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Hannes Kuch (Freie Universität Berlin)

Die Beschämung als symbolische Gewalt und als verletzende Anrufung

 

Eine Dimension sprachlicher Äußerungen besteht in der Möglichkeit, das adressierte Subjekt herabzusetzen oder zu kränken. Diskursive Praktiken, und nicht nur physische Handlungen, können uns auf eine bestimmte Weise treffen oder verwunden. Aber unter welchen Bedingungen entfaltet sich die sprachliche Wirkmächtigkeit zu verletzen oder sogar zu beschämen? Ich möchte im folgenden der Frage nachgehen, wie symbolischen Praktiken – wie die Beleidigung – mit dem Gefühl der Scham zusammenhängen.

In der Debatte um das Schamgefühl wird meist davon ausgegangen, dass die Scham eine Reaktion auf den Bruch einer Norm ist. Wenn wir merken, dass wir eine Konvention brechen oder dass wir eine ideelle Norm nicht erreichen, dann schämen wir uns. Angenommen wird dabei oft, dass das Subjekt der Scham die gebrochene Norm nicht nur kennen, sondern auch anerkennen muss. Ich möchte dagegen nicht vom Subjekt ausgehen, sondern umgekehrt fragen, inwiefern die Aktivität von anderen das Schamgefühl hervorrufen kann. Unter dieser Perspektive gelangen mannigfaltige symbolische Praktiken in den Blick, die von lautstarkem Gelächter bis zur expliziten Beleidigung reichen können. Kann also der subjektiv gefühlten Scham eine intersubjektiven Performanz der Beschämung vorausgehen?

Bevor ich näher auf die Performativität symbolischer Praktiken eingehe, möchte ich einige allgemeine Stichwörter zum Schamgefühl geben. Im Lauf der Debatte (vgl. vor allem: Neckel: 1991, Landweer: 1999) wurde deutlich, dass sich das Schamgefühl als ein grundlegend soziales Gefühl begreifen lässt, und nicht auf eine moralische oder körperliche Scham beschränkt ist. Die Anlässe für das Aufblitzen des Schamgefühls sind mannigfaltig, es entsteht etwa wenn wir uns für mangelhaft und defizitär halten, wenn unsere Schwächen offenbar werden, wenn deutlich wird, dass wir hinter unseren Idealnormen zurückfallen – um nur einige mögliche Schamanlässe zu nennen. 

In zwei wesentlichen Determinanten ist die Scham ein konstitutiv soziales Gefühl. Wir schämen uns vor allem in sozialen Situationen, in der Kopräsenz von anderen. Darin liegt ein großer Unterschied von Scham und Schuld: Während das Schuldgefühl ein Gefühl ist, das uns unablässig verfolgt – und zwar gerade dann, wenn niemand von unserem schuldhaften Tun weiß –, entsteht das Gefühl der Scham oft überhaupt erst in Interaktionen. Sekundär ist dabei, ob der Andere wirklich als Zeuge der Scham anwesend ist, oder ob wir den Blick des Anderen nur imaginieren. In einer zweiten Dimension ist die Scham ein soziales Gefühl, weil sie eng mit dem Bruch von Normen verknüpft ist. Die Norm gelangt dabei in ihren mannigfaltigen Erscheinungen ins Blickfeld – als moralische Norm, als Konvention, als Idealnorm oder als Normalitätsstandard. Scham tritt als Effekt eines Normbruchs auf, insofern wir im Schamgefühl von anderen und zugleich von uns selbst für eine Devianz sanktioniert werden. Georg Simmel hat in seinem frühen Aufsatz über das Schamgefühl (Simmel: 1901) diese zwei Dimensionen der Scham benannt: Scham entsteht aus dem plötzlichen Bewusstsein, von anderen erblickt und beobachtet zu werden, und dem Gefühl der Mangelhaftigkeit oder Minderwertigkeit, das aus der Devianz von einer Norm resultiert.

An diesem Punkt stellt sich aber die Frage, wie diese Konstitutivität des Sozialen genauer zu denken ist? Lösen mitanwesende Subjekte durch ihre Blicke das Schamgefühl lediglich mit aus? Oder gibt es auch eine Performanz der Beschämung, durch die das Schamgefühl überhaupt erst hervorgerufen wird? Die Frage ist also, inwiefern das Schamgefühl auch durch symbolische Praktiken der Missachtung, durch die Erfahrung von Herabsetzung hervorgebracht werden kann.

Bevor ich näher auf den Akt der Beschämung eingehen kann, gilt es zu klären, inwiefern Praktiken der Missachtung oder Beleidigung eigentlich sprachlich oder symbolisch sind. Wenn wir davon ausgehen, dass Degradierungen oder Beleidigungen Effekte zeitigen, indem sie erniedrigen, dem Adressaten eine inferiore Position zuschreiben oder ihn verletzen, dann stellt sich die Frage, worauf diese Handlungsmacht der Sprache beruht. Um diese eigentümliche Kraft und Materialität des Sprachlichen näher zu fassen versuchen, gilt es, die Theorie der Performativität in den Blick zu nehmen. John L. Austin (Austin: 1972) und daran anknüpfend Judith Butler (Butler: 1998) haben mit ihrem Konzept des Performativen grundlegend nach der Dimension gefragt, in der Sprache zugleich auch Handlung ist. Bekanntlich bestand Austins Grundthese darin, dass der performative Akt das, was er besagt, zugleich auch stiftet oder hervorbringt. Doch dem Sprechen kommt nicht einfach so und auch nicht durch die Willkür des sprechenden Subjekts performative Kraft zu. Seine Autorisierung und damit seine Wirksamkeit erlangt das Performative aufgrund seiner zitathaften und iterativen Struktur: Im Anschluss an Austin geht Butler davon aus, dass Äußerungen durch die Wiederholung von in der Zeit sedimentierten, zur Konvention geronnenen Formeln und Wendungen Handlungsmacht gewinnen können.

Aber Butler geht einen entscheidenden Schritt über Austin hinaus. Die Wirkmächtigkeit des Performativen speist sich auch aus einem noch grundlegenderen Umstand: Sprachlichkeit ist für Butler konstitutive Bedingung von Identität und Subjektivität. Durch unsere Sprachlichkeit gewinnen wir überhaupt erst eine soziale Existenz. Mit ihrer Theorie der Performativität verknüpft Butler damit ein weitreichendes Konzept der Subjektkonstitution. Im Anschluss an Althusser und Foucault denkt sie die Subjektwerdung als zweiseitigen Prozess der Erlangung des Subjektstatus und der Unterwerfung (Butler: 2001). Das assujetissment Foucaults, die subjektivierende Dimension der Macht, bringt sie in Zusammenhang mit Althussers Theorie der Interpellation. In diesem theoretischen Horizont wird die Sprachlichkeit von Macht und Subjektwerdung deutlich. Für Butler sind wir Wesen, die der Sprache bedürfen, um zu sein, denn nur durch den wiederholten Vorgang der sprachlichen Anrede oder Anrufung gelangen wir zu einer intelligiblen Position innerhalb des Gesellschaftlichen. Die Subjektwerdung versteht Butler damit als Prozess, dessen Ergebnis das Trugbild der Unabhängigkeit und Souveränität ist, der aber seine Vorgeschichte in einer schmerzhaften Unterwerfung hat.

Die performative Wirksamkeit der aktualen Beleidigung setzt Butler zufolge genau an diesem Punkt an. Die Beleidigung beutet die Abhängigkeit des Subjekts von Formen der Anrufung aus. Denn als eine Spielart der Anrede gewährt sie in gewissem Maße Anerkennung, bedroht den Adressaten aber zugleich in seinem Subjektstatus. Sie bringt das Subjekt um dessen Autonomie, weil in ihr deutlich wird, wie sehr es von anderen abhängig ist. Aus diesem Umstand speist sich die Möglichkeit einer Aktivität der Beschämung, denn in der Verletztheit durch die Beleidigung erfährt das souveräne Subjekt sich auf beschämende Weise seiner Unabhängigkeit beraubt. Die Kränkung beschämt, insofern sie ein konstitutives Phantasma der autonomen Existenz zerreißt: Sie verdeutlicht die Empfänglichkeit für Beleidigungen, sie offenbart die Abhängigkeit von der Anrede durch andere. 

Das Schamgefühl ist unter dieser Perspektive in mehrfacher Hinsicht sozial bedingt. Es entsteht nicht nur paradigmatisch in Anwesenheit anderer, es resultiert nicht nur aus dem Bruch von implizit anerkannten Normen – es gibt auch eine Performanz der Beschämung, die vom Anderen ihren Ausgang nimmt. Um die Beschämung in ihrem Gehalt zu erfassen, bedarf es einer Konzeptualisierung ihres performativen Aspekts. Beleidigungen, Missachtungen, Herabsetzungen sind performative Akte, deren Wirksamkeit sich auch aus ihrer subjektivierenden Dimension schöpft.

 

Literatur:

John L. Austin, Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with Words), Stuttgart 1972

Judith Butler, Hass spricht. Zur Politik des Performativen, Berlin 1998

Judith Butler, Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung, Frankfurt/Main 2001

Hilge Landweer, Scham und Macht. Phänomenologische Untersuchungen zur Sozialität eines Gefühls, Tübingen 1999

Sighard Neckel, Status und Scham. Zur symbolischen Reproduktion von sozialer Ungleichheit, Frankfurt, New York 1991

Georg Simmel, "Zur Psychologie der Scham", in: ders., Soziologische Schriften. Eine Auswahl, hrsg. und eingeleitet von H.-J. Dahme und O. Rammstedt, Frankfurt/Main 1983 (zuerst: 1901)