<< zurück / back

Nils Zurawski (Universität Hamburg)

Gewalt als Notwendigkeit - Nordirland und Diskurse der Gewalt

 

Kann Gewalt eine Notwendigkeit darstellen? Gibt es tatsächlich keinen anderen Weg?

Pauschal lassen sich diese Fragen kaum beantworten, dennoch: Gewaltlosigkeit ist angesichts bisheriger Erfahrungen offensichtlich schwer herzustellen und umzusetzen, muss aber deshalb nicht von vorn herein zuungunsten von Gewaltlösungen verworfen werden.

Wenn man aber etwas über die Formen und Funktionen von Gewalt in einzelnen Konflikten sagen will, dann muss auch gefragt werden, inwieweit Gewalt in diesem Konflikt zu einer „Notwendigkeit“ wurde und wie es dazu kam. Und weiter: Wie diese Notwendigkeit begründet und konstruiert wird, da es sich dabei nur scheinbar um natürliche Gesetzmäßigkeiten handelt.

Ein Konflikt, in dem Gewalt als „Notwendigkeit“ auftritt und von verschiedenen Seiten als solche dargestellt wird, ist der inzwischen „befriedete“ Konflikt in Nordirland.

Gewalt hat eine lange Geschichte in Nordirland. Seit über 30 Jahren schwelt in der Provinz ein Konflikt, der bis heute nicht wirklich gelöst worden ist. Auch wenn durch ein Friedensabkommen 1998 von allen Seiten ein Verzicht auf Gewalt vereinbart wurde, so kann nicht davon gesprochen werden, dass Gewalt nicht mehr das Leben in Nordirland bestimmt, oder gar ganz verschwunden ist. Im Gegenteil: Gewalt bzw. ihre noch immer nachwirkenden Diskurse strukturieren nach wie vor das gesellschaftliche Leben, Denken und die Politik der ca. 1,6 Millionen Menschen in der Provinz.

Hinsichtlich der Zahl der Opfer (rund 4.000 seit 1968) handelt es sich um einen niedrigschwelligen Konflikt. Diese Zahl täuscht aber über den Stellenwert der gewalttätigen Auseinandersetzungen und ihrer Folgen hinweg. Einerseits gibt es mehr als zehn Mal so viele Menschen, die durch die ausgeübte Gewalt verletzt oder in irgendeiner anderen Weise traumatisiert worden sind. Darüber hinaus hat die Gewalt Nordirland fast komplett in zwei Lager gespalten, die das gesellschaftliche Leben bestimmen. Gewalt hat nicht nur eine Rolle bei der Spaltung der Gesellschaft gespielt, sondern tat und tut es noch bei ihrer Aufrechterhaltung und ihrer Legitimation, auch wenn sich inzwischen die Fronten verschoben und Gewalt vielfach in vor allem symbolischer Form vorkommt (vgl. Zurawski 2004).

Für die Diskurse der Gewalt ist eine solche Verlagerung nur von geringer Bedeutung. Den tatsächlichen Gewalttaten Einzelner und ihren kollektiven Begründungen liegen Diskurse oder Narrative zugrunde, aus denen sich die scheinbare Notwendigkeit von Gewalt in dem Konflikt herauslesen lässt. An ihnen wird deutlich, wie Gewalt legitimiert wird und warum es so schwierig ist, diese Diskurse durch gewaltlose abzulösen, anstatt sie mit neuen, ebenfalls latent gewalttätigen Inhalten zu füllen.

 

Diskurse der Gewalt 1: Verteidigung

Um den langen Kampf, die Entbehrungen und die Gewalt vor den jeweils eigenen Gemeinschaften zu rechtfertigen, brauchten vor allem die politischen Aktivisten und Paramilitärs Diskurse, mit denen sich ihre Aktionen und die Konsequenzen für die Menschen legitimieren ließen. Am auffälligsten hierbei ist der Diskurs der Verteidigung, der auch über Nordirland hinaus Gültigkeit besitzt (vgl. Zurawski 2002).

Erzählungen auf Fragen nachdem „Warum“ von gewalttätigen Handeln brachten hauptsächlich Variationen einer Rhetorik hervor. Der/die Betreffende wurde entweder selbst Opfer einer Tat, die eindeutig konflikt-orientiert gewesen ist (sectarian) oder ein Verwandter, Bekannter, Nachbar, jemand aus der „Community“. Meine Interviewpartner in Nordirland, ganz gleich welchen Hintergrundes, erzählten Variationen dieses Diskurses, allerdings mit unterschiedlichen Konsequenzen- einige schlossen sich den jeweiligen paramilitärischen Organisationen (IRA, INLA, UVF, UDA u.a.) an, andere wählten einen anderen Weg. Aber auch bei diesen gilt der Diskurs als Legitimation für die Gewalt der Paramilitärs, wird die mehr oder weniger offene Unterstützung mit der Wendung der Verteidigung begründet.

Da aber die Menschen und Gruppen auf beiden Seiten mit jeweils den gleichen Argumenten ihre eigene Gewalt am jeweils anderen begründen, ließ sich während des Konfliktes kaum eine gemeinsame Grundlage finden, auf der man die Ursachen der Gewalt und Ansätze einer Lösung diskutieren konnte.

An dieser Stelle muss eingeschoben werden, dass es sich bei dem Konflikt in Nordirland nicht um zwei, sondern um drei Konfliktparteien. Die Briten, vermeintliche Schutzmacht in der Provinz muss eindeutig als teilnehmende Konfliktpartei gesehen werden, die ebenfalls proaktiv in die Gewalt verstrickt war. Die Beziehung des britischen Staates zu den beiden anderen Konfliktparteien - Republikaner auf der einen, Loyalisten auf der anderen Seite - ist vielschichtig, auch wenn eine Parteinahme eher für die protestantisch-loyalistische Seite vorherrschend war.

Das Problem einer Verständigung liegt in der Exklusivität der Diskurse, die zwar den gleichen Mechanismus benutzen, dadurch aber genuin ausschließlich sind. Ein Brückenbildung ist so nicht möglich und auch nicht gewünscht. Die Legitimierung von Gewalt ist nur eine „Funktion“ bzw. Konsequenz dieser Rhetorik. Bedeutender für den Eindruck es handele sich hierbei um eine „notwendige“ Gewalt, ist, dass gerade über diesen Diskurs versucht wird, Macht zu stabilisieren. Insbesondere die Macht der Paramiltiärs und ihrer angeschlossenen politischen und gesellschaftlichen Organisationen.

Wenn Verteidigung als vorherrschende rhetorische Wendung innerhalb eines Gewaltdiskurses benutzt wird, dann muss es auch Gruppen geben, die diese Verteidigung gewährleisten. Der Ruf der Communities nach den Paramilitärs, wie sie es gern selbst betonen, stand am Anfang ihrer heute fatal wichtigen Bedeutung. In dem die meisten jungen Männer es auf sich nahmen ihre Leute gegen den Gegner zu verteidigen - die Katholiken gegen die Angriffe des britischen Staates und der Loyalisten, die Protestanten gegen die Übergriffe der katholischen Paramilitärs - kam den jeweiligen Gruppen die Rolle der Verteidiger zu. Da beide Seiten durch die Angriffe auch ihre eigene Identität gefährdet sahen - denn letztendlich waren die unterschiedlichen Konfessionen einer der Auslöser und Markierungspunkte des Konfliktes uns seiner Parteien - kam den Paramiltärs auch die Rolle der Identitätshüter zu. Denn diese war es letztendlich die es zu verteidigen galt. Es ging nur zweitrangig um die individuelle Sicherheit einzelner Bürger, sondern immer um die Erhaltung einer Kollektivität, die für beide Lager - historisch begründet - lebensbestimmend war. Die paramilitärischen Gruppen bekamen somit eine Macht, verbunden mit einem ethnischen Auftrag, der die Verteidigung legitimierte und Gewalt zu einer Notwendigkeit machte, da im Verlaufe des Konfliktes der Ursprung nicht mehr individuell auszumachen war. Ein beängstigend hohes kollektives Bewusstsein für Schuld, Sicherheit und Identität - gepaart mit einer von den Briten etablierten „teile und herrsche"-Politik - machte es unmöglich über die kollektiven Gräben hinweg zu verhandeln. Das war ausschließlich auf individueller Basis möglich und blieb daher für den Konflikt nahezu folgenlos.

Die Deutungsmacht lag und liegt bei den Paramilitärs, die legitimiert von der Gemeinschaft über Gewalt dieser erst eine Identität „verleihen“ bzw. diese immer wieder erneuern, indem sie als deren Verteidiger auftreten. In diesem Sinne kann Gewalt nach Popitz ( 1992) als Deutungsmacht angesehen werden, die den Hütern eine große Gestaltungsmacht in politischer und sozialer Hinsicht in die Hände gibt.

 

Diskurse der Gewalt 2: Ordnung schaffen

„Ordnung schaffen“ bedeutet den Machtausbau nach innen. Anders als im beschrieben Diskurs der Verteidigung, geht es hierbei um interne Kontrolle vor dem Hintergrund eines externen Angriffes. Gewalt und ihre Diskurse waren und sind Mittel der Kontrolle der jeweils eigenen Gemeinschaft, bis heute.

Auch wenn dieser zweite Diskurs nicht losgelöst von dem ersten gesehen werden kann, weist er doch einige Besonderheiten auf, die es auch theoretisch anders zu betrachten lohnt.

Das Gefühl unter Beschuss zu liegen war bei beiden Gruppen vorhanden. Sich zu verteidigen war somit eine essentielle Aufgabe, der sich in der einen oder anderen Weise alle kollektiv verschreiben mussten. Wenn sie nicht aktiv daran teilnehmen wollten, so mussten sie zumindest diesen Kampf und somit auch die Diskurse unterstützen. Abweichungen bedeuteten die Gefahr diese kollektive Verteidigung zu schwächen. Alles was gegen die Gemeinschaft läuft oder die Einheit verrät steht in dieser Gefahr. Dazu zählen zum einen alle Kontakte zum „Gegner“. Gerade in den Reihen der Paramilitärs waren Kontakte zur Polizei und zum Gegner Verrat und wurden als solche geahndet, brutal, mit Gewalt, oft tödlich. Zum anderen wurden Verbrechen innerhalb der Gemeinschaft von den Paramilitärs mit Gewalt geahndet. Sogenannte „Punishment beatings“, Bestrafungsaktionen gegen Mitglieder der eigenen Gemeinschaft, im Sinne einer Polizei waren Teil des Konfliktes. Dabei ging es um die Kontrolle über die Gemeinschaft und die Disziplinierung ihrer Mitglieder. Mit dem Ethnologen Pierre Clastres kann man sagen, es ging darum den einzelnen Mitgliedern die Gesetze der Gruppe über Gewalt in den Körper einzuschreiben. Anders als die Aktionen gegen den Gegner war die interne Gewalt selten tödlich und zielte vielmehr auf die Kontrolle und Disziplinierung des einzelnen Mitglieds und darüber des Kollektivs. In Ermangelung einer akzeptierten und über weite Strecken des Konfliktes auch inkompetente und neutrale Polizei, übernahmen die Paramilitärs genau diese Rolle, bar jeder rechtsstaatlichen Idee und Verantwortlichkeit.

Gewalt wurde auch hier zu einer Notwendigkeit, zumal sich viele der aktiven Paramiltärs argumentativ darauf beriefen, im Auftrag der Gruppe gehandelt zu haben, und nach eigenen Aussagen häufig explizit von einzelnen Mitgliedern oder einem „Mob“ geradezu aufgefordert wurden „etwas zu tun“. Gewalt von paramilitärischer und staatlicher Seite war das Mittel, um Ordnung zu schaffen und sich Macht zu sichern. IN Ermangelung eines Gewaltmonopols des Staates haben sich alternative Systeme gebildet, die parallel zu den staatlichen Institutionen standen und somit auch in einem Konflikt. Ein Auflösung erscheint auch hier schwierig.

 

Schlussfolgerungen und Deutungen

Was hier kurz skizziert wurde, ist ein Kreislauf von Gewalt, der sich aus den Diskursen der Verteidigung und der Ordnung speist. Dieser Kreislauf allerdings erkennt und benennt Gewalt nicht als solche, sondern als Verteidigung, Rache und Mittel zur Erhaltung von Identität und Autonomie gegen den Staat. Gewalt ist nicht destruktiv, sondern ein Teil der Kommunikation mit konstruktiven Elementen.

In einer sozialwissenschaftlichen, anthropologischen Lesart René Girards erkennt man Gewalt hier als Ressource für die Herstellung von Identität und der eigenen Geschichte. Ein Sündenbock, der die verfeindeten Gruppen einen könnte ist aufgrund der exklusiven Stellung und der Struktur der Diskurse nicht in Sicht. So ist eine Vermischung der beiden Gruppen, durch Freundschaft oder gar Heirat kein Akt des Friedens, zumindest nicht im kollektiven Sinne, sondern ein Affront an beide Seite, da hier Dinge vermischt werden, die die Grenzen auflösen und somit Unsicherheit schaffen.

Nur selten bringt ein Todesfall beide Seiten zusammen um gegen die Gewalt als solche zu demonstrieren oder sie öffentlich abzulehnen. Denn letztlich ist es nicht nur die wahrnehmbare, physische Gewalt, die die Grenze erhält, sondern auch Symbole, in denen sich die Gewalt und die Diskurse manifestieren.

Die hier beschriebenen Diskurse beruhen auf der Analyse von Material aus Nordirland. Sie sind aber nicht auf die Provinz beschränkt, sondern lassen sich in anderen Konflikten in gleicher oder abgeänderter Weise wiederfinden. Die wichtigen Merkmale dieser Diskurse, nach denen man in diesen Fällen Ausschau halten sollte, sind die Verkennung der Gewalt. Verteidigung als Argument ermöglicht es die Gewalt zu verdecken und als notwendige Maßnahme zum überleben zu etablieren. Darüber hinaus werden Symbole mit Gewalt überfrachtet und als vermeintlich friedliche Stellvertreter genutzt. Außerdem ist Gewalt ein Bestandteil von Ritualen - in Nordirland sind das vor allem die Erinnerungsrituale der Orange Order oder die Gedenkfeiern der Republikaner (IRA u.a.) für ihre Toten, Helden und Märtyrer.

Beispiele für Konflikte, in denen Gewalt ähnlich strukturiert ist und ähnlich diskursiv benutzt wird sind der Israel-Palestina-Konflikt, der Kampf zwischen Tamilen und Singhalesen auf Sri Lanka oder in Ansätzen auch der weitaus kompliziertere Konflikt in Kolumbien. Auch George W. Bushs Kampf gegen den Terrorismus bedient sich offen einzelner Elemente des Diskurses der Verteidigung bis hin zur Verneinung der Gewalt als destruktives Element. Ein tatsächlicher Frieden ist auf einer solchen Basis kaum möglich. Es gilt nicht den Diskurs zu verändern, sondern einen neuen zu schaffen, der bestimmte Elemente einfach nicht mehr enthält und Raum für neues, übergreifendes schafft.