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Sabine Witt

Die Auflösung der Kategorien Zeit und Raum als Methode
literarischer Selbstinszenierung in den Romanen von Curzio Malaparte


Zeit und Raum sind, neben Erzähler, Figuren und Handlung, zwei der jedem fiktionalen Text inne wohnenden Kategorien; denn ein jeder Erzähltext bildet Wirklichkeit ab bzw. erfindet sie neu und muss sich deshalb unserer auch in der Realität vertrauten Dimensionen bedienen.

Im Folgenden möchte ich einen Blick werfen auf die spezielle Bedeutung der narratologischen Kategorien Zeit und Raum in Curzio Malapartes berühmten Romanen Kaputt (1944; dt. Kaputt erstmals 1951) und La pelle (1949; zunächst auf frz. 1949: La peau; dt. Die Haut 1950).

Das fiktionale Werk von Curzio Malaparte (1898-1957) ist in Deutschland in den letzten Jahren recht in Vergessenheit geraten, denn er ist bei uns weniger durch sein literarisches Schaffen in Erinnerung geblieben als durch seine schillernde, exzentrische Persönlichkeit, seiner manière de vivre und nicht zuletzt sein Haus auf Capri, die „Casa come me“ (das „Haus wie ich“), das seit seiner Erbauung in den 30er Jahren von großem, auch touristischen, Interesse ist. In jüngster Zeit erfährt Malaparte nun erfreulicherweise auch im deutschsprachigen Raum ein literarisches Comeback: Nachdem bereits 1995 anlässlich des 50. Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkriegs einige seiner Bücher neu herausgegeben wurden, erscheinen 2005 in Deutschland, 60 Jahre nach Kriegsende, mehrere Studien zu Malaparte , und sein wohl bekanntester Roman Kaputt wird vom österreichischen Zsolnay-Verlag neu aufgelegt, versehen mit einem aktuellen Nachwort von Lothar Müller und einem tabellarischen Lebenslauf von Ralph Jentsch. Meines Erachtens erfolgte die Neuauflage zu Recht: Denn kaum ein anderer europäischer Autor hat die Schrecken des Krieges in Europa und der Nachkriegszeit in Italien so eindringlich geschildert wie das Enfant terrible der italienischen Literatur: Curzio Malaparte, Schriftsteller, Journalist, skandalumwitterter Individualist und Opportunist.

In den Jahren 1941 bis 1943 durchstreifte Curzio Malaparte als Kriegsberichterstatter für den „Corriere della sera“ die Ostfront. Die dabei entstandenen Berichte bildeten zunächst das Rohmaterial für seine Reportagensammlung Il Volga nasce in Europa (1943; dt. Die Wolga entspringt in Europa 1979) und schließlich für Kaputt. Dies zeigt, dass die in diesem Roman geschilderten Ereignisse und Erlebnisse eine unverkennbar hinter dem fiktionalen Diskurs stehende Realität widerspiegeln und verarbeiten – auch wenn die Handlung oft als apokalyptisch verfremdet erscheint. Lothar Müller spricht in dem bereits erwähnten Nachwort der Neuauflage von einem „ostentativen Realismus“ . Eingebettet in eine kapitelweise wechselnde Rahmenhandlung in Stockholm, Krakau, Helsinki, Berlin, Lappland und Rom schildert der Ich-Erzähler, der den Namen Malaparte trägt und auch sonst deutliche Affinitäten zum Autor aufweist, jeweils ausgehend von einer Gesprächssituation, rückblickend Geschehnisse auf den verschiedensten Kriegsschauplätzen in Ost- und Nordeuropa – meist persönliche, grausame und erschütternde Erlebnisse. So kommt es zu einem ständigen Wechsel von unterschiedlichen Zeitpunkten und Räumen. Diese Verschachtelung von Erzählgegenwart mit weiter zurückrei¬chenden Analepsen und die damit einhergehenden ständigen Schauplatzwechsel sind das Form bestimmende Charakteristikum von Kaputt. Sie durchziehen den gesamten Text und enthalten ihrerseits weitere Rückerinnerungen, wodurch Kaputt einen zerrissenen, fragmentari¬schen Charakter erhält und sich Zeit und Raum gleichsam auflösen An folgendem Beispiel soll dieses zunächst exemplarisch erläutert werden, um daran anschließend die so gewonnenen Erkenntnisse zu generalisieren und ihren Sinngehalt in Bezug auf den Icherzähler bzw. Autor darzulegen.

Das Beispiel:

„Es ist der Nordwind“, sagte Prinz Eugen
[= Erzählgegenwart]
„Ja, es ist der Wind Kareliens“, sagte ich, „ich erkenne seine Stimme.“ Und ich begann vom Walde von Raikkola zu sprechen und von den Pferden des Ladogasees zu erzählen.
[= Erzählgegenwart, aber bereits Einleitung zur Analepse im direkt darauf folgenden Kapitel]
Die Eispferde
An jenem Morgen ging ich mit Svartström, um nachzusehen, wie die Pferde aus ihrem Gefängnis im Eis befreit wurden.
[= Rückerinnerung 1. Stufe: Analepse aus der Erzählgegenwart heraus]
[...]
Es war voriges Jahr gewesen, im Oktober. Die finnischen Vorhuten hatten die Wildnis des Vuoksen durchdrungen und standen am Eingang des unabsehbaren Urwaldes von Raikkola.
[ = Rückerinnerung 2. Stufe: Analepse in der Analepse]
[...]
Eines Abends hatte während eines Essens in der spanischen Gesandtschaft in Helsinki der spanische Gesandte, Graf Augustin de Foxà, begonnen, von einem Stück Menschenfleisch zu erzählen, das die Sissits im Brotbeutel jenes russischen Fallschirmspringers gefunden hatten.
[ = Rückerinnerung 3. Stufe (gleichzeitig ist auch eine weitere Rückerinnerung, nämlich des Grafen de Foxà, enthalten.)]
[...]
„Nicht wahr, Svartström“, sagte ich, “du wärst imstande, ein Stück Menschenfleisch zu rauchen?”
[= Rückerinnerung 2. Stufe]
[...]
An jenem Morgen gingen wir, um zuzusehen, wie die Pferde aus ihrem Eisgefängnis befreit wurden.
[= Rückerinnerung 1. Stufe]
[...]
Im Zimmer ist es jetzt völlig dunkel geworden. Der Wind hat eine hohe, traurige Stimme, zwischen den alten Eichen des Oakhill[...].
[= Erzählgegenwart]

(Kaputt 2005, S. 60-74)

Der in der Erzählgegenwart in Stockholm herrschende Nordwind und eine Bemerkung von Prinz Eugen darüber erinnern den Ich-Erzähler an eine weiter zurückliegende Begebenheit. Im direkt folgenden Kapitel „Die Eispferde“ berichtet er dann davon: Vom Eis im Ladogasee überraschte und darin erfrorene Pferde sollen aus ihrem schauerlichen Gefängnis befreit werden. Dieses ist die erste Stufe der Rückerinnerungen. Innerhalb dieser schildert der Narrator, wie es im Vorjahr dazu gekommen war, dass sich die Pferde in den See stürzten, was eine weitere zeitliche Rückwärtsentwicklung bedeutet. Auf dieser zweiten Stufe der Rückerinnerung entsinnt sich der Narrator einer Begebenheit in der spanischen Botschaft in Helsinki (dritte Stufe), in die wiederum eine Erinnerung des dort Anwesenden spanischen Gesandten Graf de Foxá eingewoben ist (vierte Stufe). Nach und nach arbeitet sich der Erzähldiskurs wieder nach vorn, um in einem letzten Schritt in die Erzählgegenwart nach Stockholm zu Prinz Eugen zurückzukehren. In diesem Exempel gehen somit die Analepsen Schritt für Schritt immer weiter in die Vergangenheit zurück und werden dann ebenso kontinuierlich und chronologisch in die Gegenwart des Ich-Narrators zurückgeholt. In anderen Fällen dagegen werden Stufen auf dem Weg nach vorn übersprungen, und der Diskurs setzt sich nach einer weiter zurückliegenden Rückerinnerung direkt in der Erzählgegenwart fort. Der Rezipient fühlt sich deshalb manchmal orientierungslos, wird in Zeit und Raum hin und her gerissen, ist ob des schnellen Wechsels verwirrt und kann an manchen Stellen nicht sofort nachvollziehen, was gerade der Aktionsraum ist, in welcher Zeitstufe er sich gerade befindet. Dies – auch ein Versuch, die Gleichzeitigkeit des Krieges an vielen verschiedenen Orten darzustellen – ist ein bewusstes Stilmittel, das der Autor in erster Linie in Hinblick auf das Ich des Textes einsetzt: Der Leser soll gleichsam teilhaben am Gefühl des Verlorenseins, der Heimatlosigkeit und des Umherirrens des Ich-Erzählers auf seiner grässlichen Odyssee durch das kriegsgebeutelte Europa. Damit sind wir bei der Bedeutung des steten Zeit- und Raumwechsels für den Narrator, der diese vielen verschiedenen Zeitabschnitte und Schauplätze des Zweiten Weltkriegs, auf denen er immer wieder seine Heldenhaftigkeit unter Beweis stellt, zur Inszenierung seines eigenen Ich nutzt. Das fragmentarische Gestaltungsprinzip von Kaputt betont seine, auch in anderen stilistischen Mitteln erkennbare, extreme Mittelpunktstellung. Ihm genügen die Erlebnisse der Gegenwart nicht, zur Vervollständigung der Selbstdarstellung muss er weitere Geschehnisse um die eigene Person aus mehreren Vergangenheitsstufen heranziehen; denn nicht nur in der Erzählgegenwart hat das Ich Interessantes, ja Unerhörtes über sich zu berichten, nein auch zu verschiedenen früheren Zeitpunkten hat es Ungewöhnliches erlebt. Dadurch wird das Bild, das sich der Rezipient vom ihm macht, kompletter und vielschichtiger. Winfried Wehle erklärt die zentrale Darstellung des Ich-Bewusstseins, die verbunden ist mit der Aufhebung der chronologischen Zeitordnung und einer durch sie fest gefügten Handlung zugunsten einer so genannten „durée intime“ sowie subjektiver Assoziationen als eine Interiorisierung des Erzählens .

1944 übernimmt Curzio Malaparte in Neapel die Stellung eines Verbindungsoffiziers zwischen den Alliierten und den Italienern. Die Erlebnisse dieser Zeit finden ihren literarischen Widerhall in seinem zweiten berühmten Roman La pelle, der nach seinem Erscheinen wegen seiner krassen und überzeichneten Realistik, mit der der Autor Leben und Leiden in Neapel schildert, einen Skandal hervorrief. Der schon in Kaputt auffäl¬lige Fragmentarismus ist auch in La pelle zu beobach¬ten, wenn auch nicht in derselben Ausprägung. Auch hier sind analepti¬sche Einschübe auszuma¬chen, die die gleiche Funktion wie in Kaputt haben: Wie dort erinnert sich der Narrator auch in La pelle an Orte aus der eigenen Vergangenheit, um die Bühne für die Darstellung des Ich zu vergrößern. Auffälligerweise richten sich hier die Rückblicke immer wieder an Schauplätze, die in Kaputt Aktionsraum waren. Dadurch kommt es zu einer Verflechtung der beiden großen Romane Malapartes. Eine weitere in Bezug auf unsere Thematik interessante Verbindung zwischen den beiden Erzähltexten erzielt der Autor dadurch, dass sich sein Ich-Erzähler, der auch in La pelle wieder den Namen Malaparte trägt und dessen Vorname Curzio hier nun sogar fällt, an mehreren Stellen als der Autor von Kaputt zu erkennen gibt, von anderen Romanfiguren als dieser erkannt und angesprochen wird. Darüber hinaus gibt es, wie in Kaputt, zahlreiche Hinweise auf die Autorenbiographie (aber hier wie dort auch viele den Ich-Erzähler betreffende Umstände, die ganz offensichtlich rein erdacht sind), so dass eine scheinbare Einheit von Autor und Erzähler entsteht. Der Leser wird dadurch dazu verführt, den realen Autor Malaparte mit der gleichnamigen, fiktiven Romanfigur gleichzusetzen. Die Intention des Verfassers, mit seinem literarischen alter Ego verwechselt zu werden, ist offensichtlich. Wirft man einen Blick auf das erzählerische Gesamtwerk des Autors, so ergibt sich diesbezüglich eine deutliche Steigerung von seinen frühen Erzähltexten (Avventure di un capitano di sventura [1927]) und Don Camaléo [1928 bzw. erstmals vollständig 1945]) bis zu den hier besprochenen: Der Ich-Erzähler hat in La pelle den Höhepunkt seiner Entwicklung erreicht. Malaparte versucht hier, mehr noch als zuvor in Kaputt, mit Hilfe seines Ich-Narrator – der in der literarischen Fiktion z. B. den Einzug der Alliierten in Rom anführt und die grandiose Landschaft um sein Haus auf Capri selbst erschaffen haben will –sein eigenes Leben zu verfremden, ja zu glorifizieren. Sieht man sich einige biographische Veröffentlichungen über ihn an, denkt man an die Vorstellungen, die über sein Leben kursieren, so scheint ihm dies tatsächlich gelungen zu sein. Sowohl Kaputt als auch La pelle überschreiten also durch die Gestaltung des Ich-Erzählers die Grenze zwischen Fiktion und Realität, wodurch der Leser Gefahr läuft, die fiktionalen Texte als real zu rezipieren. Dies wird durch den realen Hintergrund von Zweitem Weltkrieg und Nachkriegszeit, mag er auch zum Teil überzeichnet und surrealistisch verfremdet sein, sowie topographische Genauigkeit verstärkt.

Kehren wir abschließend zurück zu den Kategorien Zeit und Raum und versuchen diese mit dem Ich-Erzähler zu verbinden. Sowohl in Kaputt als auch La pelle fungiert die Vervielfältigung, ja Auflösung der zeitlichen und räumlichen Strukturen hauptsächlich als große Bühne für den in beiden Romanen äußerst positiv dargestellten Ich-Erzähler, der sich auf ihr selbst bejubelt und glorifiziert Da der Autor Malaparte eine Identifikation mit diesem Ich-Erzähler anstrebt, dient ihm die zeitliche und räumliche Ausgestaltung zur eigenen, außerfiktionalen Inszenierung und verklärend-idealisierenden Neuerfindung. Dies ist, provozierend gesagt, der eigentliche Sinn und Zweck von Kaputt und La pelle. Die Gräuel von Krieg und Nachkriegszeit dienen lediglich als Kulisse für das Erzähler-Autoren-Ich namens Curzio Malaparte.