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Volker Linneweber (Universität Magdeburg)

Fremdenfeindlichkeit und fremdenfeindliche Gewalt: Der Blick auf die Täter ist zu eng!

 

Einleitung

 

Es ist keineswegs die Regel, dass sich wissenschaftlich arbeitende Psychologinnen und Psychologen – in einer ihrer Arbeitsweise entsprechender Form – zu einem unmittelbar alltagsrelevanten Thema äußern: detaillierter und systematischer als dies in Rundfunk, Fernsehen und gedruckten Massenmedien möglich ist. Trotz der äußerst bedauerlichen Vorfälle, die Anlass zu diesem Tagungsthema sind, ist auch für unser Fach begrüßenswert, unser Wissen zur Beschreibung und Erklärung fremdenfeindlicher Gewalt und zur Formulierung von Interventionsvorschlägen in einem interdisziplinären Kontext vorstellen zu können.

 

Die traurige Alltagsrelevanz der Thematik kann auch persönliche Erfahrungen bzw. Betroffenheit derer einschließen, die auf Grundlage von Theorien, Konzepten und Modellen ihres Faches zur Lösung beizutragen versuchen. Es sei daher einführend eine kurze Schilderung persönlicher Involviertheit gestattet:

Unmittelbar, d.h. nicht medial vermittelt oder in der Position eines distanzierten Beobachters wurde ich mit Fremdenfeindlichkeit erstmalig nicht etwa im Ausland konfrontiert. Vielmehr stellte mir auf dem Alexanderplatz in Berlin ein Reporter folgende Frage: “Seit kurzem gibt es Berliner Taxiunternehmen, die damit werben, dass sie ihren Kunden auf Wunsch einen deutschen Fahrer schicken. Wie stehen Sie dazu?” Meine Reaktion ist hier irrelevant. Wesentlich für die nachfolgenden Überlegungen ist jedoch, Ereignisses wie das geschilderte als “Konfrontation mit Ausländerfeindlichkeit” zu kategorisieren.

 

Wenn in der Überschrift dieses Beitrags der Blick auf die Täter als zu eng beurteilt wird, dann intendiert dies, derartige Ereignisse explizit in Analysen aktueller Entwicklungen einzubeziehen: Wir greifen zu kurz, wenn wir die hässlichen Täter und/oder die bedauerlichen Opfer fokussieren. Dies kann legitime Aufgabe ereignisbezogener Berichterstattung sein. Sobald sich aber die Frage angemessener Interventionsstrategien stellt – und dies geschieht hoffentlich immer dringlicher – benötigen wir erheblich facettenreichere, multidimensionale Erklärungen. Dies auch, um den Erfolg diskutierter Maßnahmen abschätzen bzw. Vorschläge entwickeln zu können. Nachfolgend soll der Blick auf den Kontext interpersonaler und intergruppaler fremdenfeindlicher Macht, Aggression und Gewalt gerichtet werden. Keineswegs soll dies die täter- und opferzentrierte Sicht ersetzten – allerdings nachdrücklich ergänzen.

 

Macht, Aggression und Gewalt als Gegenstand der Sozialpsychologie

 

Fremdenfeindliche Gewalt ist - ebenso wie allgemeiner gefasst Feindlichkeit und Gewalt zwischen Personen oder Gruppen - nur angemessen zu beschreiben und zu erklären, wenn drei Kategorien von Akteuren einbezogen werden: Täter, Opfer und Umfeld. Bereits vor geraumer Zeit haben wir ein explizit sozialpsychologisches Aggressionskonzept vorgelegt (Mummendey, Bornewasser, Löschper, & Linneweber, 1982) und empirisch überprüft (Mummendey, Linneweber, & Löschper, 1984b; Otten, Löschper, Linneweber, & Mummendey, 1992). Durch die provokativ vorgetragene These “aggressiv sind immer die anderen” sollte auf die Perspektivendivergenz zwischen Akteuren und Zielpersonen der Machtausübung (Mummendey, Linneweber, & Löschper, 1984a) hingewiesen werden: Akteure beurteilen ihr Verhalten insbesondere als angemessener, weniger schädigend und weniger aggressiv als Opfer. Obwohl sich die positionsspezifischen Beurteilungen auf Verhaltensakte beziehen, sind sie nicht nur kontextsensitiv, sondern sogar de-kontextualisiert undenkbar. Soziale Urteile zu den drei herausgearbeiteten Definitionskriterien “Schaden”, “Intention” und “Normabweichung” sind zwingend auf Kontextinformationen angewiesen (Löschper, Mummendey, Linneweber, & Bornewasser, 1984), und es kann gezeigt werden, dass resultierende Urteile kontext- bzw. situationsabhängig variieren (Linneweber, Mummendey, Bornewasser, & Löschper, 1984; Mummendey & Linneweber, 1986).

 

Bezogen auf den hier diskutierten Gegenstand mag die Frage gestellt werden, in wie weit die sozialpsychologische Konzeption erklärungsrelevant ist, da sie die Analyse von Interaktionsverläufen mit kontinuierlichen Positionswechseln von Akteuren und Opfern anstrebt (Mummendey, Löschper, Linneweber, & Bornewasser, 1984c) und insbesondere soziale Beurteilungsprozesse analysiert. Handelt es sich hier nicht eher um Akte interpersonaler bzw. intergruppaler Gewalt mit zeitstabilen Positionen von Tätern und Opfern? Wären daher eher differentiell-psychologische Konzepte angemessener, welche individuelle Entstehungs- und Entwicklungsbedingungen der hier diskutierten Merkmale wie Gewaltbereitschaft oder Einstellungskonfigurationen analysieren (Olweus, 1972; 1974; 1977; 1979; 1984; 1993)?

 

Zunächst ist der sozialpsychologische Ansatz durchaus kompatibel mit differentiell-psychologischen Konzepten (Linneweber, 1987). So wird von Ersterem keinesfalls postuliert, dass – bezogen auf ein identisches Ereignis – nicht interpersonale Beurteilungsvarianz gegeben wäre. Auch kann ohne konzeptuelle Probleme angenommen werden, dass idiosynkratische Beurteilungsneigungen oder -voreingenommenheiten spezifische Reaktionsbereitschaften bedingen. Ferner wird auch im sozialpsychologischen Ansatz insbesondere durch die konzeptuelle Einbeziehung von Angemessenheits- bzw. Normabweichungsbeurteilungen durch die involvierten Akteure auch initial feindseliges Verhalten erklärt. Und schließlich bedeutet die Betonung kognitiver Prozesse nicht, dass affektiv/emotionale Umstände (auch resultierend aus Besonderheiten des sozialen Kontextes) einflusslos wären.

 

Ausführlicher soll in diesem Beitrag auf einen Aspekt besonders eingegangen werden, welcher für die Erklärung “ausländerfeindlicher Gewalt” unerlässlich ist: im sozialpsychologischen Ansatz liegen Konzepte vor, welche systematisch und theoriebasiert Merkmale des

       mittelbaren bis unmittelbaren,

       normativen,

       sozialen und

       physikalisch/materiellen

Kontextes in einen Zusammenhang mit der Ausübung von Macht und Gewalt bringen. Zwar wird dies in entwicklungspsychologischen bzw. sozialisationstheoretischen Erklärungen ebenfalls angestrebt. Den sozialpsychologischen Erklärungsansatz sehen wir jedoch als zielführender an, da dieser neben überdauernden auch kurzfristige, situative Aspekte konzeptuell einbeziehen kann und in mehrfacher Hinsicht dem noch näher zu besprechenden Beurteilungskriterium “Angemessenheit” (von Macht- und Gewaltausübung) zentrale Aufmerksamkeit schenkt.

 

Diese Erklärung des Phänomens muß notwendigerweise multidimensional sein und impliziert damit sowohl schlechte Kommunizierbarkeit im Diskurs als auch geringere Attraktivität beispielsweise im Vergleich zu einfachen Erklärungen oder etwa solchen, die enge Parallelen zwischen subhumanen und humanen sozialen Systemen postulieren.

 

Attraktivität monokausaler Erklärungen

 

Insbesondere der medial geführte gesellschaftliche Diskurs über dies Problem tendiert zu einer monokausalen, täterzentrierten Sicht. Die “Hintergründe” werden zwar einbezogen, allerdings nur im entwicklungspsychologischen bzw. sozialisationstheoretischen Sinne: nämlich zu konzipieren als Bedingungen zur Persönlichkeitsgenese. Nach diesem Ansatz wird Fremdenfeindlichkeit und fremdenfeindliche Gewalt von einer gesellschaftlichen Rand- oder Extremgruppe mit bestimmten soziodemografischen Merkmalen ausgeübt. Interventionen, so die Schlussfolgerung, sollten diesen “Täterkreis” in Form von Sanktionen oder Präventionsmaßnahmen zu erreichen versuchen.

 

Die sozialpsychologische Grundlagenforschung kann diese Einengung der Aufmerksamkeit erklären: Monokausalität ist attraktiver als Multikausalität (vgl. dazu die zahlreichen Arbeiten zur sozialen Kognition) - insbesondere dann, wenn identifizierte, anscheinend hinreichende Ursachen außerhalb des eigenen Verantwortungsbereiches liegen (vgl. dazu zahlreiche Arbeiten zur Attributionsforschung).

 

Die vorliegende Thematik ist für derartige Vereinfachungstendenzen ist keineswegs exklusiv prädestiniert. Auch die Themenkarriere anderer gesellschaftlich relevanter, breit diskutierter Ereignisse, Entwicklungen oder Strukturen ist zumindest phasenweise durch ähnliche Vereinfachungstendenzen gekennzeichnet.

 

“Angemessenheit” fremdenfeindlicher Gewalt als Schlüsselkonzept

 

Ausgehend vom oben erwähnten sozialpsychologischen Aggressionskonzept sollen nachfolgend weitere Überlegungen zum Konzept der normativ/situativen Angemessenheit angestellt werden, da dies in systematischer, theoriegeleiteter Weise den Kontext mit den Akteuren bzw. Ereignissen verknüpft. Die Grundposition dabei ist: Für die Akteure ist Gewalttätigkeit erfahrungskonform (1), und ihre Ausübung gegenüber den Opfern angemessen (2).

 

ad 1: Gewalterfahrungen

Wenn nachfolgend Überlegungen zu Gewalterfahrungen (potentieller) fremdenfeindlicher Gewalttäter zur Interpretation ihres normativen Orientierungsrahmens herangezogen werden, dann impliziert dies keineswegs eine Reduktion der Problematik auf einen kleinen, rechtsradikalen Personenkreis. Vielmehr ist die - von Politologen vorgetragene - Position sehr ernst zu nehmen, dass Fremdenfeindlichkeit und fremdenfeindliche Gewalt keine Randgruppenphänomene darstellen, sondern in ihren aktuellen Erscheinungsformen Kausalbeziehungen zur Mitte der Gesellschaft aufweisen.[1]

 

Um allerdings das Verhalten derer zu erklären, die faktisch gewalttätig werden, müssen wir dennoch ihren Erfahrungshintergrund beleuchten. Denn wir wollen verstehen, welche Bedingungen die Täter veranlassen, den Rubikon von latenter Fremdenfeindlichkeit zur Ausübung fremdenfeindlicher Gewalt zu überschreiten. Leider stehen keine vergleichenden Analysen zur Verfügung und selbstverständlich sind hier nur probabilistische und nicht deterministische Aussagen möglich. Bezogen auf statistisches Datenmaterial sollen daher Aussagen allgemeiner Art gemacht werden, welche die hier vorgetragene Position erläutern.

 

Die psychologische Aggressionsforschung belegt einen Zusammenhang zwischen persönlichen Gewalterfahrungen in Kindheit und Jugend und der nachfolgenden Ausübung von Gewalt (Chermack & Walton, 1999). Es liegt daher nahe, dies auch für den vorliegenden Zusammenhang anzunehmen.

 

Trotz sicherlich berechtigter Kritik an der unkritischen Interpretation von Kriminalstatistiken unter Vernachlässigung von Dunkelziffern, Anzeigebereitschaft und anderen Einschränkungen erscheint die Aussage zulässig, dass sich ein kontinuierlicher Anstieg der zur Anzeige gebrachten Fälle beobachten lässt. Folgt man Einzelfallanalysen und Medienberichten, dann erscheint die Annahme plausibel, dass insbesondere männliche Jugendliche und junge Erwachsene durch ihre besondere Gewaltbereitschaft auffallen.

 

Der Direktor des Instituts für kriminologische Sozialforschung an der Universität Hamburg, Sebastian Scheerer betont den Einfluss innerfamiliärer Gewalt: “Immer wieder geschlagene Kinder werden 1,5- bis 3-mal wahrscheinlicher selbst Täter als andere ... Jungen sind 3,5-mal so häufig Täter. Mädchen nehmen eher eine Opferrolle an.”[2]

 

Die Zunahme angezeigter Fälle in Kindheit und Jugend deutet auf Gewalterfahrungen zumindest für einen Teil Heranwachsender hin. Die Ausübung von Gewalt (sei es zur Konfliktlösung, sei es zur Machtausübung) gehört zumindest für einen Teil der in unserer Gesellschaft Heranwachsenden zum Alltag insbesondere in der Familie. Die detaillierte Prüfung, ob die von Chermack & Walton (1999) nachgewiesenen und von Scheerer betonten Zusammenhänge auch für die Ausübung fremdenfeindlicher Gewalt gelten, steht allerdings noch aus.

 

ad 2: opferbezogene Einstellungen

 

In konflikthaften Interaktionsverläufen mit wechselnden Positionen von Akteur und Betroffenem spielen Angemessenheitsbeurteilungen eine zentrale Rolle. Hier insbesondere vor dem Hintergrund der Reziprozitätsnorm (Gouldner, 1960). Neben dem “Auge um Auge, Zahn um Zahn”, was als Rechtfertigungsprinzip leider von Streitereien im Sandkasten bis hin zu internationalen Konflikten anzutreffen ist, spielen normative bzw. Angemessenheitsbeurteilungen auch bei initial feindseligem Verhalten eine erhebliche Rolle. Gelingt es dem Akteur, sein opferbezogenes Verhalten als situativ-normativ “angemessen” zu betrachten bzw. “signifikanten Anderen” gegenüber zu präsentieren, reduziert er moralisch Missbilligung. Vor dem Hintergrund der Reziprozitätsnorm ist es naheliegend, zunächst den zurückliegenden Interaktionsverlauf zur Angemessenheitsbeurteilung heranzuziehen. In den hier diskutierten Fällen ist dies nur selten möglich, da keine Vorbeziehung zwischen Täter(n) und Opfern(n) vorliegt. Unter der Annahme, dass den Tätern daran gelegen sein muss, ihr Verhalten normativ zu rechtfertigen (zumindest gegenüber solchen Personen, deren Urteil in der Situation relevant ist, z.B. Peers), besteht die Notwendigkeit, andere Informationen zur Angemessenheitsbeurteilung heranzuziehen. Opferbezogene Einstellungen, also affektiv konnotierte Urteile, die sich auf überdauernde Merkmale der Opfer, ihre soziale Kategorisierung oder ihre Eigenschaften beziehen, können diese Funktion erfüllen:

S den Opfern (bzw. der sozialen Kategorie, welcher sie angehören) wird zugeschrieben, Einflüsse auf die Akteure auszuüben, welche als “negativ” oder “schädlich” klassifiziert werden können (z.B. Bedrohung von Ressourcen wie Wohnung, Arbeitsplätze),

S es wird angenommen, dass ihnen unberechtigterweise Privilegien zukommen (z.B. in Form finanzieller Unterstützung),

S ihnen werden negative Einflüsse auf soziale Systeme zugeschrieben (z.B. Kriminalität)

S ihnen werden negativ bewertete Intentionen unterstellt (z.B. “Schein”-Bedürftigkeit, instrumentelle Selbstdarstellung als politisch verfolgt etc.).

Die gelisteten Mechanismen, Taktiken und Strategien indizieren, dass zum Aufbau und zur Pflege des “Benachteiligungssyndroms” vielfältige Möglichkeiten bestehen. Ob noch zusätzliche Varianten genutzt werden und mit welcher Priorität die skizzierten verfolgt werden, bleibt Detailanalysen vorbehalten.

 

Aus frühen Arbeiten zur Wirksamkeit von Repräsentativitätsheuristiken (Tversky & Kahneman, 1974) wissen wir, dass insbesondere unscharfe Gegenstände für “Biases” im sozialen Urteil prädestiniert sind. Vor diesem Hintergrund stellen Positionen, die auf Fälle wie “Schein-Asylanten” oder Ausländerkriminalität verweisen, einen idealen Nährboden für Angemessenheitsurteile zur Rechtfertigung der Ausübung fremdenfeindlicher Gewalt dar.

 

Auch Arbeiten zur Dehumanisierung (Bandura, 1990) zeigen, dass Gewaltausübung “enthemmt” werden kann, wenn den Opfern Merkmale zugeschrieben bzw. aberkannt werden, welche normative Schranken für Gewalttätigkeit außer Kraft setzen. Auf das diesbezügliche Angebot aus der rechtsextremen Ideologie muss kaum verwiesen werden.

 

Bedingungsverantwortung für Normen

 

Normen, Werte, Urteile,  Zuschreibungen und Kategorisierungen entstehen nicht im sozialen Vakuum. Vielmehr sind sie (gruppenspezifisch) sozial geteilte Repräsentationen. Politologen und Soziologen gehen konform in der Interpretation, Fremdenfeindlichkeit entstehe "aus der Mitte der Gesellschaft" und unterscheide sich in ihren Erscheinungsformen unter anderem dadurch, dass die Bereitschaft zur faktischen Gewaltausübung bei jüngeren Menschen gegeben sei, während ältere gewissermaßen den ideologisch-normativen Nährboden bereitstellten.

 

Wenn wir hier gezielt den Blick auf den normativen und sozialen Kontext richten, dann vor dem Hintergrund des – in einem anderem Kontext (umweltbezogenes Handeln) – von Gessner und Bruppacher (1999) eingeführten Konzeptes der “Bedingungsverantwortung”. Hinsichtlich gesellschaftlich relevanter Probleme wird intendiert, eine – im Gegensatz zur Altruismusforschung positiv konnotierte – “Diffusion von Verantwortlichkeit” anzuregen, sowohl bezogen auf wissenschaftliche Analysen, welche funktionale Zusammenhänge höherer Ordnung einschließen sollten, als auch in den daraus abzuleitenden Handlungsempfehlungen. Anwendungsbezogen meint dies, dass durch wissenschaftliche Analysen und ihre medial sowie politisch/administrativ unterstützte Verbreitung Akteuren in sozialen Systemen die Einsicht vermittelt wird, dass sie auch in mittelbaren Kausalzusammenhängen zu relevanten Entwicklungen beitragen: Sowohl die “Mitte der Gesellschaft” als auch Akteure in Schlüsselpositionen (Politiker, Medienverantwortliche) tragen die Verantwortung für Bedingungen, innerhalb derer fremdenfeindliche Gewalttäter agieren.

 

Holzschnittartig bedeutet diese “Mehrebenen-Perspektive”: Sowohl an Stammtischen, als auch im familiären Kontext, als auch in Medien werden Rechtfertigungs- und Begründungsmuster bereitgestellt, welche fremdenfeindlichen Gewalttätern ihre Aktionen zumindest erleichtern, wenn nicht sogar diese initiieren. Mit dem Konzept der “Bedingungsverantwortung” erscheinen (medial vermittelte) Positionen oder Thesen wie die der “deutschen Leitkultur” in anderem Licht: In hochgradig komplexen sozialen Systemen können sich insbesondere Akteure in Schlüsselpositionen nicht auf die mit bestimmten Begriffen oder Konzepten (“Leitkultur”) von ihnen explizit intendierte Position zurückziehen. Sie sind vielmehr auch dafür verantwortlich, was andere Akteure (oder Gruppen) daraus machen (können). Um auch dies unter Verweis auf einen anderen Zusammenhang zu verdeutlichen: Von der UNEP (United Nations Environmental Program) wird in Kenia ein Fernsehwerbespot ausgestrahlt, in welchem durch den Slogan “what ever you do, it matters” die zentrale Botschaft penetriert wird. Insbesondere “Megaakteure” in sozialen Systemen (Akteure, welche das Handeln anderer Akteure wesentlich beeinflussen) können seitens der Wissenschaften, die sich mit der Dynamik sozialer Systeme befassen, nicht deutlich genug auf Effekte ihres Tuns (oder Lassens) hingewiesen werden. Dies bezieht sich allerdings auch auf Meinungsführer in Subsystemen (Erziehungsberechtigte, Lehrer etc.) in der Nähe (potentieller) Tätern.

 

Umfeld als Handlungskontext

 

Neben der thematisierten mittelbaren Verantwortlichkeit des Umfeldes ist zweifellos auch eine unmittelbare gegeben. Beispielsweise zeigen Analysen zu sexualisierter Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen, dass Akteure aus dem Umfeld aus verschiedenen - psychologisch durchaus nachvollziehbaren - Gründen motiviert und bereit sind,

- Ereignisse zu ignorieren und zu verharmlosen,

- die Täter zu decken

- und damit ggf. zur Wiederholung oder Eskalation anzuregen.

Aus selbstdienlichen Gründen werden “Ignoranzstrategien” entwickelt, die Interventions- bzw. Anzeigebereitschaft sinkt ebenso, wie umfeldinterne Präventionsmaßnahmen ausbleiben (Linneweber, 2000).

Bezogen auf fremdenfeindliche Gewalt sind vergleichbare Tendenzen anzunehmen, allerdings bislang kaum erforscht. Verglichen mit der Gewaltausübung gegenüber Opfern im Jugend- oder Kindesalter dürfte hier erschwerend hinzukommen, dass möglicherweise weniger ideologische Differenzen zwischen Tätern und Umfeld bestehen, auch dann, wenn die Ausübung von Gewalt missbilligt wird.

 

Handlungsempfehlungen

 

Vor dem Hintergrund obiger Überlegungen sowie eigener empirischer Arbeiten zu Auseinandersetzungen und Konflikten zwischen Personen und Gruppen in verschiedenen Bereichen (Schule, Nachbarschaft, Ressourcennutzung)[3] wird vorgeschlagen, zur Erklärung von Fremdenfeindlichkeit und fremdenfeindlicher Gewalt täterbezogene Analysen und Erklärungen durch eine Fokussierung insbesondere des Umfeldes zu ergänzen. Die hier thematisierten Probleme sind dann eher als Ereignisse dynamischer sozialer Systeme zu sehen, denn als Resultat individueller oder gruppenspezifischer Merkmale.

 

Empfehlung 1: Die obigen Ausführungen dürften einen erheblichen Forschungsbedarf verdeutlicht haben, denn es war an verschiedenen Stellen erforderlich, auf Befunde in anderen Bereichen zurückzugreifen oder Annahmen aus der Grundlagenforschung zu formulieren. Detaillierte Erkenntnisse über das Zusammenspiel der diskutierten Komponenten sollten dringend erarbeitet werden.

 

Empfehlung 2: Aus juristischen Gründen sind Umfeldanalysen nach der Aufdeckung von Straftaten schwer durchführbar. Ebenso ist die empirische Forschung an “neuralgischen Orten” mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Zur Entwicklung wirksamer Präventionskonzepte ist es allerdings unerläßlich, daß die sozialpsychologische Erforschung des Umfeldes faktischer oder potentieller fremdenfeindlicher Gewaltakte erleichtert und gefördert wird, wofür hier nachdrücklich plädiert wird.

 

Empfehlung 3: Unter Nutzung vorliegender Erkenntnisse aus der Grundlagen- und anwendungsbezogenen Forschung und unter Einbeziehung von Experten sollten bereits gegenwärtig Präventions- und Interventionskonzepte entwickelt werden, die sich explizit auf “Bedingungsverantwortliche”, also den Kontext und “Megaakteure”, beziehen und ein “what ever you do, it matters” penetrieren, denn der Blick auf die Täter ist definitiv zu eng.

 

Literatur

 

Bandura, A. (1990). Selective activation and disengagement of moral control. Journal of Social Issues, 46, 27-46.

Chermack, S. T. & Walton, M. A. (1999). The relationship between family aggression history and expressed aggression among college males. Aggressive Behavior, 25, 255-267.

Gessner, W. & Bruppacher, S. (1999). Restriktionen individuellen umweltverantwortlichen Handelns. In V. Linneweber & E. Kals (Hrsg.), Umweltgerechtes Handeln: Barrieren und Brücken (S. 21-47). Berlin: Springer.

Gouldner, A. W. (1960). The norm of reciprocity: A preliminary statement. American Sociological Review, 25, 161-178.

Linneweber, V. (1987). Einige Anmerkungen zur theoretischen Relevanz interindividueller Differenzen für ein sozialpsychologisches Aggressionskonzept. Psychologische Beiträge, 29, 123-131.

Linneweber, V. (2000). Sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen: Ansätze präventiver Arbeit (aktualisierte Neuauflage). Magdeburg: Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt.

Linneweber, V., Mummendey, A., Bornewasser, M. & Löschper, G. (1984). Classification of situations specific to field and behaviour: The context of aggressive interactions in schools. European Journal of Social Psychology, 14, 281-295.

Löschper, G., Mummendey, A., Linneweber, V. & Bornewasser, M. (1984). The judgement of behaviour as aggressive and sanctionable. European Journal of Social Psychology, 14, 391-404.

Mummendey, A., Bornewasser, M., Löschper, G. & Linneweber, V. (1982). Aggressiv sind immer die anderen. Plädoyer für eine sozialpsychologische Perspektive in der Aggressionsforschung. Zeitschrift für Sozialpsychologie, 13, 177-193.

Mummendey, A. & Linneweber, V. (1986). Systematisierung des Kontextes aggressiver Interaktionen: Beziehungen zum Behavior Setting-Konzept. In G. Kaminski (Hrsg.), Ordnung und Variabilität im Alltagsgeschehen (S. 71-82). Göttingen: Verlag für Psychologie Dr.C.J.Hogrefe.

Mummendey, A., Linneweber, V. & Löschper, G. (1984a). Actor or victim of aggression: Divergent perspectives - divergent evaluations. European Journal of Social Psychology, 14, 297-311.

Mummendey, A., Linneweber, V. & Löschper, G. (1984b). Aggression: From act to interaction. In A. Mummendey (Hrsg.), Social psychology of aggression: From individual behavior to social interaction (S. 69-106). New York, NY: Springer.

Mummendey, A., Löschper, G., Linneweber, V. & Bornewasser, M. (1984c). Social consensual conceptions about the progress of aggressive interactions in the school. European Journal of Social Psychology, 14, 379-389.

Olweus, D. (1972). Personality and aggression. In J. K. Cole & D. D. Jensen (Hrsg.), Nebraska Symposium on Motivation (S. 261-321). Lincoln, NE: University of Nebraska Press.

Olweus, D. (1974). Personality factors and aggression: With special reference to violence within the peer group. In J. DeWit & W. W. Hartup (Hrsg.), Determinants and origins of aggressive behavior (S. 535-565). The Hague: Mouton.

Olweus, D. (1977). Aggression and peer acceptance in adolescent beyond two short longitudinal studies of ratings. Child Development, 48, 1301-1313.

Olweus, D. (1979). Stability of aggressive reaction patterns in males: A review. Psychologisches Bulletin, 86, 852-875.

Olweus, D. (1984). Development of stable aggressive reaction patterns in males. In R. J. Blanchard & D. C. Blanchard (Hrsg.), Advances in the study of aggression (S. 103-138). London: Academic Press.

Olweus, D. (1993). Bullying at school. Oxford: Blackwell.

Otten, S., Löschper, G., Linneweber, V. & Mummendey, A. (1992). Aggressive Interaktionen in Schulen. In K. Pawlik & K. H. Stapf (Hrsg.), Umwelt und Verhalten: Perspektiven und Ergebnisse ökopsychologischer Forschung (S. 295-318). Bern: Huber.

Tversky, A. & Kahneman, D. (1974). Judgement under uncertainty: Heuristics and biases. Science, 185, 1124-1131.



            [1] Podiumsdiskussion an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg zum Thema “Ausländerfeindlichkeit: Ende der weltoffenen Uni?” (25.11.2000)

            [2] “Geo Wissen”, 2000 (26), S. 153.

            [3] http://www.uni-magdeburg.de/linneweb/publications.htm