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Annika Schlee
Martina Seidel

Grenzgänge, Grenzzwänge
Aspekte von Grenzerfahrungen am Beispiel des Films Lichter


1 Einleitung

Einst eine Stadt, sind Frankfurt und Slubice heute getrennt durch die Oder nicht nur als Fluss, sondern auch als Staatengrenze. Als 2003 der Film Lichter (Hans-Christian Schmid) entstand, war die deutsche Ostgrenze auch jene der EU. Kann man den FLUSS über eine Brücke überqueren, so braucht es für den GRENZübertritt mehr; nicht Jedem steht dieser frei. Wir sehen mehrere Grenzgänge. Deutsche und Polen passieren den Grenzübergang mehr oder minder unbehelligt und zügig. Ukrainer ohne deutsche Einreiseerlaubnis stoppen vor der Grenze; ihre Versuche, diese illegal zu überqueren, sind mühevoll und gefährlich.Lichter ist ein Episodendrama, das fünf oder sechs Geschichten relativ autonom mit nur wenigen Überschneidungen erzählt. Ort und Zeit sind sehr eng begrenzt. Die Erzählung beschränkt sich in etwa auf 2 Tage und Nächte in Slubice und Frankfurt. Die Kamera wandert von Ort zu Ort zwischen den parallel laufenden Episoden. Die rasante Dramaturgie unterstützt die einzelnen Geschichten, in denen die Zeit drängt oder lebenswichtige Entscheidungen getroffen werden. Die Ortswahl ist bezeichnend; Frankfurt gilt als sozial explosiv. Auch Andreas Dresens Halbe Treppe entwickelte hier großartige Konflikte.

Wir betrachten hier, welche Konflikte dargestellt werden und wie dadurch Zwänge deutlich werden, welche beeinflussen, ob die Figuren ihre Ziele verwirklichen können. Wir beleuchten diese Zwänge und wie die Figuren wegen oder trotz ihnen handeln.


2 Narrativ des Scheiterns

Lichter beginnt mit einer seltsam ambivalenten Szene: Menschenschmuggler treiben eine Gruppe von Ukrainern aus einem Lastwagen und erklären ihnen, sie seien am Ziel, unmittelbar vor Berlin. Die Zuschauerin ist gleichzeitig mißtrauisch und hoffnungsvoll neugierig. Kurz darauf ist klar, die letzte Grenze wurde nicht überwunden, die Flüchtlinge sind in Slubice gestrandet. Ein gigantisches Scheitern, dem weitere folgen. Von vier Männern, welche die illegale Einreise versuchen, ertrinkt einer und werden drei vom Bundesgrenzschutz aufgegriffen. Der Fluss verhindert auch Mitjas Grenzübertritt, so dass seine Familie freiwillig nach Hause umkehrt. In Frankfurt geht Ingos Matratzengeschäft Bankrott, auch die Kreditaufnahme bei der IHK mißlingt. Simone findet für kurze Zeit Arbeit bei Ingo, steht aber nach seiner Pleite wieder auf der Straße, „irgendwie kann ich keinen Job länger als zwei Tage behalten.“ Philip sieht seinen Fassadenentwurf kurz vor der Verwirklichung, als der Bauherr den Geldhahn zudreht und gerade bei der Fassade Einsparungen anordnet.Selbst Sonja, die mit ihren materiellen und geistigen Ressourcen von äußeren Zwängen wenig eingeschränkt zu werden scheint, kann in die Topographie des Scheiterns eingefügt werden. Kolja, für den sie Gesetze gebrochen hat, erweist sich als möglicherweise UNWÜRDIG. Nachdem sie ihn über die Grenze geschmuggelt hat, bestiehlt er sie. Unwürdig oder nicht? Diese Unterscheidung ist an der internationalen Grenze als Ausschlußkriterium rechtlich geregelt und wird anhand Paß- und Visumskontrolle getroffen.

Neben dem den Episoden übergeordneten Thema des Scheiterns können wir die Darstellung vielfältiger Zwänge ausmachen. Dieser wollen wir uns im Folgenden widmen. Eine Besonderheit ist der Drehbuchzwang: Die Entscheidung, daß die Kamera nicht zeitgleich an verschiedenen Orten sein kann, führt die Dramaturgen dazu, wichtige Ereignisse in verschiedenen Episoden in eine günstige Zeitfolge zu bringen. Auch entscheiden die Autoren, welcher Filmzwang (Grenze, Gewalt, usw.) wirkt und inwieweit die Figuren autonom handeln.

Keiner scheint seine Ziele verwirklichen zu können. Dabei sind das ganz kleine Ziele. Ingo sucht eine geschäftliche Zukunft in Frankfurt mit einem Matratzenladen. Antoni und Milena wollen ihrer Tochter ein Kommunionskleid kaufen. Mitja und Anna wollen die Oder überqueren. Alle treffen sie auf Zwänge, die der Verwirklichung ihrer Ziele entgegenstehen. Wenige Zwänge können überwunden werden, viele führen zum Scheitern. Dabei sind die Schicksale verwoben. Das Scheitern von Annas Familie bedeutet das Ende für Antonis Hoffnung, das Geld für das Kleid zu verdienen. Er überwindet sich schließlich zum Diebstahl; doch Ironie bestimmt das letzte Bild: Antonis Mühen waren umsonst, Milena hat Marysia selbst ein Kleid genäht.


3 Zwänge und Widerstand

In ihrem Bestreben, ihre Ziele zu verwirklichen, überschreiten die Figuren Grenzen. Wir möchten hier zwei Grenzen herausstellen: die internationale Grenze, die zwischen Frankfurt und Slubice dem Lauf der Oder entspricht, und die weniger greifbare Grenze von Anstand und Moral. Diese Grenzen bilden selbst Zwänge, welche Menschen in ihrer Handlungsfreiheit einschränken, und sie werden durch weitere Zwänge geschaffen und gestärkt: Gesetze, Geld, Gewalt.

3.1 Mitja und Anna: Familie und Geld
Selbst mit einem kleinen Kind treten Mitja und Anna die gefährliche Reise nach Deutschland an. Sie haben entschieden, daß sie als Familie in Deutschland eine gesicherte Zukunft aufbauen können. In Slubice stehen sie vor der Herausforderung, nach Hause umzukehren oder die Grenzüberquerung zu versuchen. Sie können nicht so scheinbar unabhängig entscheiden wie die alleinreisenden Männer, die wenig risikoscheu sind. Mitja vertritt, dass sie den Grenzübertritt in Angriff nehmen sollten, da sie dem Ziel so nah sind. Anna wehrt ihn als verrückt ab und nimmt ihm das Baby weg. Trotzdem versuchen sie die Flußdurchquerung. Anna vergewissert sich, ob die Familie im Mittelpunkt von Mitjas Entscheidung steht, indem sie ihre Zustimmung mit der Frage verknüpft: „Liebst du mich?“ Die Familie steht im Mittelpunkt. Und so kehren sie um, als sich die Grenzüberquerung als zu gefährlich erweist.


3.2 Ingos Geldnot
Auch Ingo trifft auf Probleme, er hat nicht das nötige Geld, die legalen Wege zu benutzen. Er fährt Auto ohne Führerschein und wird von einem Polizeibeamten angehalten und am Weiterfahren gehindert. Aus demselben Grund, sein Geschäft zu erhalten, entsorgt er die Altmatratzen seiner Kunden illegal.

3.3 Gewalttätige Zweckgemeinschaft: Andreas wehrt sich, nachdem er die Liebe entdeckt hat
Marko und Andreas sind Brüder in einer Lebensgemeinschaft mit ihrem Vater Maik. Die Vierte im Bunde, Katharina, hilft den Männern beim Zigarettenschmuggel. Andreas stellt seine Bindung an diese Gemeinschaft zunächst nicht in Frage. Er bricht Gesetze und hilft Katharina zum Ausbruch aus dem Jugendheim, zieht aber nicht die Flucht vor seinem prügelnden Vater und Bruder in Betracht. Erst zwei neue Entwicklungen lassen ihn sich wehren. Andreas verliert die Hoffnung auf Katharinas Liebe und Marko übernimmt Maiks Vormachtstellung. Daraufhin verrät Andreas den nächsten Schmuggelversuch an den Zoll.

3.4 Kolja und Sonja: Die Grenze unterlaufen
Der Film beginnt mit Koljas Erzählung über die Flucht seines Bruders vor einer Razzia‚ die mit einem Beinbruch und der Ausweisung endete. Kurz darauf begegnen die ukrainischen Flüchtlinge Trampern: „Die fahren einfach so nach Berlin.“ Der Unterschied wird klar, als Illegaler kann Kolja nicht „einfach so“ nach Deutschland. Er durchquert die Oder trotzdem, wird aber vom BGS aufgegriffen und landet in einer institutionalisierten Situation. Der BGS-Beamte muß in seiner Rolle als Vertreter der deutschen Staatsgewalt und Wahrer der Einwanderungsgesetze Kolja nachweisen, dass er aus Polen (= sicheres Drittland) eingereist ist. Der Beamte übt diese Rolle mit spezifischen Verhaltensweisen aus: Er unterstellt Kolja Falschaussage und er wird laut. Scheffer (2003) formuliert, dass im Asylverfahren, wovon Kolja eine Vorform erlebt, Unentscheidbares entschieden wird. Im Film erfüllt der Beamte seine Aufgabe, Kolja wird ausgewiesen.

Sonja, die Dolmetscherin im Entscheidungsverfahren, will Kolja helfen und ihm nachreisen. Ihr Freund Christoph argumentiert dagegen, Koljas Ausweisung sei geregelt, sie könne ihm nicht anders helfen als mit Geld. Sonja stellt Christophs Wissensstand in Frage, eine Überweisung sei unmöglich und Kolja werde nicht von Beamten bis in die Ukraine geleitet, sondern würde am nächsten Tag schon wieder in Slubice zu finden sein. Christoph stellt grundlegend Koljas Ziel in Frage, der wolle doch nur Geld. Er grenzt Kolja von boat people ab und unterscheidet so zwischen berechtigter und unberechtigter Flucht. Auch Felgner (in einer weiteren Episode) vereinfacht das Fremde und legitimiert so die Handlungsweise, die ihm derzeit günstig erscheint. Gegen Philips moralische Bedenken kreiert er mit beschränktem Wissen ein Regelwerk für „den Osten“, das Prostitution normalisiert: „Das macht man hier anscheinend so. Willkommen in der Wirklichkeit!“

Sonja tritt als weitgehend autonom unter den Figuren hervor und widerspricht mit ihrem Verhalten dem staatlichem Streben nach Souveränität. Dabei baut dieses Souveränitätsstreben darauf auf, dass der Staat im Interesse der Gemeinschaft handelt (vgl. Beitz 1991: 244). Sonja agiert als Teil der Gemeinschaft und stellt damit diese Grundannahme in Frage.


4 Schluß

Die Figuren reagieren auf Zwänge, ob sie diese als solche identifizieren oder nicht, auf verschiedene Weisen. Antoni geht immer weiter in der Verfolgung seines Zieles, erst gegen staatliche Gesetze, letztlich gegen moralischen Anstand. Andreas orientiert sich um in seiner Zielsetzung: erst verstößt er gegen staatliche Gesetze, dann setzt er die Staatsgewalt gegen seine Familie ein, um Mißhandlung zu entfliehen oder vorrangig gegen seinen Bruder Marko, der ihn in Sachen Liebe ausgestochen hat. Während Ingo seine geschäftlichen Ambitionen aufgibt und sich als gescheitert darstellt, bittet Simone ihn umzudenken und zu erkennen, dass Geld nicht alles ist.

Allein Sonja glückt mit Kolya die illegale Einreise nach Deutschland. Wenn trotzdem Scheitern den Film am stärksten prägt, so stellt das die Zwänge, die mit Grenzen verbunden sind in den Mittelpunkt. Grenzen sind nicht moralisch neutral, sondern zwingen Menschen, ihre Handlungen an ihnen auszurichten. Die Oder, als Grenze ihrer Flusslichkeit beraubt (hier verkehrt kein Schiff), wird Wohlstandsgrenze und Todesstreifen.


5 Literatur

BEITZ, Charles R.: “Sovereignty and morality in international affairs“ in: David Held (ed.): Political theory today Cambridge, UK: Polity Press 1995 [1991], 236-54.

SCHEFFER, Thomas: „Kritik der Urteilskraft – Wie die Asylprüfung Unentscheidbares in Entscheidbares überführt“, in: Jochen Oltmer (Hg.): Migration steuern und verwalten, IMIS-Schriften 12, Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien, Göttingen: V&R unipress 2003, 423-458.