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Paul Reuber, Anke Strüver & Günter Wolkersdorfer (Westfälische Wilhelms-Universität Münster)

Geopolitische Diskurse in den Printmedien nach dem 11. September und während des Afghanistan-Krieges

 

‚Krieg gegen den Terror’ so lautet der neue geopolitische Diskurs, der sich im Zuge des terroristischen Anschlags auf Pentagon und World Trade Center weltweit etabliert hat. Was die Terroristen am 11. September 2001 zerstören wollten, waren nicht zwei besonders hohe Hochhaustürme und ein fünfeckiger Funktionsbau. Auch die fast 3000 Menschen, die sie getötet haben und der Schmerz, den sie ihren Angehörigen zugefügt haben, standen nicht im Mittelpunkt ihres Anschlags. Ihr Ziel war gleichsam sichtbar-unsichtbar und deswegen umso gewaltiger. Ihr Ziel war der symbolische Gehalt der beiden Gebäude, das weltweite Markenzeichen der World Society, das längst zu einem „Global Landmark“ geworden war: Sie vernichteten mit dem World Trade Center das Aushängeschild einer ökonomischen Globalisierung westlich-abendländischen Zuschnitts und sie trafen im Pentagon die symbolische Machtzentrale der militärischen Garantie- und Durchsetzungsmacht dieser neuen Weltordnung, den „Weltpolizisten“ (Chomsky, Galeano & Roy 2001) Amerika und seine westlichen Verbündeten.

 

Das seither in der politischen und medialen Repräsentation des Anschlages kaum noch vom Pentagon, umso mehr aber vom World Trade Center die Rede war, zeigt, wie subtil sich im Fluss des Diskurses eine sprachlich-territoriale Umdeutung als „Anschlag auf Amerika“ verfestigt hat. Während das Pentagon als Kern des militärisch-industriellen Komplexes die Gemüter durchaus hätte spalten können, bot sich das WTC als gemeinsames Symbol der Empörung nicht nur für ganz Amerika, sondern für die gesamte „freie“ Welt an. Erst in dieser Form ließ sich der zunächst in keiner Weise territorial-nationalstaatlich verfasste Angriff in ein nationales und international anschlussfähiges geopolitisches Projekt umdeuten. Wichtiger noch: Erst in dieser Form erhielt der Kampf gegen den Terror ein geopolitisch gerahmtes Format. In der Installation der ‚Achse des Bösen’ und eines ersten Hauptgegners Afghanistan entstand dann folgerichtig der ebenso territoriale und – wichtiger noch – in den klassischen Kriegs-Chiffren nationalstaatlicher Gegnerschaft verortbare „Andere“. Die in diesen wenigen Tagen akzentuierte Metapher vom weltweiten „Krieg gegen den Terror“ (und gegen Regime, die solche Terroristen unterstützen) wurde schneller als man denken konnte zu einer der wirkungsmächtigsten neuen Doktrinen der internationalen Geopolitik, mit der politisch Mächtige um den ganzen Erdball die Räume und Grenzen der Macht im neuen Jahrtausend jenseits der zerfallenden Nationalstaaten neu konzeptionieren, repräsentieren und mit militärischen Mitteln disziplinieren konnten.

 

Ein Epochenwechsel im geopolitischen Diskurs?

An der Verhandlung der Anschläge von New York und Washington in den Medien und an der Berichterstattung über die nachfolgenden Ereignisse lässt sich beispielhaft verfolgen, wie sehr die Auseinandersetzungen in den Medien weltweit und fast zeitgleich präsent sind, und wie bedeutend daher die Diskurse sind, die sie über die Ereignisse in die Welt setzen. Das gilt für die Repräsentation und Rezeption des Konfliktes in der Öffentlichkeit, aber auch für die Herstellung der entsprechenden Bündnisse und Massenloyalitäten.

Schon wenige Tage nach der weltweiten Trauer um die Opfer des Terroranschlages von New York wurden die Ereignisse in Politik und Medien genutzt, um die Rhetorik einer neuen dualen Geopolitik aufzubauen. Huntingtons Thesen vom „Kampf der Kulturen“ waren plötzlich wieder hoffähig und die Karten von den „Schurkenstaaten“ geisterten mitsamt ihrer territorialen Pauschalisierung durch Zeitungen und Fernseher. Für mindestens einen Monat waren jegliche Plädoyers für Toleranz und Differenz „tabu“. Wer den Pfad dieses Diskurses verließ, und etwas seinerzeit „Unsagbares“ zu sagen wagte, bezahlte mit einer öffentlichen Medienschelte, wie sie seit den Tagen des deutschen Herbstes nicht mehr zu hören war.

 

Was sich nach „nine-eleven“ verändert hat, sind nicht in erster Linie die geopolitischen Machtkonstellationen selbst, sondern die Art und Weise, wie die internationale Geopolitik sprachlich-rhetorisch verfasst wird (Belina, Best & Strüver 2002; Reuber & Wolkersdorfer 2004 u.a.). Was sich verändert hat, ist das Feld des Sagbaren und vice versa dessen, was nicht gesagt werden darf. Waren Anfang und Mitte der 1990er Jahre noch eher offenen Formationen der internationalen geopolitischen Diskursfelder zu finden, bewirkten diese Ereignisse die bisher massivste Schließung der „post-cold-war“ Periode. Sie führten zu einem neuen globalen Geopolitischen Leitbild. Dieses entstand aber – Foucaults Theorie vom Wirken der Diskurse folgend (1974, 1981) – nicht völlig neu, sondern akzentuierte und polarisierte eine bis dahin eher differente, facettenreichere Situation, in der unterschiedliche Diskursstränge und Leitbilder ko-existierten. Insofern ist auch der von den Medien häufig genutzte Begriff des Epochenwechsels eher verwirrend. Aus der Sicht einer postmodernen Politischen Geographie, die geopolitische Machtkonstellationen mit Foucault eher als sprachliche Konstruktionen begreift, wäre es in diesem Zusammenhang richtiger, von einem Diskurswechsel, oder besser noch: vom Wechsel der diskursiven Formation zu reden. Solche Ereignisse als „Diskurswechsel“ zu begreifen und zu dokumentieren ist ein Hauptanliegen einer postmodernen Politischen Geographie, und wohl kaum ein Ereignis der letzten Jahrzehnte stellte die Macht und Abhängigkeit von Diskursen deutlicher heraus, als der Anschlag vom 11. September (Reuber & Wolkersdorfer 2003).

 

Forschungsperspektiven

Der Terroranschlag vom 11. September und seine Folgen für die weltweite Geopolitik machen einmal mehr deutlich, wie wenig objektivistisch-funktionalistische Betrachtungsweisen die Motivationen und Verläufe von geopolitischen Auseinandersetzungen zu erfassen vermögen. Um nachzuvollziehen, wie die geopolitischen Konflikte des neuen Jahrtausends ablaufen und zu verstehen, welche besondere Rolle dabei die räumlichen Strukturen, Zeichen und Diskurse spielen, müssen – jenseits von „objektiven“ Analysen oder (sogenannten) „realistischen“ Ansätzen in den Politikwissenschaften – stärker denn je die symbolischen Bedeutungen und geopolitischen Repräsentationen offen gelegt werden. Im Raum oder in der Sprache über Raum ist eine ‚Archäologie der Macht’ kodiert, die je nach Kontext Ziel, Transmissionsriemen, Manipulationsinstrument und anderes sein kann und die sich nicht in Physiognomie und Funktion, sondern in Symbolisierung und Bedeutungszuschreibung äußert.

 

Eine wissenschaftliche Untersuchung der Anschläge von New York und Washington und ihrer geopolitischen Folgen liegt – von stärker normativen Einzelstatements abgesehen (Agnew 2001, Smith 2001 u.a.) - derzeit aus politisch-geographischer Sicht erst sehr vereinzelt vor (siehe z.B. Dalby 2003). Das gilt erst recht für den deutschen Sprachraum, wo Forschungen über aktuelle geopolitische Ereignisse und Geopolitik lange eine Domäne der Politikwissenschaften waren. Sie fanden dabei aber vor allem als anwendungsorientierte Forschung „nah am Realgeschehen“ (Elsässer 2002, Stein & Windfuhr 2002 u.a. ) oder aus ideologiekritischer Perspektive statt (Chomsky, Galeano & Roy 2001, Chomsky 2002, Falkenhagen 2002 u.a.)

 

Eine solche Perspektive einnehmen zu wollen, wäre nicht nur angesichts der Schwere und menschlichen Dramatik der Ereignisse unangemessen, sondern auch erkenntnistheoretisch problematisch, und das aus mehreren Gründen. Es würde zunächst die kursierenden und in den Medien tradierten Absichten und Handlungsstrategien der Politiker als gegeben annehmen und ihnen damit eine Realität unterstellen, die die Erkenntnis Lügen straft, dass „im Krieg die Wahrheit als erstes stirbt“, wie die taz im Kontext des Kosovo-Krieges bezeichnend titelte. Auf dieser Grundlage eine Art verstehende Rekonstruktion von Handlungen und Strategien ableiten zu wollen, ist unmöglich. Es fehlt die zeitliche Distanz, die es derart gegliederten Projekten ermöglicht eine halbwegs ‚objektive‘ Position zu entwickeln. Ein derartiger ‚realistischer‘ Zugang (vgl. Waltz 1959 u.a.) verbietet sich somit und halbwegs überzeugende Arbeiten sind hier erst in einigen Jahren zu erwarten. Dieses Vorgehen würde zweitens auf der Basis eines ontologischen Realismus gleichzeitig implizit eine normative Perspektive einnehmen, weil es eine wertfreie Positionierung auch aus der wissenschaftlichen Arena heraus nicht geben kann. Wie ein weites Tor öffnet sich vielmehr die Falle, mit einer positionierten Rekonstruktion den zahlreichen Meinungen nicht nur noch eine – ebenso beliebige – hinzuzufügen, sondern gleichzeitig unvermeidlich an der Reifikation des Konfliktes und seiner neuen geopolitischen Argumentationsmuster teilzunehmen.

 

Geopolitik und Diskursanalyse

Eine Möglichkeit, sich diesem Problem sensibler und gleichzeitig fast in der Unmittelbarkeit des Ereignisses zu nähern, bietet eine diskursanalytische Forschungsperspektive. Ihr Ziel ist es gerade nicht, die kursierenden Diskurse aus Politik und Medien „von innen“ zu analysieren und damit letztlich nur eine „weitere“ oder „vermeintlich neutralere oder objektivere Analyse“ bereitzustellen. Ihr Ziel ist es vielmehr, die geopolitischen Semantiken, Metaphern, Bilder, Zeichen und Symbole selbst zu beobachten und deren vermeintliche (geopolitische) Logik, die den kursierenden Argumentationen und Leitbildern innewohnt, zu dekonstruieren. Indem sie so vordringlich auf die schnellen und oft polarisierenden „Schließungen“, Zuschärfungen und Pauschalisierungen im Diskurs hinweist, schafft sie gleichzeitig Raum für ein Denken in Differenz: Wer offen legt, wie die geopolitischen Dichotomien in der Sprache über den Konflikt konstruiert werden, der öffnet Möglichkeiten für das Infragestellen solch kategorialer Verkopplungen sozialer Eigenschaften mit territorialen Zuschreibungen. Und eben diese Differenz ist es, die der sprach- und bildgewaltigen „Verarbeitung“ des Ereignisses in den Medien fehlt.

 

Das deutlichste Beispiel für eine solche Dichotomisierung im Diskurs nach und über den Anschlag ist die Renaissance des von Huntington entwickelten Szenarios vom ‚clash of civilizations’. Seine Rhetorik vom ‚Kampf der Kulturen’, der den Kampf der ideologischen Systeme nach dem Ende des Kalten Krieges ersetzen würde, war ein diskursives Erfolgsmodell ohnegleichen. Es komme, so Huntington, zu einer entscheidenden Kluft zwischen dem Westen und dem Rest der Welt, wobei die größte Gefahr vom Islam ausginge. Huntingtons düsteres Resümee: „Die Welt ist nicht geeint. Kulturen haben die Menschen geeint und gespalten. ... Es sind Rasse und Glaube, womit sich Menschen Identifizieren, wofür sie zu kämpfen und zu sterben bereit sind“ (Huntington 1996, S.122).

So wundert es wenig, wenn sofort wieder die massiv territorialisierende Dichotomie dieser neuen geopolitischen Erzählung bemüht wird, wenn es um eine Lokalisierung von Feinden und Freunden geht. Die von Huntington entwickelte Rhetorik passt dabei aber nicht nur in die Begründungsdiskurse amerikanischer Militärstrategen und Politiker, sondern auch in die Saga vom Heiligen Krieg der Gegenseite. So bietet er mit seinem Leitbild vom Kampf der Kulturen einen Diskurs an, dem sich auch Bin Laden problemlos anschließen würde. „Bin Laden is the Samuel Huntington of the Arab world …He is a prophet and organizer of inter-civilizational conflict. Bin Laden is the modern Arab geopolitician par excellence” (Agnew 2001).

 

Ein diskursanalytischer Zugriff dekonstruiert solche vermeintlichen geopolitischen Zwangs-Logiken indem er zeigt, wie sehr hier mit den sprachlichen „Zwängen der Lage“ aktive Geopolitik gemacht wird. Huntington’s thesis is not about the clash of civilizations. It is about making global politics a clash of civilizations“ (Ó Tuathail 1996, S. 149). Dieser strategische Charakter geopolitischer Diskurse kennzeichnet auch die Berichterstattung der Medien nach den Anschlägen von New York und Washington in massiver Weise. Hier werden die rhetorisch-territorialen Schließungen in der Sprache der Politiker, Kommentatoren und Experten eingefahren, auf denen dann die anschließende Territorialisierung des Konfliktes (Schurkenstaaten, Afghanistan, Achse des Bösen etc.) stattfinden konnte, die zur argumentativen Vorbereitung einer kriegerischen Auseinandersetzung in den territorialen Chiffren eines Konfliktes zwischen Nationalstaaten unabdinglich war. Mit einer wissenschaftlichen Dekonstruktion dieser geopolitischen Leitbilder ist es mitunter möglich, die Aktualität und Brisanz der Ereignisse durch ein zeitnahes Forschungsprojekt einzufangen und in der Unmittelbarkeit der Ereignisse von politisch-geographischer Seite eine andere Perspektive der Betrachtung und Konstruktion einzuziehen.

 

Mit der diskursiven Dekonstruktion geostrategischer Bilder hat sich die deutschsprachige Politische Geographie bisher erst ansatzweise beschäftigt (Lossau 2000, Reuber 2002, Reuber & Wolkersdorfer 2001, 2002, Wolkersdorfer 2001). Das vorliegende Projekt versteht sich daher als Beitrag zu einer postmodernen Politischen Geographie, wie sie sich im angloamerikanischen Sprachraum bereits seit dem Anfang der 1990er Jahre zu entwickeln begann. Das konzeptionelle Fundament für dieses Vorgehen liefert die Schule der „Critical Geopolitics“ (Ó Tuathail 1996, Ó Tuathail & Dalby 1996, Dodds & Sidaway 1994). Die Autoren untersuchen mit neuen Konzepten, auf einer erkenntnistheoretisch reflektierten Basis, das Verhältnis von Macht und Raum in der Geopolitik. Ihre Forschungen basieren auf einer konstruktivistischen Grundlage. Mit Rekurs auf Saids "Orientalism" (1978) und Gregorys  „Geographical Imaginations“ (1994) zeigen die Critical Geopolitics, dass geopolitische Weltbilder einschließlich ihrer kartographischen oder fotografischen Repräsentationen aus einseitigem Blickwinkel konstruierte und zu politischen Zwecken verbreitete Regionalisierungen darstellen. Politisch-geographische Forschungen aus der Perspektive einer Kritischen Geopolitik haben in diesem Kontext zum Ziel, geopolitische Regionalisierungen in ihrer strategischen Bedeutung zu enttarnen. Ein ähnliches Anliegen verfolgt Foucault mit seiner Diskursanalyse, wenn er den "doppelten Boden des Wortes wieder an die Oberfläche bringen (möchte)...; im Aussprechen des Gesagten soll noch einmal gesagt werden, was nie ausgesprochen wurde" (1988, S. 14).

 

Zielsetzung und Vorgehen

Das vorgestellte, durch die Deutsche Stiftung Friedensforschung geförderte Forschungsprojekt verfolgt das Ziel, die aktuell kursierenden, geopolitischen Leitbilder und Diskurse im Kontext des Anschlags auf die USA zu analysieren. Im Zentrum des Interesses steht dabei die Frage, welche Grenzen, inneren Gliederungen und politischen Verfasstheiten in konkurrierenden territorialpolitischen Raumvorstellungen entworfen werden. Die vergleichende Dekonstruktion dieser Leitbilder soll zeigen, aus welchem Blickwinkel sie jeweils konstruiert sind und welchen strategischen politischen und ökonomischen Interessen sie dienen und wie sie die globalen Strukturen und deren Steuerung beeinflussen.

 

Kaum ein Ereignis der letzten Jahrzehnte hat die Macht und Abhängigkeit von Diskursen deutlicher gemacht als der Anschlag vom 11. September. Deshalb ist es wissenschaftlich lohnend, die Macht und die Abhängigkeit von Diskursen an diesem Beispiel nachzuzeichnen, da Diskurse grundlegend unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit strukturieren. Am Bericht über den Anschlag in den Medien kann konkret gezeigt werden, wie die Funktionsweise und Bedeutung von Diskursen im Laufe der Geschichte wechselt – ein Aspekt, den Foucault an historischen Beispielen eindrucksvoll gezeigt hat (1977, 1978). Die Ereignisse zeigen auch, wie stark dabei in spät- bzw. postmodernen Gesellschaften die Rolle der Medien als diskursvermittelnde Institution geworden ist. Vor diesem Hintergrund wird die Medienberichterstattung über die Terroranschläge von New York und Washington sowie den daraus resultierenden Militärschlag gegen Afghanistan aus einer politisch-geographischen Perspektive analysiert. Im Zentrum des diskursanalytischen Vorgehens steht die Dekonstruktion der geopolitischen Rhetoriken, Leitbilder und Metaphern, die in den Medien über den Anschlag und dessen Implikationen aus der Perspektive unterschiedlicher Akteure verfasst und verbreitet wurden. Die Diskursanalyse arbeitet mit diesem Vorgehen die zentrale Rolle der Medien bei der Entstehung geopolitischer Argumentations- und Deutungsmuster (diskursiver Formationen) anhand folgender Fragen heraus:

-          Welche geopolitischen Argumentationen verwenden sie?

-          Wie werden die Terroristen bzw. die amerikanische Regierung und ihre Verbündeten dargestellt?

-          Welche territorialen Semantiken einer neuen geopolitischen Gegnerschaft dienen zur argumentativen Legitimation der politischen und kriegerischen Gegenmaßnahmen?

-          Mit welchen kartographischen und fotographischen Repräsentationen werden in den Medien die Argumentationen unterstützt?

 

Die Rolle der Medien wird dabei nicht als die eines Transporteurs der Beschreibung von Ereignissen verstanden, sondern als Deutungsinstanz, die gesellschaftliche Beobachtungssysteme produziert (vgl. Weller 2002a, 2002b).

 

 

Für die Erstellung einer möglichst übersichtlichen Dokumentation und für eine erste quantitative Analyse des Diskursfeldes wurde mithilfe einer Qualitativen Datenanalyse Software (Atlas.ti) ein Textkorpus zusammengestellt, der die Berichterstattung fünf verschiedener Printmedien (Die Zeit, Der Spiegel, SZ, taz und FAZ) in zwei Analyse-Zeiträumen erfasst. Der erste Zeitraum erstreckt sich von 12.09. bis 6.10.2001 – und umfasst damit die Berichterstattung von den Anschlägen bis zum Beginn des US-Militäreinsatzes in Afghanistan am 7.10.01 (siehe auch Bünger 2001 für die Analyse der Berichterstattung in der BILD-Zeitung nach dem 11. September).

Atlas.ti wird dabei nicht zur Daten-Analyse, sondern zur Organisation des Text-Materials, zur Strukturierung und Systematisierung der Daten in einem „Archiv“ verwendet. In dem anhand von Schlüsselwörtern als Suchbegriffen zusammen gestellten Textkorpus fungieren die Schlüsselwörter als Codes eines ersten, deduktiven Codiervorganges. An diesen schließt sich ein Lesen des gesamten Textkorpus an, um das Material von Texten zu bereinigen, die trotz Code(s) nicht im Zusammenhang mit den Terroranschlägen stehen und um weitere Codes zuzuweisen (zum einen als induktiver, offener Codiervorgang, d.h. im Text auftauchende Suchbegriffe, und zum anderen als vorab definierte übergeordnete „Denk-Codes“, die Text-Segmenten zugeordnet werden).

Auf Basis dieser Codierungen werden eine „Statistik“ mit der Übersicht aller Codes und deren Häufigkeiten angefertigt, Beziehungen zwischen Codes (Kombinationen, Zeichenketten, Netze, Hierarchien etc.) – und damit zwischen den Texten -- deutlich gemacht und Zusammenfassungen von Codes in „Kategorien“ auf transparente und rekonstruier- bzw. auch transformierbare Weise vorgenommen. Das codierte Textmaterial dient darüber hinaus auch zur Suche nach zentralen Themen, typischen Beispielen und Bezügen, Legitimationsmustern, Kausalitäten, Oppositionspaaren und Visualisierungen sowie nach ersten Regelhaftigkeiten der diskursiven Praxis (vgl. Diaz-Bone 1999, Diaz-Bone/ Schneider 2003, Kelle 2000, Viehöver 2001).

Trotz des quantitativen Charakters der Archivierung qualitativen Materials bietet QDAS zudem Möglichkeiten, um wesentliche Charakteristika einer Diskursanalyse im Sinne Foucaults in den Grundzügen zu erfüllen, wie z.B. die Erfassung der Orte von Aussagen (Medien, Sprecherpositionen), der Wiederholung von Aussagen und die daraus erfolgende Einschreibung diskursiver Regelmäßigkeiten, die Grenzen des Sagbaren sowie Verbindungen zu andere Diskursen (Foucault 1974, 1981, siehe auch Sarasin 2001). Schließlich dienen diese Datenbank und Systematik als Archiv/Verwaltung der Texte für die spätere Analyse herausragender Einzeltexte in Form einer qualitativen, d.h. interpretativ-rekonstruktiven Untersuchung der Diskursfelder und –formationen im Hinblick auf die geopolitischen Leitdiskurse in der Zeit nach dem Terroranschlag.

 

Literatur

Agnew, J.A. (2001): Not The Wretched Of The Earth: Osama Bin Laden And The “Clash Of Civilizations”. In: The Arab World Geographer. Online unter: http://www.frw.uva.nl/ggct/awg/, Stand: 23.01.2002 (15:00 Uhr).

Belina, B./ Best, U./ Strüver, A. (2002): Change and Continuity in German Landscapes of Fear and Imperialism after September 11th: “Nothing Remains” = “More of the Same”? In: Antipode 34 (5), S. 829-834.

Bünger, I. (2001): Apocalypse Now? Kritische Diskursanalyse der Berichterstattung der BILD-Zeitung vom 12.09.01 bis zum 7.11.01. In: PROKLA 125, Jg, 31 (4), S. 603-624.

Chomsky, N./ Galeano, N./ Roy, A. (2001): Angriff auf die Freiheit? Die Anschläge in den USA und die Neue Weltordnung. Grafenau.

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Diaz-Bone, R./ Schneider, W. (2003): Qualitative Datenanalysesoftware in der sozialwissenschaftlichen Diskursanalyse – Zwei Praxisbeispiele. In: Keller, R. et al. (Hg.): Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse. Band 2: Forschungspraxis. Opladen, S. 457-494.

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