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Theresa Tarassova (Universität Hamburg / RWTH Aachen)

„Aber heute fühle ich mich als Russin!“ - Die Konstruktion einer russischen „Volksgemeinschaft“ im neuen postsovjetischen Nationalstaat und die Erfindung der „neuen Fremden“

 

Im Vortrag sollen die Verschiebungen und Veränderungen kollektiver Identitäten im postsovjetischen Russland thematisiert werden.

Im ersten Teil werden die heute noch weitreichenden Folgen der staatlich-ideologischen Konstruktion einer sovjetischen „Vielvölkergemeinschaft“ aufgezeigt. Der zweite Teil befasst sich mit den aktuellen Prozessen der Hervorbringung nationaler „russischer“ Identität und der Konstruktion von Zugehörigkeit zur sich neu formierenden russischen „Volksgemeinschaft“.

 

Wie derzeit fast weltweit und auch in Russland zu beobachten, ist ein wirkmächtiger Faktor der Ein- und Ausgrenzung und der Vergemeinschaftung von Individuen die Nationalität. In neueren theoretischen Ansätzen der cultural  und der postcolonial studies (vgl. Hall 1994, Bhaba 1997 et al.) wird nationale Identität nicht mehr als statische, unhinterfragbare Kategorie der Vergemeinschaftung von Individuen betrachtet, sondern im Hinblick auf ihre Herausbildung, Funktionen und Situierungen in sozio-politischen Machtverhältnissen thematisiert. So ist nach Benedict Anderson (1998) die nationale Gemeinschaft imaginär und bezieht sich auf die Vorstellung einer Nation, die als begrenzt, souverän und gemeinschaftsstiftend für alle ihr Zugehörigen vorgestellt wird.

Dabei stellen die Individuen, wie Fredrik Barth (1969) darlegt, ihre (nationale) Identität in einem dauernd in Veränderung begriffenen Prozess täglich neu her. Diesen Prozess untersuche ich am Beispiel der BewohnerInnen eines Stadtteils in St. Petersburg. Dies ist besonders deshalb spannend, weil sich die Vorstellung einer „russischen Nation“, auf die sich die „imaginierte Gemeinschaft“ (Anderson 1998) bezieht, aktuell gerade erst herausbildet.

 

 

Um die gegenwärtigen Prozesse der nationalen Identitätsbildung in Russland sowie die dabei produzierten Inklusionen - von als „echte RussInnen“ konstruierten - und Exklusionen - von als zur „russischen Volksgemeinschaft“  nicht zughörig kategorisierten - Menschen besser oder überhaupt einordnen zu können, ist ein (etwas intensiverer) Blick in die sovjetische Vergangenheit nötig.

 

Während des Sozialismus wurde unter der Maxime „Das Sovjetvolk - eine neue historische Menschengemeinschaft“ das Konstrukt einer gleichberechtigten „Völkergemeinschaft“ aller „Nationalitäten“ geschaffen. Die sovjetische Gesellschaft verstand sich als multikulturelle, hybride Gesellschaft, in der alle Menschen innerhalb der großen „Völkerfamilie“ ihre je eigenen „kulturellen Besonderheiten“ pflegen und mischen sollten. Das Staatsgebiet der ehemaligen Sovjetunion umfasste ein Neuntel der Erde und beherbergte fast 290 Millionen Menschen unterschiedlichster kultureller Standards und Lebensweisen.

Vom Bestehen der Sovjetunion an, verstärkt seit den 1930er Jahren lassen sich starke „Russifizierungstendenzen“ in allen gesellschaftlichen Bereichen beobachten (vgl. Altrichter 1993), die bis zur Perestrojka (ab 1985) ungebrochen anhielten und unter Breschnjev, dem Vorgänger Gorbatschovs im Amte des Staatspräsidenten, nochmals einen besonderen Aufschwung erlebten. Die RSFSR (also die Russländische Sovjetische Föderative Sozialistische Republik) als Zentrum des Sovjetimperiums setzte als „Kolonialmacht“ unionsweit mittels imperialer Machtstrategien eine massive „Russifizierung“ des gesamten kulturellen, sozialen und ökonomischen Lebens durch. Zur Verschleierung des russischen Führungsanspruchs, der in der Verfassung von 1977 sogar verankert wurde, wurden alle Nationalitäten auf eine ideologische Gemeinschaft in der großen sovjetischen „Völkerfamilie“ verpflichtet.

 

Viele Millionen Menschen migrierten ständig von den verschiedenen Republiken in andere und lebten teils als (temporäre) ArbeitsmigrantInnen in einer anderen als ihrer Ursprungsrepublik, andere liessen sich am neuen Ort ganz nieder, wieder andere migrierten in weitere Republiken oder kehrten selbst, oft mit ihren inzwischen im „nahen Ausland“ (= Bezeichnung für die nicht russischen Sovjetrepubliken) geborenen Kindern an den Ausgangsort ihrer „Reise“ zurück.  Der „sovjetische“ Mensch verkörperte das ideologische Idealbild eines „homo globalis“, der sich überall auf dem riesigen Territorium der Sovjetunion „heimisch“ fühlen, Eigenes mit Fremdem zu mischen bereit  und gleichzeitig eine kollektive „sovjetische“ Identität herauszubilden fähig sein sollte.

 

 Kulturelle Vermischungen und sogenannte multinationale Ehen von Zugewanderten und ehemals Autochthonen wurden staatlicherseits begrüßt und gefördert.  Diese sovjetische, hybride, kollektive Gemeinschaft hatte vor allem ökonomische Funktion (vgl. Lewada 1993, Tarassova 1995). Der sozialistische Staat bediente sich dabei einer Ideologie, die mit dem Ziel größtmöglicher Effizienz die Menschen auf ihr Funktionieren im Kollektiv verpflichtete: in der Familie, im Betrieb, in den gesellschaftlichen Organisationen und vor allem in der sovjetischen „Völkergemeinschaft“. Diese Gemeinschaft wurde von vielen SovjetbürgerInnen auch erlebt. Dies drückte sich etwa in der Betonung republikübergreifender Familienbande oder in einem sovjetischen Nationalstolz aus.  Dies belegen auch zahlreiche meiner Interviews aus der Zeit. Ideologisch wurde das Zugehörigkeitsgefühl zur „Völkergemeinschaft“ durch eine übergreifende einheitliche sovjetische Staatsbürgerschaft untermauert.

 

Ziel war die Schaffung einer homogenen Gesellschaft aus „einfachen Sovjetmenschen“ (Levada 1993). Die Kategorisierung aller nach „ethnischen“ Gesichtspunkten und ihre Markierung in Zugehörige mehr oder minder „entwickelter Nationalitäten“, deren „Defizite“ durch staatliche Maßnahmen beseitigt werden sollten, war ein strategisches Instrument zur Beschleunigung des Homogenisierungsprozesses. Die gesamte Sovjetgesellschaft sollte möglichst schnell auf ein ökonomisches und politisches Entwicklungsniveau angeglichen werden. Dabei stellte die „Nationalität“ der SovjetbürgerInnen ein wichtiges Kategoriesierungsmerkmal dar. Mit der Einführung des sogenannten Stalin’schen „Pass-Systems“ im Jahre 1932 wurde neben den Personaldaten an Punkt fünf die „Nationalität“, gemeint war die „ethnische Zugehörigkeit“, in den Inlandspass eingetragen. Durch diesen „pjatij punkt“ wurde zum einen allen SovjetbürgerInnen eine „nationale Identität“ aufgedrückt. Zum anderen wurde ihre Identifizierbarkeit vielen Angehörigen sogenannter  „unterentwickelter“ Nationalitäten vorwiegend in den mittelasiatischen und kaukasischen Sovjetrepubliken und vor allem vielen Jüdinnen und Juden, die auch als „Nationalität“ kategorisiert wurden, zum Verhängnis. Da ihre jeweilige „Nationalität“ im Inlandspass stand, waren sie häufig diskriminierenden bürokratischen Maßnahmen ausgesetzt, etwa indem ihnen der Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen oder in den Staatsdienst gezielt verwehrt wurde. Dies war bis in die jüngste Vergangenheit hinein gängige Praxis.

 

Die  postulierte Gleichhheit aller entlarvte sich also z.B. durch die gleichzeitige Fixierung der Nationalität im Inlandspass als Konstrukt. Bereits während des Bestehens der Sovjetunion wurden die in unterschiedliche Nationalitäten kategorisierten Menschen von staatlicher Seite diskriminiert und repressiert. Auch ausgeprägte „Russifizierungstendenzen“ und der ständig präsente und staatlicherseits eingeforderte „Sovjetpatriotismus“ sowie die während des Sozialismus bereits latent sichtbare und heute offen sich manifestierende Diskriminierung von Menschen aus den ehemaligen südlichen und östlichen Sovjetrepubliken widersprechen dem ideologischen Mythos der Gemeinschaft eines Kollektivs hybridisierter, in ihrer Verschiedenheit aber gleicher und gleichberechtigter Individuen.

 

Analog zu den sovjetischen Verfassungen von 1936 und 1977 wird in der neuen russischen Verfassung von 1993, die mit den Worten „Wir, das multinationale Volk der Russländischen Föderation“ beginnt, eine nationale

„Völkergemeinschaft“ konstruiert. Dabei sollen alle nicht-russischen „ethnischen Gruppen“ in die Russländische Föderation eingemeindet und mit den „ethnischen RussInnen“ zu einem „Staatsvolk“ integriert werden. Diese „formale Gleichberechtigung“  ist, so Gerhard Simon, aber nur eine „Leerformel“: „So sind am Ende die Russen natürlich die sprachlichen, kulturellen und politischen Träger der russländischen Nation.“ (Simon 1997: 1176).

 

Auffällig ist, dass sich die Selbstdefinition der Menschen in hohem Maße auf einer sich heute neu konstituierenden russischen Nationalidentität aufbaut. „Nationale Identität“ bezieht sich heute nicht mehr wie zu Zeiten des Sozialismus „nur“ auf die staatlich zugewiesene „ethnische Zugehörigkeit“, sondern auch auf das Empfinden von staatsbürgerlicher Zugehörigkeit zum neuen Nationalstaat Russland. Diese neue Qualität von nationaler Identität steht im Gegensatz zu der von vielen bis vor kurzem noch - oft als positiv - erlebten Identität als Mitglied in einer großen sovjetischen „Völkerfamilie“, die unabhängig von der im Pass jeweils vermerkten Nationalität, alle BürgerInnen der Sovjetunion einschloss.

 

Es läßt sich beobachten, dass sich für die Menschen in Russland mit dem Zusammenbruch der Sovjetunion und der Eigenstaatlichkeit Russlands ihr Identitätengefüge völlig verschoben hat.  Innerhalb der heutigen ihres imperialen Machtstatus’ weitgehend beraubten russischen Mehrheitsgesellschaft konstituiert sich eine „Volksgemeinschaft echter RussInnen“, aus der die nun als signifikante Andere kategorisierten „Nicht-RussInnen“ vehement ausgegrenzt werden. Derzeit wird die nationale Identität im Prozess von Selbst- und Fremdzuschreibungen neu verhandelt. War das „Russische“ während des Sozialismus quasi identisch mit dem „Sovjetischen“, etwa in dem die RSFSR  

die Führungsrolle  innerhalb der Sovjetunion innehatte und behauptete, so hat es heute eine völlig neue Qualität. Waren die Menschen früher „einfache SovjetbürgerInnen“ mit „russischer Nationalität“ (Levada 1993), so sind sie heute „RussInnen“ und fühlen sich nun  einer „russischen Volksgemeinschaft“ zugehörig. Dies geschieht um den Preis der Verwerfung aller als „nicht-russisch“ kategorisierten Werte und Menschen. Für die ehemaligen „Brüder und Schwestern der großen sovjetischen Völkerfamilie“, die sich der neuen russischen Gemeinschaft nicht zugehörig fühlen dürfen, hat dies - wie hinlänglich aus den Medien bekannt, die immer wieder über sogenannte „Nationalitätenkonflikte“ auf russländischem Territorium berichten - weitreichende, teils existenz- oder gar lebensbedrohliche Folgen.

 

In Russland geschieht gerade das, was Zygmunt Bauman die „Redefinierung“ der Mitglieder des Nationalstaats als „Eingeborene“ nennt (1992: 34), was sich im Prozess der Selbstdefinition als „Freunde“ in Abgrenzung zu den „Fremden“, die bei Bedarf zu „Feinden“ gemacht würden, vollziehe. Für die Vergemeinschaftung der „Dazugehörigen“ spielen nach Ernest Renan dabei drei wesentliche Faktoren eine Rolle „... der gemeinsame Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen, ... der Wunsch, zusammenzuleben, (und) der Wille, dieses Erbe hochzuhalten, welches man ungeteilt empfangen hat“ (Renan 1990: 308). Am Beispiel des vor wenigen Jahren abgeschlossenen Wiederaufbaus der während des Sozialismus zerstörten Moskauer Christerlöserkathedrale wird deutlich , wie diese drei Faktoren zum Tragen kommen (vgl. auch von Keghel 1999). In einer breit angelegten Kampagne appellierte der überwiegend aus nationalpatriotischen Schriftstellern und Kirchenvertretern bestehende „Fond für den Wiederaufbau“ an die Bevölkerung, sich auf die „gemeinsame russische Heimat“ und vorrevolutionäre Geschichte, in der die russisch-orthodoxe Kirche eine zentrale Rolle spielte, zu besinnen und das „vom ganzen Volk“ zu schaffende „Nationalheiligtum“ wiederaufzubauen, um das während der Sovjetzeit vernachlässigte Erbe der „großen russländischen Staatlichkeit und Kultur“  wieder würdig zu vertreten. Dabei wird eine Gemeinschaft aller an der „guten Sache“ Mitarbeitenden konstruiert, etwa indem (sozial marginalisierte) SpenderInnen von Kopekenbeträgen in einer Reihe mit den hohe Dollarsummen spendenden Geschäftsleuten in veröffentlichten Listen genannt werden. Allen gemeinsam bietet die neue Erlöserkathedrale ein gemeinschaftsstiftendes religiös-nationales Identifikationsobjekt. Dieses Beispiel ist insofern interessant, als dass hier in einem gemeinschaftlichen Konstruktionsakt aller am Kirchenwiederaufbau Beteiligten ein Stück neuer (nationaler) Identität geschaffen wird, die aber als ursprüngliche, kontinuierliche, auf einer langen (russischen) Tradition aufbauende repräsentiert wird. Dabei zeigt sich, mit Stuart Hall (1999: 417) gesprochen, dass der „Diskurs einer Nationalkultur ... Identitäten (schafft), die mehrdeutig zwischen Vergangenheit und Zukunft verortet werden.“

 

Die Konstruktion der russischen „Volksgemeinschaft“ ist gekennzeichnet durch  staatlich-ideologische Homogenisierungstendenzen. Nationale Mythenbildungen und eine Idealisierung der (vor-sovjetischen) russischen Geschichte sollen ein kollektives gesellschaftliches Bewusstsein schaffen. Die Idee, den „nationalen Geist“ auf der Basis von religiös begründeter Moraltradtion (‘Duchovnost’) und ethnokultureller Dominanz (‘Russkost’) zu fördern, wobei die russische Orthodoxie eine zentrale Rolle spielt, ist populär und findet sich in zahlreichen dominanten Selbstrepräsentationen. Doch entgegen den Versuchen eine kohärente essentialisierende Narration des „Russisch-Seins“ zu fabrizieren und so eine homogene russische Identität herzustellen, finden multiple, widersprüchliche, im Aushandlungsprozess befindliche Identitätskonstruktionen statt. Es bilden sich hochgradig hybride, differente, an den (erwarteten) globalisierten Kapitalismus angepasste Lebensweisen heraus.

 

Einige der vielfältigen Narrationen über das Russisch-Sein werden im Vortrag anhand von aktuellem Datenmaterial aus meinem Dissertationsforschungsprojekt exemplarisch rekonstruiert.