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Klaus-Bernhard Roy

Arbeitszeit – Lebenszeit: versperrte „Wege ins Paradies“


1. Der Beitrag fragt nach den Bedingungen und Wegen einer humanen Gestaltung von Ar-beitszeit und Lebenszeit. Diese Thematik fand ihre öffentlichkeitswirksame Hochkonjunktur in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts und hat angesichts der sozioökonomischen und politi-schen Problemkontexte im modernen Kapitalismus nichts an Aktualität verloren.

Dennoch ist eine spezifische Ausblendung derjenigen Konzeptionen zur Veränderung von Arbeitszeit festzustellen, die auf eine Ausweitung individuell oder gar sozial nutzbarer Lebenszeit abheben.
Dies gilt in erster Linie für einen in der intellektuellen, ja auch in Teilen der politischen Debatte einmal weit verbreiteten Ansatz kapitalismuskritischer Arbeitszeitkonzeptionen, die „Wege ins Paradies“. Anfang der 80er Jahre hat der französische Philosoph Andre Gorz dies in die gesellschaftspolitische Debatte eingebracht und eine stärker selbstbestimmte Nutzung von Arbeitszeit und Lebenszeit mit sozialen Bindungsmustern vorgeschlagen. Ein solcher An-satz ist von deutlich anderer gesellschaftsemanzipatorischer Qualität als jene Optionen auf eine „Bürgergesellschaft“ im Sinne von U. Beck oder L. Späth, in der bei aller Beschwörung des Sozialengagements die ungeklärte materielle Grundlage und die in Kauf genommene so-ziale Selektivität eher eine legitimatorische Instrumentalisierungsoption darstellen.

Aber selbst für solche Ansätze gilt, es dominiert statt dessen ein noch stärker neoliberal geprägtes Arbeits- und Lebenszeitverständnis, dass den sich wandelnden gesellschaftlichen Produktions- und Reproduktionszusammenhang aufgreift und diskursiv unterfüttert.

2. Mit dem sich wandelnden Kapitalismus werden auch in den gut situierten Gesellschaften die Zeit-Verhältnisse doppelt prekär.
*Für die wachsende Zahl der Arbeitslosen bringt die Nicht-Erwerbsarbeit eine weitgehende Destrukturierung der gewohnten Zeitmuster und einen weittragenden Sozialstatusverlust. Denn bezahlte Arbeit (neben der meist kaum erreichbaren Option des vom Zinsertrag leben Könnens) ist und bleibt weiterhin das zentrale gesellschaftliche Leitbild, obwohl die Arbeitsgesellschaft als Nukleus individueller und sozialer Teilhabe für eine wachsende Zahl von Menschen eine gar nicht mehr erreichbare Realität ist.
*Für eine zunehmende Zahl der Arbeitszeitnehmer haben neue Logistik- und Wissensstrukturen eine neue Qualität weitreichender Aneignung der Lebenszeit zur Folge - etwa im Lebensplanungsprozess der gut verdienenden Single oder Spät-Paare, für die eine umfassende Verfügbarkeit für den Arbeitszeitgeber im Unternehmen oder auch am heimischen Arbeits-platz Karrieremotto und Selbstverständnis zu gleich ist. Soziologisch und interessenpolitisch gilt dies insbesondere für dienstleistende Gruppen der aufstiegsorientierten Angestellten, die zumeist fernab traditioneller, etwa gewerkschaftlich geprägter Arbeitszeitmuster denken und handeln (und u.a. sich deshalb kaum klassisch organisieren).
*Nicht zuletzt und äußerst prominent sowie politikwirksam haben betrieblich und unternehmensorientierte Arbeitszeitstrategien und damit verbundene Gebote, wie Lebenszeit zu nutzen ist, an Gewicht gewonnen. Die „atmende Fabrik“ mit ihrem Flexibilierungsdogmen für maschinen- und logistikabhängigen Einsatz menschlicher Arbeit ist weit mehr als eine wirk-same Managementstrategie, die durchaus selektiv auch Arbeitsplatzinhaber sowohl schützen als auch deren Lebensmuster formen kann. Flexibilität um fast jeden Preis prägt die Ausei-nandersetzungen nicht nur zwischen Tarifparteien, sie ist politikwirksam bis hinein in die bundesdeutsche Arbeits- und Sozialpolitik geworden (Hartz und die Folgen).

3. Alte und neue Kontoversen zur Arbeitszeitpolitik haben starken Einfluß auf Inhalte und Umsetzungschancen gesellschaftlich wirksamer Alternativkonzeptionen. Dabei ist das diskursive „Klima“ erst einmal eher ungünstig.
Arbeitszeitpolitik gilt landläufig als Anachronismus. Die großen Emanzipationshoffnungen und / oder Ziele, mittels einer Arbeitszeitverkürzung Arbeitslosigkeit bekämpfen zu können, hatten keine starke Wirkung, sie waren bereits in den 90er Jahren kaum noch durchsetzbar. Davon abgesehen, gelten Arbeitszeitmodelle der Gewerkschaften als tendenziell selektiv im Sinne eines Schutzes der organisierten und beschäftigten Klientel, Arbeitszeitflexibilisierung wirkt eher als Element der Durchkapitalisierung der Gesellschaft.
Dennoch finden sich in den tariflichen und betrieblichen Modellen der Arbeitszeitkonten, der Kombination von individuellen Arbeits- und Qualifikationsphasen Elemente aus eben jenen gesellschaftspolitischen Utopien von A. Gorz, in denen Selbstbestimmung der Zeitnutzung eine so große Rolle spielt.
Die Suche nach humanen und sozialen Alternativen im sich wandelnden Kapitalismus hat Gorz auf den Doppelcharakter von Arbeit bezogen, wobei neben den materiellen Aspekten der Lohnarbeit eben auch Selbstentfaltung und soziale Definition des Einzelnen ein zentrale Rolle spielt. Anders als neoliberale Modelle zu einer allgemeinen sozialen Grundsicherung bzw. negativen Einkommenssteuer, die letztlich auf eine soziale Verwaltung steigender ar-beitsgesellschaftlicher Desintegration hinauslaufen, zielt sein Umbau der Arbeitsgesellschaft auf eine Differenzierung zwischen weiterhin fremdbestimmter (und notwendiger) Erwerbsar-beit, selbstbestimmter Eigenarbeit und autonomen Tätigkeiten jenseits materieller Motivatio-nen. Selbstbestimmte Eigenarbeit, durch ein soziales Grundeinkommen materiell ermöglicht, solle im gesellschaftlichen Entwicklungspfad des Kapitalismus verschüttete Formen der so-zialen Selbstorganisation von Produktion und Reproduktion wieder erlauben und dabei nicht nur als Subsistenzwirtschaft sondern als moderner und wissensbasierter informeller Sektor sich entwickeln können. Der Dualismus aus formellem und informellem Sektor, die Fortexis-tenz des kapitalistischen Arbeitens, allerdings von starker Arbeitszeitumverteilung geprägt, und ein selbstbestimmter Arbeits- und Lebensbereich, der mehr sein soll als Kompensation nicht mehr erreichbarer Lohnarbeit und neue gesellschaftliche Sozialformen mit ausprägen könnte, hat ein hohes Maß an gesellschaftpolitischer Attraktivität. Diese Attraktivität zeigte sich nicht nur in der selektiven Rezeption im politisch-kulturellen System der BRD, wobei ei-ne mittlerweile längst davon abgerückte Partei die Alternativen jenseits der klassischen Lohn-arbeit und Lebenszeit für sich diskutierte.
Die Idee der stärker selbstbestimmten Arbeits- und Lebenszeit in einer Gesellschaft, deren Produktivitätsentwicklung einen enormen Wandel der Arbeitsverhältnisse kennt, ist hochgradig attraktiv – aber voraussetzungsvoll.

4. In Diskursen zur Politisierung der Problematik einer ungleich verteilten Arbeitszeit als Voraussetzung für Lebenszeitgestaltung ist nicht nur zu reflektieren, wie unter den Bedingungen eines globalen und mit gesellschaftlicher Totalität wirkenden postfordistischen Kapitalismus Alternativszenarien überhaupt möglich oder eher unmöglich sind (J. Hirsch).
Es stellt sich ebenso die Frage, ob Lernprozesse und soziale Bereitschaften in konkreten Lebenslagenverteilungen vorhanden sind, auf die klassische Nutzung der Lebenszeit als bezahlter Arbeitszeit partiell oder weitgehend zu verzichten. Damit steht dann ganz banal aber wirkungsmächtig die Frage nach gesellschaftlicher Solidarität im Blickpunkt, die sich nicht nur auf das Reizthema der Finanzierung einer sozialen Grundsicherung reduziert, sondern auch in Richtung Akzeptanz von Tätigkeitsmustern jenseits der klassisch für das Sozialprestige relevanten Erwerbsarbeit gehen dürfte.