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Peer Stolle und Tobias Singelnstein

Räumliche Konfigurationen in der Sicherheitsgesellschaft
Formen von Kontrolle und Ausschluss als Bestandteil neoliberaler Sozialkontrolle


In den vergangenen Jahrzehnten fanden (u.a.) in den westlichen Industriegesellschaften grundlegende gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Umwälzungen statt, die sich als Übergang vom Fordismus zum Neoliberalismus beschreiben lassen. Dieser Wandel hatte er-hebliche Auswirkungen auf den Bereich sozialer Kontrolle: Veränderte Ziele und Strategien wie auch gänzlich neue Formen und Techniken sozialer Kontrolle können sowohl als Ergeb-nis wie auch selbst als Motor dieses gesellschaftlichen Umbruchs analysiert werden. Insbe-sondere sind neben die klassische bessernde Disziplinierung Techniken der Kontrolle und des Ausschlusses getreten. Für verschiedene dieser Formen kommt dem Aspekt Raum in Verbin-dung mit Zeit besondere Bedeutung zu - auf materieller wie auf virtueller Ebene.
Der Vortrag will die genannte Entwicklung vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Transfor- mationsprozesse darstellen und schlägt vor, diese unterschiedlichen Aspekte neoliberaler Sozialkontrolle unter dem Begriff der Sicherheitsgesellschaft zu diskutieren. Hiervon ausgehend sollen verschiedene neue Formen und Strategien, die mit Raum-Konfigurationen arbeiten, in Konzept, Funktion und Wirkung dargestellt werden.

I. Gesellschaftlicher Wandel
Die vergangenen vierzig Jahre waren von einem umfangreichen gesellschaftlichen Paradig-menwechsel gekennzeichnet. Ökonomisch können diese Transformationsprozesse als Über-gang von Fordismus zum Neoliberalismus bezeichnet werden. Die durch hohe Arbeitsteilung und stupide und gleichförmige Arbeitsschritte gekennzeichnete Fließbandproduktion in der Fabrik wurde abgelöst durch eine hoch flexibilisierte, automatisierte und globalisierte Welt-wirtschaft, in deren Mittelpunkt nicht mehr der Einheitsarbeiter mit klarer Erwerbsbiographie steht, sondern der Typus eines flexiblen Gesamtarbeiters, der in der Lage ist, sich ständig än-dernden situativen Verwertungsanforderungen anzupassen. Diese ökonomischen Veränderun-gen waren begleitet von einem massiven Abbau staatlicher Leistungen im Bereich der sozia-len Daseinsvorsorge und der Ausrichtung sämtlicher gesellschaftlicher Bereiche auf das Pri-mat der Ökonomie, während gleichzeitig durch die Umstrukturierungs- und Deregulierungs-prozesse eine enorm hohe Zahl an Arbeitskräften "freigesetzt" wurde. Parallel zu diesen öko-nomischen Transformationsprozessen fand ein umfassender sozialer und kultureller Wandel statt, der sich vor allem durch eine Ausdifferenzierung und Pluralisierung der Lebensstile und Wertvorstellungen auszeichnete. Die bürgerliche Kleinfamilie und das Reihenhaus samt Kleingarten und Mittelklassewagen waren nicht mehr die alleinigen Werte, die als gesell-schaftlich erstrebenswert angesehen wurden.

II. Umbrüche im Bereich sozialer Kontrolle
Von diesen Veränderungen wurden sowohl der Gegenstand als auch die Funktion sozialer Kontrolle erfasst. Im Fordismus wies Sozialkontrolle noch einen stark normierenden und dis-ziplinierenden Charakter auf. Soziale Kontrolle war darauf ausgerichtet, den einzelnen Delin-quenten für seine Normübertretung zu bestrafen und mittels der Strafe auf ihn einzuwirken, um eine zukünftige Normverletzung zu verhindern. Diese bessernde, disziplinierende Funkti-on zielte darauf ab, eine Akzeptanz der herrschenden Ordnung und des ihr zu Grunde liegen-den Normsystems zu erzwingen. Als Gegenleistung wurde die Möglichkeit der baldigen (Re)Integration des Delinquenten angeboten. Deutlich wird diese Funktion sozialer Kontrolle an den in dieser Zeit entwickelten Kriminalitätstheorien, die psychologische, sozialstrukturel-le oder sozialisationsbedingte Defizite als Ursache für Abweichung ausgemachten. Diese Sichtweise hat sich durch die beschriebenen gesellschaftlichen Veränderungen radikal gewandelt: Die täterzentrierte Sichtweise (insbesondere strafrechtlicher und/oder staatlicher) Sozialkontrolle geriet durch verschiedene Faktoren unter Druck. Zunächst setzte sich empi-risch die Erkenntnis durch, dass Kriminalität ubiquitär und somit jeder grundsätzlich delin-quent ist. Darüber hinaus geriet das für solche Strategien notwendige allgemeingültige Norm-system in Auflösung: Täterzentrierte Sichtweisen können nur dann greifen, wenn ein enges Korsett an gesellschaftlich anerkannten Normen existiert, anhand derer die Behandlung des Delinquenten vollzogen werden kann. Die Pluralisierung und Ausdifferenzierung von Wertvorstellungen und Lebensstilen aber erschwerte eine solche Vorgehensweise zumindest. Schließlich büßten traditionelle Disziplinierungs- und Normierungsinstitutionen wie Kirche, Schule, Fabrik und Familie enorm an Autorität ein, während gleichzeitig integrative Schran-ken wegbrachen.

III. Neue Formen sozialer Kontrolle
Damit wurden neue Strategien der sozialen Kontrolle einerseits notwendig. Andererseits waren und sind sie auch selbst Motor und Bestandteil des gesellschaftlichen Umbruchs. Neben die Disziplinierung sind Techniken getreten, die sich als Kontrolle und des Ausschlusses charakterisieren lassen. Während erstere vornehmlich auf die Selbstführung derjenigen setzten, die zu den Noch-Inkludierten gerechnet werden können, zielen letztere auf diejenigen ab, die von den Versprechen des Neoliberalismus nicht mehr erreicht werden können und sollen. Obwohl beide Strategien von ihrem Gegenstand und ihrer Zielsetzung sich stark voneinander unterscheiden, weisen sie doch in der Praxis eine notwendige Komplementarität auf. Kenn-zeichnend für beide ist ihr Abschied von einer täterzentrierten Sichtweise: Der Täter als Per-son verliert zunehmend an Bedeutung; statt dessen rückt die Tat in den Mittelpunkt. Krimino-logie und Kriminalpolitik beziehen sich nicht mehr auf Persönlichkeitsmerkmale des Täters, sondern auf Faktoren, die die Gelegenheit für eine Tat bestimmen. Maßgebend sind dabei ei-nerseits räumlich-situative Strategien, die auf die Veränderung von Tatsituationen abzielen; andererseits aber auch Techniken, die sich in ihrer Wirkung virtualisieren. Die Aufgabe einer täterzentrierten Sichtweise in der Kriminologie und Kriminalpolitik wurde forciert durch einen Risikodiskurs und theoretisch unterfüttert durch ökonomische Gesellschafts- und Verhaltensmodelle. Die Annahme einer Allgegenwart von Risiken und Risikoträgern führte zu einer Konjunktur räumlich-situativer Strategien, die unter dem Aspekt der Verhaltensbeeinflussung darauf abzielen, die Weiterentwicklung eines Risikos zu einer Gefahr oder sogar zu einem Schaden präventiv zu unterbinden. Sie funktionieren weitgehend unabhängig von der individuellen Person und schreiben sich stattdessen in den konkreten räumlich-situativen Kontext ein. Architektur, Stadtentwicklung, Umfeldgestaltung, Raum-struktur und Kommunalpolitik sind Bereiche, die zunehmend von kriminalpräventiven und risikoabwehrenden Aspekten beherrscht werden. Gated Communities, Crime Prevention through Environmental Design, Defensible Space, Kriminalgeographie, situative und kom-munale Kriminalprävention sind Beispiele für eine Reihe von Konzepten, deren Ziel in der Umgestaltung von Räumen und Situationen nach ordnungs- und sicherheitspolitischen Vor-stellungen gesehen werden kann. Darauf aufbauende präventive Strategien zeichnen sich vor allem durch einen manipulativen und ausschließenden Charakter aus und richten sich durch ihren räumlichen Bezug grundsätzlich an alle.
Diese Entwicklung lässt sich nicht alleine in materiell existenten Räumen beobachten. Entsprechend der zunehmenden Bedeutung von Leben, Kommunikation und sozialer Zusam-menkunft in virtuellen Räumen, entwickeln sich ebenso die dargestellten Formen sozialer Kontrolle auch in diesem Bereich. Dabei können zwei Aspekte unterschieden werden: Zum einen ermöglicht die mit dieser Entwicklung einhergehende technische Entwicklung ganz neue Formen von Kontrolle, die nicht alleine den virtuellen Raum betreffen, sondern sich bspw. auch in den beschriebenen situativen Kontrollformen zeigen. Vor allem aber macht die Entstehung eines solchen virtuellen Raums - in dem Gesellschaft und Leben ebenso stattfin-den wie in materiell existenten Räumen - virtuelle Formen sozialer Kontrolle für diesen Raum notwendig. Dies betrifft ganz vorrangig den Bereich der Kommunikation, sei es über Telefon, Handy oder Internet. Nicht nur die Inhalte solcher Kommunikation, sondern auch die Verbindungsdaten werden für soziale Kontrolle immer stärker herangezogen. Dabei steht immer w eniger die traditionelle, täterzentrierte Überwachung im Vordergrund und auch der hier ebenso mögliche Ausschluss ist nicht vorrangig. Als zentral können vielmehr die neuartigen Strategien der Kontrolle aufgefasst werden, die sich im virtuellen geradezu vorbildhaft her-ausbilden: Erfasst und kontrolliert werden hier nicht einmal mehr nur bestimmte Orte und Punkte, die als besonders riskioträchtig angesehen werden, wie dies bei situativen Formen der Fall ist. Vielmehr geht das Bestreben dahin, alles zu erfassen und einer Kontrolle auf Abwei-chung hin zu unterziehen, wie sich bspw. in der geplanten Speicherung aller Verbindungsda-ten zeigt. Problematisch ist dabei angesichts des technischen Fortschritts nicht mehr die Erhe-bung von Daten, sondern die Filterung von Informationen aus diesen erhobenen Daten.
Diese Formen von Kontrolle werden somit auf zwei Wegen wirksam: Zum einen ermöglicht die Erfassung und Auswertung der Daten im virtuellen Raum eine umfassende Registrierung von und Reaktion auf Abweichung. Zum anderen führt das Bewusstsein der dauernden Kon-trolle zu einer als Fremdführung wirkenden Selbstführung, wie sie oben bereits dargelegt wurde. Gleichzeitig zeigen sich hierbei Verbindungen zum materiell existenten Raum, wenn sich bspw. mittels Telekommunikationsüberwachung Personen orten und Bewegungsbilder erstellen lassen oder aus den umfänglichen Datensammlungen Persönlichkeitsprofile sowie sonstige Schlüsse für Sozialkontrolle im materiell existenten Raum ziehen lassen und damit ganz neue Formen von Kontrolle möglich machen.
Zusammenfassend kann daher festgehalten werden, dass die meisten Menschen zwar keine persönlichen Erfahrungen mit schwerwiegender Kriminalität gemacht haben, sie aber den-noch im stetig zunehmenden Maße mit Sicherheitsstrategien konfrontiert werden, deren Po-tential zur Verhaltenbeeinflussung und Lebensbeeinträchtigung in einigen Bereichen das der Gefahr einer Viktimisierung übersteigen könnte. In diesem Zusammenhang von einer Sicher-heitsgesellschaft zu sprechen, erscheint uns daher analytisch angemessen.