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Gudrun Quenzel (Universität Duisburg-Essen)

Der Balkan im europäischen Identitätsdiskurs – Die kulturelle Legitimation der EU-Außengrenzen

 

Zu dem Prozess einer kollektiven Identitätsbildung einer vorgestellten Gemeinschaft gehören neben der Identifikation mit den Vorstellungen über diese Gemeinschaft auch Strategien der Abgrenzung. Die Konstruktion kollektiver Identität beruht deswegen auf der Konstruktion von Grenzen zwischen einer Gemeinschaft von Gleichen und einer Vielfalt von Außenstehenden (Giesen 1999: 130). Diese Differenz zwischen innen und außen wird in der Begegnung mit „Fremden“, mit den anderen konstruiert. Die anderen, die nicht in die Vorstellung vom eigenen Kollektiv einbezogen werden, werden im Prozess einer kollektiven Identitätsbildung zu den Anderen, denen ebenfalls eine kollektive Identität zugesprochen wird. Weil jedoch Europa nicht eindeutig bestimmt werden kann, ist es auch nicht möglich, die kollektiven Gegenidentitäten eindeutig zu bestimmen. Entsprechend einer Vielzahl konkurrierender europäischer Identitätsentwürfe existiert auch eine Vielzahl europäischer Anderer. Der wichtigste europäische Gegenüber war und ist „der Osten“, der in einem zweiten Schritt in Asien, Orient, Russland oder Türkei differenziert wird. In der Gegenüberstellung von Europa und „dem Osten“ wird Europa mit dem Westen gleichgesetzt und Osteuropa der Status einer Übergangszone zugewiesen. Dass Osteuropa „den Osten“ im Begriff mitführt, lässt bereits anklingen, dass es eine Randstellung einnimmt.

 

Wie eine Studie von Iver B. Neumann (1999: 39 ff) über die Bedeutung „des Ostens“ für die Bildung einer europäischen Identität belegt, waren (und sind) die „Türken“ der dominante externe Andere in der Geschichte des europäischen Staatensystems, vor allem, weil die Sarazenen und die Osmanen ausreichendes militärisches Bedrohungspotential, physische Nähe und eine starke religiöse Tradition anzubieten hatten. Der Umstand, dass das Osmanische Reich vom 14. bis zum 19. Jahrhundert etwa ein Viertel des Kontinents politisch und militärisch regierte, hätte es nach logischen Schlussfolgerungen zu einem europäischen Staat werden lassen müssen. Und obwohl das Osmanische Reich 1856 in der Präambel des Vertrages von Paris als Teil des für den Frieden notwendigen europäischen Mächtegleichgewichts erwähnt wurde, wurde es paradoxerweise nie als europäische Macht anerkannt. Neumann (1999: 60 f) argumentiert weiter, dass die Sowjetunion nach 1945 die Rolle als bedeutendster konstitutiver Anderer übernahm und im Rahmen der Blockkonfrontation „die Türken“ als maßgebliche Gegen-Identität (West)Europas ablöste – eine Verschiebung, die sich aktuell durch den Diskurs der „islamischen Bedrohung“ wieder umzudrehen scheint.

 

Subkontinent Balkan

Ioanna Laliotou (2000: 46 ff) weist auf die Bedeutung von Subkontinenten im Prozess der Bedeutungskonstruktion von Kontinenten hin, insofern auf sie – als quasi eigenständige territorial-kulturelle Einheiten – Vorstellungen und Narrationen übertragen werden, die zwar signifikante Elemente der Selbstidentifikation sein oder zumindest als solche nicht negiert werden können, jedoch nicht in das hegemoniale kulturelle Selbstverständnis passen. Subkontinente bilden deswegen Gebiete, auf die die nicht-integrierbaren internen Unterschiede projiziert werden können. Diese Subkontinentalfunktion erfüllt in Europa die Balkanhalbinsel (Laoliotou 2000, Todorova 1999). Der Begriff Balkan war ursprünglich eine Bezeichnung für die Gebirgskette Stara Planina, eine Fortsetzung der Karpaten, setzte sich aber um 1870 als Kurzbezeichnung für die Staaten durch, die auf den ehemals unter osmanischer Hoheit stehenden Territorien Selbstständigkeit erlangten (Serbien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Albanien, Makedonien, Bulgarien, Griechenland und Teile der heutigen Türkei). Die Bezeichnung wurde geprägt, um ein geographisches und kulturelles Gebiet zu benennen, das Teil der muslimischen Welt gewesen war, aber doch nicht ganz; Teil von Europa war, aber auch nicht ganz; Teil der sich neu bildenden modernen Nationalstaaten war, aber auch nicht ganz. Balkan bezeichnet Ambivalenz, uneindeutige Grenzen zwischen Europa und Asien und Ambivalenz gegenüber dem islamisch-osmanischen Einfluss auf Europa. Der Balkan steht für die Frage: Wo endet dieser Einfluss genau? Eine Frage, die zugleich den Kontrollverlust über die kulturellen Grenzen Europas repräsentiert.

Todorova (1999: 34 ff) macht außerdem darauf aufmerksam, dass durch die Nicht-Reduzierbarkeit der gegenseitigen Beeinflussung von westlichem Christentum, griechischer Orthodoxie und dem Islam auf eine binäre Opposition, noch ein zusätzliches Gefühl von Ambivalenz entsteht, weil der Balkan sich dadurch einer Einordnung in das hegemoniale, dichotome Denkschema von Orient und Abendland entzieht. Denn während es sich beim Orientalismus wie ihn Said (1979) beschreibt, um einen Diskurs mit einer unterstellten binären Opposition handelt, symbolisiert der Balkan Mehrdeutigkeit: Der Übergangsstatus wird zur zentralen Eigenschaft. Orient und Abendland, Westen und Osten bilden im Diskurs europäischer Selbstbeschreibung Gegenpole, der Balkan hingegen fungiert als Zwischenraum, als Brücke oder Kreuzung zwischen diesen.

 

Im Wesentlichen wird dem Balkan mit drei Argumenten die kulturelle Zugehörigkeit zu Europa streitig gemacht (vgl. u. a. Wagner 2003, Schmidt-Häuer 1999, Schmidt 2000, Münkler 2004): Erstens wird der Balkan unter Verweis auf seine jahrhundertelange Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich und davor zum Byzantinischen Reich die Zugehörigkeit zum christlichen Abendland aberkannt. Eng mit der Selbstbeschreibung von Europa als christlichem Abendland ist aber auch das aktuelle Selbstverständnis als säkularisierte Gesellschaft verbunden, in der die Trennung von Staat und Religion als eine der wesentlichen Voraussetzungen für das Funktionieren von beiden Bereichen angesehen wird. Dieses Selbstverständnis als säkulare Gesellschaft wird dem Balkan i. d. R. ebenfalls abgesprochen.

Zweitens wird argumentiert, dass der Balkan seit dem Mittelalter durch seine Zugehörigkeit zum Byzantinischen sowie zum Osmanischen Reich von der kulturellen Entwicklung Europas, d. h. von Renaissance, Reformation, Aufklärung, Individualisierung, Wissenschaft, industrieller Revolution, Entwicklung des Bürgertums und Kapitalismus abgeschnitten gewesen sei, und sich erst seit der Übernahme der Nationalstaatsidee wieder an Europa angenähert habe. Damit bleibt der Balkan von fast allen kulturellen Errungenschaften und historischen Entwicklungen, auf die sich der Diskurs über europäische Identität positiv bezieht, ausgeschlossen. 

Drittens wird den Balkanstaaten eine „unzeitgemäße“ heroische Identität zugesprochen. Heroische Gesellschaften unterscheiden sich von postheroischen dadurch, dass in ihnen durch im Krieg erbrachte Opfer gesellschaftliche Anerkennung erworben werden kann. In ihnen stellt die Bereitschaft sein Leben für das „Vaterland“ zu opfern noch einen Wert dar. Diese Bereitschaft – so die These – fehlt den anderen europäischen Ländern heute aufgrund ihrer kritischen Auseinandersetzung mit dem Holocaust, was die postheroischen Gesellschaften als friedliche kennzeichnet, während heroische Gesellschaften zu Krieg neigen.

Die Argumente für eine kulturelle Zugehörigkeit des Balkans zu Europa bzw. eine verstärkte Integration in die EU nehmen dagegen fast durchgängig die Form eines moralischen Appells an, etwa wenn angeführt wird, dass der Balkan schon lange genug von Europa abgeschottet sei und damit genug gelitten habe, weswegen Europa resp. der EU heute eine besondere Verpflichtung zukomme sich dem Balkan zuzuwenden. Oder es sind geostrategische Argumente, etwa dass die Balkanhalbinsel eine „Quelle der Instabilität“ für Europa sei und aus diesem Grund integriert werden müsse.

 

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sowohl die exkludierenden als auch die inkludierenden Argumente einen Diskurs reproduzieren, in dem (West)Europa den Mittelpunkt, Osteuropa aber die Peripherie des Kontinents darstellt. Bevor deswegen Osteuropa und hier konkret der Balkan als gleichberechtigter Teil Europas anerkannt werden kann, muss sich eine Selbstbeschreibung Europas durchsetzen, in der kulturelle Leistungen, Errungenschaften oder Eigenarten als genuin europäische anerkannt werden, die ausschließlich auf der Balkanhalbinsel stattgefunden haben. Die Schwierigkeit, die damit verbunden ist, sich ein solches europäisches Selbstverständnis vorzustellen, belegt die diskursive Macht Westeuropas im Prozess der europäischen Bedeutungszuschreibung. Denn durch die Anerkennung von kulturellen Entwicklungen, die nicht im Westen stattgefunden haben, als spezifisch europäische, würde Westeuropa ebenfalls einen defizitären Status zugeschrieben bekommen – eine Vorstellung, die nicht den diskursiven Regeln der Generierung europäischer Identität entspricht.  

 

Literatur

Giesen, Bernhard (1999), Europa als Konstruktion der Intellektuellen. In: Viehoff, Reinhold/Segers, Rien T. (Hg.), Kultur, Identität, Europa. Über die Schwierigkeiten und Möglichkeiten einer Konstruktion. Frankfurt a. M., S. 130-146.

Laliotou, Ioanna (2000), Our Fellow Balkanoid Citizens. Europe, Balkans and Visions of Social Change before WW II. In: Passerini, Luisa/Nordera, Marina (eds), Images of Europe. Florence, S. 45-60.

Münkler, Herfried (2004), Helden wie nie. In: Der Tagesspiegel, 21.4.04.

Neumann, Iver B. (1999), Uses of the other. “The East” in European identity formation. Manchester.

Said, Edward (1979), Orientalism. New York.

Schmidt, Helmut (2000), Wer nicht zu Europa gehört. In: Die Zeit, 41/2000.

Schmidt-Häuer, Christian (1999), Europas langer Schatten. In: Die Zeit, 14/99.

Todorova, Maria (1999), Die Erfindung des Balkans. Europas bequemes Vorurteil. Darmstadt.

Wagner, Richard (2003), Aufrüstung der Peripherie. Der Balkan an der Schwelle zu Europa. In: Neue Zürcher Zeitung, 25.7.03.