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Julia Reuter (RWTH Aachen)

Transdifferenz: Zur Konvergenz postkolonialer und postfeministischer Diskurse

 

In der gegenwärtigen Diskussion um Identität und Differenz ist immer häufiger von  Transkultur oder Transgender die Rede. Dabei dient die Vorsilbe trans zunächst einmal der Abgrenzung gegenüber herkömmlichen Begriffen, etwa dem der Interkulturalität oder auch Intersexualität. Während die Vorsilbe inter an einer binären Logik des Entweder-Oder festhält und damit Identität und Differenz als sich wechselseitig ausschließende Entitäten gegenüberstellt, geht es bei den neuen Begriffen um die wechselseitige Überlagerung von Zugehörigkeiten und um grenzüberschreitende Kombinationen von Identitätsaspekten innerhalb der sichtbaren Differenzen. Anstatt Identitäten und Differenzen per se auf "die" Kultur, "die" Nation oder auch "das" Geschlecht zurückzuführen, wird ihre Konstruktion in-mitten kultureller Verbindungen, in-mitten nationalstaatlicher Räumen, in-mitten der Geschlechterdifferenz hervorgehoben. Diese auch mit dem Begriff der Transdifferenz bezeichneten Phänomene machen eine dichotome Gegenüberstellung von Identität und Differenz obsolet. Sie betonen das Dazwischensein, die Grenzlagen und internen Vermischungen, die eher der Logik eines Sowohl-als-auch entsprechen und damit essentialistische Identitätsvorstellungen und binäre Kategorisierungen aufbrechen.

Im Kontext soziologischer Forschung steht Transdifferenz für die Tendenz, in diesen Zwischenräumen der Differenz eine neue Theorie der Identität zu entwickeln. Statt den Zustand des "Dazwischenseins" wie bislang als kurzlebiges Übergangsphänomen auf dem Weg zur Anpassung oder als privates Identitätsproblem spezifischer Randgruppen zu fassen, wird es als dauerhafte soziale Wirklichkeit inmitten gegenwärtiger Gesellschaften verortet. Wichtige theoretische Impulse und empirische Befunde kommen dabei aus der ethnologischen und postkolonialen Globalisierungsforschung (vgl. Clifford; Appadurai; Bhabba) und der jüngeren, postfeministischen Geschlechterforschung (vgl. Butler; Haraway). Allerdings existieren bislang nur wenige Versuche, die wechselseitigen Zusammenhänge zwischen diesen Diskursen unter einem gemeinsamen Blickwinkel zu betrachten. Der Beitrag beabsichtigt eine systematische Verknüpfung von Kultur- und Geschlechterforschung unter dem Begriff der Transdifferenz mit dem Ziel, ein neues Verständnis von Identität und Differenz zu entfalten und dieses sowohl für die wissenschaftliche Analyse als auch für gesellschaftspolitische Gestaltungsmöglichkeiten fruchtbar zu machen. Anstelle einer interdisziplinären Vielfalt in Form relativ unabhängig voneinander geführter Spezialdiskurse geht es darum, die allenfalls marginal vorhandene Grundkonzeption der Transdifferenz zu einer soziologischen Gesamtkonzeption grenzüberschreitender Identitäten auszubauen.

Trotz der im Detail zu treffenden analytischen Unterscheidung konvergieren die unterschiedlichen Diskussionen in mehreren Punkten: Grundsätzlich rücken sie Prozesse in der Kontaktzone von Kulturen und Geschlechtszugehörigkeiten in den Mittelpunkt der Analyse, auf die herkömmliche Zuschreibungen und Identitätslogiken nicht mehr passen. Postkoloniale Migranten und Transsexuelle bilden hierfür eindrucksvolle Beispiele und sind in der gegenwärtigen Forschungsliteratur recht gut dokumentiert (vgl. Faist; Pries, Hirschauer; Lindemann; Schröter). Obwohl phänomenologisch schwer vergleichbar, lassen sich Migrant und Transexueller epistemologisch als "Geschwister" bezeichnen (vgl. Nassehi 1999: 356). Beide setzen die Rede einer natürlichen, homogenen, authentischen Identität außer Kraft und entstellen die binäre Logik, mit der auf Differenz beruhende Identitäten  konstruiert werden. Beide verkörpern eine neue Form von Mobilität, bei der Herkunft und Ankunft ungewiss sind. Sowohl der kulturelle wie auch der sexuelle Transmigrant befinden sich in einem ambivalenten Zwischenstatus und können nach Zygmunt Bauman als Fremde bezeichnet werden, die sich que(e)r zu binären Ordnungs- und Vergesellschaftungsformen stellen. Als Prototypen des vertrauten Fremden sind sie vertraut wie fremd zugleich, denn sie liegen einerseits jenseits der vertrauten internen Unterscheidungen wie "einheimisch" und "ausländisch" bzw. wie "Mann" und "Frau", zwischen "Kultur" und "Natur". Sie machen die Unterscheidungen aber andererseits ihrerseits reflexiv, gewissermaßen als ihr eingeschlossenes-ausgeschlossenes Drittes.

Ähnlich wie der kulturelle Transmigrant irritiert der sexuelle Transmigrant eingespielte Seh- und Erkenntnisgewohnheiten dahingehend, dass er nicht zwangsläufig die Grenzen zwischen den Geschlechtern auflöst, sondern die Logik, in Grenzen zu denken, bzw. zwischen Bereichen, die durch Grenzen gespalten werden, zu unterscheiden, als unbrauchbar vorführt. Beide personifizieren eine ambivalente oder nicht-identische Identität (vgl. Holz 2000: 281), die in ihrer Unvertrautheit häufig Gefühle der Ungewissheit, Unbestimmtheit, ja das Gefühl des Unheimlichen nicht nur im Fremd-, sondern auch im Selbstverständnis auslösen, da sie vertraute Sichtweisen entstellen, ohne eine neue Ordnung zu repräsentieren (vgl. Nassehi 1999: 357). Betroffene Personen bezeichnen sich daher häufig selbst als "anders", "nicht normal", neuerdings auch als "queer".

Wurden diese Formen der Selbstentfremdung bislang ausschließlich als leidvolle, im Transsexualitätsdiskurs auch als pathologische "Identitätsprobleme" behandelt, avancieren sie unter Einfluss postkolonialer und postfeministischer Subkultur und Politik zunehmend als kreative Praxis der (Selbst)Vergesellschaftung, die nicht einfach unter einer Assimilierung bzw. Anpassung an das Regime der Nationalkultur oder Zweigeschlechtlichkeit zu subsumieren ist. Anpassung wird hier vielmehr als streitbarer Prozess des "Sich-passend-Machens" betrachtet, bei dem sich die Betroffenen an den Bruchstellen und Widersprüchen der nationalstaatlichen und heterosexuellen Ordnung orientieren, diese für sich nutzen, um ihren Wünschen nach sozialen Beziehungen eine Form zu geben und sie für sich umzuarbeiten. Jenseits von nationalstaatlichen Integrationsbemühungen und geschlechtsangleichenden Transformationen decken kulturelle und sexuelle Migranten geradewegs die Widersprüche zwischen der kulturellen oder körperlichen Ausstattung, ihrer Repräsentation und ihrem Empfinden auf.

Transkulturalität und Transsexualität lassen sich dann als Ort begreifen, an dem sich das Subjekt als Knotenpunkt einer Vielzahl von Diskursen (nationaler, ethnischer, medikaler, psychologischer, biologischer Diskurse) in einer polykontexturalen Welt erfährt und diese unterschiedlichen Referenzsysteme aufeinanderprallen lässt. Der kulturelle Transmigrant als Fremder zeigt, dass es keine "geographische Heimat" gibt, der sexuelle Transmigrant als Fremder verdeutlicht, dass es keine "körperliche Heimat" gibt, zu der er zurückkehren kann, denn weder ein Geschlecht haben noch ein Geschlecht sein ist ihm selbstverständlich.

Auch wenn Kultur- und Geschlechtsmigranten eher als Ausnahme- denn als Regelfall erscheinen, lassen sie sich doch als äußere Pole eines Kontinuums begreifen, in dem eine Vielzahl "alltäglichere" Beispiele denkbar sind, die eine eindeutige, naturalistische Repräsentation von Identität unterlaufen: Etwa Kultur- und Geschlechtsidentitätskonstruktionen in binationalen Partnerschaften, touristischen Begegnungen oder gemischten Schulklassen. Transdifferente Identitäten gelten nicht als Sonderfall oder folkloristisches Beiwerk einer "Einheitskultur", sondern als typische Phänomene unserer Zeit, die sich trotz oder gerade wegen binärer Sortiermuster der etablierten Kultur behaupten. Sie schaffen binäre Ordnungen nicht ab, schließlich wirken diese in Diskursen der Nation oder der Geschlechterdifferenz weiterhin auf uns ein. Sie stellen aber ihre Selbstbeschreibung als organisch gewachsene, natürliche Gebilde und ihre innere Homogenität in Frage.

Eine Soziologie der Transdifferenz erschöpft sich daher nicht in der "Entdeckung" von "Zwittergestalten" und "Mischwesen". Sie bringt auch eine normative Perspektive in die Diskussion um Identität und Differenz ein, denn die Brüche und Überlappungen innerhalb und zwischen Kulturen und Geschlechtern werden gerade nicht als "unheilvoll" oder als "Verlust" von "Identität" und "Heimat" verkannt, sondern als Herausforderung herkömmlicher nationalstaatlich regulierter Kultur- und Geschlechterordnungen und als Chance für neue Lebens- und Denkformen betrachtet. Anstatt das Leben zwischen den Welten gemäß einfacher Konfliktmodelle als "defizitär" zu betrachten, wird es als innovativer Ort der Zusammenarbeit und des Widerstreits definiert. In der Debatte um kulturelle und geschlechtliche Zwischenräume und -identitäten wird ein politisches Vokabular von Kultur und Geschlecht entwickelt. So wenden sich postkoloniale Theoretiker überdeutlich gegen einen latenten (eurozentrischen) Objektivismus moderner Kulturtheorien, während aktuelle Geschlechterstudien den subtilen (patriarchalen) Objektivismus moderner Geschlechtertheorien kritisieren. Dabei wird die Macht der Verhältnisse nicht auf formale Abhängigkeitsverhältnisse verkürzt. Im Gegenteil, Macht wird im Anschluß an Michel Foucault und Antonio Gramsci als Mikromacht in subtilen Praxiszusammenhängen verortet – ob in medialen Diskurspraktiken, politischen Repräsentationspraktiken, Sprech- und Bezeichnungspraktiken oder wissenschaftlichen Visualisierungspraktiken. Damit dehnen beide Debatten den Bereich des Politischen massiv auf solche Sphären des Sozialen aus, die bislang eher als Schauplätze machtfreier Begegnungsstätten galten. Eng damit verbunden ist die Suche nach Widerstand und die Entfaltung von neuen Modellen der Identitätspolitik, die sich gezielt gegen "einfache" Emanzipationslogiken positionieren. Statt "von außen" auf die Machtverhältnisse einzuwirken, werden Strategien der Subversion "innerhalb" der naturalisierten und verdinglichten Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata ausgelotet, ohne die institutionellen Strukturen und Rahmungen aus dem Blick zu verlieren.

Transmigrant und Transsexueller bestechen durch ihre Sichtbarkeit in Wissenschaft und Alltag. Dennoch gilt es, postkoloniale und postfeminstische Diskurse der Transdifferenz so zu synthetisieren, dass die Gefahr, selbst als "Randkulturforschung" an den Rand der Forschung abgeschoben zu werden, eingedämmt wird.