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Annika Matissek (Geographisches Institut)

Diskurs – Macht – Subjektivität. Überlegungen zur „Renaissance der Bahnhöfe“

 

Seit Mitte der 1990er Jahre werden die Bahnhöfe der Deutschen Bahn AG im Zuge von Privatisierungsmaßnahmen und Verbesserung der Wirtschaftlichkeit umgestaltet, saniert und zu ‘Erlebniscentern mit Gleisanschluss’ umgebaut. Ziel dieser Maßnahmen ist es, über das Erscheinungsbild der Bahnhöfe das Ansehen der Deutschen Bahn AG und des Bahnfahrens insgesamt zu verbessern. Die Umstrukturierung umfasst neben Renovierungs-, Säuberungs- und Umbauarbeiten auch eine striktere Durchsetzung der Hausordnung der Bahnhöfe gegenüber bestimmten Personengruppen wie beispielsweise Obdachlosen und Punkern und wird von einer breit angelegten Imagekampagne in den Medien begleitet. Diese ‘Renaissance’ der Bahnhöfe führt zu sehr unterschiedlichen Reaktionen. Während die Bahn selber von begeisterter Rückmeldung der Kunden spricht, kritisieren Obdachlosenverbände, Kirchen und gesellschaftskritische Sozialwissenschaftler eine fortschreitende Privatisierung vormals öffentlicher Räume und die Ausgrenzung marginalisierter Bevölkerungsgruppen.

 

In der empirischen Analyse zeigt sich allerdings, dass weder die Frage, ob Bahnhöfe öffentliche oder private Räume sind, noch wie die Vertreibung von Randgruppen zu bewerten sei „objektiv“ beurteilt werden kann. Vielmehr ist sowohl die Stellung der Bahnhöfe als auch die Bewertung von Ein- und Ausschlusspraktiken Gegenstand konkurrierender Diskursfelder. Der vorliegende Beitrag stellt am Beispiel einiger dieser Diskursfelder auf der Basis einer nicht-subjektivistischen Diskurstheorie die Frage nach der „Wirksamkeit“ dieser Diskurse, d.h. danach, in welchen Praktiken und Handlungen sich diese niederschlagen. Praktiken und Handlungen werden dabei als abhängig von der jeweils angeeigneten Subjektposition des handelnden Individuums angesehen. Diese Subjektpositionen unterliegen – abhängig von der Struktur des Diskurses – bestimmten Machtwirkungen, die Äußerungen und Handlungen in unterschiedlichen Kontexten strukturieren (die „Macht“ eines Diskurses ist also nicht abstrakt, sondern konkret, situativ und kontextuell).

 

Zunächst werden daher die Grundlagen einer nicht-subjektivistischen Diskurstheorie kurz umrissen. Das daran anschließende empirische Fallbeispiel stellt dann einige zentrale Subjektpositionen im Kontext der Diskurse um die Renaissance der Bahnhöfe und die mit ihnen verbundenen diskursiven Machtstrukturen vor.

 

Generell lassen sich im Umfeld diskursanalytischer Verfahren derzeit drei verschiedene Arten des Umgangs mit Subjekten grob voneinander abgrenzen: Zunächst solche Zugriffe, die die Vorstellung eines autonomen Subjektes beibehalten und untersuchen, wie Akteure in Abhängigkeit von ihren Interessen und Zielen Diskurse strategisch einsetzen (z.B. Jäger 1999, O’Tuathail 1996). Zum zweiten strukturalistische Ansätze, die Subjekte nicht als Ursache (bzw. „Nutzer“), sondern als Effekte von Diskursen betrachten, umgekehrt die Subjekte jedoch als mehr oder minder durch die (diskursiven) Strukturen determiniert begreifen. Eine dritte Möglichkeit wird schließlich durch solche Ansätze markiert, die Subjektivität als einen Effekt von Diskursen verstehen, im Gegensatz zu den strukturalistischen Ansätzen jedoch von einer konstitutiv offenen Struktur ausgehen. Im Folgenden sollen die Eckpunkte der letztgenannten Ansätze in Bezug auf ihre Konzeptionalisierung von Subjektivität kurz umrissen werden. Diese berufen sich wesentlich auf Arbeiten des Psychoanalytikers Jaques Lacan (1971, 1975), bzw. auf Laclau/Mouffe (1985) und Laclau (1990) bzw. auf Foucaults „Archäologie des Wissens“ (1973 [1969]) (für ausführlichere Darstellungen vergleiche Angermüller 2002; Moebius 2003).

 

Im Rahmen solcher „poststrukturalistischen“ Ansätze gilt Subjektivität als „diskursiver Effekt, den sich die Individuen aneignen können, um sich im diskursiven Raum zu positionieren“ (Angermüller 2003). Diese Möglichkeit der Aneignung impliziert hierbei schon die Offenheit der diskursiven Struktur: Die (aktive) Aneignung von Subjektivität ist nur dann möglich, wenn Subjekte nicht von vorneherein durch den Diskurs determiniert sind. D.h. Diskurse weisen zwar eine Struktur auf, in der bestimmte Subjekpositionen in einer relationalen, d.h. über ein System von Differenzen definierten, Struktur angelegt sind, doch ist diese Struktur nicht geschlossen, sondern konstitutiv offen.[1]

 

Diese Offenheit hat für die diskursive Subjektivität zweierlei Konsequenzen: zum einen macht sie es für Individuen unmöglich, eine geschlossene, über die Zeit stabile Identität zu etablieren. Zum anderen entstehen immer wieder Situationen der „Unentscheidbarkeit“ (undecidability, Laclau 1990, S. 30), in denen das Individuum sich zwischen unterschiedlichen Positionierungen entscheiden muss, die durch die Struktur ermöglicht werden, die jedoch insofern kontingent sind, als ihre jeweilige Aneignung nicht determiniert ist.

 

Zusammenfassend lassen sich die folgenden Punkte in Bezug auf das Verhältnis von Subjektivität und Diskurs festhalten:

Ø      Es gibt keine dem Diskurs vorgängige Subjektivität, im Sinne von intentional handelnden, unabhängig denkenden oder selbstreflexiven Subjekten.

Ø      Subjektivität entsteht erst beim Eintritt in einen Diskurs, d.h. durch die Aneignung einer bestimmten Subjektposition.

Ø      Diese Subjektivität kann aufgrund der Offenheit der Struktur jedoch nie stabil sondern immer nur temporär sein.

Ø      Insbesondere können in unterschiedlichen Kontexten verschiedene Subjektpositionen angenommen werden.

Ø      Die Wahl einer bestimmten Subjektposition ist der „Moment des Subjekts“, in dem das Individuum sich in einer unentscheidbaren (d.h. nicht eindeutigen) Situation zwischen verschiedenen diskursiven Angeboten entscheiden muss.

Ø      Aus der jeweiligen Subjektposition ergeben sich auch die Machtwirkungen des Diskurses.

 

Im Folgenden sollen einige der genannten Aspekte auf ein Fallbeispiel im Kontext der „Renaissance der Bahnhöfe“ angewendet werden. Konkret soll das diskursive Ereignis „Vertreibung Obdachloser aus den Bahnhöfen“ und seine Bedeutungszuschreibungen in unterschiedlichen Verweiskontexten (ökonomischer Diskurs und moralisch-christlicher Diskurs) anhand der folgenden Fragestellungen untersucht werden:

Ø      Wie sind die Diskurse, in denen die jeweilige Aussage steht, strukturiert?

Ø      Welche Subjektpositionen sind in den beiden Diskursen definiert?

Ø      Welche Machtwirkungen sind mit einzelnen Subjektpositionen verknüpft, welche Bewertungen und Handlungen leiten sich aus der Aneignung (bzw. Zuweisung) bestimmter Subjektpositionen ab?

 

Im Vortrag werden anhand von zwei Interviewpassagen die genannten Diskurse vorgestellt. Es zeigt sich, dass nicht nur die Prinzipien der Strukturierung (also die Kriterien zur Unterscheidung zwischen „gut“ / „richtig“ und „falsch“), sondern auch die verfügbaren Subjektpositionen sich deutlich unterscheiden:

Der ökonomische Diskurs orientiert gehorcht der Logik kapitalistischer Wirtschaft, organisiert über das Medium Geld und orientiert sich in seinen normativen Bewertungen am Prinzip der Wirtschaftlichkeit. Subjektpositionen sind entweder im Rahmen eines Tauschverhältnisses definiert („Anbieter“ und „Kunden“) oder in Bezug auf Besitzverhältnisse bzw. Verfügungsgewalt („Hausherr“, „Mieter“, „Eigentümer“). Diese Positionen sind mit unterschiedlichen Autoritäten und Formen von Macht ausgestattet. Insbesondere ist die Subjektposition des Bahnhofsmanagers – abhängig davon, an welcher Stelle er „in den Diskurs eintritt“ (Tauschbeziehung, Besitzverhältnis) auch durch unterschiedliche Machtkonstellationen gekennzeichnet: in Bezug auf die Tauschbeziehungen ist er vom Verhalten der Kunden und deren Wünschen abhängig; in Bezug auf die Besitzverhältnisse hat er die Verfügungsgewalt über den Bahnhof. Eine explizit nicht definierte Subjektposition sind in diesem Diskurs die vertriebenen Obdachlosen, da sie in keiner der o.g. Beziehungen stehen.

Der moralisch-christliche Diskurs hingegen wird durch Kriterien nach dem Motto „liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ strukturiert: Zentral sind Werte wie Menschenwürde, Gleichberechtigung, Toleranz und Nächstenliebe. Legitimität von Handlungen und normative Wertungen ergeben sich daraus, ob diese christlichen Werten genügen. Die Subjektpositionen sind gemäß der Maxime „vor Gott sind alle Menschen gleich“ auf der passiven Ebene wenig differenziert ausgebildet, denn alle Menschen genießen prinzipiell die gleichen Rechte. Anhand der (guten oder schlechten) Taten trennt sich dann allerdings die Spreu vom Weizen: während „Christen“ sich dadurch auszeichnen, dass sie den moralischen Kriterien des Diskurses genügen, sind die „Anderen“ all diejenigen, die sich durch Unmenschlichkeit und unsoziales Handeln disqualifiziert haben.

 

In der Analyse zeigt sich, dass die Ein- und Ausschlusspraktiken im Kontext der „Renaissance der Bahnhöfe“ durch konkurrierende Diskursfelder strukturiert werden. Die Wirksamkeit dieser Diskurse hängt davon ab, welche Diskurspositionen in einzelnen Situationen angeeignet werden und zu welchen Handlungen diese Aneignungen führen. So kann das gleiche Individuum, beispielsweise ein Bahnhofsmanager, sich in unterschiedlichen Kontexten verschiedene Subjektpositionen aneignen, die zu auf den ersten Blick widersprüchlichen Handlungen führen. Gerade in der Erklärung solcher scheinbaren Widersprüchlichkeiten liegen die Potentiale einer nicht-subjektivistischen, post-strukturalistischen Diskurstheorie, die sich mit dem Fokus auf Äußerungen und Handlungen in konkreten Situationen der Fragmentiertheit und Heterogenität sozialer Wirklichkeit stellen kann, ohne hierfür auf einen hermeneutischen Subjektbegriff zurückgreifen zu müssen.

 

Literatur:

Angermüller, J. (2002): „Propheten“ und „Humanisten“. Sciences humaines-Konjunktur und intellektuelles Feld in Frankreich (1960-1980) in der struktural-pragmatischen Diskursanalyse. Paris, Magdeburg (unveröffentlichte Dissertation).

Angermüller, J. (2003): Hegemoniale Praxis und die diskursive Konstitution einer transnationalen Öffentlichkeit: Das Beispiel des G8-Gegengipfels von Evian (Mai/Juni 2003). Vortrag beim Workshop „Diskurs – Wissen – Kultur“ 25./26. 09. 2003 in Augsburg.

Foucault, M. (1973): Archäologie des Wissens. Frankfurt.

Jäger, S. (1999): Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. Duisburg.

Lacan, J. (1971): Écrits I. Paris.

Lacan, J. (1975): Le Séminaire. Livre I. Les écrits technique de Freud. Paris.

Laclau, E.; Mouffe, C. (1985): Hegemony and Socialist Strategy. Towards a Radical Democratic Politics. London, New York.

Laclau, E. (1990): New Reflections on the Revolution of Our Time. London, New York.

Moebius, S. (2003): Diskurs – Äquivalenz – Differenz. Zur Bedeutung des Diskursbegriffs in der Hegemonietheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe. Vortrag beim Workshop „Diskurs – Wissen – Kultur“ 25./26. 09. 2003 in Augsburg.

Ó Tuathail, G. (1996): Critical Geopolitics. The Politics of Writing Global Space. Minneapolis.

 


[1] Aus Zeit- und Platzgründen wird hier auf die Begründungen, warum die diskursive Struktur als konstitutiv offen gesehen wird, nicht näher eingegangen. Es sei an dieser Stelle aber auf die entsprechenden Ausführungen von Laclau (1990) zum empty signifier mit Bezug auf. Lacans Begriff des „Realen“ verwiesen, die die konstitutive Offenheit und Unvollständigkeit diskursiver Strukturen begründen.