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Nils Zurawski

Karten, Bilder, Kontrolle
Karten, Bilder, Kontrolle - Cognitive Mapping und Überwachung


"All maps have consequenses".
(Miles Harvey "Island of Lost Maps" 2000)



Kartierungen


Karten und kartographische Darstellungen unserer Umwelt vereinfachen Komplexität und helfen uns bei der Orientierung in Raum und Gesellschaft. Sie verweisen aber auch immer auf ihre Urheber zurück. Karten oder besser Kartierungen sagen über uns und as was wir tun und sind soviel aus wie über die Räume, die sie repräsentieren. Das gilt auch und in besonderer Weise für unsere kognitiven Karten - die von uns produzierten mentalen Abbilder unserer physischen und sozialen Umwelt.

Cognitive Mapping umschreibt die Prozesse wie Menschen räumliche Strukturen erlernen und verstehen - durch eigene Erfahrungen und durch sekundäre Informationen wie z.B. die Medien. Es ist daher auch zu einem großen Teil die Psychologie, die dieses Forschungsfeld dominiert. Dennoch sind kognitiver Karten als Forschungsgegenstand und als Forschungsmethode eigentlich multi-disziplinär. Insbesondere seit Kevin Lynch ("Das Bild der Stadt") in den 1960er Jahren diese Methode für seine landschaftsplanerischen Forschungen eingesetzt hat. Ausgehend von Lynch, der sich vor allem für die räumlich-kognitven Aspekte in Hinblick auf die konkrete Orientierung innerhalb einer Stadt interessierte, kann dieser methodische Ansatz auch innerhalb der Sozialwissenschaften - in diesem Fall zur Untersuchung von Überwachungsphänomenen - sehr nützlich sein. Denn letztendlich geht es bei der Überwachung auch um die Reduzierung von Komplexität und das Schaffen von Orientierung. Da es dabei nicht nur um die von uns genutzten oder nutzbaren physischen Räume geht, sondern cognitive mappings auch immer ein eine soziale Komponente beinhaltet, die über das Individuum hinausgeht, macht diesen Ansatz so interessant. Somit deuten die Kartierungen nicht nur auf unser Verständnis der Umwelt hin, sondern zeigen welche Vorstellungen wir von Gesellschaft und der Welt als totalem Phänomen haben.

In diesem Sinne hat Fredric Jameson den Begriff des cognitive mapping eingeführt/benutzt. Im Zusammenhang mit neuen Medien sieht er im Prozess des cognitive mappings die Möglichkeit, dass die Totalität einer Globalität, die sich dem Einzelnen nicht über eigene Erfahrungen in Gänze erschließt, gedacht und repräsentiert werden kann. Jameson geht es dabei um die Repräsentationen innerhalb eines globalen Systems. Der Prozess hilft dabei über jene Repräsentationen das eigene Verhältnis zur weitgehend unbekannten Welt zu formulieren und die Verankerung innerhalb eines Welt-Systems zu ermöglichen. Die diesen Repräsentationen unterliegenden Ideen, Metaphern und Imaginationen (z.B. von Geographie und Gesellschaft) verweisen auf die Stereotypen, Vereinfachungen, Einstellungen und Orientierungshilfen und damit letztlich auf ein dahinterstehendes Gesellschaftsbild. Cognitve mappings sind vereinfachte Spiegelbilder der Wirklichkeit, die ihre Aussagekraft gerade in ihrer Vereinfachung haben und daher auch für eine Erforschung interessant sind.

Das gleich gilt für das andere Ende der Kartierungen - nämlich die Karten, die von der Wirklichkeit angefertigt werden und somit fassbare und konkrete Repräsentation der Wirklichkeit/Umwelt sind. Mark Monmonnier nennt die Frage, die bei der Betrachtung dieser Artefakte von Bedeutung sind: Was gelangt in das System der Daten aus denen die Karten hergestellt werden? Für welche Zwecke werden sie erstellt? Was sagen die Karten über uns? Es ist anzunehmen das der erste Prozess des cognitive mapping und der scheinbar objektive Prozess der Produktion der Abbilder in einem sich gegenseitig beeinflussenden Verhältnis zueinander stehen. Aber was hat dann Überwachung damit zu tun? Und welche Konsequenzen haben die cognitive mappings - gleich ob sie Grundlage von gedruckten Karten / Repräsentationen der Umwelt sind oder sich auf andere Art und Weise äußern?

Überwachung


Überwachung, speziell solche, die mit modernen, digitalen also neuen Formen der Überwachung operiert, erstellt ebenfalls Karten/Kartierungen. Diese Repräsentationen, sei es über Bilder oder Datenbanken (oder deren Kombination) generieren Kartierungen, die scheinbar die Umwelt und Gesellschaft überschaubar, steuerbar und kontrollierbar machen. Und: Sie wirken auf unsere ganz eigenen Gesellschaftsbilder oder cognitive mappings zurück bzw. sind deren Grundlage.

Aber Datenbanken sind nicht gleichzusetzen mit einem getreuen Abbild der Wirklichkeit, sondern erzeugen neue Realitäten. Bogard spricht dabei auch von "Hyper-Realitäten", die ein Eigenleben entwickeln können - und als solche auf die ihnen vorausgehenden Realitäten zurückwirken können. Diese neuen Zustände, Repräsentationen oder in der Tat Realitäten sind keine Erfindungen, die in einem freien Raum entstehen - keine virtuellen Realitäten im Sinne künstlicher Welten, sondern real in ihren Konsequenzen. Monmonnier hat im Zusammenhang mit den Karten bereits darauf verwiesen, dass es die Systeme der Datenverarbeitung und Zusammenführung sind, die den wesentlich wichtigeren Teil kartographischer Arbeit ausmachen. Überwachung, Kontrolle und auch gesellschaftliche/staatliche Fürsorge beruhen auf diesen Daten: Wer, Wann, was, wie viel, wann?

"Neue" Formen der Überwachung, die sich von den "alten" dahingehend unterscheiden, dass sie nicht mehr auf die Beobachtung einer - meist vorher bekannten - Person oder einer fest umrissenen Gruppe von Individuen bezogen sind, sondern sich durch ihre hohe technologische Determiniertheit auszeichnen (G.T. Marx: new surveillance im Gegensatz zu traditional surveillance). Nicht das bloße Beobachten (observation) von Personen steht im Mittelpunk, sondern verstärkt die Überprüfung (srcutiny). Damit ändert sich auch der Fokus, der nun weniger Personen als vielmehr Kontext bezogen ist und sich auf Räume, Orte, Zeitabschnitte, Kategorien von Personen bezieht. Videoüberwachung ist nur ein Beispiel für Formen neuer Überwachung. Die Methoden der Stasi sind ein Beispiel für die alten, moderne digitalisierte Rasterfahndung ein Beispiel für die neuen Formen.

Überwachung basiert demnach auf Daten und ihrer Integration, Verarbeitung und den daraus resultierenden Schlüssen. Auch wenn das Sammeln der Daten gegenwärtig oft wahllos erscheint, so werden gerade deshalb so viele benötigt, weil oft noch nicht klar ist, was eigentliche gesucht wird. Ein Sinn entsteht erst im Computer - aber eben nicht von allein. Der Sinn der Daten wird durch die von Menschen erstellten Parameter in das System gebracht. Und diese "Parameter der Überwachung" haben ihren Ursprung in gesellschaftlichen Diskursen, in den cognitive mappings von Individuen und ihren gesellschaftlichen Repräsentationen einer wahrgenommenen Wirklichkeit. Einer der zentralen Elemente von Diskursen der inneren Sicherheit ist das viel zitierte "subjektive Sicherheitsgefühl" bzw. in den meisten Fällen das gemutmaßte UN-Sicherheitsgefühl der Gesellschaft oder einiger Teilgruppen. Gerade dieses ist ein sehr treffendes Beispiel, wo vergesellschaftete Bilder, Wahrnehmungen der Wirklichkeit, die oftmals einer faktisch-empirischen Grundlage entbehren, die Grundlage für Parameter der Überwachung generieren.

Und genau hier zeigt sich eine der Schnittstellen von Überwachung und den cognitive mappings. Sollen letztere gesellschaftliche Komplexität reduzieren helfen und Übersicht schaffen, so wird mit der Überwachung eine Überprüfungsmöglichkeit dafür geschaffen. Und gleichzeitig die vorhandenen Bilder bestätigt, gefestigt und als feedback loop zu einer sich selbst stützenden These der "Wirklichkeit" - eine Hyperrealität, die sich von ihren datengebenden Wirklichkeit immer weiter entfernt. Und nicht zuletzt erzeugt auch Überwachung neue Bilder, neue Perspektiven der Wahrnehmung, die im ständigen Prozess des individuellen und gesellschaftlichen mappings wiederum zu neuen Bildern führen. Somit erzeugt diese Dynamik Bilder, Einstellungen und beeinflusst die vorhandenen gesellschaftlichen Bilder und cognitive mappings von Bürgern, Akteuren und Institutionen.

Eine Forschung, die sich diesen Aspekten von Überwachung zuwendet, untersucht dann zunächst nicht die rechtlichen oder sozialen Konsequenzen der Technologien und Verfahren, sondern fragt nach den Ursachen, Gründen und Vorraussetzungen für Überwachung - und letztlich nach den anthropologischen Vorraussetzungen. Erst in zweiter Linie geht es dann um die Konsequenzen für Recht, gesellschaftliches Leben und die eventuellen Folgen für z.B. Prozesse der Ausgrenzung, des social sorting und des Datenschutzes. Mit dem Blick auf ein cognitive mapping können die anthropologischen Vorraussetzungen erfasst werden.

Die Hamburger Untersuchung zu Video-Überwachung und cognitive mappings, thematisiert einige dieser grundlegenden Fragen will mit den Ergebnissen zu einer Diskussion jenseits von plumper Zustimmung oder Ablehnung von Überwachung - in diesem Fall Videoüberwachung - beitragen. Dabei geht es unter anderem darum, inwiefern Video-Überwachung und ihre Diskurse das Handeln im und die Wahrnehmung von Raum beeinflussen. Aber auch: inwiefern vorhandene Bilder und Wahrnehmungen von Raum (Raum als soziale, politische und geographische Entität, die nicht notwendigerweise mit einem physisch vorhandenem Raum korrespondiert) Strategien, Einstellungen und Diskurse zu Video-Überwachung formen und steuern.

Einige erste Auswertungen der Interviews und Kartierungen weisen darauf hin, das Zusammenhänge zwischen den subjektiven Wahrnehmungen und einer Einschätzung des Sinn und Zwecks von Videoüberwachung bestehen. Das umfasst auch die zustimmenden oder ablehnenden Haltungen gegenüber vorhandenen oder geplanten und erwünschten Maßnahmen.

Darüber hinaus verdeutlicht die Forschung, dass das Thema Videoüberwachung gerade nicht auf vereinfachte Fragen zur Zustimmung und im Zusammenhang mit Kriminalität untersucht werden darf. Die Kenntnisse von und die Einstellungen zu der Technologie zeigen vielmehr die Widersprüche in der Beurteilung der Maßnahme im Hinblick auf Fragen der Überwachung, der (Selbst-)Kontrolle und ihre Wirkung für das räumliche Verhalten. Der Vergleich von cognitive mappings und den Aussagen zu Videoüberwachung heben gerade diese Widersprüche und gegenseitigen Abhängigkeiten hervor. Letztlich wird dabei auch deutlich, inwieweit das Schlagwort des "subjektiven Sicherheitsgefühls" innerhalb der Sicherheitsdiskurse benutzt und manipuliert wird. Aber gerade weil es funktioniert, lassen sich auf dieser Grundlage auch wiederum neue Bilder und Repräsentationen konstruieren und über die feedback loops der mappings und der daraus entstehenden "Hyper-Realitäten" gesellschaftliche Realitäten und Wahrnehmungen steuern. Überwachung ist somit nicht ausschließlich auf die Kontrolle und Überprüfung von Menschen ausgerichtet, sondern auf die Steuerung gesellschaftlicher Diskurse und die Erzeugung von Bildern - und andersherum.

In den cognitive mappings sind somit die Beweggründe und Argumentationslinien für die sichtbare Überwachung durch Technologien zu finden.