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Carlotta Schulte Ostermann (Universität Oldenburg)

Gewaltvolles Sprechen?! Zum produktiven/destruktiven Verhältnis von Gewalt und Sprache

 

Es gilt als ein modernes Ansinnen, durch einen spezifischen Vernunftgebrauch eine Zurückdrängung und Verringerung von Gewalt zu erreichen. Darunter wird zunächst und nach Perspektive rohe, tierische oder auch barbarische Gewalt verstanden. Vernunft ist im Zivilisierungsprozess Rationalisierung und so haben sich Gewaltdiskurse formiert, die sich um Krieg und später dann nichtstaatliche Gewalt gruppierten. Eine faktische Reduzierung von Gewalt ist jedoch nicht eingetreten, betrachten wir nur das Ausmaß offensichtlicher Gewalt im letzten Jahrhundert und in aktuellen Situationen. Dass Gewalt der Gegenpol zu einer modernen Ordnung sei, da sie einen Mangel an Vernunft und eine Nicht-Ordnung aufweise, ist „zu schön, um wahr zu sein“ (Waldenfels, 2000). Viel eher ist Gewalt im Dienste einer/der Ordnung zu sehen. Gewalt erweist sich nicht als außerhalb, oder gar als Urgrund moderner Gesellschaften, sie ist flexibel und spannungsreich mit der Moderne verschränkt. Mit den verschiedenen Verknüpfungen von Gewalt und Moderne hängen Art, Ausmaß und Form spezifisch moderner Gewalt zusammen.

Eine der grundlegenden Dichotomien im okzidentalen Denken ist die Annahme einer strikten Trennung zwischen Sprache und Gewalt. In diesem dichotomen Denken wird die Sprache einem Bereich der Kultiviertheit und die Gewalt einer Naturhaftigkeit zugerechnet. Eine derartige Trennung führt u.a. dazu, dass der Gewalt durch den ‚zivilisierten‘ Menschen keine Bedeutung mehr zukommt. Wenn aber die Gewalt der Barbarei, der Natur, dem rohen Kampf zuzurechnen wäre, dann stünde sie einer reinen Vernunft gegenüber, die sich in Kultur, Zivilisation und sittsamem Miteinander äußerte. Gewalt wäre demnach frei von menschlicher Praxis und Logos. Es lässt sich allerdings keine Gewalthandlung innerhalb der menschlichen Ordnung finden, die frei ist von sprachlichen und symbolischen Kontexten. In einer Analyse von Sprache und Gewalt kann es demnach nicht um eine Differenzierung dieser beiden gehen, dies würde auf eine schlichte Identität von Sprache und auch Gewalt hinauslaufen. Vielmehr geht es um ein „Achten auf den Prozeß der Differenzierung und Ausscheidung, der stets Gefahr läuft, bei fixen Grenzen zu enden“ (Erzgräber Hirsch, 2001) Die Fokussierung sollte also auf den Übergängen und Verschränkungen der Ordnungen der Sprache und der Gewalt liegen. Entscheidend für eine Analyse der Interdependenzen von Gewalt und Sprache sind Modus, Struktur und Dynamik der Verwebung.

Foucault folgend werden Subjekte in diskursiven Machverhältnissen hergestellt, und da es keinen Platz außerhalb dieser gesellschaftlichen Machverhältnisse gibt, sind die Subjekte den Machverhältnissen nicht vorgängig. Erst als versprachlichte Subjekte erhalten wir die Gelegenheit zu existieren und anzusprechen. Dabei ist die Doppelstruktur der Identitätserzeugung zu beachten. Sprache wirkt hier einerseits gewaltsam einschränkend, zugleich eröffnet aber nur sie soziale Handlungsfähigkeit für das Subjekt. Diese entsteht erst in den Diskursen, den gesellschaftlichen Machtverhältnissen und den Mechanismen der Sprache und des Sprechens. Schrift und Körper, Diskurse und symbolische Ordnungen werden durch Macht bürokratisch, disziplinär, ökonomisch gesteuert. Dabei ist Macht jenes was eine komplexe strategische Situation in einer Gesellschaft ausmacht. Macht als performative Macht zu betrachten, bedeutet nach Butler, dass Produktivität (sprachliches Hervorbringen), normative Eingebundenheit (juridisches Moment) und Vorstellungen und Handlungen als diskursive Politik sich verknäulen und verschränken.

Auch in Machtstrukturen findet sich ein Doppelcharakter: „Far from being an agency of repression, power is a productive force that weaves through the social body as a network of discourse and generates simultaneously forms of knowlegde and forms of subjectivity, or what we call social subjects“ (de Lauretis, 1987) Es ist kaum sinnvoll, eine Grenze zwischen Macht und Gewalt derart zu ziehen, dass diese undurchlässig erscheint. Vielmehr muss das Verhältnis Macht/Gewalt als komplex betrachtet werden. Denn Macht hat sich immer schon in Diskursen eingenistet und verborgen gehalten und hat damit auch die Rede über Gewalt zensiert. Dies schlägt sich in Ausdruck, Symbolik und Struktur der Ordnung nieder.

Es kann nicht mehr darum gehen, Gewalt als ein der Natur entsprungenes Phänomen zu identifizieren, sondern dieses als durchdrungen von menschlicher Absicht zu begreifen. Wird dieser Gedanke konsequent verfolgt heißt dies auch, dass Gewalt ein Ereignis und Ergebnis kultureller Handlungen ist. Dann kann es keine Handlungen mehr geben, die frei sind von gewaltvoller Wirkung: „(...) Keine Abhängigkeit, keine Bedingungen, die die individuelle Freiheit einschränkt und die nicht dem Willen und Wirken der Subjekte entsprungen ist und ihnen gehorcht, ist von dem Verdacht frei, ein Gewaltverhältnis zu verbergen“ (Liell, 1999) Gewalt reißt uns nicht immer aus der Normalität oder begegnet uns frontal, sie beginnt zusammenzufallen mit der Art und Weise unserer Existenz. Ist es dennoch möglich, eine Sensibilität für vermeidbare Gewalt zu entwickeln?

Direkte, absichtsvolle Gewalt macht nur scheinbar den Kern aller Gewalt aus, sie ist am offensichtlichsten, doch am wirkvollsten ist sie sicher nicht, ist doch wirkungsvoller, was nicht darauf pochen muss, bemerkt zu werden. Als Ausdifferenzierung des Begriffs der symbolischen Gewalt bezeichnet ethologische eine auf zur Gewohnheit fixiertem, habituellem Handeln basierende Gewalt. In unauffälligen Selbstverständlichkeiten stützen sich gültige Klassifikationskategorien auf askriptive, statuskonstituierende Merkmale. Stereotype, unhinterfragte Denkmuster legitimieren, stabilisieren und schreiben den Status fest. Dies bringt eine Verflechtung von eigen und fremd im sozialen Feld, von Rede und Gegenrede mit sich, sie betrifft Täter wie Opfer, die klassische Trennung von TeilnehmerInnen- und BeobachterInnenpositionen verwischen. Eine Trennung von individuellem Sprechen und dem kollektiven, konventionellen Sprachgebrauch ist nicht haltbar.

Konventionen und Regeln geben Verletzungen notwendig vor, da sie begrenzen, sanktionieren. In der Iteration von Normen werden Verletzungen reproduziert, die dem Individuum unbekannt sein können. Die größte Grausamkeit liegt jedoch darin, das Welt erst in Sprache entsteht und wer sich der Sprache bedient also an der Gewalt teilnimmt. Sie zielt auf die Sprache des Gepeinigten mehr noch als auf seinen Körper. Ohne die Möglichkeit zu sprachlichem Ausdruck geht das Recht auf Existenz verloren.

Die Wirkung von Sprache im und für den sozialen Raum in die Analyse hineinzunehmen ermöglicht es, sie nicht nur als Mittel der Kommunikation, sondern auch als Instrument sozialen Handelns und zugleich als Mittel der Herrschaft zu betrachten. Diese Elemente sind untrennbar miteinander verwoben, sie sind füreinander konstitutiv. Gleichzeitig sind jedoch die Wirkungen und Effekte von Sprache auch abhängig von den sozialen Bedingungen ihrer Produktion, Reproduktion, und ihres Gebrauchs. Die Handlung des Sprechakts bedarf zum einen gesellschaftlich bestimmter Dispositionen sprachlichen Habitus‘, dies schließt eine Neigung zum Sprechen und Aussprechen bestimmter Dinge (sog. Ausdrucksstreben) ein, sowie eine grundsätzliche Sprachfähigkeit (Fähigkeit zur Erzeugung grammatisch korrekter Diskurse, gleichzeitig aber auch die soziale Fähigkeit zur Anwendung dieser Kompetenz). Zum anderen bedarf sie der Strukturen des sprachlichen Marktes, die durch spezifische Sanktionen, und Zensurvorschläge geprägt sind. Das Wort hat nur in Sprechsituationen soziale Bedeutung, denn nur hier werden seine vielen Bedeutungen zum Verstehen notwendig reduziert. Die Bedeutungsreduzierungen laufen entlang von Konventionen und Normen, denn diese sind für ein Gelingen von Bezeichnungspraxis konstitutiv, sie scheinen unumgängliches juridisches Moment sprachlicher Hervorbringung zu sein. Diese beruht nicht zuletzt auf Körperlichkeit, der es zur Ermöglichung und Begrenzung bedarf.

Gewalt als soziale Verletzung erfüllt die Funktion des der Macht gefügig Machens nach Maß der hegemonialen Normativität. In machtvoller Einschreibung in den Körper stellt die Gewalt diesen als Symbol der Ordnung aus und zerstört ihn als Widerständigen. Das Verschmelzen des Körpers mit dem Ort der Diskurse führt zu einer Verinnerlichung der gewaltsamen Hervorbringung. Der Leib stellt sich als Ort der Vernunft und Ort der alles durchdringenden Gewalt dar. Er ist unendlich offen für Gewalt, da er sichtbar, berührbar und bedrohbar ist, und sowohl Instrument der Gewaltausübung als auch Einfallsort für gewalttätige Eingriffe.

Wirkt Sprache als Ausdruck und Instrument der Missachtung des Anspruchs des Anderen, so ist sprachliche Gewalt nicht nur aktives Handeln sondern auch passive Wirkung. An den Randzonen von Sprache und Rede, den Trennungslinien von Erzähltem und Nichterzähltem wird die Ahnung des Verschwiegenen konkreter: „In den Nischen des Ungesagten - und vielleicht auch Unsagbaren - nisten die Ungeheuer. Ihre Schrecken und ihre Ungeheuerlichkeiten schwellen nur noch stärker an, je nachdrücklicher und unnachgiebiger die Vorstellungen sich bemühen sie ans Licht zu führen“ (Erzgräber, Hirsch, 2001). Ein weiterer Aspekt neben der Erkenntnis, dass nicht nur Bedeutungen und Wertungen eines Wortes sondern auch Schweigen, Geste und leibliche Nähe zu Verletzungen führen, ist die zerstörerische Funktion erlebter Gewalt für das Erzählen und die Rede selbst. Körperlicher Schmerz ist nicht kommunizierbar und löst Sprache auf, zersetzt sie.

Dass eine Steigerung der Gewalt der Benennung durch den Entzug der Benennung möglich ist, zeigt auf, dass es ein mehr oder weniger an Gewalt sehr wohl geben kann. Sollte ein gewaltfreier Ort, der dem Zugriff des Diskurses auf immer entzogen ist, möglich sein?

 

Literatur

Erzgräber, Ursula; Hirsch, Alfred (Hrsg.) (2001). Sprache und Gewalt. Studien des Frankreichzentrums der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Band 6. Berlin: Berlin Verlag.

de Lauretis, Teresa (1987). „The Violence of Rhetoric.“ In Technologies of Gender. Essays on Theory, Film, and Fiction, Teresa de Lauretis. Bloomington and Indianapolis: Indiana University Press, 31-50.

Liell, Christoph (1999). „Der Doppelcharakter von Gewalt: Diskursive Konstruktion und soziale Praxis.“ In Ordnungen der Gewalt. Beiträge zu einer politischen Soziologie der Gewalt und des Krieges, hg. Sighard Neckel, Michael Schwab-Trapp. Opladen: Leske und Buderich, 33-54.

Waldenfels, Bernhard (2000). „Aporien der Gewalt.“ In Gewalt. Strukturen, Formen, Repräsentationen, hg. Mihran Dabag, Antje Kapust, Bernhard Waldenfels. München: Fink, 9-24.