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Matthias Wieser (RWTH Aachen)

Diskurse über Hybridität  

- postcolonial, gender und science studies –

 

 

"Hybridität" ist derzeit ein gängiges Modewort — nicht nur in den Feuilletons, sondern auch in der zeitgenössischen sozial- und kulturwissenschaftlichen Diskussion. Seminare, Tagungen und Veröffentlichungen zu Migration und Globalisierung, aber auch zu Geschlecht, Wissenschaft und sogar Technik scheinen ohne die Idee der Hybridität nicht mehr auszukommen. Vor allem in drei Bereichen avanciert der neue umbrella term zum Angelpunkt von theoretischen wie auch empirischen Untersuchungen: In den postcolonial studies und der mit ihnen zusammenhängenden Globalisierungsdebatte, in den science studies und in den gender studies.

Anliegen des Vortrags ist es, die Konvergenz zwischen diesen Theorien im Hinblick auf das Hybride herauszustellen. Empirisch haben die jeweiligen Studien sehr gegensätzliche Untersuchungsobjekte, auch wenn sie diese methodisch und methodologisch sehr ähnlich bearbeiten. Die postkoloniale Migrantin, der Klon und der Transsexuelle scheinen phänomenal nichts gemeinsam zu haben, so sind sie doch in den Worten Armin Nassehis (1999) "epistemologische Geschwister". Die Protagonisten der jeweiligen studies, etwa Bhabha, Butler und Latour, sind sich der theoretischen Konvergenzen, denke ich, auch sehr wohl bewußt. Doch in den sich herausgebildeten spezialisierten Diskussionszirkeln läßt sich schon des öfteren eine gewisse Ignoranz feststellen, die meist am Interesse des bestimmten Untersuchungsgegenstandes  liegt, wobei die gleiche theoretische und auch methodische Herangehensweise oft übergangen wird. Thema des Vortrags ist also weniger "Hybridisierung als Signatur der Zeit" (Schneider 2000), sondern Hybridisierung als Paradigma im neueren sozial- und kulturwissenschaftlichen Diskurs.

Alle drei Ansätze könnte man als 'postmodern' etikettieren, vielleicht auch als "Praxistheorien" (Reckwitz 2003), ich bevorzuge aber den von Urs Stäehli (2000) eingeführten Begriff "poststrukturalistische Soziologien". Alle bedienen sich aus dem 'Archiv' der neueren französischen Philosophie — sprich dem Potstrukturalismus. Foucault, Deleuze, Derrida, Lacan und Serres sind für die oben Genannten von besonderer Relevanz. Die Absage an die Idee eines einheitlichen Subjekts, Vernunft, Objektivität, Wahrheit, Universalismus, Transzendenz etc ist ihnen allen gemein. Ein besonderes Interesse an Unordnung und Werden und die zentrale Stellung von Differenz und die Dezentrierung von Identität macht postcolonialscience  und gender studies zu poststrukturalistischen Soziologien.

In Anlehnung an Serres (1987) sieht Stäheli (2000) postrukturalistische Soziologien als Parasiten des wissenschaftlichen mainstreams an. Sie irritieren den etablierten Blick auf die Dinge. Sie verschieben grundlegende Begriffe und Konzepte wie das Eigene und das Fremde sowie das Lokale und Globale (postcolonial studies), männlich und weiblich sowie sex und gender (gender studies), Technik und Gesellschaft, Mensch und Maschine, Natur und Kultur als auch Subjekt und Objekt (science studies); oder auch genereller zwischen Handlung und Struktur. 'Poststrukturalistische Soziologien' sind 'spektrale Soziologien', da sie in unentscheidbarer Zwischenposition verharren (vgl. Stäheli 2000: 68-73). Der Begriff des Hybriden oder auch die Vorsilbe trans soll auf dieses Dazwischen verweisen und nimmt so eine Art Schlüsselbegriff jener Soziologien ein. Dabei ist das Hybride aber nicht als bloße Vermischung zu verstehen, sondern als prozeßhafte, dynamische, flüssige Vermischungen, die sich nicht ohne weiteres fest-stellen lassen. Es geht gerade um "das zwielichtige Übergangsstadium des 'Dazwischenseins'" (Friedman 2003: 35). Die Relationen zwischen zwei "Entitäten", zwischen ehemals binär und dualistisch gedachten Konzepten werden betont und spielen eine zentrale Rolle in diesen Theorien. Es wird die wechselseitige Bedingtheit jener ehemals kategorisch und essentialistisch getrennter "Einheiten" betont. Bei diesen Grenzgängen zwischen Eigenen und Fremden, sex und gender als auch Subjekt und Objekt geraten bestimmte Grenzgänger in den Blick wie soap opera guckende Punjabis in Southall (Gillespie 1999), Toni Morrisons Menschenkind oder Nadine Gordimers Aila (Bhabha 2000), Inter- und Transsexuelle (Butler 1991) oder die Maul- und Klauenseuche (Latour 2001). Jene Grenzgänger machen die Verflechtungen und die Wechselseitigkeit ehemals dualistisch gedachter 'Entitäten' offensichtlich. Sie machen den Konstruktcharakter jener Kategorien deutlich. Sie weisen auf, daß diese Grenzgänger keine feste, fixierte Identität haben. Auch sind die Autoren selbst grenzgängerische Hybride. Latour sieht sich als Philosoph, Soziologe, Ethnologe, Semiotiker und „Liebhaber der Technik“ in einer Person und Bhabha ist, wie Spivak und Appadurai, postkolonialer Nomade zwischen Indien und den USA.

 

Alle drei 'Theorien' stellen v.a. klassische Subjekt- und Identitätstheorien in Frage. Die Betonung des Dazwischen stellt die komplexe Verschlungenheit von Subjekt und Objekt heraus. Im Zentrum steht letztlich die Dekonstruktion  - und nicht Destruktion - der fürs westliche moderne Denken so zentralen Subjekt/Objekt-Trennung. So stellt Bhabha (2000) der cartesianischen Identität die unstabilen, flüssigen und dezentrierten Identitäten gegenüber. Identität wird als Verhandlungssache, als "Kampf um Bedeutungen" gesehen. Bhabha betont die Ambivalenz des kolonialen Diskurses durch das gegenseitige Begehren und Kopieren von Kolonialisierten und Kolonisierenden, so daß der Binarismus Kolonialisierter/ Kolonialisierender untergraben wird. Jene Mimikry führt zu einer "unheimlichen Ähnlichkeit" zwischen Kolonisierten und Kolonisierenden. Butler sieht Identität und Subjekt als Verkörperung abgelagerter Diskurse an. Machtoperationen erzeugen erst Subjekte in ihrer Materialität und Körperlichkeit. Somit wird Identität nicht als Ursprung oder Ursache, sondern als Effekt von Macht angesehen. Subjektivität konstituiert sich durch die Diskurse über Geschlecht, Sexualität und Rasse. Und auch bei Latour entscheidet letztlich der Diskurs (wenn man es so nennen will) über die Identität eines Aktanten. Die Identität eines Aktanten erscheint als fest, homogen und klar, da die Netzwerkrelationen, die ihn hervor gebracht haben geblackboxt wurden. Die Radikalität des Latourschen Ansatzes ist es eine Trennung in Subjekte und Objekte, Menschen und Artefakte völlig abzulehnen. Das was die Identität eines Aktanten, ob menschlich oder nicht-menschlich, ausmacht ist ein Effekt eines heterogenen Netzwerkes. Oder wie John Law, ein weiterer Vertreter der ANT, es ausdrückt: "If you took away my computer, my colleques, my office, my books, my desk, my telephone I wouldn't be a sociologist writing papers, delivering lectures, and producing 'knowledge'. I'd be something quite other" (Law [1992]: 4). Kern der Identität/Differenz-Debatte ist das Problem der Repräsentation. Die postcolonial studies machen auf die Mißrepräsentation des Fremden in der westlichen Ethnologie, Literatur und Geschichtswissenschaft aufmerksam (Bhabha, Said, Guha/Spivak), genauso wie die der postkolonialen Minderheiten in den globalen Metropolen (Hall, Gilroy). Butler macht auf die Mißrepräsentation der Geschlechtsidentität durch die binäre männlich/weiblich- und sex/gender-Brille aufmerksam. Und schließlich empfiehlt Latour an den Wissenschaftlern als Sprecher der nicht-menschlichen Wesen und "ihrem Vermögen, im Namen ihrer Mandaten zu sprechen, stark, aber nicht definitiv [zu] zweifeln" (Latour 2001: 95).

 

Eine Schlüsselstellung in allen drei Ansätzen zum Hybriden nimmt Performanz ein. Kulturelle Identität und Subjektivität wird bei Bhabha über Performanzen hergestellt. Kolonisierte imitieren die Kolonisierenden. Somit ist jede Performanz potentiell auch subversiv, denn in jeder Praktik steckt ein Bedeutungsüberschuß. Bei der wiederholenden Nachahmung wird die Identität einer "Kultur" oder "Nation" verschoben und ist somit offen für Subversion. Für Butler ist Geschlecht performativ. Das bedeutet, daß Geschlecht sowohl Produkt als auch Anwendung von Wissen ist. Performanz ist für sie zitatförmige Wiederholung einer diskursiven Ordnung. Somit beruht Geschlechtidentität bei ihr eben nicht auf biologischer Differenz, sondern auf Performanzen – wiederholten, praktizierten Diskursen. Geschlecht ist "eine vollständig politisch besetzte, kulturell generierte und dennoch naturalisierte Kategorie" (Bublitz 2002: 83). Neben dieser Performanz als Ausführen von Sprechakten und Handlungen, versteht Butler Performanz aber auch als Aufführen, wenn sie z.B. drags als performative Inszenierungen von Geschlecht versteht, die die soziale Konstruktion von Geschlecht enthüllen (vgl. Butler 1995: 170; 2001). Auch die Identität eines Dings wird über Performanzen hergestellt, folgt man Latour. Etwa das Ereignis "der Entdeckung/Erfindung/Konstruktion des Milchsäureferments durch Pasteur im Jahre 1857" (Latour 1996b: 87) ist durch die performative Assoziation verschiedener heterogener Entitäten, wie "Pasteur, die naturwissenschaftliche Fakultät von Lille, Liebig, die Käsereien, die Laborausrüstungen, die Bierhefe, den Zucker und schließlich das Ferment" (Latour 1996b: 106) entstanden. Soziale Faktoren spielen bei Pasteurs angeblichen Entdeckung des Milchferments eine entscheidende Rolle, da Pasteur sie auch strategisch zu nutzen weiß. Ein ganzes Netz von Praktiken entscheidet über die Identität eines Dings und keine außenstehende Gewalt sei es Gott oder die Natur und im übrigen auch nicht "die Gesellschaft".

 

Alle drei studies sind auch politisch. Bhabha versteht Politik als performativen Akt. Er sieht Performanz als Mimikry, die somit offen ist für Subversion und Widerstand. Politik findet im "third space" (in der Übersetzungslücke) statt. Durch die konsequent dialogische Lesart des kolonialen Diskurses ist agency möglich. Der eher symbolische Widerstand unterläuft die klassische Dominanz/Unterdrückungsvorstellung. Auch Butler spricht von einer "Politik des Performativen"  (Butler 1998). Wie bei Bhabha liegt die Möglichkeit zu Subversion und Widerstand in der Performanz. Durch die performative Verschiebung von wiederholten Sprechakten bzw. Diskursen kann der dominante und konventionelle Diskurs unterlaufen werden. Die binäre Geschlechtercodierung und die heterosexuelle Matrix werden durch 'falsche' als auch parodistische Praktiken wie Travestie verschoben und hinterfragbar, so daß die "Imitationsstruktur der Geschlechtsidentität als solcher" (Butler 1991: 203), ihr konstruktiver und inszenatorischer Charakter deutlich wird. Latour fordert "Das Parlament der Dinge" (Latour 2001) einzuberufen und die Trennung von Natur und Gesellschaft zu überwinden. Dafür muß man die Hybriden anerkennen und alle, die am Netz eines Hybriden beteiligt sind, an einen Tisch bekommen. Wissenschaft und Politik dürfen nicht als zwei voneinander getrennte Bereiche angesehen werden.  

 

Gemeinsam ist den drei studies auch eine starke Kritik an "der Moderne". Idealtypisch wird eine Moderne der Postmoderne, oder wie man sie auch bezeichnen möchte (reflexive, zweite, flüchtige Moderne etc), gegeneinander ausgespielt. Neben der Dezentrierung des modernen cartesianischen Subjekts, kritisieren die Soziologien des Hybriden noch jeweils spezifisch andere Aspekte der Moderne. Bei den postcolonial studies wird Moderne v.a. mit Kolonialismus und Imperialismus in Verbindung gebracht. Es gilt letztlich die "Erfolgsgeschichte" der Modernisierung zu dekonstruieren. Das unterdrückte und  unsichtbar gemachte Andere, die "Schattenseiten" jenes Prozesses sollen sichtbar gemacht werden und geben Webers "Entzauberung der Welt" eine ganz andere Note. Dies gilt auch für "Globalisierung", wo koloniale, imperiale und eurozentrische Züge kritisiert werden. Allerdings wird auch die globale Ausweitung der europäischen Moderne, die paradoxerweise den Prozeß "Provincializing Europe" (Chakrabarty 2000) generiert, thematisiert. Bei den gender studies wird Moderne v.a. als patriarchale Herrschaft gedacht. So sieht Butler (1991) Moderne als Herrschaft der binären Geschlechtercodierung und heterosexuellen Matrix. Sie macht auf die reale Gewalt der Diskurse von der Natürlichkeit zweier unterschiedlicher Geschlechter und Heterosexualität als natürliche Norm aufmerksam. Die Subversion dieser Diskurse ist ihr politisches Ziel. Hintergrund ist ein Unterlaufen der modernen Trennung von Natur und Kultur. Natur, das biologische Geschlecht, ist Effekt performativer Akte, die in solchen materialisiert werden. Wie Butler geht es Latour (2001, 2002) um die Subversion der Moderne als Dualismus von Natur und Kultur. Doch bei Latour wird Moderne v.a. als wissenschaftlich-technische Rationalität gedacht. Die Moderne hat strikt zwischen politischer und epistemologischer Repräsentation, zwischen Kultur und Natur getrennt. Während der erste Bereich jener der immanenten Verhandlungen und Konstruktionsleistungen, die in Zeit und Raum gebunden sind, ist, ist der zweite der transzendente Bereich von Universalität, Fakten und Wahrheit. Paradoxerweise hat aber diese strikt dualistische "Verfassung der Moderne" die Ausbreitung der Hybriden gestärkt und diese bergen heute weitreichende Risiken. Die Hybriden konnten sich so sehr vermehren, weil in der Praxis nie gemäß der Verfassung der Moderne gehandelt wurde, oder vielmehr, da die Hybriden nicht denkbar waren, weil sie weder der Natur noch der Gesellschaft zugeschlagen werden konnten (vgl. Latour 2002: 81). Und heute nachdem die Hybriden sei es in Form von Gentechnologien, Ozonloch oder Prionen sich so enorm vermehrt haben und so allgegenwärtig geworden sind, müßten wir erkennen, daß wir nie modern gewesen sind.

 

Konvergenzen der drei studies des Hybriden lassen sich nicht nur an ihren Schlüsselkonzepten und Herangehensweise erkennen, sondern auch die Kritik an ihnen verläuft in gleichen Bahnen. Zunächst ist festzustellen, daß diese meist wissenschaftstheoretisch ist. Allen wird immer wieder vorgeworfen zu theoretisch, komplex und abstrakt zu sein. Diese Kritik kommt sowohl von wissenschaftlicher als auch von politisch-praktischer Seite. Damit einhergehend wird ihr essayistischer Schreibstil, der narrative und fiktive Mittel einsetzt, kritisiert. Des weiteren wird ihr sprachtheoretischer Ansatz kritisiert, der das Soziale in Zeichen und Symbole auflösen würde. Von wissenschaftlicher Seite richtet sich häufig auch die Kritik am politisch-emanzipatorischen Anspruch der studies.