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Philipp Casula

„Eine Revolution, die keine war?
Diskurse über Demokratie und Nation in Russland“


Von 1917 nach 1989
Revolutionen sind für Wissenschaft wie für die Politik faszinierende Phänomene. Die radikale Veränderung von Gesellschaften, der radikale Eingriff in deren Aufbau beeindruckt alle BeobachterInnen. Nicht immer ist es für die Wissenschaft leicht, die nötige Distanz zu waren. Dies gilt nicht zuletzt für den Klassiker unter den Soziologen der Revolution, Pitrim A. Sorokin, der 1922 selbst zur Emigration gezwungen wurde. Er beschreibt die Revolution als einen plötzlichen, tief greifenden Wandel, der alle Ebenen der Gesellschaft betrifft . Es ist interessant zu beobachten, wie die Theoretisierung der „demokratischen Revolutionen“ Ende der 1980er / Anfang der 1990er Jahre Analogien aufweist zu der Perzeption der russischen Oktoberrevolution:

• „1917“ wie „1989“ wurden als große, plötzliche und umfassende Umbrüche angesehen, die alle sozialen Ebenen umfassten. Tatsächlich aber waren sie nur der Ausgangspunkt eines langsamen Wandels, dessen Richtung nicht immer klar war.

• Beide „Revolutionen“ wurden als zwangsläufiger Kulminationspunkt einer vorherbestimmten historischen Entwicklung gesehen. Tatsächlich aber zeitigten beide Ergebnisse, die entscheidend abwichen von dem was Marxismus und Modernisierungstheorie vorhergesagt hatten.

• Beide Ereignisse symbolisierten die Transition von einer defekten zu einer nicht mehr optimierbaren Gesellschaftsform. Tatsächlich aber führten die Ergebnisse beider „Revolutionen“ zu verbreiteter Ernüchterung, da sie gesellschaftliche Formationen zum Ergebnis hatten, die weit vom Idealtyp abwichen.

Es lohnt sich also, einen genaueren Blick auf die Analogien zu werfen und zu versuchen, jene Konsequenzen, die aus Fehlinterpretationen von 1917 gezogen wurden, zu übertragen auf die Zusammenhänge nach 1989.

1989/90 schienen alle Aspekte der alten Ordnung, insbesondere das politische und ökonomische System, zusammenzubrechen und einen heftigen und jähen Wandel zu erfahren. Doch der Zusammenbruch von etwas Altem ist nicht gleichzusetzen mit dem Aufbau von etwas Neuem. Dies gilt im übrigen auch für die russische Revolution, die einen vorläufigen Abschluss frühestens nach der Kollektivierung 1928/29 erfahren hatte. Und hier liegt vielleicht ein – auch politisch motivierter – Fehlschluss: Denn für viele westliche Beobachter war klar, dass nach dem Zusammenbruch des Kommunismus nur Eines folgen konnte: der Aufbau von Demokratie und Marktwirtschaft nach westlichem Vorbild. Damit verbunden war eine positiv konnotierte Endzeitvorstellung, eben das „Ende der Geschichte“, wonach die Welt sich zu dem Ziel von Demokratie und Marktwirtschaft nach westlichem Typ bewege . Beide seien die nicht weiter optimierbaren, finalen Formen, um auf nationalstaatlicher Ebene Politik sowie Warenproduktion und -Austausch zu organisieren. Dazu wurde noch einmal das gesamte modernisierungstheoretische Instrumentarium verwendet.

Nun soll hier nicht behauptet werden, dass die TheoretikerInnen der Transition Anfang der 1990er Jahre ähnliche Endzeitvorstellungen im Detail geteilt hätten. Doch in den Umbrüchen in Osteuropa haben sie so eine Transition zur Demokratie gesehen, die es theoretisch zu erklären und mit der es politisch zu arbeiten galt. Weil aber die „demokratische Revolution“ so plötzlich kam, fehlten die nötigen Begriffe und daher bemühte man die Erkenntnisse, die man bei den übergängen in Lateinamerika und Südeuropa (Spanien, Portugal, Griechenland) gewonnen hatte. Daraus resultierte eine Vielzahl von vergleichenden Arbeiten. Sie alle liefen mehr oder minder darauf hinaus, eine Konvergenz der verschiedenen Länder zu postulieren.

Was sich aber nach und nach zeigte war, dass die übergänge nicht unbedingt zu Demokratie und Marktwirtschaft führten bzw. dass die Transition zu einem „Dauerzustand“ wurde. Die unterschiedlichen, vorläufigen Ausgänge der Umbrüche in Osteuropa machten es zusehends unmöglich von einer linearen, unidirektionalen Veränderung zu sprechen. Carothers verkündete als einer der ersten das Ende des Transitions-Paradigmas und falsifizierte dessen Grundannahmen, darunter: die teleologische Hinwendung zur Demokratie, die Abfolge bestimmter Transitions-Sequenzen und die Irrelevanz sozioökonomischer Faktoren für erfolgreiche übergänge zur Demokratie.

Mit den alten Begrifflichkeiten ist das Ausbleiben einer erfolgreichen Transition schwer zu fassen. Vielfach bemüht man heute noch alte Konzepte und greift zurück auf Theoreme der Lateinamerikaforschung, z.B. wenn man Russland als „bürokratisch-autoritären Staat“ bezeichnet . Oder aber man konstatiert die prinzipielle Unmöglichkeit des Wandels und verweist auf Kultur oder Tradition . An dieser Stelle stellt sich die Frage, wieso die Entwicklung Osteuropas bzw. Russlands entweder als Revolution/Transition (gelungen oder eben misslungen) konzipiert oder aber als Fortsetzung dieser oder jener Tradition und damit letztlich als Stagnation interpretiert wird.

Eine neue politische Soziologie: Kultur, politische Identitäten, Hegemonie und Transformation

Diese ambivalenten Positionen scheinen also nur zwei Optionen zu eröffnen: entweder jene eines schnellen und tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels oder jene des Stillstandes. Damit wird jede Möglichkeit eines Wandels, insbesondere eines kulturellen Wandels ausgeschlossen. Eigentlich genügt aber nur ein flüchtiger Blick auf die Gesellschaften Osteuropas und nicht zuletzt auf die Russlands, dass sich diese in einem beständigen Prozess der Veränderung befinden. Weder hat es die umfassende „demokratische Revolution“ gegeben, noch ein Verharren in den Mustern der Vergangenheit. Vielmehr – und hier ist abermals das russische Beispiel lehrreich – schließt ein prinzipieller gesellschaftlicher Wandel nicht Momente der Stabilität aus. In diesen Momenten der Stabilität ist nicht Konflikt – Voraussetzung einer Revolution in der marxistischen Theorie –, sondern Konsens vorherrschend.

Es ist besonders ein Denker, der einem an dieser Stelle sofort in den Sinn kommt, weil er als einer der ersten Marxisten festgestellt hat, dass 1917 eine „Revolution gegen ‚Das Kapital’“ stattgefunden hat und weil er der Theoretiker von gesellschaftlicher Stabilität und Konsens schlechthin ist: Antonio Gramsci. Das Versagen der marxistischen Revolution in der Praxis, ihr Ausbleiben in den industrialisierten Staaten Westeuropas, inspirierte den Sarden zur Entwicklung einer Theorie der Hegemonie. Für ihn war die proletarische Revolution nicht dem historischen Prozess inhärent, sondern nur ein möglicher Ausgang von vielen. Darüber hinaus kann Revolution die Form einer plötzlichen Zerstörung („Bewegungskrieg“) oder die einer graduellen Auflösung („Stellungskrieg“) des Alten annehmen. Letztgenannte Strategie sei geeignet für jene Gesellschaften, in denen der Prozess der Industrialisierung nicht zur Revolution führe, sondern vielmehr die Integration und damit die Stabilität erhöhe. Diese Integration spielt sich insbesondere auf der kulturellen Ebene ab und genau auf dieser Ebene müsse auch der „Stellungskrieg“ geführt, d.h. „zivile Hegemonie“ hergestellt werden: Nur so könne die Arbeiterklasse eine nicht-revolutionäre Transition zum Kommunismus bewirken, eine expansive Hegemonie herstellen, d.i. einen aktiven Konsens durch die genuine Einbindung der Interessen der Massen seitens der hegemonialen Klasse. Eine Klasse ist dann hegemonial, wenn sie es vermocht hat die Mehrheit der ideologischen Elemente einer sozialen Formation in ihren Diskurs zu artikulieren, also nicht: durch oktroyieren der eigenen Ideologie auf die Gesellschaft.

Mit seinem Hegemonie-Konzept erklärte Gramsci also die Ausdauer und Permanenz des kapitalistischen Systems. In einer allgemeinen Definition bezeichnet Hegemonie bei Gramsci eine moralische und intellektuelle Führung, welche die persönlichen überzeugungen der Beherrschten in Kopien der Normen der Herrschenden verwandelt. Insofern ist Hegemonie die kommunikative Herrschaft einer bestimmten Gruppe über einer anderen, die auf Zustimmung, bewusstem Einvernehmen und Einverständnis seitens der Beherrschten beruht, und nicht (nur) auf Zwang. Für Gramsci hat politische Autorität also immer zwei Seiten, nämlich die Dimension des Zwangs und die Dimension der Organisation von Zustimmung. Dieser letzte Aspekt kennzeichnet die kulturelle Ebene politischer Projekte.

Eine neue Theorie der Hegemonie

Diese Vorstellung von Hegemonie ist aber unter mehreren Aspekten schwer anwendbar auf heutige Gesellschaften, wie Laclau und Mouffe feststellen . Ein zentrales Problem in Gramsci sei sein Festhalten an einigen Grundfesten des Marxismus. Gramsci nimmt einen einzigen, zweigeteilten politischen Raum an. Dies kann zwar das Ergebnis hegemonialer Auseinandersetzungen sein, ist aber nicht deren Voraussetzung. Für Gramsci kann nur eine „fundamentale Klasse“ hegemonial werden und Hegemonie habe immer nur ein Zentrum. Der Klassenbegriff und damit die ökonomie bleiben zentral als Quelle von Identität.

Laclau und Mouffe erarbeiten nun eine post-marxistische Interpretation von Hegemonie. Ihre Theorie entwickelt den Ansatz Gramscis weiter und stützt sich u.a. auf Althusser (Ideologie-Theorie), Lacan (Subjekt-Theorie) und Foucault (Diskurstheorie). Ihnen zufolge wird jede Realität diskursiv durch Macht und Antagonismus hergestellt. In einer prinzipiell instabilen Gesellschaft, in der also keine Identität endgültig festgelegt ist, schaffen hegemoniale Diskurse gesellschaftliche Bedeutung und Sinn. Hegemonie ist also ein Prozess der Artikulation, der eine Beziehung zwischen verschiedenen Elementen derart herstellt, dass ihre Identitäten verändert werden. Hegemonie ist konstitutiv für eine als diskursiv aufgefasste Wirklichkeit. Diese entsteht durch die Konkurrenz hegemonialer (und gegen-hegemonialer) Diskurse um die Definition oder Besetzung von flottierenden Signifikanten (Lacan), wie beispielsweise „Demokratie“ oder „Nation“. Gegen-hegemoniale Diskurse zielen darauf ab, hegemoniale Diskurse und Praktiken zu zerschlagen, damit einen bestimmten Konsens zu desorganisieren und einen alternativen aufzubauen. Das kann nur über alternative Bedeutungen, über alternative hegemoniale Projekte erfolgen. In diesem Sinne konkurrieren hegemoniale und gegen-hegemoniale Diskurse miteinander; sie bilden zugleich eine Einheit, denn sie benötigen einander, um sich jeweils zu definieren. Hegemonie ist also eine Form von Politik, ein politischer Typ von Beziehung, eine Form von Politik . Der hegemoniale Kampf um die Besetzung von Werten ist alltäglicher Teil von Politik und Hegemonie bedeutet eine vorläufige Fixierung, einen vorläufigen Konsens. Entsprechend ist Hegemonie ein wertfreies Konzept: So ist es beispielsweise möglich, demokratische wie antidemokratische Forderungen hegemonial zu verbinden.

Diskurstheorie und Transformationsforschung: Beispiel Russland

Wie kann dieses Verständnis von Hegemonie nun fruchtbar gemacht werden für die Transformationsforschung? Der Ansatz erlaubt einen Perspektivenwechsel: Der Zusammenbruch des Kommunismus ist damit mehr in erster Linie eine „demokratische Revolution“ als vielmehr eine soziale Krise im Sinne einer starken Verunsicherung hinsichtlich verschiedenster Werte, Normen, Bedeutungen und Identitäten. Transformation bedeutet einen Zusammenbruch einer alten Hegemonie und den Ausbruch hegemonialer Kämpfe um die Besetzung von Bedeutungen und Identitäten. Nur so kann eine neue gesellschaftliche Stabilität erreicht werden.

Am Beispiel Russland lassen sich einige dieser Gedanken näher erläutern. Hier treten mit dem Umbruch 1991 insbesondere zwei Dimensionen von Verunsicherung in den Vordergrund: Die erste Ebene ist die des politischen und ökonomischen Systems. Einparteienherrschaft und Planwirtschaft brachen zusammen und wurden („von oben“) ersetzt durch „Demokratie“ und „Marktwirtschaft“ – Begriffe, die in weiten Teilen der Bevölkerung hohe Erwartungen weckten. Dabei schien alleine schon „Demokratie“ Wohlstand und bessere Lebensumstände zu verheißen. In Russland aber diskreditierte der ökonomische Niedergang bis 1998 die Demokratie mindestens genauso sehr wie die Marktwirtschaft selbst, führte zu Unsicherheit hinsichtlich der „Demokratie“ als überlegenem System. Mehr und mehr traten auch Forderungen auf, Wohlstand mit nicht-demokratischen Mitteln herbeizuführen. Daran zeigt sich auch erstmals, was eigentlich unter „Demokratie“ verstanden wurde, nämlich auch so viel wie „Prosperität“. Statt „sowjetischer Klarheit“ herrschte „demokratisches Chaos“, statt einer Partei – von der man im Guten wie Schlechten wusste, was man zu erwarten hatte – traten verschiedene Gruppierungen mit scheinbar oder tatsächlich unklarer Programmatik auf die politische Bühne .

Die zweite Dimension der Verunsicherung ergibt sich aus dem „Verlust der Heimat“. Noch 1994 bezeichneten 81 Prozent der russischen Befragten die UdSSR und nicht Russland als ihre Heimat . Die UdSSR wurde als stolze Großmacht gesehen. Russland dagegen hatte zeitweise noch nicht einmal eine „richtige“ Nationalhymne: Ihre Wortlosigkeit war Spiegel der russischen Identitätskrise. Schon 1988 war die Verwirrung hinsichtlich der eigenen Geschichte und Identität so groß, dass landesweit alle Geschichtsexamina ausgesetzt wurden. Selbst die letzten Bastionen russländischen Stolzes wie die Armee oder die soziale Sicherheit (durch Vollbeschäftigung), befanden sich in einem zunehmend desolaten Zustand.

Lukin gibt in seiner Studie Beispiel dafür, welche verschiedenen Demokratiekonzepte in den demokratischen Diskurs in Russland eingeflossen sind. Er untersucht die unterschiedlichen Vorstellungen von Demokratie bei jenen russischen politischen Akteuren, die sich der demokratischen Bewegung zugehörig gefühlt haben. Zutage tritt die Heterogenität Vorstellungen der russischen „Demokraten“: Sie hätten Demokratie v.a. begriffen als:

• „Freiheit von staatlicher Kontrolle“, d.h. als Antithese zur als totalitär empfundenen Kontrolle seitens des sowjetischen Staates; eine Herrschaft der Mehrheit müsse die Herrschaft der Minderheit ersetzen;

• „soziale Gerechtigkeit“, d.h. als die Beseitigung der Privilegien für die Nomenklatura und weitgehende soziale Gleichheit;

• „Mittel zur Erlangung des westlichen Wohlstandes“; „Demokratie“ wurde ganz eng verknüpft mit einem höheren Konsum-Niveau;

• „Weg zur moralischen und spirituellen Erneuerung“; in der „Demokratie“ wurde ein Allheilmittel gesehen, um ein höheres spirituelles und moralisches Niveau zu erreichen, ein Leben ohne Lüge und Laster.

Weiter kennzeichnend für die politische Kultur der von Lukin Befragten ist ausgeprägtes Denken in Polaritäten sowie ein Verharren in marxistischen und sowjetischen Kategorien. Bezeichnend ist auch einerseits die Sehnsucht nach einer maximalen negativen Freiheit und andererseits nach größtmöglicher sozialer Gleichheit. Verschiedene, ja: widersprüchliche, Positionierungen sind also möglich, verschiedene Kombinationen von Einstellungen waren denkbar. Was hier also vorliegt ist eine Konkurrenz um die Besetzung des Signifikanten „Demokratie“, genauer: ein kleiner Ausschnitt dieser hegemonialen Auseinandersetzung. Denn auf gesamtgesellschaftlicher Ebene gab es natürlich noch eine ganze Reihe anderer Interpretation. Diese Konkurrenz der Diskurse spiegelt sich auch wieder in der von Boris Jelzin vertretene Haltung: Betonte er von ca. 1988-1991 noch den Aspekt der sozialen Gerechtigkeit, näherte er sich nach 1991 den Radikalreformern um Burbulis und Gaidar an. Doch die radikal-marktreformatorische „Demokratisierung hier und jetzt“ verlor nach und nach an Attraktivität und geriet unter öffentlichen Druck, sodass sie spätestens nach dem Finanzkollaps 1998 aufgegeben werden musste. Lukin resümiert, dass sich eine politische Kultur der „Massen“ gegen die demokratische Subkultur durchgesetzt habe. Man müsste genauer sagen: Eine andere Definition von „Demokratie“ hat sich hegemonial durchgesetzt.

Unter Putin wurde diese Durchsetzung weiter konsolidiert und eine vorläufige Fixierung erreicht. Während der Präsidentschaft Putins ist es den „staatlichen Kräften“ geschickt gelungen, diese Unsicherheit auf beiden Ebenen aufzugreifen und zu kompensieren, d.h. gesellschaftspolitische Bedeutungen wieder zu fixieren. Putin proklamierte einen russländischen Sonderweg zur Demokratie. Mit anderen Worten: Die hegemonialen Diskurse reartikulierten die Bedeutung der Begriffe Demokratie (im Sinne von „gelenkter Demokratie“) und Nation. Zwar herrscht heute in Russland nach wie vor kein Regime, das eine formale, ausformulierte Ideologie propagiert, doch die „staatlichen Kräfte“ investieren zunehmend Geldmittel in „patriotische Bildung“ und revitalisieren einen autoritären Nationalismus, einschließlich der sowjetischen Symbolik. Die Einheit der Geschichte Russlands, unter explizitem Einschluss der sowjetischen Periode, ist den „staatlichen Kräften“ ein wichtiges Anliegen im Rahmen einer wiederbelebten „Russischen Idee“ : Diese wird „auch weiterhin der Konstruktion einer illiberalen Staatsideologie in die Hände spielen“ . Es drängt sich also die Frage auf, ob „gelenkte Demokratie“ und „Russische Idee“ diskursiv miteinander verwoben sind und ob insofern Demokratie und Nationalismus in Russland in einem brisanten Verhältnis zueinander stehen: Der russische Nationalismus scheint der Entwicklung einer „liberalen Demokratie westlichen Typs“ abträglich zu sein. Die Reartikulationen von Demokratie und Nation finden in der Bevölkerung großen Anklang. Besonders die Unterstützung für den Präsidenten, der sie verkörpert, ist deutlich: Im Januar 2004 erhielt die Amtsführung Putins den höchsten Zuspruch von 81% Prozent der Befragten und hat sich heut bei ca. 70% eingependelt. Eine große Mehrheit der Bevölkerung unterstützt die Politiken der „staatlichen Kräfte“ nicht zuletzt gegen ideologisch, politisch oder wirtschaftlich abweichende Gruppen, wie die „Oligarchen“ und die „liberal- und sozial-demokratischen Kräfte“, d.h. gegen als partikular und anti-national aufgefasste Interessen. 42% der Befragten halten jene, die sich selbst als „Demokraten“ bezeichnen für „Staatsfeinde“, deren Aktivitäten sich gegen die Nation wenden würden . Auch bei Jugendlichen finden sich entsprechende Haltungen: So stimmen 39% der 18-34-jährigen einer zeitweiligen Einschränkung von Demokratie und Versammlungsfreiheit zu, wenn dies einer „Wiederherstellung der Macht Russlands“ dienlich sei. Die Massenmedien, in denen kremltreue Positionen dominieren, tragen maßgeblich dazu bei, solche Ansichten zu verbreiten und zu festigen. Dass der Raum für eine Konkurrenz von Diskursen zunehmend kleiner wird, scheint sich damit zu bestätigen. Dies wird besonders deutlich anhand der Drangsalierung oder Kooptierung der schwachen russländischen (liberal-/sozial-demokratischen) NGOs; zuletzt durch die im April 2006 in Kraft getretene neue NGO-Gesetzgebung. In der hier vorgestellten theoretischen Perspektive kommt den liberal-/sozial-demokratischen politischen Vereinigungen eine gesellschaftliche Schlüsselfunktion zu, da sie eine der wenigen verbliebenen Quellen gegen-hegemonialer Diskurse bilden.

Transformation als hegemoniale Auseinandersetzung

Statt also mit Revolutionsbegriffen oder mit dem Konzept der Transition zu arbeiten, gibt es Raum für die Anwendung einer hegemonietheoretischen Perspektive. Transformation wird als eine besondere Form der hegemonialen Auseinandersetzung verstanden. Die Vorteile des Ansatzes liegen auf der Hand:

• er ist weitgehend nicht normativ und frei von einer eurozentrischen Perspektive;

• er ist nicht teleologisch und bietet somit der Erforschung von Systemwandel eine stringente Abkehr vom Transitionsmodell;

• er eröffnet im Gegensatz zu anderen Transformationsbeschreibungen die Möglichkeit, das tatsächliche Demokratisierungspotential im Land abzuschätzen.

Hauptschwierigkeit liegt sicherlich in der empirischen Umsetzung, in der Auswahl der Quellen und in der Wahl der Methoden sowie in einer pragmatischen Reduktion der anspruchsvollen Theorie.




1 Sorokin, Pitirim A. (1947) Society, culture and personality: their structure and dynamics. New York: Harper.
2 Fukuyama, Francis (1992) The End of History and the Last Man. New York: The Free Press
3 Nodia, Ghia (2002) “The Democratic Path”, in Journal of Democracy 13 (3): 13-19.
4 Carothers, Thomas (2002) “The End of the Transition Paradigm”, in Journal of Democracy 13 (1): 5-21.
5 Shevtsova, Lilia (2006) “Garantiert ohne Garantie. Russland unter Putin”, in Osteuropa 56 (3): 3-18.
6 Pipes, Richard (2004) “Flight From Freedom. What Russians Think and Want”, in Foreign Affairs 83 (3): 9-15.
7 Shevtsova, op. cit., S. 5.
8 Mouffe, Chantal (1979) “Hegemony and Ideology in Gramsci”, 168-204 in Mouffe, Chantal: Gramsci and Marxist Theory. London: Routledge, S. 182f.
9 Ibid.195.
10 Femia, Joseph V. (1981) Gramsci’s Political Thought. Oxford: Clarendon.
11 Laclau, Ernesto, Mouffe, Chantal (2001 [1985]) Hegemony and Socialist Strategy: Towards a Radical Democratic Politics. New York: Verso, S. 137ff.
12 Ibid. 139.
13 Ibid. 298.
14 Dennoch blieben diese Demokratie-Interpretationen nicht ohne Einfluss: “In a broader sense it can be said that the notions of the ‚democratic’ subculture greatly influenced the whole language of Russian politics and to a considerable extent became an integral part of it“, Ibid. 299.
15 Zaslavskaja, Tatjana I. (2002) Moskau: Delo, S. 497f.
16 Zur „Russischen Idee“ vgl. u.a. Scherrer, Jutta (2004) “Ideologie, Identität und Erinnerung. Eine neue Russische Idee für Russland?“, in Osteuropa 54 (8): 27-41.
17 Ibid. 41.
18 Poliakov, Dimitry (2005) “A Question of Value”, in Russia Profile 8 (11): 17-22, S. 17
19 Poliakov, Dimitry (2006) “Russia’s Youth. Myths and Realities”, in Russia Profile 3 (3): 18-22, S. 18.