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Iulia Patrut (Universität Trier)

Selbstdenken als Anderes. Selbstdenken in Feldern der Gewaltdiskurse.

 

„Selbstdenken als Anderes“ bezeichnet zunächst jene Aspekte individueller Selbstentwürfe, die als Funktion einer übergeordneten Instanz imaginiert wurden. Dies bedeutet, dass ein Ich sich in grundsätzlicher Abhängigkeit von der Definitionsmacht eines „Eigenen“ auffasst, dessen „Anderes“ es dann wird. Somit wird im Zuge der Identitätskonstruktion die eigene Setzung als Anderes vollzogen und die Definitionsmacht eines unerreichbaren, ich-externen Eigenen anerkannt. Getrennt wird das „Ich“ von dieser Instanz des Eigenen vor allem durch das Machtgefälle; dieses wird wiederum diskursiv durch beidseitige Anerkennung der Gültigkeit von monodirektional zirkulierender Definitionsmacht hergestellt. Diese Machtasymmetrie erhält sich aufrecht, indem sich ökonomische und politische Strukturen und Handlungen kontinuierlich nachteilig für die Seite des Anderen auswirken.

 

Selbstdenken als Anderes ist nicht als etwas Universelles aufzufassen, sondern vielmehr situational, punktuell und von Fragestellungen abhängig. Es wird performativ hergestellt, durch Subjekte in Prozessen ihrer eigenen Identitätskonstruktion. Nichtsdestotrotz kann von makrodiskursiven Strukturen, sowie von politischen und ökonomischen Apparaten ausgegangen werden, die eine solche Selbstidentifikation als Anderes nahe legen oder erzwingen. Betrachtet man die Spannbreite zwischen offener Gewalt- oder Folterandrohung und –anwendung einerseits, und dem bloßen ‚Nahelegen’ des Selbstdenkens als Anderes andererseits als eine Skala der zunehmenden Volatilisierung von Zwang, so erscheint die Selbstidentifikation als Anderes zunehmend weniger strategisch durchgenommen worden zu sein. Das „Ich“ hat demnach zunehmend weniger Distanzierungsmöglichkeiten von seinem eigenen Selbstdenken als Anderes, je weniger offen jene Zwangs- und Gewaltmomente vorhanden sind, die es zum Gegenstand einer Definitionsmacht machen.

 

Das Ich wird somit Subjekt des Selbstdenkens in einer Position als Objekt einer Definitionsmacht, deren Geltung es in Hinblick auf bestimmte Fragestellungen akzeptiert. Es ist die imaginiative, produktive Leistung des „Ich“ im Prozess seiner Identitätskonstruktion, die genaue Konstellation der ausgeübten Definitionsmacht über es (über das Ich als Anderes) zu imaginieren. Im Zuge dieses Prozesses erkennt das „Ich“ die Berechtigung und die Relevanz der Fragestellung an, aufgrund derer es als Anderes statuiert wird.

 

Die drei wohl wichtigsten Fragestellungen, welche diskurshistorische Analysen besonders häufig als Dreh- und Angelpunkte von Dichotomisierungen erwiesen haben, sind Geschlecht, Göttlichkeit und Ethnizität. Dadurch, dass sie immer in Prozessen des Selbstdenkens als Anderes als bedeutsam anerkannt werden, festigt sich auch auf makrodiskursiver Ebene deren Position als Knotenpunkte, an denen sich Eigenes und Anderes scheidet. Die Tatsache, dass diese drei Fragestellungen in jeder Gesellschaft und sozialen Gruppe und zu jedem historischen Zeitpunkt auf unterschiedliche Weise verhandelt und codiert werden, ändert kaum etwas daran, dass auf sie immerfort zur Herstellung von Eigenem und Anderem rekurriert wird; dadurch lassen sich Genealogien des Selbstdenkens als Anderes in Bezug auf jede einzelne dieser Fragestellungen wohl in allen Gesellschaften (nicht aber zu allen Zeitpunkten) ausmachen.

 

Ethnizität erscheint als eine der Fragestellungen, die sich besonders zur Herstellung multipler Hierarchien eignet. So bleibt beispielsweise für ein „Ich“, das sich in Hinblick auf die Fragestellung Ethnizität in einer deutschsprachigen Gesellschaft als Anderes der US- amerikanischen Gesellschaft denkt, die Möglichkeit offen, sich hinsichtlich derselben Fragestellung als Eigenes in Bezug auf osteuropäische Gesellschaften zu konstituieren, und Angebote der Ausübung von Definitionsmacht über letztere in Anspruch zu nehmen. Ein geradezu auf der Hand liegendes Beispiel für Fälle, in denen eine radikale Konstitution als Eigenes in Hinblick auf Ethnizität/kulturelle Zugehörigkeit stattfindet, ist die Imagepolitik der USA in unseren Tagen; von den historischen Situationen ist das Selbstbild Deutschlands in der Zeit des Nationalsozialismus der radikalste und am meisten schreckenserregende Rahmen der Identitätsstiftung als Eigenes. Für das Selbstdenken als Anderes sind die (image-) politischen Modalitäten, wie auf der Seite des Eigenen individuelle Selbstidentifikationen als Eigenes nahe gelegt, durchgesetzt oder erzwungen werden daher wichtig, weil sie auch Indizien für die Art der Zwangsmechanismen und der Gewalt beinhalten, die auf Selbstidentifikationen als Anderes einwirken.

 

Vieles spricht dafür, dass es vor allem ökonomische Gesichtspunkte sind, die eine kollektive Selbstidentifikation als Eigenes vorteilhaft erscheinen lassen. Während auf der Ebene der Selbstidentifikationen noch auf beiden Seiten von produktiven Prozessen gesprochen werden kann, so ist auf der ökonomischen Ebene die Bilanz auf der Seite derjenigen, die sich in Hinblick auf bestimmte Fragestellungen als Anderes konstituieren, immer negativ. Das heißt, jene, die sich als Anderes denken, müssen im wahrsten Sinne - unter den Bedingungen des Kapitalflusses – bezahlen, an jene die sich in Hinblick auf die betreffende Fragestellung als Eigenes konstituiert haben.

 

Dies ist der Punkt, an dem die Verwicklung der individuellen Selbstidentifikation mit der makrodiskursiven Ebene der kollektiven Selbstbilder, sowie mit übergreifenden ökonomischen Transaktionen erkennbar wird: Jemand, der sich als Andere/Anderer konstituiert, hat fast immer einen Beitrag an die Eigenen zu leisten, sei es in Form von Arbeit, Geld, oder symbolischer als Anerkennung der Hoheit. Auf die Fragestellung nach Göttlichkeit bezogen, und in den kulturellen Räumen des christlichen Abendlandes betrachtet, wird dies leicht deutlich: Diejenigen, die sich unter göttlicher Definitionsmacht befinden, zahlen an die institutionellen Vertretungen göttlicher Instanzen Abgaben, Steuern, leisten Arbeitsstunden; das Gebet ist eine der offensten Formen der Anerkennung von Definitions- und Handlungsmacht, die sich über das „Ich“ erstreckt. Bedingung dafür, dass das „Ich“ dieses durch starke Machtasymmetrie geprägte Verhältnis eingeht und als sinnvoll empfindet ist, dass es die Fragestellung nach Göttlichkeit als bedeutsam anerkennt.

 

Auch die häufig (traditionell) von Frauen geleisteten Arbeiten zur Verarbeitung der Nahrung, der häuslichen Dienstleistungen und der Kindererziehung erscheinen in neueren westlichen Gesellschaften jenen, die sie verrichten, erst dann als sinnvoller, freiwilliger und nicht zu entlohnender Dienst, wenn sie zuvor die Fragestellung nach Geschlecht als sinnvoll und richtig, als Meilenstein der eigenen Identitätskonstruktion anerkannt haben. Dazu kommt, dass die Definitionsmacht über das „Ich“ als ein „weibliches“ im Allgemeinen wie im Konkreten an „Männliches“ verwiesen wird. In der langen Zeit alleiniger Praxis der Übertragung des Nachnamens des Ehemannes auf die Ehefrau findet sich, als Struktur eingefroren, die beidseitig anerkannte Definitionsmacht von dem als männlich Ausgemachten über „Weibliches“.

 

Betrachtet man schließlich die aktuellen Globalisierungsprozesse, so erweist sich ebenfalls, dass das Selbstdenken als Anderes in Hinblick auf kulturelle Zugehörigkeit /Ethnizität für jene, die sich hier als Eigene konstituiert haben (also insbesondere Westeuropa und die USA) äußerst viele Vorteile mit sich bringt. Diese Fragestellung ist am engsten verknüpft mit den heute herrschenden ökonomischen Strukturen. Deren Mechanismen und Institutionen (z.B. Weltbank, IWF) gelten als Leistung des kulturell Eigenen (also überlegener, mit Definitionsmacht ausgestatteter Kulturen), was impliziert, dass alle „Anderen“ daran gemessen werden müssen.

 

Wurden hier abstrahierend Funktionsweisen des Selbstdenkens als Anderes bzw. Eigenes angesprochen, so blieb die grundlegende methodische Frage nach historischen, textsortenspezifischen und anderen notwendigen Kontextualisierungen im Hintergrund. Grundsätzlich sind Akte der Selbstidentifikation als Anderes in den jeweiligen Kontexten und angepasst an die jeweilige Repräsentations- oder Äußerungsart zu analysieren. Der Vortrag wird diesen Zusammenhang der notwendigen Kontextualisierung anhand eines Beispiels kurz erläutern, sein Hauptziel bleibt jedoch, die theoretische Annäherung an Modalitäten der Abstraktion des Selbstdenkens als Anderes.

Die Mikrostrukturen der Selbstidentifikation als Anderes werden in Hinblick auf die hier erwähnten Fragestellungen im Rahmen des Vortrags näher erläutert, ebenso wie die unterschiedlichen Beschaffenheiten von Zwangs- und Gewaltmomenten, welche diese bedingen.

 

Weitere Fragen werden sein: Welchen Unterschied macht es, ob das Selbstdenken als Anderes bewusst erfolgt, d.h. wenn die makrodiskursiven und ökonomischen Weichen der Setzung als Anderes erkannt werden, und somit die Identifikation als Anderes als Folge einer empfundenen Alternativlosigkeit stattfindet?

Welches kann die Tragweite von Analysen der Prozesse des Selbstdenkens als Anderes für Konzeptionen von ‚Selbstbestimmung’ oder ‚Widerstand’ sein?