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Thomas Günther

Arbeitszeit im Neoliberalismus
Stichpunkte zur Suche um Hegemonie in der flexibilisierten Bundesrepublik


In der fordistischen Fabrik wurden über die tayloristische Arbeitsorganisation alle Arbeits¬abläufe zeitlich genau erfasst und in einzelne optimierte Handgriffe zerlegt. Die Ausführung und Planung von Arbeit waren von einander getrennt. Die Maschine war das bestimmende Moment, an das der Mensch angepasst wurde. In gewisser Hinsicht entspricht diese Fabrik¬form dem von Foucault ausformulierten Bethamschen Panoptikum, in dem die Beschäftigten räumlich fixiert sind und die Überwachung in Funktionen von Vorarbeiter, Werkschutz und Arbeitgeber räumlich flexibel ist (durch Möglichkeit der Überwachung von Übersichts¬türmen, halbdurchlässigen Spiegeln etc.). „Herrschaft über die Zeit war das Geheimnis der Macht der Betreiber, und die Bewegungsfreiheit der Insassen einzuschränken, sie in routinisierten Zeitabläufen zu binden, war die Form, in der sie Macht ausübten“ (Bauman). Bauman beschreibt daraus hervorgehend eine räumliche Flexibilisierung der Bewachten. Es zeigten sich Nachteile der panoptischen Organisierungsform indem über die örtliche Fixierung der Arbeitenden eine Verantwortung für diese Individuen übernommen wird, die Verwaltung und Kosten verursacht. Soziale Verantwortung wird nun in den neoliberalen Umgestaltungen zunehmend individualisiert, d.h. vom Arbeitgeber und dem Sozialstaat auf den Einzelnen, die Familie oder die „Assoziationen“ übertragen (z.B. mehr private Versorge im Gesundheitsbereich). Die Betonung des Individuums gegenüber einer sozialen Regulierung ist trotz der Widersprüchlichkeiten von neoliberalen Theorien und Politiken ein gemeinsames Element. Die Fragestellung, ob das Individuum diese Leistungen übernehmen kann, bleibt bislang im öffentlichen Diskurs – in dem sich neoliberale Bruchstücke durchgesetzt haben – eine Randfrage.

Im Folgenden soll die Bandbreite der Flexibilisierungen von Arbeit dargestellt werden. Diese gelten in variablen Mischungen für jeweils unterschiedliche Beschäftigtenschichten. In einigen Milieus sind aber auch recht große Beharrlichkeiten vorhanden. So reicht die Breite der raum-zeitlichen Ausgestaltung von Arbeitsverhältnissen von einem in sich relativ (im Vergleich zu anderen) stabilen Fabrikarbeitermilieu bis zu einer über Regulations- und Interessensorganisationsgrenzen (Gewerkschaften) hinausreichende „New Economy“. Einige erfolgreiche Unternehmenskonzepte bestehen in einer Mischung von nahezu unberührten Kernbelegschaften und zunehmenden so genannten „prekären Beschäftigungsverhältnissen“ oder „atypischen Erwerbsformen“. Es ist zu berücksichtigen, dass sich auch die Anteile der in den jeweiligen Arbeitsformen Beschäftigten verschieben. Diese verschiedenen Umgestaltungen können nur schwerlich als einheitlich und gleichzeitig charakterisiert werden. Es werden jedoch in den Transformationen gemeinsame Verläufe sichtbar, wobei mindestens die Aufweichung der fordistischen Strukturierungen von Arbeitsverhältnissen (die auch nicht einheitlich waren) ein gemeinsames Element ist. Dies tangiert die grundsätzliche Problematik, die bei der Beschreibung von postfordistischen Transformationen auftaucht. Fordismus und Postfordismus erscheinen als in sich geschlossene und stimmige Konzepte. Es finden jedoch derzeit rapide Umgestaltungen statt, die nicht beendet sind. So kann auch schon der Begriff des Postfordismus als problematisch betrachtet werden, da er den Fordismus als vergangen Zeitabschnitt unterstellt und sich selbst als zementierten Zustand verstehen könnte. Auch wenn es an manchen Stellen des Vortrags als kategorialer Wechsel erscheint, sollen im Folgenden lediglich Trends und Verschiebungen in einem Handlungsfeld aufgezeigt werden. Dabei bedeuten die raumzeitlichen Flexibilisierungen der Arbeit für die Mehrheit der Beschäftigten keine Befreiung von den Fesseln, auch wenn für einige Beschäftigtengruppen tatsächlich Handlungsspielräume erweitert wurden. Die Menschen sind jedoch weiterhin – nur auf andere Weise – in das Kapitalverhältnis integriert.

Die Flexibilisierungen in der Produktion können in drei Dimensionen stattfinden:

I. Arbeitnehmer werden häufig einer inhaltlichen Flexibilität unterworfen. Organisationssoziologisch sind rotierende Aufgaben sinnvoll, da so Reibungs¬verluste verringert werden können, die Kooperationsbereitschaft sich erhöht und das Verantwortungsbewusstsein der Mitarbeiter – auch für nicht in der Arbeits¬platzbeschreibung stehende Aufgaben – steigt. In flexiblen Managementstrategien werden konkrete Entscheidungen in untere Ebenen verlagert, was die Motivation steigern soll. Die fordistische strikte Trennung von Planung und Ausführung wird dabei abgebaut. In den entstehenden diffusen Handlungsfeldern stehen die Beschäftigten unter größerem Druck, da die Erfolgszuschreibung willkürlicher geworden ist und der Arbeitgeber einen größeren Interpretationsspielraum über die Leistung bekommen hat. Diese Arbeitsorganisation erhöht nicht nur die Kooperation der Mitarbeiter, sondern auch ihre Konkurrenz untereinander (z.B. um die Aufgaben).

II. Es wird zeitliche Flexibilität erhöht. Dies betrifft die konkrete Tageszeit der Arbeit und auch den Umfang der Arbeit in einem bestimmten Zeitraum. Treibende Kraft hierbei sind nicht die individuellen Wünsche der Arbeitnehmer und ihre freie Zeiteinteilung (auch wenn dies bei verschiedenen Modellen ein Effekt ist und als Triebfeder suggeriert wird), sondern eine Anpassung der Produktion an die Auftragslage (mögliche Regulationsform: Arbeitszeitkonten, befristete Arbeitsver¬träge). In den postfordistischen Transformationen werden noch zwei weitere Aspekte des Wandels der Arbeitzeit sichtbar: Eine Verschiebung der Grenze zwischen Arbeits- und Freizeit über die Forderung nach der Verlängerung der Lebens- und Wochenarbeitszeit und einer Aufweichung der Grenze zwischen Arbeits- und Freizeit bzw. hin zu einer Transformation dieser Zeiteinteilung zur Lebenszeit. Der postfordistische Abbau der Abgrenzung von Arbeitszeit und Freizeit über Flexibilisierung hat einige weit reichende Folgen. Die Wahl der Arbeitszeit schwankt zwischen der Möglichkeit von freier selbst gewählter Zeiteinteilung und dem entgegen einer ökonomisch determinierten flexiblen Zeitstruktur oder sogar der Lebensbedingung immer zu Arbeiten (bspw. auch in der so genannten Freizeitgestaltung eigentlich Firmenkontakte zu pflegen). Es entstehen größere Unterschiede bei den Möglichkeiten eine „Work-Life-Balance“ zu halten. Dabei haben gefragte Arbeitnehmer wesentlich größere Entscheidungs¬möglichkeiten, als jene aus Branchen, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind.

III. An den Arbeitnehmer werden höhere gesetzlich vorgeschriebene Anforderungen zur räumlichen Flexibilität gestellt (z.B. Zumutbarkeitskriterien für Arbeit bezüglich Entfernung bei Anfahrt und Umzug). Gleichzeitig entsteht ein Druck der Unternehmen selbst räumlich Flexibel sein zu sein. Die Raumnutzugsstrategien von Unternehmen – in weiterer Abstraktion: des Kapitals – sind in die postfordistischen Transformationen einbezogen. Im Fordismus bestand das vorherrschende Konzept in einer Ausweitung im Raum und der Kontrolle über diesen Raum. Die Fabriken und Lager bedeuteten eine erhebliche räumliche Kapitalbindung. Die Ausweitung der Produktion bewirkte eine Senkung der Stückkosten und führte zu Umsatz, Gewinn und weiterem Wachstum. Die Investitionen hatten langfristigen Charakter und benötigten ein stabiles Regulationsregime. In den postfordistischen Transformationen sind nun räumliche Flexibilität und eine schnelle Bewegung durch den Raum gefordert. Dabei entwickelt das abstrakte Kapital eine Geschwindigkeit im Raum der die lebendige Arbeit (durch ihre Bindung an den Körper) nicht folgen kann. Die Möglichkeiten zur räumlichen Unabhängigkeit von Arbeit (z.B. durch moderne Kommuni¬kationstechnik) haben nur kaum Auswirkungen. Arbeit scheint trotz des technischen Fortschritts ohne konkreten Kontakt zwischen räumlich nahen Mitarbeitern/Arbeitgebern nur schwer möglich.

Eine räumliche Analyse kann neben der Stadt, Konflikten zwischen Stadt und Land auch Staat und somit Nation meinen. Mit der Entstehung von Nationalstaaten bildeten sich Wirtschaftszonen mit homogenisierten Räumen (z.B. auch GG Art. 72 zur Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet, Raumordnungsgesetz). Der Sozialstaat und ein egalisierendes Arbeitsrecht vereinheitlichen die Arbeitsverhältnisse in einem abgegrenzten Raum (vgl. Castel). Weiterhin wurden im bundesdeutschen Korporatismus Flächentarifverträge geschaffen, durch die innerhalb des jeweiligen Tarifgebietes ein gleicher Lohn für eine entsprechende Arbeit festgelegt wurde. Das heißt, es wurden auch soziale Unterschiede in einem Raum vereinheitlicht. Bei den Flexibilisierungsprozessen werden einzelbetriebliche und regionale Lösungen immer wichtiger (z.B. Sonderwirtschaftszonen, Leuchtturmregionen, föderaler Wettbewerb und Konkurrenz zwischen Städten, Ballungen und Cluster). Sennett beschreibt Flexibilität als Fähigkeit (z.B. eines Baumes bei Wind) für eine begrenzte Zeit die Form zu wandeln und danach in den vorherigen Zustand zurück zu kehren (vgl. Sennett). Bei den derzeitigen Umgestaltungen geht es jedoch um etwas anderes: Um eine langfristige Umgestaltung. Hinter der Forderung um Flexibilisierungen im Flächentarifvertrag verbirgt sich das Ziel seiner Auflösung und damit eine massiver und langfristiger Umbau des Wirtschaftssystems der Bundesrepublik. Arbeitnehmer werden eher geschwächt, als zur Flexibilität gestärkt. Diese Flexibilisierungen bedeuten in ihrer Gesamtheit keine Deregulierung, d.h. einen Rückzug des Staates aus der Ausformulierung von Regelungen. Vielmehr kann eine flexibilisierte Re-Regulierung der Arbeit beobachtet werden. „Gerade die Eingriffe des Staates in die Sphäre der Erwerbsarbeit, insbesondere in den Randlagen von Arbeitsmarkt und Beschäftigungssystem, waren noch nie so mannigfaltig wie heute“ (Vogel). Es entstehen – um Flexibilität ermöglichen zu können – wesentlich komplexere und umfangreichere gesetzliche Vorgaben. Der Staat steht bei der Umgestaltung nicht außen vor, sondern er ist Ort der Ausgestaltung konkreter Regeln. Mit seiner zivilgesellschaftlichen Erweiterung besteht ein intermediärer Raum der Auseinandersetzung um die Inhalte der Regulierung. Hegemonie ist, trotz der Versuche dieses Model – auch über die europäische Wirtschaftszone – auf die globale Ebene zu heben und trotz allen Entstaatlichungsprognosen und -entwicklungen, an den Nationalstaat gebunden. Er ist und bleibt ein wichtiger Auseinandersetzungsraum.

Die Flexibilisierungen der Arbeitswelt könnten sich als Befreiung des Arbeiters aus einer fordistischen Starrheit lesen lassen. Im Fordismus gelang es nur kaum Fliesbandarbeit als Selbstverwirklichung umzudeuten, da selbst die Einteilung der Arbeitsschritte kleinteilig vorgegeben war. Dazu sollte Freizeit gelten. Bei der neoliberal entgrenzten Arbeit ist es jedoch wesentlich einfacher, diese als selbstbestimmt und frei zu deuten, da geistige und körperliche Arbeit (auch durch die fortschreitende Abstraktion von Kapital, z.B. in Form der Verkleinerung des Bildes des „authentischen“ Unternehmers und seiner Überführung in anonyme Aktien und damit einer Verschiebung von persönlich gebundener Verantwortung zur Aktienmarktlogik) stärker verschränkt werden. Sichtbar wird eine zumindest widersprüch¬liche Selbstbestimmung (diese feiern die Neoliberalen) und der stärkeren Verlagerung von Kontrolle in den Einzelnen. Kontrolle von Außen hingegen fördert die Bereitschaft zu spontaner Widerständigkeit. Hegemonie aber meint die Einbindung eines Teils der im Klassenkonflikt Unterlegenen. Sie meint nun nicht die äußerliche Verfügung über den Arbeiter, sondern die Gedanken des Arbeitnehmers einzubinden und die Deutungsmacht über die soziale Situation innezuhaben. Das fordistische Integrationsmodell funktionierte im Wesentlichen über Konsum und Verhandlungen zwischen Interessengruppen. Einige Anzeichen sprechen dafür, dass nun die Integration in die Produktion selbst zur stabilisierenden Komponente wird. Sei es für den IchAG-Arbeiter (über jeden einzelnen Auftrag den er bekommt), für den prekären Beschäftigten (bei dem die Instabilität des Arbeitsverhältnis das Kenzeichen ist) oder auch für den unbefristet Beschäftigten (der bei jeder neuen Entlassungswelle um seinen Arbeitsplatz bangen muss). Die Unsicherheit bindet die Arbeitenden an den Arbeitsmarkt, auf dem kontinuierlich über die Ausgestaltung der Beschäftigung verhandelt wird. Die zunehmende Enträumlichung und Verringerung von Gleichzeitigkeit von Produktion und somit der Arbeit ist eine Randbedingung zur Verstärkung der Tendenz von Entsolidarisierungen. Wenn Beschäftigte in verschiedenen Aspekten und unterschiedlicher Intensität flexibilisierte Arbeiten ausüben, so ist Solidarität unter ihnen wichtiger als zuvor, jedoch unwahrscheinlicher.

Die Destabilisierung von dem, was im Fordismus als „Normalarbeitsverhältniss“ galt (und dabei selbst eingebunden war in die Herstellung von Normalität und die Auseinandersetzung um Hegemonie), schlägt nun zu einer neuen Stabilität um. Die Deutung der gesellschaftlichen Arbeitsverhältnisse setzt sich verstärkt von der Seite des Kapitals durch. Kapitale Interessen lassen sich scheinbar bei den zeitlich und örtlich flexibilisierten Arbeitsstrukturen leichter durchsetzen, da die Einzelnen dem Markt stärker als im Kollektiv ausgesetzt sind. In Rückgriff auf frühere Bilder werden gemeinschaftliche Formen von Arbeitnehmer und Arbeitgeber erneut verstärkt. Der Begriff der Wettbewerbsgemeinschaft – der erweitert auch auf den Staat angewendet werden kann – impliziert dabei etwas, das für jede Gemeinschaft gilt: Grundsätzliche Fragestellungen bleiben außen vor, Antagonismen werden geglättet. In den Betrieben werden wieder weniger die Gegensätze zwischen Arbeit und Kapital herausgestellt. Es werden aber Spaltungslinien innerhalb der Kategorie Arbeit genutzt. Gleichzeitig erschwert die raumzeitliche Flexibilisierung des Kapitalismus die Möglichkeiten für die Analyseperspektive von Arbeit als einer gesellschaftlichen Tätigkeit. Vielmehr tauchen zeitlich begrenzte Projekte und individualisierte IchAGs auf. Widerständige Strategien in Formen des Nonkonformismus (wie sie sich prototypisch am Fließband zeigten) sind fast vollkommenen aufgelöst bzw. laufen ins Leere, da Neoliberalismus selbst eine widerständige Strategie ist. Der Begriff des Postfordismus meint genau dies: Eine sich vom fordistischen Produktions-Konsum-Nexus ablösende Dynamik, die nicht in sich selbst gefestigt ist und dadurch und durch ihre Einbindungsstärke eine Gegenstrategie erschwert. Gleichzeitig bestehen die derzeitigen hegemonialen Ansätze nicht in stringenten Theorien, sondern in widersprüchlichen Bruchstücken mit einem gemeinsamen Ziel: Kapitalverwertung erhöhen. Die neoliberal transformierten heterogenen Arbeitszeiten werden in einem hegemonialen Prozess synchronisiert, ohne jedoch dabei ihre Unterschiedlichkeiten und Widersprüche aufzulösen. Sie werden hauptsächlich von der Kapitalseite lesbar gemacht. Gleichzeitig erzeugen die stattgefundenen Flexibilisierungen einen erheblichen Druck auf das Individuum, welches fast schon unfähig scheint die Heterogenität auf andere als eine kapitalistische Weise zu entschlüsseln.