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Tatiana Golova

Raum-zeitliche Ordnungen linker Biographien


In dem Beitrag befasse ich mich mit raum-zeitlichen Ordnungen von Biographien Angehöriger der "linken Szene" in Berlin, was einen Aspekt meiner Promotion zu dem Raumbezug dieser sozialen Gruppierung darstellt. Auf der Grundlage der Auswertung empirischer Daten aus Interviews und ethnographischer Feldforschung gehe ich der Frage nach, wie und inwieweit sozial-räumliche Phänomene einen Bezugsrahmen bzw. eine Dimension biographischer Prozessstrukturen bilden. Ich verstehe linke Biographie als eine sequentielle Anordnung des Lebensablaufs von Szeneangehörigen in Bezug auf die Statuskonfigurationen sowie auf die Konstruktion der individuellen linken Identität, einer Definition eines Individuums als „(radikale) Linke“.

Mit der Biographie wird die Perspektive der Lebenszeit angesprochen, eine Zeitperspektive also, die sich durch die Irreversibilität und, am individuellen Erleben gemessen, die Dauerhaftigkeit auszeichnet. Eine weitere Zeitperspektive, die zur Betrachtung der individuellen linken Identität notwendig ist, ist die der Alltagszeit, der wiederkehrenden Zeit routinierter Handlungen. Im Laufe des Vortrags soll deutlich werden, dass die Betrachtung der Alltagsperspektive zur Erklärung der „großen“ raum-zeitlichen Ordnungen der Biographie beiträgt.

Die Alltagshandlungen bilden eine Grundlage der sozialen Identität Angehöriger der linker Szene. Die Biographie wiederum kann man zwar nicht auf das Prozess der Entwicklung der Identität reduzieren, jedoch bildet "Linke Sein" einen zentralen Orientierungspunkt in der Konstruktion der Lebensgeschichte der Szeneangehörigen. In der heutigen linken Szene bezieht sich das „Linke Sein“ in erster Linie auf die bestimmten Handlungsweisen. Neben den expliziten normativen Vorstellungen finden wir die Dichte des Alltagslebens, wo sich das in Szenediskursen als konform konstituierte Handeln - entsprechend der konformen Lebensweise – abspielt. Dieses Handeln bildet die "operationale Definition" des Links Sein.

Allerdings produzieren Individuen zwar konkrete Handlungen mit dem Rückgriff auf bestehende Regeln und Ressourcen, diese werden jedoch gleichzeitig in und durch individuelles Handeln (re)produziert. Die linke Szene als eine soziale Gruppierung wird durch Praktiken und Alltag ihrer Angehörigen getragen, und Individuen identifizieren sich dabei als Linksradikale, was durch signifikante Andere - vor allem andere Szeneangehörige - bestätigt wird. Das objektive und doppelseitige Prozess der Identität ist hiermit im Alltag verankert und bildet die Grundlage der Produktion des Individuums und der Gruppe.

Das Räumliche des Alltags ist erstmal das Lokale, das unmittelbar Erfahrbare – Orte, an denen ein Mensch lebt. Diese Sichtweise verleitet - wenn man sich mit ihr begnügt - dazu, die Lokalitäten und Räume des Alltags als taken-for-granted zu behandeln, als etwas, was dem Handeln vorausgeht und in dem sich Menschen bewegen. Aber wenn auch der Raum von Individuen meist als ein gegebener erfahren wird, sollten wir dem analytisch und skeptisch begegnen.

Ich finde den Ansatz fruchtbar, dass die Räume durch das Handeln nicht nur angeeignet und erfahren, sondern vielmehr geschaffen werden. Ich schlage vor, die Kategorie des sozialen Ereignisses (social occasion) zum Zwecke der analytischen Rekonstruktion der Verbindung von Räumen und Handlungen zu benutzen. Es sind nicht nur Orte, auf die sich das Handeln bezieht, sondern vielmehr soziale Ereignisse (social occasions – Barker, Goffman). Ich verstehe darunter keine ausserordentliche Vorkommnisse, sondern routinierte und „den Ton angebende“ Rahmen einzelner Interaktionen. Zu den wichtigen „Szeneereignissen“ gehören demonstrative Aktionen, Gruppensitzungen, offene Treffen, aber auch unspezifische Ereignisse mit der hohen Kommunikationsintensität (Kneipenabende, Partys, Straßenfeste). Soziale Ereignisse zeichnen sich neben bestimmten Interaktionsmodi durch eine bestimmte raum-zeitliche Ausstattung aus. Diese geht in Bezugsrahmen der Handlungen ein, d.h. sie spielt auch bei der Beurteilung deren Angemessenheit und Richtigkeit eine Rolle.

Der Raumbezug des Alltagshandelns ist in Rahmen sozialer Ereignisse organisiert und hat einen raum-zeitlichen Charakter. Dadurch ist die Szenezugehörigkeit in raum-zeitlich organisierte soziale Ereignisse eingebettet.

Die Gesamtheit von Lokalitäten bzw. Räumen, die zu sozialen Ereignissen gehören, an denen ein Individuum im Alltagsleben teilnimmt und in deren Rahmen es diese Orte subjektiv erlebt, bildet seine Handlungsräume. Für die Rekonstruktion der Evolution von Handlungsräumen der Szeneangehörigen, und zwar in der Perspektive der Lebensgeschichte in Verbindung mit der der Alltagszeit, verwendete ich sowohl die Daten aus der ethnographischen Feldforschung als auch aus den Interviews.

Zuerst möchte ich durch den Vergleich zweier Fälle einen Überblick über die mögliche Entwicklung geben, deren Elemente sich vielfach auch bei anderen Interviewten finden („Karl“ und „Michael“, beide zum Zeitpunkt des Interviews Endzwanziger, der Vergleich wird an einem Schema dargestellt). Die Statuspassagen in Bezug auf die Szene und ihre unterschiedliche Segmente haben einen hohen Überlappungsgrad mit räumlichen Passagen und der Evolution von Handlungsräumen – es kann von der Verräumlichung biographischer Episoden die Rede sein.

Um mit Textbeispielen arbeiten zu können, beschränke ich die detaillierte Darstellung auf die Anfänge der Szenekarriere. Der Verlauf des Einstiegs in die Szene und die Entwicklung der Handlungsräume variieren. In beiden Bereichen lassen sich jedoch durch den Vergleich der Fälle einige prägende Momente herausarbeiten. Für den erfolgreichen Zugang zur Szene sind bestimmte Ressourcen notwendig: eine persönliche Empfehlung eines "Türöffners" oder die mitgebrachten Kompetenzen, die z.B. in einer anderen Stadt angeeignet wurden (i.e. soziales oder kulturelles Kapital). Der Vergleich von Entwicklungen der Wahlberlinerinnen untereinander zeigt, dass die Anbindung an die Szene am früheren Wohnort und eine angestrebte Szeneintegration in Berlin für die Entwicklung der Handlungsräume ausschlaggebend sind: Diejenigen, bei denen die Anbindung an die linken Strukturen fortgesetzt wird, haben vom Anfang an ein-zwei feste Aktivitätszentren, die zu ihrem Profil und ggf. schon bestehenden Bekanntschaften passen.

Werden die Kontakte zu den Szenestrukturen und die szenekonforme Lebensweise dagegen erst in Berlin entwickelt, so passt der Muster "(1) Erkunden der Stadt (2) Fokussierung auf die Szeneräume im präferierten Bezirk (meist Friedrichshain mit der bisher höheren Konzentration von (großteils ehemals besetzten) Szeneorten)". Der erste Wohnort ist typischerweise nicht subjektiv bedeutend, es wird im Interview fast ausgeblendet. Er kann vor allem in Relation zur später erlebten Anbindung, und zwar als ein "nirgendwo" definiert werden, als kein Ort, da er kein Identitätsangebot darstellt.

Die wachsende Identifikation mit der Szene und die Entwicklung der Kontakte wird von der zunehmenden Fokussierung des Individuums auf die Szeneräume begleitet. Das hat damit zu tun, dass das konforme Verhalten eine hohe Frequentierung von diesen Räumen bei unterschiedlichen Gelegenheiten voraussetzt (Veranstaltungen, offene Treffen, Abende in Szenekneipen u.a.). Es kann von einer Überidentifikation mit Szeneräumen gesprochen werden. Beispiel „Karl“ (weitere Zitate sind im vollen Text des Vortrages enthalten): "[...] als ich dann_ quasi_ in F-hain [Friedrichshain – T.G.] gewohnt hab, dann war es so, dass ich dann das Gefühl hatte, teilweise kommst du da gar nicht mehr raus. Weil du dann was weiß ich_ viel in deinem Projekt zu tun hast, und Diskussion hast, oder_ was weiß ich. Irgendwie war ich da_ viel mehr partymäßig unterwegs, und vielmehr am Feiern". Ein weiteres Element der "richtigen" Lebensweise ist die Teilnahme an Demonstrationen, die zwar nicht unbedingt an institutionalisierte Szeneräume gebunden ist, aber die Beteiligung an der episodischen Konstruktion öffentlichen politischen Räume bedeutet.

In der Anfangsphase spielen Szenekneipen eine wichtige Rolle - es sind Orte, an denen Kontakte zu Szeneangehörigen möglich werden. Das hat viel mit den Eigenschaften einer Kneipe im allgemeinen zu tun (ein niederschwelliges Angebot). Auch später, bei der Etablierung des Individuums, bleiben Kneipen als Orte der Szeneöffentlichkeit eine wichtige Bühne der Selbstpräsentation. Diese Funktion eines Anschlussortes geht auf die besondere Position einer Szenekneipe im Spannungsfeld Offenheit / Geschlossenheit zurück. Die Szenekneipen sind auf eine bestimmte Art und Weise beides, halböffentliche Orte: sie sind leichter zugänglich, als zum Beispiel Hausprojekte, und doch begünstigt ihre Übersichtlichkeit eine Kontrolle der Anwesenden auf ihre Konformität.

Die letztere ist wichtig, denn der linke Charakter der Kneipen wird mitunter durch ihr Publikum, durch Teilnehmer des sozialen Ereignisses "Abend in der Szenekneipe" geschaffen. Wenn ihre Präsentation nicht diesem Deutungsmuster entspricht, d.h. unangemessen ist, stellen sie nicht nur ihre soziale Kompetenz, sondern das ganze Ereignis in Frage. Dabei bedrohen sie den institutionalisierten linken Ort und dadurch auch die Selbstdarstellung anderer Anwesenden. Zum konformen bzw. kompetenten Auftreten gehört an vielen Orten ein bestimmtes, "zeckiges" Erscheinungsbild - so was wie Gegenbild zum "gepflegten Äußeren". Nicht nur die Kleidung, sondern auch der Körper wird zum Präsentationsmittel, soll die Identifikation mit dem "Anderssein" ausdrücken.

Die Selbstdarstellung von Individuen dient hiermit der Konstruktion linker Orte. Auf der anderen Seite, dienen die als linke institutionalisierte Orte selbst als Ressourcen der individuellen Identität. D.h., nicht nur die Interaktionsmuster selbst, sondern auch ihr räumlicher Bezugsrahmen können innerhalb eines sozialen Ereignisses als “linke” gedeutet werden und seinen linken Charakter "tragen" - das sich wiederum auf die Aktivitäten der Teilnehmer "abfärbt" (z.B. auf das „Bier Trinken Gehen“). Die Inhalte der Kommunikation können die "politische" oder "szenige" Deutung des Geschehens unterstützen, indem politische Themen angesprochen werden, aber auch viele Geschichten erzählt. Anzumerken ist, dass (manche) Kneipen auch als Orte des intensiven Austausches von Informationen und der Mobilisierung zu Aktionen dienen, ihre Bedeutung für die individuelle wie kollektive Identität also die raum-zeitlichen Grenzen eines "Kneipenabends" übersteigt.

Zu den Mechanismen der Konstruktion einer "linken Kneipe" gehört, neben der Durchführung politischer und kulturell-politischen Veranstaltungen, auch die Gestaltung der Räumlichkeiten: erstens, ihre politische Stilisierung durch das Anbringen von Plakaten u.ä., welche auch der konkurrierenden Interpretation einer "Absteige" entgegenwirkt. Außerdem findet man oft die "gepflegte Dreckigkeit" vor, mit der die Abgrenzung vom bürgerlichen Geschmack, vor allem von der negativen Referenzgruppe der Yuppies, verstärkt wird. Eine weitere Gelegenheit der Politisierung ist die Produktion von Diskursen der konkreten Kneipe als einen illegalen bzw. politisierten Ortes, die sich sowohl auf ihre Geschichte (ehemals besetzt), auf das Betreiben durch ein Kollektiv oder auf aktuelle Konflikte (mit Gewerbeamt, mit Hauseigentümern) beziehen kann.

Die Kneipen als halböffentliche Orte dienen hiermit der Produktion der individuellen linken Identität, was vor allem für die „subkulturelle“ Identitätsstrategie von Bedeutung ist. Ein weiterer (möglicher) Schritt der Integration ist der Einzug in ein Hausprojekt. Das bedeutet, auf das Räumliche bezogen, die Zulassung zu Räumen mit dem begrenzten und kontrollierten Zugang. Die Nutzer dieser Räume sind in dieser Hinsicht homogen - sie alle waren konform genug, in einem Hausprojekt aufgenommen zu werden. Der Einzug ist nicht nur prestigeträchtig, sondern erleichtert den Zugang zu Informationen. Das Leben des Individuums wird beim Einzug noch stärker der sozialen Kontrolle anderer Szeneangehöriger unterzogen.

Die Handlungsräume stellen nicht bloß ein räumliches, sondern ein raum-zeitliches Phänomen dar. Das ständige Aufhalten in Szeneräumen ist, zeitökonomisch gesehen, nur auf Kosten weiterer Aktivitäten möglich. Mit der Überidentifikation mit Szeneräumen sind nicht nur Chancen der Integration, sondern auch Zwänge bzw. Begrenzungen verbunden. In der Perspektive der irreversiblen biographischen Zeit bedeutet es die Verringerung der Chancen des Wechsels in manche anderen Milieus, denn die entsprechenden „Normalbiographien“ können nicht mehr aufgeholt werden.

Abschließend möchte ich hervorheben, dass die linken Biographien sind nicht bloß in raum-zeitliche Kontexte eingebunden sind, sondern selbst raum-zeitliche Ordnungsstrukturen mit überindividuellen Bedeutung bilden. Die Individuen gestalten Szeneräume auch in der biographischen Perspektive. Ihr Handeln, sowohl die Kontinutität der Handlungsräume als auch die räumlichen Passagen, schafft gleichzeitig eine relationale Anordnung von Bereichen der Szeneräume in Bezug auf die Rollenkonfigurationen und Status.