen wird unterstellt, subversive Potenziale aufzudecken bzw. entwickeln zu können.

Subversion der Subversion. Versuch über eine Figur der deutschsprachigen Gegenwartsprosa

Im Zentrum des Vortrags wird die Figur der ´Subversion der Subversion` stehen: Die Texte präsentieren subversive Botschaften, Strategien, Gruppen und Figuren, deren Bedeutung und Autorität jedoch zugleich ironisiert, dekonstruiert und subvertiert werden, gerade diese Relativierung konstituiert die literarischen Texte selbst jedoch als subversive. Dieses Verfahren stellt sich diametral gegen den klassischen Begriff politisch-revolutionärer Subversion, der sich affirmativ auf eine wahre Teleologie beruft, aber auch gegen subversive Konzepte, die von starken und in einem Untergrund zu verortenden Identitäten ausgehen. Dies soll an zwei Beispielen gezeigt werden.

Thomas Meineckes Roman Tomboy (1998) spielt in einer Frauen-Lesben-WG, deren Bewohnerinnen sich intensiv mit den Gender Studies ŕ la Judith Butler beschäftigen, einem Konzept also, das auf die Dekonstruktion der hegemonialen, binären Geschlechtermatrix abzielt. Das Figurentableau des Textes kehrt die Verhältnisse zwischen den hegemonialen, sexistischen Männern, die hier als lächerliche Randfiguren gezeichnet werden, sowie den crossdressenden, lesbischen und bisexuellen Frauen und Transsexuellen, die gesellschaftlich minoritär sind, hier jedoch im Zentrum stehen, um. Zugleich werden jedoch auch Aktivistinnen präsentiert, die als obsolet präsentierten emanzipatorischen Konzepten anhängen. Ilse Lehrerin, geborene Schayszhaus, vertritt den Differenzfeminismus der 1970er- und 1980er-Jahre, als Konsequenz verlässt sie schließlich die WG. Pat Meier sieht sich in der Tradition des RAF-Terrorismus, plant einen Anschlag auf die BASF, wird schließlich von der Polizei entdeckt und verhaftet, während die übrigen Mitglieder der WG sich auf die nächste Crossdressing-Party vorbereiten: Deconstruction survives.

In Tomboy referieren und reflektieren die Figuren die wichtigsten Grundannahmen und Streitpunkte der Gender Studies, sie dekonstruieren exemplarisch patriarchale Theorie-Diskurse, führen den Transvestitismus als Unterminierung der binären Geschlechtermatrix vor und verschieben oder durchbrechen durch Maskeraden, Crossdressing, vestimentäre Akte Geschlechter- und Sexualitätskategorien. Auf diese Weise werden subversive Strategien transportiert.

Allerdings wird der Text von einer als männlich zu beschreibenden auktorialen Erzählfigur zusammengehalten, die den dekonstruktivistischen Enthusiasmus der WG ironisiert und problematisiert. Zudem enthält der Text zahlreiche witzige, (selbst-)ironische und nonsenshafte Passagen, die eine möglicherweise didaktische Ausrichtung des Textes konterkarieren und die im Text verhandelten subversiven Strategien subvertieren. Aus diesem Grunde wurde der Text auch von vielen RezensentInnen als Parodie auf die Gender Studies gelesen. Er bietet jedoch beides: Er referiert ihre wichtigsten Strategien und vollzieht ihre Verfahren inhaltlich nach; zugleich ironisiert und subvertiert er diese wieder und transportiert gerade in dieser Figur einer ´Subversion der Subversion` politische Gehalte.

Im Kanak Sprak-Konzept, das Feridun Zaimoglu in seinen Büchern Kanak Sprak. 24 Misstöne vom Rande der Gesellschaft (1995) und Koppstoff. Kanaka Sprak vom Rande der Gesellschaft (1998) entwickelte, gestaltet sich diese Figur anders. Seine stilisierten und gefaketen ´Interviews` mit MigrantInnen der zweiten und dritten Generation rufen einerseits die minorisierten Subjekte aus dem ´Untergrund`, vom ´Rand` und aus dem ´Ghetto` auf, die von den 1960er- bis zu den 1980er-Jahren von den Cultural Studies und der Poptheorie zu den ´revolutionären Subjekten des Widerstands` ausgerufen wurden. Auf einer zweiten Ebene wird jedoch – mit literarischen Mitteln – die Konstruktion der binären Matrix von minoritären ´Kanaken` einerseits und hegemonialen ´Alemannen` andererseits vorgeführt. Die minoritäre Identität wird als eine unnatürliche, dekonstruierbare präsentiert, u.a. mit zahlreichen Bildern, die das Aufschreiben der virtuellen Identität auf die Körper beschreiben.

Auch hier findet sich also in der literarischen Verhandlung subversiver Strategien eine Figur der ´Subversion der Subversion`: Werden vordergründig die harten migrantischen Identitäten als Bezugspunkte für eine Gesellschaftsveränderung ´von unten` bzw. ´vom Rand` präsentiert und vorgeführt, so werden diese Identitäten letztlich als künstliche ausgestellt – nicht die Verschiebung der Machtverhältnisse auf der binären Matrix von ´Eigenen` und ´Fremden` bleibt politisch erstrebenswert, vielmehr die Auflösung der Matrix und ihrer Kategorien selbst.

Weitere Informationen unter http://www.thomasernst.net.