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Annett Herrmann

Im Schachspiel der Zeiten.
Über den „Neuen Geist des Kapitalismus“ und die Unordnung der Zeiten.


I. In Jetztzeit auf den glatten Oberflächen des projektbasierten Kapitalismus
Netz, Netzwerk, Projekt, Flexibilität, Mobilität, Selbstorganisation, Innovation, Projekt sind positiv besetzte Stichworte, die das Gesicht der Arbeit grundlegend verändern. Der Begriff des Netzwerks bildet heute den Kontrastbegriff zur starren, vertikalen Hierarchie und ist stark positiv besetzt. Die Einrichtung einer projektbasierten Polis hingegen, die an Staat und Recht gebunden und auf das Allgemeinwohl gerichtet bleibt (Boltanski/Chiapello), verleiht der Form des Netzwerkes eine politisch legitime Gestalt. Die projektbasierte Polis als ideales Gesellschaftskonzept, bezeichnet einen neuen Typen eines Rechtfertigungsregimes mit seiner spezifischen Form von Gerechtigkeit, die einer vernetzten Welt entspricht. Diese neue an Bedeutung gewinnende Rechtfertigungslogik hat ihr eigenes Vokabular und betont ins Besondere die Mobilität, die Verfügbarkeit und die Vielzahl an Kontakten. Boltanski/Chiapello orientieren sich an Max Webers Gedanken, wonach die vorherrschende Wirtschaftsform einer spezifischen religiös-kulturellen Geisteshaltung entsprungen sei. Demnach bedarf der Kapitalismus auch heute einer spezifischen Ideologie, so dass er die für seine Produktion und den Fortgang der Geschäfte notwendigen Personen geistig an sich binden kann. Das Netzwerk realisiert wie stabilisiert sich so, im Gegensatz zum Netz, durch konventionalisierte Muster von Moralität, Gemeinsamkeit und Gefühl, die auf der Gerechtigkeitsdimension der projektbasierten Polis lagern. Nicht zu letzt aus diesem Grund ist auf einer Dollarnote „IN GOD WE TRUST“ zu lesen – Gott und Geld, das Duo infernale. Der kapitalistische Geist bleibt, wie Boltanski/Chiapello zeigen, auf seine Kritiker angewiesen, die ihn im Hinblick auf Gerechtigkeitsprinzipien und persönliche Entfaltung korrigieren und rechtfertigen. Kritik verschafft dem Kapitalismus einerseits Kontinuität und kann auch zu einem Veränderungsfaktor des Kapitalismus werden. Die Kritik hat demnach konkrete Folgen auf die Rechtfertigungen des Kapitalismus. Den Autoren zufolge verdankt der Geist des Kapitalismus sein Anpassungsvermögen der gegen ihn gerichteten Kritik und seiner Fähigkeit, diese Kritik konstruktiv zu verarbeiten.
Nicht nur die soziale Repräsentation und Rechtfertigung wirtschaftlicher Zusammenhänge haben sich nach Boltanski/Chiapello in der projektbasierten Polis verändert, sondern auch die Vorstellung vom Sozialen und die Beziehungen des Einzelnen zur gesellschaftlichen Gemeinschaft, ihren Wertgefügen und Gerechtigkeitsordnungen insgesamt. Der heutige Managementdiskurs, so Boltanski/Chiapello, stellt die kulturellen Codes für die neue Phase dieses Wandels bereit. Was gefragt ist, sind die neuen Leitbilder: Polyvalenz, Einsetzbarkeit, Verfügbarkeit, Mobilität, Aktivität, Teamfähigkeit, Kurzlebigkeit, Akzeptanz und Toleranz aller Werte, sowie die Ablehnung von Stabilität, von Bürokratie und Beamtenstatus, Verwurzelung, Bindung an Personen und Dinge. Das Leben wird als eine Folge von Projekten aufgefasst, die die Fähigkeit voraussetzen, neue Bindungen einzugehen. Dabei ändern sich die Arbeitsstrukturen hin zu flexibler Arbeitsorganisation und einer großen Reserve an Zeitarbeitskräften. Das Idealbild einer Gesellschaft, die von dauerhaften Bindungen frei ist, in welcher alle Akteure ein Maximum an individueller Mobilität aufweisen und sich auf die für sie profitabelste Weise miteinander „vernetzen“ und das jeweils auf Zeit, stellt nur auf den ersten Blick ein Chaos dar und ist nicht frei von Hierarchien. Was grenzen und blenden die neuen Leitbilder aus? Ein Wirtschaftssystem, das auf Dauer bestehen will, muss die Erwartungen nach Autonomie und Sicherheit erfüllen (Boltanski/Chiapello), doch die Ein- und Ausschlussmechanismen innerhalb der neuen Netzwerke verweisen auf Grenzen und Widersprüche sowie auf eine permanente existenzielle Unsicherheit und sind mit Exklusion und Prekarisierung verbunden. Die Neuzusammensetzung der Arbeit beschreibt erstens eine neue Art der Arbeit, die zweitens aus der postfordistischen Neuorganisation resultiert, die wiederum drittens auf immaterielle Arbeit basiert und viertens auf informatisierte und computerisierte Netzwerke aufbaut. Der neue Geist des Kapitalismus (Boltanski/Chiapello) bringt Veränderungen mit sich, die massiv auf die Lebenswelt und deren Zeitkonstruktionen wirken. In Anlehnung an Hardt/Negri kann Boltanskis/Chiapellos projektbasierte Polis als „glatte Welt“ bezeichnet werden, die frei von „Einkerbungen“ besteht, d.h. keine klaren Grenzen zwischen Territorien, zwischen kapitalistischem Staat und Arbeit, zwischen Privatheit und Beruf zieht; Kurz: frei von jeglichen Differenzen gehalten wird.
So glatt wie die Oberflächen der projektbasierten Polis, so homogen erscheint das hegemoniale Zeitkonzept, dass die Daten- und Informationstransfers, die Arbeitsstrukturen und den Lebensalltag koordiniert wie synchronisiert. Die Dauer eines Ereignisses schrumpft zu einer bestimmten Quantität physikalisch definierter Zeit. Dadurch werden Lage und Dauer von unterschiedlichen Vorgängen einer bestimmten Zeitstelle und Zeitdauer zugeordnet und durch Standardisierung prinzipiell synchronisierbar. Die Einbindung von Gesellschaften in marktwirtschaftlich-organisierte, gesellschaftsformierende Strukturen, ist demnach mit einem abstrakten, weltzeitlichen Raum- und Zeitregime verbunden. Dabei dient die Weltzeit als temporaler Grundmodus und Struktur, während die Jetztzeit gleichsam als Handlungsimperativ aus dem off fordernd, mit ihren nanosekündlichen Intervallen der neuen Informationsstruktur entspricht. Dieses chronometrische Zeitregime tritt dominant gegenüber der alltagsweltlich banalen Raum-Zeiterfahrung der Menschen hervor. Im Sinne Foucaults können Zeitnormierungen als eine Form gesellschaftlicher „Normalisierungsmechanismen“ durch Macht aufgefasst werden. Solche Strategien konvergieren zur Ökonomisierung der Zeit, durch die Herrschaftsverhältnisse aufrechterhalten und soziale Ungleichheitsprozesse verstärkt werden. Mit de Saussure gesprochen, gleicht das hegemoniale Zeitkonzept einem Schachspiel, indem die Spielregeln definiert sind und somit die Funktionen der einzelnen Figuren wie die Figuren selbst. Es scheint, als ob der Kapitalismus und sein Management alle seine Gegner vereinnahmt oder anderweitig aus dem Spiel geschlagen hat. Platzverweis für Stabilität und Sicherheit!


II. Die konnexionistische Welt und ihre Einkerbungen
Das Verhältnis von Ökonomie und Gesellschaft lässt sich als kein einseitiges Unterordnungsverhältnis des Sozialen unter das Ökonomische begreifen. Auch auf der vermeintlich glatten weltzeitlichen Zeitstruktur lassen sich “Kerben“ auffinden, so dass sich soziale Zeit gegenüber spezifischen Zeitkonstruktionen wie beispielsweise der metrischen Zeit, durch Qualitäten und Diskontinuierlichkeiten auszeichnet. Die Metapher der Einkerbungen soll im zeittheoretischen Zusammenhang verdeutlichen, dass zu einem bestimmten historischen Moment innerhalb einer Gesellschaft nicht eine einzige Bestimmung von Zeit notwendig vorhanden ist, sondern dass einer spezifischen Konstruktion von Zeit Hegemonie verschafft wird. Es existieren neben hegemonialen Zeitdiskursen parallel immer auch (marginalisierte) Zeitkonzepte, die sich einer Angleichung widersetzen. Die Vorstellung einer „verfügbaren“ Zeit, die sich einteilen lässt und auf die Zukunft verweist, kann als Produkt des gesellschaftlichen Differenzierungs- und Rationalisierungsprozesses beschrieben werden, der in die Etablierung der projektbasierten Polis mündet. Die apparative Zeitmessung, die sich als besondere Zeitorganisation durch die Entwicklung und die Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft verbreitete und sich bis hin zur Atomuhr entwickelte, täuscht dabei nur Exaktheit vor, auch wenn diese in Nanosekunden gemessen wird. Jede Zeitkonzeption scheint eine spezifische Sprache zu sprechen. In eine Zeitkonzeption einzutreten, heißt deren „Sprache“ zu sprechen und zu verstehen. Eine Zeitstruktur nicht zu verstehen, würde bedeuten, sich in eine Zeit eingesetzt zu fühlen. Ein Beispiel hierfür wäre die Einführung der metrischen Uhr in den Arbeitsprozess, die stark umkämpft war und besonders eindrucksvoll in dem Film „Modern Times“ mit Charly Chaplin umgesetzt wurde. Es geht also um Strukturen, die bestimmten Zeitkonzepten entsprechen. Dabei ist eine Struktur ein diskursives Phänomen und beruht auf diskursiven Stabilisierungsprozessen. Temporale Strukturen werden über Exklusionsprozesse als auch über Grenzziehungen – über ein „konstitutives Außen“ (Derrida) und dem Prinzip der Performanz – hergestellt. Es gibt also unterschiedliche Strukturen von Zeit mit je unterschiedlichen Handlungsimperativen und -zuschreibungen, so dass das oben erwähnte „weltzeitliche Schachspiel“ eine mögliche Konzeption von Zeit unter anderen darstellt. Dabei besteht zwischen den einzelnen Strukturen zunächst keine Ordnung oder Hierarchisierung. Die Unordnung als Nicht-Ordnung der Zeiten wird allerdings darüber versucht zu zähmen, dass über eine hegemoniale Praktik „Programme“ für Handlungen bereit gestellt werden. Die Repräsentation eines bestimmten Zeitkonzeptes, das Soziales koordiniert/bewegt, ist nicht selbstverständlich, sondern vielmehr von Kräfteverhältnissen, Interessen und Strategien ermöglicht und stabilisiert. Die lineare Weltzeit lässt sich in diesem Zusammenhang als eine „Objektivierung der Objektivitäten“ (Foucault) beschreiben. Die Konzeption eines äußerlichen und statischen Verhältnisses von Ökonomie, Politik und Gesellschaft setzt Zeit und Raum in feste Schemata ein. An die Stelle einer einfachen Gegenüberstellung von Beschleunigung und Entschleunigung lässt sich Foucaults reflexiver Modus von Regierung als „Führen der Führungen“ setzen. Das heißt, dass neben Sanktionen und Gewalt auch optionelle „Freiräume“ und konsensuelle Handlungsformen in den Blick der Machtverhältnisse geraten. Zeitmanagementpraktiken geraten dabei ebenso kritisch ins Blickfeld wie auch Entschleunigungsbestrebungen. Eine neoliberale Harmonie chiffriert Strukturen, die über Grenzziehungen und Exklusionsprozesse hergestellt werden und in die metrische Zeit als konsistent gedachte Weltzeit eingelassen sind, doch sie kann sich nicht von Irritationen frei machen.
Der Objektivierung der Zeit als messbare Größe zum Trotz, weisen unterschiedliche, gesellschaftliche und lebensweltliche Felder Eigenzeiten (Nowotny) auf, die sich dem Hegemonienanspruch des ökonomischen Systems entziehen, so dass sich soziale Zeit als eine Pluralisierung von verschiedenen Zeitformationen ausweist. Wie kann die Beziehung zwischen verschiedenen, einerseits geschlossenen und andererseits sich konstituierenden Zeitformationen gedacht werden? Zeitformationen entfalten sich in ausdifferenzierten und dynamischen Gesellschaften. Sie verzweigen, differenzieren und spezialisieren sich innerhalb kulturspezifischer Differenzierungsmodi. Soziale Zeit als vielschichtige Heterogenität entfaltet sich am alltäglichen Wissensstand. In diesem Zusammenhang kann man von einer Hybridisierung sozialer Zeitformationen ausgehen, so dass sich verschiedene Zeitkonstruktionen und Zeitdiskurse überlappen und nicht nur eine Bestimmung von Zeit Wirkungsmacht besitzt. Zeitformationen als konstruiertes und gesellschaftskonstituierendes Koordinationssystem lassen sich in einem Zeitnetz begreifen, dass verschiedene Netzzeiten umfasst. Dieses Netzartige betonen Deleuze und Guattari in ihrem Rhizommodell, das bestehende Strukturen auf eine Vielfalt zurückzuführen und ihres universalen Status zu entkleiden versucht. Mit Hilfe dieses Modells können temporale Aspekte analysiert und auf ihre Heterogenität zurückgeführt werden. Die Zeitstruktur, definiert als rhizomische (Herrmann), lässt sich schwerlich auf einen Ursprung, bspw. den der zyklischen Zeit zurückführen, sondern lässt sich als Mannigfaltigkeit begreifen. Zeit kann so in ihrer Heterogenität und Vielheit berücksichtigt werden. Die chronometrischen Kriterien werden aufgrund des Chronotops-Charakters der sozialen Zeit keineswegs ausgeschlossen, sondern als eine Dimension – ein Plateau – der sozialen Zeit kenntlich gemacht. Die rhizomische Struktur der Zeit unterstreicht einen immer wieder stattfindenden Aufbau von Strukturen, so dass die Akzeptanz mehrerer Zeitkonzepte aus verschiedenen Blickwinkeln und Teilsystemen der Gesellschaft hervorgehoben wird. Nicht nur die Idee eines einheitlichen Zeitkonzeptes geht verloren, sondern einzelne Zeitformationen erzeugen erst die Zeitorganisation, die sich in verschiedenen Zeitsamplings zeigt. Die metrische Zeit als Weltzeit und konsistent gedachte hat dabei nicht als Hegemonialprojekt abgedankt. Die rhizomische Zeitstruktur hat ihren Sitz im Ganzen und nicht in spezifischen Elementen oder in spezifischen Zeitkonzeptionen.
Die Grundlage unseres Zeitbewusstseins liegt vermeintlich nicht so sehr in der objektiven Zeit und ihren Herrschaftsstrukturen, sondern vielmehr in aktiven (intentionalen) und konstruktiven Wahrnehmungsakten. Meines Erachtens scheint das eigenständige Kombinieren von Zeitformationen in den Alltag bereits eingegangen zu sein, ohne das es immer konkret bewusst wäre. Die von mir vorgeschlagene rhizomische Zeitstruktur nimmt diesen Gedanken auf und ist als Kritik an der Widersprüchlichkeit und Unvollständigkeit der Eindimensionalität einer zeittheoretischen Epochengliederung und deren ökonomischen Hegemonialbestrebungen zu verstehen, sowie als Kritik an der Starrheit, in Gegensatzpaaren – in Dichotomien – zu denken. Zeitvorstellungen sind konstituierend für soziale Realitäten und verschiedene Kulturen wie Lebenswelten verweisen auf spezifische Zeitkonzepte, die mit der rhizomischen Zeitstruktur in den Blick genommen werden können. Die Dominanz eines Zeitkonzeptes kann eine vielschichtige Welt nicht ausreichend beschreiben und birgt Konfliktpotenziale zwischen Nationen, Regionen, Geschlechtern und Individuen in sich. Mit Hilfe der rhizomischen Zeitstruktur kann sich Kapitalismuskritik auf den neuen Geist und auf die Vielschichtigkeit gesellschaftlicher Strukturen besinnen und orientiert sich nicht an vergangenen Kritiken und überholten linearen und dichotomen Strukturen.