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Martin Nonhoff (Universität Bremen, ZES)

Macht und Diskurs, Macht im Diskurs, Macht des Diskurses

 

Einleitung

Nach dem Zusammenhang von Macht und Diskurs zu fragen, geschieht hier aus dem Impetus heraus, zu klären, auf welche Weise Macht verstanden werden kann, um ihr als ein Einflußfaktor bei der Etablierung hegemonialer diskursiver Formierungen Rechnung zu tragen. Hegemonie läßt sich zwar allein durch Macht nicht erklären,[1] gleichwohl lassen sich wichtige Elemente des hegemonialen Geschehens, vor allem in politischen Diskursen, gut mit Hilfe eines in einer bestimmten Weise gewendeten Machtbegriffs erhellen. Grundsätzlich ist Macht jedoch nicht nur ein zu komplexes Phänomen, sondern auch sowohl in der Diskurs­theorie als auch in der Politischen Theorie in zu vielfältiger Weise diskutiert worden, als daß man sie hier in erschöpfender Weise behandeln könnte (vgl. für einen kurzen Überblick Hanke 1994; Weiß 1998; ausführlicher und ideengeschichtlich fundierter Faber/Meier/Ilting 1982). Aus diesem Grund seien hier nur einige jener Grundzüge der Machtdiskussion dargestellt, die für die Frage nach der Konstituierung von Hegemonien von Interesse sind.

Im wesentlichen lassen sich die soziologischen, politikwissenschaftlichen und diskurswissenschaftlichen Machttheorien des 20. Jahrhunderts auf einer zweidimensionalen Matrix verorten, und zwar anhand der Antworten, die sie auf zwei Fragen geben. Die erste dieser Fragen lautet: Von wem geht Macht aus?, und läßt als Antwort eine Skala zu, die zwischen den Polen des handelnden Individuums/Akteurs/Subjekts und der gesellschaftlichen/politi­schen/dis­kur­siven Struktur gespannt ist – mit zahlreichen Mischformen. Mit verschiedenen Antworten gehen dabei auch verschiedene Annahmen bezüglich der Hierarchie von Subjekt und Struktur einher, und zwar dahingehend, ob Subjekte Strukturen hervorbringen und prägen oder umgekehrt. Die zweite Frage lautet: In welcher Weise wirkt Macht (vornehmlich)? Sie wird auf einer Skala beantwortet, die sich von Repression zu Produktion bzw. von „Macht über“ zu „Macht, x zu tun/hervorzu­bringen“ bewegt (vgl. zur Unterscheidung von „power over“ und „power to“ Dyrberg 1997: 2); auch hier gibt es natürlich Mischformen. Die beigefügte Abbildung zeigt eine derartige Matrix und verortet auf ihr in vereinfachter Weise zwei der vielleicht einflußreichsten Konzeptionen der Macht im 20. Jahrhundert, nämlich die Max Webers und die Michel Foucaults.

Max Webers Machtverständnis kann auch heute noch als paradigmatisch für weite Teile der Sozial- und der Politikwissenschaft gelten. Nach Webers klassischer Formulierung ist Macht „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“ (Weber 1980[1972, 1921/22]: 28). Macht in diesem Sinne impliziert also für gewöhnlich eine Asymmetrie zwischen jenen, die Macht haben (und sich „durchsetzen“), und jenen, deren „Widerstreben“ zu schwach ist und die sich folglich beugen müssen. Ein Verhältnis der Macht geht also einher mit Beherrschung und/oder Repression, Macht wird verstanden als „Macht über“. Dieses Machtverständnis ist prägend für einen Großteil der Politikwissenschaft; allerdings ist das Wort „auch“ in Webers Formulierung vielleicht zu oft nicht genügend beachtet worden, denn Weber legt damit nahe, daß Macht auch das bloße Vermögen, etwas hervorzubringen, bedeuten kann – und zwar auch ohne daß dabei Widerstände überwunden werden. Deshalb reicht die Ausdehnung der Weber-Ellipse in der abgebildeten Matrix auch in den Bereich der „produktiven“ Macht hinein. In jedem Fall liegt nach Webers Verständnis die Macht in den Händen der handelnden Akteure (weshalb die Ellipse deutlich in der oberen Hälfte der Matrix zu finden ist).

Das hervorstechendste Merkmal des Foucault’schen Machtverständnisses, das große Teile der Diskurswissenschaften noch immer stark beeinflußt, besteht in der Hervorhebung der Produktivität der Macht (vgl. v.a. Foucault 1997[1976]: 101-124; Foucault 1994[1982]). Aus dieser Perspektive erscheint Macht nicht als „Macht über“, sondern als „Macht hervorzubringen“, als „Macht zu verändern“ oder ganz allgemein als „Macht, x zu tun“. Insbesondere kann Macht im produktiven Sinne als jene Energie verstanden werden, die einerseits den Diskurs immer wieder als neuen hervorbringt und vorantreibt, und die damit andererseits immer auch subjektiviert, das heißt Subjekte produziert.[2] Daher kann Judith Butler (1997: 13) in Anlehnung an Foucault formulieren: „Power not only acts on a subject but, in a transitive sense, enacts the subject into being.Trotz Foucaults expliziter Kritik der „Repressionshypothese“ (1997[1976]) ist natürlich keineswegs ausgeschlossen, daß Macht, indem sie subjektiviert, bestimmte subjektive Handlungsweisen wahrscheinlicher werden läßt als andere. Ganz im Gegenteil wirkt nach Foucault Macht vor allem als Disziplinierungs‑, Normalisierungs- und Kontrollmacht (vgl. hierzu auch Foucault 1995[1975]: 173-292), die genau das herstellt, was man als wahrscheinliche oder „normale“ Handlungsweisen von Subjekten bezeichnen kann, so daß in gewisser Weise das, was nicht als „normal“ produziert wird, auch tendenziell unterdrückt wird – was wiederum Widerstand hervorrufen kann. (Dies ist der Grund dafür, daß die in der Matrix erscheinende Foucault-Ellipse ein Stück weit auch in den Bereich der Repression hinein ragt.) Grundsätzlich aber zielt Macht nicht auf Verhinderung, sondern auf die „Konstruktion“ eines Feldes möglichen Handelns. Machtausübung, so Foucaults viel zitierte Formulierung, ist „[e]in Handeln auf Handlungen“ (Foucault 1994[1982]: 255).

Wenn man Diskurse – wie es m.E. sinnvoll ist – als komplexe Prozesse der Sinnproduktion versteht, so liegt es nahe, auch Macht als vornehmlich produktiven Faktor zu konzipieren, also als Faktor, mit dessen Hilfe sich bestimmte diskursive Produkte – diskursive Formierungen ebenso wie in einer bestimmten Weise subjektivierte Subjekte – erklären lassen. Macht beeinflußt also Vorgänge der diskursiven Produktion von Sinn, mithin – in der Terminologie von Laclau/Mouffe (1985), an der ich mich hier orientieren möchte – Artikulationen. Zugleich subjektiviert sie die Individuen und/oder Gruppen, die als Träger von Artikulationen fungieren. Dementsprechend läßt sich Macht als jene diskursiv-produktive Größe verstehen, die das Subjekt als ein in dieser oder jener Weise artikulierendes Subjekt produziert und zugleich insofern diszipliniert, als sie bestimmte Artikulationsmuster als normale, natürliche und/oder angemessene Artikulationsmuster zur Verfügung stellt. Macht subjektiviert, weil mit Macht eine Norm der Artikulation zur Verfügung gestellt wird, an der sich Differenz messen läßt, gegenüber der sich das Subjekt als in einer spezifischen Weise artikulierendes konstituieren kann. Vornehmlich (und nicht ausschließlich) produktiv ist Macht deshalb, weil die Verdrängung oder Behinderung bestimmter Artikulationsmuster natürlich stets auch eine Folge der Produktion hegemonialer Artikulationsmuster sein kann, wodurch Repression als Teil von Produktion erscheinen kann.

Verortet man nun den Foucault’schen Machtbegriff auf der vertikalen Achse der oben entworfenen Matrix, so muß man eine signifikante Verschiebung konstatieren (diese ist als Pfeil innerhalb der Foucault-Ellipse dargestellt). In Überwachen und Strafen (Foucault 1995[1975]), aber vor allem in Der Wille zum Wissen (Foucault 1997[1976]), also den beiden Hauptwerken aus der Mitte der 1970er Jahre, läßt sich Macht in der Tat mit Jürgen Habermas (1998[1985]: 300) als Synonym für die „reine strukturalistische Tätigkeit“ – also etwa das anonyme Operieren des Diskurses – bezeichnen, wodurch sie einen quasi „subjektlosen“ Charakter erhält (vgl. ebd.: 323) und als strukturelles Phänomen zu verstehen ist. Besonders markant in dieser Hinsicht ist natürlich die berühmte Passage in Der Wille zum Wissen, in der Foucault davon spricht, daß Macht „der Name [sei], den man einer komplexen strategischen Situation in einer Gesellschaft gibt“ (Foucault 1997[1976]: 114) und sie explizit als „nicht-subjektiv“ (ebd.: 116) bezeichnet. Allerdings sieht sich – und dies scheint der Habermas’schen Interpretation zu entgehen – Foucault in den folgenden Jahren gezwungen, die Annahme radikaler Nicht-Subjektivität der Macht aufzugeben. Dies wird besonders deutlich in dem viel gelesenen, kurz vor Foucaults Tod verfaßten Nachwort zur Foucault-Monographie von Dreyfus/Rabinow (1994), das unter dem bezeichnenden Titel „Das Subjekt und die Macht“ veröffentlicht wurde. Zwar hält Foucault daran fest, daß Macht grundsätzlich ein relationales Phänomen sei und daß die „Machtverhältnisse […] in der Gesamtheit des gesellschaftlichen Netzes“ wurzeln würden (Foucault 1994[1982]: 258). Gleichzeitig aber weist er dem Handeln der Subjekte eine wesentliche Rolle zu, denn „Macht existiert nur“, wie Foucault (ebd.: 254) nun feststellt, „in actu, auch wenn sie sich, um sich in ein zerstreutes Möglichkeitsfeld einzuschreiben, auf permanente Strukturen stützt.“ Und dieses Handeln, von dem Macht ausgeht, ist nach Foucault ein freies, vom Diskurs nicht determiniertes Handeln, denn Freiheit ist die „Existenzbedingung von Macht“, aber zugleich auch das, was ein Aufbegehren gegen Macht (und damit in gewisser Weise den Widerstand gegen strukturelle Determinierung) möglich macht (ebd.: 256). Selbst wenn es also gezwungen ist, sich auf Macht emanierende Strukturen zu beziehen und zu stützen und auch wenn es selbst durch Macht hervorgebracht wird, so geht von agierenden bzw. – im Rahmen der hier gewählten Terminologie – von artikulierende Subjekte doch gleichzeitig Macht aus, und diese Macht, dieses Handlungs- oder Artikulationsvermögen wird nicht durch die Macht des Diskurses determiniert, sondern steht zu ihr aufgrund der Freiheit des Subjekts in einem kontingenten Verhältnis (vgl. auch Butler 1997: 15).

Macht konstituiert sich also in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis von diskursiver Struktur und artikulierendem Subjekt. Genau genommen muß man wohl von einer „Circularity of Power“ ausgehen, wie Torben Bech Dyrberg ausführt (Dyrberg 1997). Macht, so Dyrberg, kann in linearer Weise weder vom Subjekt noch von der Struktur abgeleitet werden, weil beide in der einen oder anderen Weise durch Macht hervorgebracht werden und aber gleichzeitig mit Macht auftreten (vgl. ebd.: 3-7). Daher ist es schlüssiger, davon auszugehen, daß Macht das Diskurs-Subjekt-Verhältnis in zirkulärer Weise durchwirkt. Linear gedacht werden kann Macht nur dann, wenn das Subjekt sich selbst als ein über Macht verfügender Ursprung artikuliert (rekonstruiert), das heißt ex post die eigene diskursive Bedingtheit (das heißt die Tatsache, selbst der Macht der Diskurse ausgesetzt zu sein) „vergißt“ (vgl. ebd.: 245).

Diskursive Macht wird immer in Artikulationen (in actu) aktualisiert, und zwar ausgehend sowohl vom artikulierenden Subjekt als auch von der „komplexen strategischen Situation“ der diskursiven Struktur. Inwieweit kann man nun aber davon sprechen, Macht sei ein Faktor zur Erklärung von diskursiven Hegemonien? Was macht die Macht eines spezifischen Artikulationsmusters oder, mit anderen Worten, die Macht des Diskurses aus? Und kann man diesbezüglich von der Macht einzelner artikulierender Subjekte innerhalb des Diskurses sprechen – etwa im Sinne einer „Definitionsmacht“ (so Keller 1997: 316)? Ich werde argumentieren, daß man es erneut mit einer Art Zirkularität der Macht zu tun hat, insofern als die Macht des Diskurses – i.e. die Macht einer diskursiven Formierung – und die Macht im Diskurs – i.e. die „Definitionsmacht“ bestimmter Artikulierender – aufeinander verweisen. Um zu diesem Ergebnis zu kommen, hilft zunächst der Rückgriff auf die äußerst sorgfältigen Überlegungen, die Hannah Arendt zum Phänomen der Macht angestellt hat (vgl. Arendt 2002[1958]: 251-261; Arendt 2000[1970]). Wollte man Arendts Machtbegriff auf der obigen Matrix verorten, so wohl am ehesten im rechten oberen Bereich, weil sie zum einen das produktive Potential der Macht betont, zum anderen aber Macht strikt den handelnden Subjekten zuordnet. Das entscheidende Merkmal der Macht besteht nun aber nach Arendt darin, daß sie von der Anzahl gemeinsam (koordiniert) handelnder Menschen abhängt, daß sie, mit anderen Worten, eine quantitative Größe ist:

Macht entspricht der menschlichen Fähigkeit, nicht nur zu handeln oder etwas zu tun, sondern sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit anderen zu handeln. Über Macht verfügt niemals ein Einzelner; sie ist im Besitz einer Gruppe und bleibt nur so lange existent, als diese Gruppe zusammenhält. Wenn wir von jemand sagen, er „habe die Macht“, heißt das in Wirklichkeit, daß er von einer bestimmten Anzahl von Menschen ermächtigt ist, in ihrem Namen zu handeln. (Arendt 2000[1970]: 45)

Es ist offensichtlich, daß der Arendt’sche Machtbegriff ein diskursiver Machtbegriff ist, weil er darauf basiert, daß ein einzelner im Namen anderer handelt, was nur als diskursive Operation denkbar ist, und zwar im Zuge einer Äquivalenzsetzung von als different konstituierten Subjekten. Arendt thematisiert zwar mit keinem Wort, daß jene, die gemeinsam handeln, nie als solche gegeben sind, sondern immer bereits durch diskursive Macht subjektiviert sind. Wenn wir aber, wie es ohnehin in der Konsequenz jedes diskurstheoretischen Ansatzes liegt, das handelnde Subjekt als artikulierendes Subjekt verstehen, das in all seinen Artikulationen von der immer schon vorhandenen diskursiven Struktur abhängt und diese doch hervorbringt, so läßt sich das Arendt’sche Macht-Argument diskurstheoretisch wenden.

Demnach kann zunächst – dies ist kein logisches und kein chronologisches, sondern ein heuristisches „zunächst“ – nur eine diskursive Formierung „mächtig“ sein, und diese Macht einer Formierung (das heißt die Normalität einer bestimmten, beweglichen Anordnung von diskursiven Elementen) hängt grundsätzlich davon ab, von möglichst vielen Artikulationen und artikulierenden Subjekten gestützt zu werden. Nur innerhalb einer „mächtigen“ diskursiven Formierung können dann – ein ebenso heuristisches „dann“ – unter Umständen Subjektpositionen und Subjekte in Erscheinung treten, die wiederum als „mächtig“ gelten. Natürlich darf man die Arendt’sche Inspiration nicht so verstehen, daß man hier schlichte Additionsspiele veranstalten könnte, und zwar aus zwei Gründen:

Zum einen ergibt sich aus einer von Arendt inspirierten Lesart der Macht nicht, daß dort, wo viele Menschen ein gleiches Schicksal teilen, automatisch einer oder eine Gruppe dieser vermeintlich äquivalenten Subjekte „mächtig“ wird. Wenige können durchaus mächtiger sein als viele, wenn sie koordiniert(er) artikulieren. Bloße Quantität genügt nicht, auf die Quantität gemeinsamer und koordinierter Artikulation kommt es an.[3]

Zweitens drängt sich zu offensichtlich der Gedanke auf, daß Artikulationen, die – etwa in politischen Diskursen – von den Subjektpositionen einer Politikerin, einer Leitartikelkommentatorin der Bild oder der Süddeutschen oder einer Verbandsfunktionärin in einen Diskurs einfließen, „mächtiger“ seien als jene, die beim morgendlichen Gespräch im Verkaufsraum eines Bäckers oder bei der Kaffeepause einer wissenschaftlichen Tagung stattfinden. Es scheint also neben der quantitativen eine Art qualitative Komponente der Macht im Diskurs zu geben. Diese qualitative Komponente ergibt sich zum einen daraus, daß sich mit bestimmten Subjektpositionen eben die Koordinierungsleistungen, die eben angesprochen wurden und gemeinsames Artikulieren ermöglichen, verbinden. Zum anderen aber wird dann, wenn man Diskursivität komplex denkt, das heißt als vielschichtige und als temporal organisierte Sinnproduktion, deutlich, daß sich mit einer Subjektposition nur dann das Attribut diskursiver Macht verbindet, wenn diese Subjektposition selbst Teil einer „mächtigen“, also von vielen Artikulationen getragenen diskursiven Formierung ist, somit also letztlich wiederum von Quantitäten abhängt. Aber obwohl die Qualität einer bestimmten Subjektposition, die in einer diskursiven Arena A mächtige Artikulationen zuläßt, auf einer Quantität von Artikulationen, die in einer diskursiven Arena B die Bedeutung der betreffenden Subjektposition stützen, beruht, muß man diese Qualität als eigenständigen Machtfaktor in Arena A einrechnen und kann sie nicht einfach auf die Quantität der Arena B reduzieren. Denn in bestimmter Weise gilt auch für die qualitativ-mächtige Subjektposition im allgemeinen, was Dyrberg für das einzelne mächtige Subjekt thematisiert hat: Sie hat als solche Bestand, weil und solange die Tatsache, daß sie selbst auf dem diskursiven Fundament der Vielzahl der Artikulation ruht, vergessen bleibt. Und dieses Vergessen ist letztlich nicht überwindbar, wenn sozial strukturierte Diskurse überhaupt stattfinden sollen. (So beruht natürlich etwa der Status meiner hiesigen Artikulation auf einer Vielzahl von Artikulationen, die der Subjektposition des Sozial-, Politik- oder Diskurswissenschaftlers eine gewisse, wenngleich niemals völlige Stabilität verleihen. Doch innerhalb meines hiesigen Diskurses kann dieser vorgelagerte Diskurs niemals ernsthaft eingebunden werden, wenn mein Diskurs in einer Weise geführt werden soll, der seinem sozial-diskursiven Produktionskontext entspricht.)

Zusammenfassend läßt sich konstatieren, daß die Quantität, die Macht als Faktor der Konstituierung von Hegemonien kennzeichnet, regelmäßig insofern qualitativ modifiziert wird, als es um das gemeinsame, koordinierte Artikulieren geht, das von jenen Subjektpositionen aus in einen Diskurs eingespeist wird, welche die diskursive Wahrnehmbarkeit der Artikulatorin ermöglichen, mithin von Subjektpositionen aus, denen Macht im Diskurs zugeschrieben wird. Diskursiv mächtige Subjektpositionen (Macht im Diskurs) entstehen aber wiederum nur im Zuge der Etablierung mächtiger diskursiver Formierungen (Macht des Diskurses), weshalb die Metapher einer Kreisförmigkeit diskursiv wirksamer Macht (Dyrberg) naheliegt. Da sich Diskurse jedoch durch die Zeit bewegen, handelt es sich letztlich nicht um einen Kreis, sondern um eine Spirale der Macht.

 

 

Literaturverzeichnis

Arendt, Hannah (2000[1970]): Macht und Gewalt. 14. deutsche Auflage. München: Piper.

— (2002[1958]): Vita activa, oder Vom tätigen Leben. München: Piper.

Butler, Judith (1997): The Psychic Life of Power. Stanford: Stanford UP.

Dreyfus, Hubert L. und Paul Rabinow (1994): Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik. Weinheim: Beltz Athenäum Verlag.

Dyrberg, Torben Bech (1997): The Circular Structure of Power: Politics, Identity, Community. London, New York: Verso.

Faber, Karl-Georg, Christian Meier und Karl-Heinz Ilting (1982): „Macht, Gewalt“. In: Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Kosellek (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. (Band 3: H-Me). Stuttgart: Klett-Cotta. S. 817-935.

Foucault, Michel (1994[1982]): „Das Subjekt und die Macht“. In: Hubert L. Dreyfus und Paul Rabinow: Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik. 2. Auflage. Weinheim: Beltz Athenäum Verlag. S. 243-261.

— (1995[1975]): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. 11. deutsche Auflage. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

— (1997[1976]): Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. 9. deutsche Auflage. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Habermas, Jürgen (1998[1985]): Der philosophische Diskurs der Moderne. 6. Auflage. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Hanke, Peter (1994): „Macht und Herrschaft“. In: Everhard Holtmann (Hrsg.): Politiklexikon. Zweite, überarbeitete und erweiterte Auflage. München, Wien: Oldenbourg. S. 347-351.

Keller, Reiner (1997): „Diskursanalyse“. In: Ronald Hitzler und Anne Honer (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Hermeneutik. Opladen: Leske + Budrich. S. 309-333.

Laclau, Ernesto und Chantal Mouffe (1985): Hegemony and Socialist Strategy. Towards a Radical Democratic Politics. London, New York: Verso.

Weber, Max (1980[1972, 1921/22]): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie. Fünfte, revidierte Auflage, besorgt von Johannes Winckelmann. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck).

Weiß, Ulrich (1998): „Macht“. In: Dieter Nohlen, Rainer-Olaf Schultze und Suzanne S. Schüttemeyer (Hrsg.): Lexikon der Politik (Band 7: Politische Begriffe). Frankfurt/Main: Büchergilde Gutenberg. S. 359-361.

 


[1] Hegemoniale Formierungen bilden eine spezifische Teilmenge mächtiger Formierungen. Wie alle mächtigen Formierungen zeichnet sie sich durch ihre schlichte diskursive Präsenz und Unausweichlichkeit aus. Darüber hinaus läßt sich jedoch eine hegemoniale diskursive Formierung von einer mächtigen insofern zu unterscheiden, als sich in hegemonialen Formierungen, jedenfalls solange es sich um derartige Formierungen in politischen Diskursen handelt, stets eine vom Anspruch her universale (wenngleich letztlich beschränkte, da auf einen bestimmten Kreis von Betroffenen bezogene) Ausrichtung findet. Aber auch politisch-diskursive Formierungen mit partikularem Anspruch können diskursiv sehr wirksam sein; diese könnten dann nicht als hegemoniale, wohl aber als mächtige Formierungen bezeichnet werden.

[2] Gleichwohl darf nicht der Eindruck erweckt werden, die Betonung der Produktivität der Macht sei ein Privileg der Diskurswissenschaften oder insbesondere Foucaults. In der Politischen Theorie der 20. Jahrhunderts etwa war es vor allem Hannah Arendt, die – auch und gerade unter Rückbezug der Macht auf die griechische δύναμις und die lateinische potentia – das kreative Potential des gemeinsamen Handelns gedeutet hat (vgl. Arendt 2002[1958]: 251-263; Arendt 2000[1970]: v.a. 36-58). Ich komme im folgenden noch auf einige Aspekte des sehr instruktiven Arendt’schen Denkens über die Macht zurück.

[3] Ein Problem, das an dieser Stelle ausgeklammert wird – es würde eine eigene Abhandlung erfordern –, ist das der physischen Gewalt im Unterschied zur Macht. Hannah Arendt macht als das Wesen der Gewalt ihre Abhängigkeit von Instrumenten aus, weshalb auf der Grundlage von Gewalt – nicht aber auf der der Macht – auch sehr wenige die vielen beherrschen können. Gewalt ist auch in der Lage, Macht zu zerstören (vgl. Arendt 2000[1970]: 47, 54-58). Aus diskurstheoretischer Sicht scheint physische Gewalt ein noch komplexeres Phänomen zu sein als Macht, weil Gewalt einerseits eine Artikulation darstellt, im Zuge derer Subjekte und andere diskursive Elemente (was auch immer als Mittel der Gewalt dienen mag) differenziert und in Beziehung gesetzt werden; weil sie aber andererseits auch eine Grenze der Artikulation darstellt, indem sie die Freiheit der Artikulation beschneidet (und zwar in der Tat repressiv). Gewalt scheint also gleichzeitig symbolisch und real zu sein. Weil jeder Versuch, dies in der gebotenen Ausführlichkeit zu erörtern, nur noch sehr bedingt zur Klärung der Fragestellung – der Etablierung diskursiver Hegemonien in liberalen Demokratien (in denen physische Gewalt, wie bereits im zweiten Kapitel ausgeführt, keine „normale“ Artikulationsform darstellt) – beitragen würde, wird ein solcher Versuch hier nicht unternommen.