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Daniela Körppen und Andrea Kirschner (Otto-von-Guericke-Universität, Magdeburg)

Die Stabilisierung globaler Herrschaftssysteme durch Macht- und Diskurspraktiken der Weltbank

 

„The Bank and its officers shall not interfere in the political affairs of any member; nor shall they be influenced in their decisions by the political character of the member or members concerned. Only economic considerations shall be relevant to their decisions… (Articles of Agreement: Art. IV/ Section 10)”. So lautet das explizite, für alle Weltbankmitglieder verbindliche Verbot jeglicher politischer Aktivität. Nicht nur die Vergabe von Darlehen, welche nach wie vor eine wesentliche Aufgabe der Weltbank ausmacht, hat sich ausschließlich an den Maßstäben „Ökonomie und Effizienz“ zu orientieren, ohne dabei „politische oder andere nicht-ökonomische Einflüsse oder Erwägungen“ zu berücksichtigen (Articles of Agreement Art. III/ Section 5b). Auch in allen anderen, etwa den zunehmenden beratenden Tätigkeitsfeldern, die unter die heute allgemeiner gefasste Ausrichtung der Weltbank auf das Ziel der Armutsreduktion subsummiert werden, ist die politische Einflussnahme zu unterlassen.

Kann die Weltbank tatsächlich so unpolitisch agieren respektive ist es ihr möglich, sich ausschließlich auf ökonomische Gesichtspunkte zu konzentrieren wie es die oben zitierten „Articles of Aggreement“ verlangen? Oder ist nicht vielmehr davon auszugehen, dass die Repräsentanten der 184 Mitgliedsstaaten, vornehmlich Wirtschaftsminister oder Notenbankpräsidenten der Länder, sowie die weiteren über 10 000 Angestellten, darunter Ökonomen, Umweltforscher, Finanzanalytiker, Ingenieure, Anthropologen etc., politischen Einfluss innerhalb ihrer persönlichen Kompetenzbereiche und damit zugleich in der nationalen wie globalen Sphäre geltend machen? Ist es vielleicht weniger das im Vergleich zu anderen Banken relativ niedrige verfügbare Kreditvolumen der Weltbank, sondern vielmehr ihre „unangefochtene Stellung als führender Think Tank“ (vgl. Ziai 2003, S.19), welche sie zu einer entscheidenden Quelle globaler Machtverteilung werden lässt? Inwiefern führen in und durch die Weltbank geprägte Diskurse gerade dazu, bestehende Herrschaftsverhältnisse zu stabilisieren, statt Umverteilungen im Sinne der angestrebten Armutsreduktion durchzusetzen?

Diese Fragen wollen wir in unserem Vortrag mit Hilfe zweier theoretischer Ansätze näher beleuchten, zunächst aus der Perspektive des maßgeblich durch Nicholas Onuf geprägten regelorientierten Konstruktivismus und anschließend mit Hilfe des (post)strukturalistischen Ansatzes Michel Foucaults. Dabei wird einerseits auf allgemeine Diskurse, Regeln und Praktiken der Weltbank und schließlich auf solche im Bereich der Konfliktanalyse und –bearbeitung eingegangen. 

 

(Re-)Konstruktion von Weltbankregeln und -praktiken – der konstruktivistische Ansatz Onufs

Der regelorientierte Konstruktivismus geht davon aus, dass Menschen erst mittels Sprache soziale Wirklichkeit schaffen und einander in ihrer Identität konstituieren. Die Weltbank als Institution kann aus konstruktivistischer Sicht als ein Geflecht von Regeln und damit verbundenen Praktiken verstanden werden. Regeln stellen dabei ein stabiles, aber nicht fixes asymmetrisches Beziehungsmuster dar und werden dazu genutzt, Kontrolle über andere Menschen auszuüben oder ihnen gegenüber Vorteile zu erlangen (vgl. Onuf 1998, S.63). Hieraus ergibt sich das konstruktivistische Konzept von Herrschaft: In ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen (hegemony, hierarchy und heteronomy) wird Herrschaft als ein durch jeweils spezifische Regeln (assertive, directive und commissive rules) gestaltetes, dynamisches Muster menschlicher Beziehungen oder social arrangements verstanden. Herrschaft ist damit unmittelbar an die Möglichkeit geknüpft, Regeln aufstellen zu können, die aufgrund verschiedener Mechanismen befolgt und damit wirklichkeitskonstruierend werden. Regeln werden somit zu Ressourcen, welche wiederum die Verteilung anderer, ggf. auch materieller Ressourcen beeinflussen.

Bereits innerhalb der Weltbank sind die Möglichkeiten, Regeln etwa über die Verwendung von und Bedingungen für Kreditvergaben aufzustellen, aufgrund der sich nach den Kapitaleinlagen bemessenden Stimmrechte[1] höchst ungleich verteilt. Die USA, Japan und die drei finanzstärksten europäischen Staaten Deutschland, Großbritannien und Frankreich verfügen zusammen über gut 37% der Stimmanteile. Der deutsche Direktor des Exekutivdirektoriums, welches für die laufenden Geschäfte der Bank zuständig ist, hat bspw. mehr Stimmen als die Repräsentanten des gesamten Subsahara-Afrikas (vgl. Ziai 2003, S.18). Der Präsident der Weltbank ist „by tradition a national of the largest shareholder, the USA“ (zit. nach www.worldbank.org). Damit sind es gleichzeitig auch diese kapitalstarken Staaten, die in erster Linie Merkmale definieren, anhand derer Länder in Kategorien wie „arm“, „entwicklungs- oder hilfebedürftig“ eingeteilt werden. Auf diese Weise wird die soziale Identität von „armen Entwicklungsländern“ genauso wie die Identität jener Länder, die sich als reich und entwickelt beschreiben, konstruiert. Die Folge ist die Konstitution eines Machtgefälles zwischen jenen Ländern, die zunächst vielleicht nur von außen als hilfebedürftig angesehen werden und solchen, welche die selbstdefinierten „Hilfsmittel“ bereitstellen. Bildet sich erst nach Erhalt wiederkehrender finanzieller Zuwendungen bei einem so definierten „Entwicklungsland“ eine „Nehmermentalität“ heraus, so zeigt sich darin, wie aus einer ausgesprochenen Behauptung schließlich soziale Wirklichkeit wird. Die Weltbank ist auf diese ständige Reproduktion von Hilfe- und Entwicklungsbedürftigkeit angewiesen, um sich als Institution nach innen wie außen legitimieren und letztlich in ihrer Identität erhalten zu können.

Wirksam wird dabei der Herrschaftstyp der Hegemonie, indem „Wirtschaftsexperten“ oder solche, die sich bspw. mit den Gegebenheiten eines Landes „besonders gut auskennen“, etwa Behauptungen und entsprechende Anleitungsregeln darüber aufstellen, welche Länder finanzielle Unterstützung erhalten sollten. Nicht bestehende, „objektive“ Gegebenheiten von Armut und Reichtum bestimmen die Handlungsspielräume der Agenten, sondern „rules in the form of assertive speech acts inform agents about the world – the way thing are, the way it works (Onuf Manual, S.67)“. Die einer solchen Regel inhärente Wahrheitsbehauptung wird hier zur entscheidenden Ressource. Abgesichert wird sie durch einen Ermahnungsmechanismus, der Scham bei denjenigen erzeugt, die eine Regel nicht unterstützen, welche ja mit einer stets moralisch selbstevident erscheinenden Hilfe begründet wird. Dies mag auch als Erklärung dafür dienen, dass die Regeln und verfestigten Prinzipien der Weltbank, obgleich sie als Institution immer wieder, wenn auch heute seltener, öffentlicher Kritik ausgesetzt ist, grundsätzlich recht stabil zu sein scheinen.

 

Nachdem aufgezeigt wurde, inwiefern Weltbankregeln einen Beitrag dazu leisten, eine soziale Wirklichkeit aus armen und reichen, entwickelten und unterentwickelten Ländern und entsprechende Identitäten zu konstruieren, soll nun auf ihre Regeln und Diskurse in Bezug auf (Post-)Konfliktländer fokussiert werden. Zunächst ist darauf einzugehen, wie die Bank unter dem Gesichtspunkt des o.g. Politikverbots, Aktivitäten in diesem Bereich begründet und legitimiert. Um nicht mit politischen Motiven argumentieren zu müssen, führt die Weltbank ihr Engagement im Bereich Krisenprävention und Konfliktmanagement auf ökonomische Belange zurück. Es werden dabei direkte Kausalzusammenhänge zwischen der Ausgestaltung von Wirtschaftssystemen, Armut und Krieg aufgestellt. So lauten eindeutige Botschaften [2] bspw.„Armut beschwört Kriege herauf“ und „Krieg ist das Gegenteil von Entwicklung“. Mit Onuf offenbart sich der Herrschaftstyp der Hegemonie in der folgenden Behauptung: „Ein Weltbankbericht legt dar, dass sich durch die Unterstützung von low-income-Ländern hin zu einer Wirtschaftsstrategie, die mehr auf Diversifizierung als auf die Abhängigkeit von Ressourcen setzt, das Risiko eines Konfliktes signifikant verringert.“ Hieraus folgt unmittelbar die Anleitungsregel, entsprechende Wirtschaftsreformen durchzuführen, um Wirtschaftswachstum, das mit Entwicklung gleichgesetzt wird, zu fördern und damit das Konfliktrisiko zu verringern. Zum einen wird hierbei der Expertenstatus der Weltbankmitarbeiter wirksam. Zum anderen wird die These durch eine abduktive Folgerung gestützt: „Sechzehn der ärmsten Länder haben in den letzten fünfzehn Jahren einen Bürgerkrieg durchgemacht.“ Die gesamte Argumentation fußt damit auf einer Behauptung, welche die obige These lediglich plausibel erscheinen, aber niemals falsifizierbar werden lässt. Die soziale Wirklichkeit wird hier von Experten, i.d.R. der kapitalstarken Länder so konstruiert, dass ihre Behauptungen und damit auch Anleitungsregeln als natürlich wahrgenommen und kaum hinterfragt werden, was wiederum zu ihrer erneuten Festigung führt.

Bei der HIPC-II-Initiative der Weltbank, ein Programm zur Unterstützung von hoch verschuldeten armen Ländern (heavily indebted poor countries), wird zusätzlich ein anderer Mechanismus wirksam, der den aufgestellten Regeln Gewicht verleiht. (Post-)Konfliktländern, die aufgrund von Militärausgaben, Wiederaufbaukosten und ihren ohnehin häufig niedrigen terms of trade finanziell schlecht gestellt sind, werden bei der HIPC-II-Initiative Schulden (teilweise) erlassen, wenn sie bestimmte Auflagen erfüllen. Hierzu zählen die Durchführung von Strukturanpassungsprogrammen, die Ausarbeitung von „Armutsminderungsstrategien“ durch Regierung und Zivilgesellschaft, die „Verbesserung der Regierungsführung“ und die Schaffung von Transparenz bei den öffentlichen Finanzen. Zudem hat sich die Regierung des betroffenen Landes dazu zu verpflichten, den Gegenwert der erlassenen Schulden für Armutsminderung, in erster Linie den Bildungs- und Gesundheitsbereich, einzusetzen. Das zwischen der Weltbank und den entsprechenden Staaten bestehende soziale Arrangement entspricht in diesem Fall mit Onuf dem Herrschaftstyp der Heteronomie. Die betroffenen Länder erhalten über Verpflichtungsregeln die o.g. Auflagen – letztlich ökonomische, soziale und politische Reformen nach westlichem Vorbild durchzusetzen – um ein Recht auf Schuldenerlass zu erlangen. Falls sie diese „freiwillig“ eingegangenen Versprechungen nicht einhalten, resultiert daraus nicht nur eine Sanktion in Form der Nichtgewährung des Schuldenerlasses. Zusätzlich haben die Länder einen globalen Ansehensverlust „auf ganzer Linie“ zu befürchten. Kapitalstarke Staaten werden sie nun möglicherweise als „grundsätzlich vertrauensunwürdig“ einstufen (induktive Folgerung). Letztlich kann dies auch den Rückgang von Investitionen und die Kürzung von Entwicklungshilfegeldern zur Folge haben, womit sich wiederum andere Wahrheitsbehauptungen der „Experten“ im Zirkelschluss bestätigen würden.

 

Wenn die Weltbank zudem die folgenden Behauptungen aufstellt „Ein Weltbankbericht legt dar, dass Bürgerkriege in armen Ländern nicht nur Probleme in der unmittelbaren Nachbarschaft hervorrufen, sondern auch in reichen Staaten, die weit vom Krisenherd entfernt sind“ und „95% der weltweiten harten Drogenproduktion findet in Bürgerkriegsregionen statt“ sowie „Der Bericht sagt auch, dass sich Aids durch Bürgerkriege ausbreitet“, dann erhalten die eben genannten Verpflichtungsregeln auch deshalb Gewicht, weil sie direkt mit dem Gemeinwohl assoziiert werden (Virtù). Mit ihrer Wahrheitsbehauptung, Armut resultiere aus Mangel an wirtschaftlicher Liberalisierung und „schlechter Regierungsführung“ und führe zu einem erhöhten Kriegsrisiko, welches eben auch reichere, „unbeteiligte“, gewissermaßen „unschuldige“ Staaten tangiere, wird zusätzlicher Druck auf die ärmeren Länder ausgeübt. Denn Letztere sind hierdurch nicht mehr nur sich selbst verpflichtet, sondern tragen praktisch eine globale Verantwortung. Werden die gegenüber der Weltgemeinschaft abzugebenden Versprechungen, genannte „Missstände“ abzubauen, nicht eingehalten, so laden die Länder zusätzlich so etwas wie „moralische Schuld“ auf sich.

 

Wie die Weltbank Wissen M/macht  - aus einer Perspektive Michel Foucault

Die Verknüpfung von Armutsbekämpfung, Wirtschaftswachstum und Krisenprävention in den Diskursen der Weltbank soll im folgenden anhand des »Conflict Analysis Framework« (CAF) dargelegt werden. Es wird aufgezeigt, wie durch die Universalisierung partikularer Vorstellungen konkurrierende Erklärungsansätze ausgeschlossen (Vgl. Ziai) und Handlungsorientierungen für die Entwicklungspolitik daraus abgeleitet werden. Eine genauere Betrachtung finden Faktoren, die bei der Entstehung solcher Kausalketten eine Rolle spielen sowie die entsprechenden Argumentationsstrategien, die sie miteinander verbinden.

Das »Conflict Analysis Framework« dient der Konfliktprävention und – analyse. Es soll den entsprechenden Teams der Weltbank helfen, anhand von Schlüsselfaktoren und Indikatoren Strategien und Lösungen zur Vorbeugung und Beseitigung von Konflikten zu entwickeln. Es wird ein prinzipieller Zusammenhang zwischen Konflikten und Armut postuliert. (CAF, S.3)

Das CAF geht von zwei unterschiedlichen Formen von Konflikten aus:

a)     »Non-Violent Conflicts«: Wenn einzelne Gruppen der Bevölkerung oder die Regierung selbst ihre Ziele im Rahmen der entsprechenden Gesetze und Normen der Gesellschaft versuchen zu erlangen, definiert das CAF einen Konflikt als nicht gewalttätig sondern politisch. Eine in den »Articles of Agreement« festgelegte Prämisse verbietet jegliche »politische Aktivität der Weltbank. Sie darf nur im ökonomischen Rahmen tätig werden, so dass »Non-Violent-Conflicts« nicht als Angelegenheit der Bank zu betrachten sind. Auch wenn die Gesetzgebung der entsprechenden Länder per sé die Exklusion bestimmter Bevölkerungsgruppen provoziert und diesen keine Möglichkeiten bietet, Konflikte im Rahmen der Gesetze zu lösen, wird die Weltbank nicht aktiv.

b)     »Violent Conflicts«: Überwiegt die Anwendung von Gewalt einer Gruppe in einem Land den Einsatz von politischen Mitteln, definiert das CAF einen Konflikt als gewalttätig. Diese Art von Konflikten verbrauchen Ressourcen, die für soziale oder ökonomische Entwicklung benötigt werden, verstärken die Armut und schwächen ein Land. Hier greift die Weltbank ein, da ihre Hauptziele, die ökonomische Entwicklung und die Reduktion von Armut gefährdet, sind.

Dem Vorkommen und der Eskalation von gewalttätigen Konflikten soll mit Hilfe des CAF vorgebeugt werden. Die Weltbank assistiert Ländern bei der Konfliktbewältigung durch das Vorantreiben ökonomischen Wachstums und die Beseitigung von Armut.

Ein Blick auf die standardisierten Verfahren des CAF zeigt, dass im Rahmen der Konfliktanalyse der Weltbank spezifische Lebensbedingungen keine Betrachtung finden, sondern das Variablen und Indikatoren benutzt werden, um die Krisenanfälligkeit eines Landes zu untersuchen.

Die Weltbank legt so Wahrnehmungs- und Wissensformen fest, die als willkürlich und kulturspezifisch zu bezeichnen sind (Vgl. Foucault: Geburt der Klinik). Daraus resultiert eine Repressionsstruktur der Macht, die eine Ausschlussstruktur entwickelt. Extrem »konfliktanfällige« Länder erhalten keine finanzielle Unterstützung der Bank.

Durch genau festgelegte Definitionen der Weltbank wird die Möglichkeit, Konflikte wahrnehmen zu können, eingeschränkt. Dies zeigt sich bereits am »Risk Screening Process«, der als Vorstufe der Konfliktanalyse fungiert und darüber entscheidet, ob sich ein Land einer Konfliktanalyse unterziehen muss. Er besteht aus neun Haupt-Indikatoren, die eine eventuelle Verschlechterung der Umgebung in einem Land erfassen sollen:

1.      Gewalttätige Konflikte in einem Land in den vergangenen 10 Jahren: Wenn es welche gab, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass es zu einem erneuten Ausbruch von Gewalt kommt.

2.      Niedriges Pro-Kopf-Einkommen

3.      Hohe Abhängigkeit von Rohstoffexporten

4.      Politische Instabilität:

a)     Instabile Staatsstruktur und häufiger Systemwechsel

b)     Zusammenbruch von Gesetz und Ordnung – der Regierung entgleitet die Situation im Land

5.      Eingeschränkte bürgerliche und politische Rechte

6.      Militarisierung

7.      Ethnische Dominanz einer Gruppe

8.      Aktive, regionale Konflikte

9.      Hohe Jugendarbeitslosigkeit

Wenn mehrere der genannten Faktoren auf ein Land zu treffen bzw. wenn sie zu nehmen, dann ist eine Konfliktanalyse für die Weltbank notwendig. Eines der Hauptprobleme in der schematischen Kategorisierung von Konflikten liegt darin, dass bspw. ein Indikator wie Hohe Abhängigkeit von Rohstoffexporten für Länder wie Sierra Leone oder der Demokratischen Republik Kongo, wo er mit einem Verfall des Staates einher geht, in der Tat ein sehr hohes Konfliktpotential bietet, in Botswana oder Angola jedoch kein Indikator für eine große Konfliktanfälligkeit liefert, da dort die Steuerungsfähigkeit des Staates gegeben ist. (Vgl. Fischer/Wils, 2003).

Den Rahmen für die Konfliktanalyse, die sich an den »Risk Screening Process« anschließt, bilden sechs Kategorien von Variablen, die unterschiedliche Indikatoren, die zu Konflikten führen können, aufzeigen. Nur wenn sie in Zusammenhang mit Armut stehen, sind sie für die Konfliktanalyse der Weltbank relevant.(CAF, S. 7).

Die sechs Kategorien sind: soziale und ethnische Beziehungen, »Governance« und politische Institutionen, Menschenrechte und Sicherheit, ökonomische Struktur und Leistung, Umwelt und Rohstoffvorkommen und äußere Faktoren. Jede dieser Kategorien besteht aus verschiedenen Variablen und diese wiederum aus unterschiedlichen Faktoren, die den drei Einteilungen Indikatoren der Warnung, Indikatoren steigender Intensität und Indikatoren der Deeskalation zu geordnet sind. Auch hier erscheinen die Kategorisierungen willkürlich und die Übergänge nicht klar definierbar. Bei der Variablen Abhängigkeit von Primärrohstoffen ist die alleinige Abhängigkeit schon ein Warnsignal, die »zunehmende« Abhängigkeit ein Indikator für die steigende Intensität des Konflikts.

In dem CAF entwickelt die Weltbank Wissen, dass sie an Entwicklungsexperten und Regierungen weiter vermittelt. Die Macht, die sie als Institution und Autorität der Weltpolitik ausübt, autorisiert sie dazu. Experten der Weltbank ermitteln, wie »Konflikte« zu definieren und zu kategorisieren sind und ermöglichen damit auch politische Maßnahmen.

Unterentwicklung oder Fehlentwicklung werden danach definiert und konstruiert (Vgl. Escobar, 1995). Die Weltbank unterteilt Länder in »middle- «und »low-icome countries« und stellt kausale Zusammenhänge zum Konfliktpotential her: »Low-Income-Country« bedeutet Armut und Armut bedeutet im Rahmen des CAF automatisch eine große Krisenanfälligkeit.

»Absolute Armut« wird im Rahmen der ökonomischen Argumentationsstrategie der Weltbank rein monetär definiert: Besitzt ein Mensch pro Tag ein geringeres Einkommen als einen US-Dollar, so lebt er in »absoluter Armut«. (World Bank Group, Strategic Framework, January 2001) Es zeigt sich hier eine begriffliche Ungenauigkeit, die keine konzeptionelle Unterscheidung zwischen akuter und chronischer Armut trifft. (Vgl. Fischer / Wils, 2003).

In den diskursiven Praktiken und Definitionen der Weltbank formiert sich Wissen darüber, wie Konflikte zu bestimmen sind und welche Handlungsanleitungen sich daraus ergeben. Bereits die oben vorgestellte Kategorisierung in gewalttätige und nicht-gewalttätige Konflikte erscheint relativ und willkürlich. Als Institution verfügt die Weltbank über ein großes Machtpotential im weltpolitischen Handlungsrahmen. Macht kann hier in Form des von Foucaults entwickelten Begriffs der »Disziplinarmacht« gesehen werden, deren Charakteristik eben gerade in jener Verbindung von Macht und Wissen besteht und die dadurch analytisch-isolierende und synthetisch-integrierende Auswirkungen entwickelt.

In diesem Zusammenhang verfügen »Wissenschaften« über eigene Disziplinartechniken, die der Normalisierung dienen und Wissen über das Individuum präsentieren. (Vgl. Foucault, Überwachen und Strafen). Diesen Disziplinartechniken ist außerdem eine Kontrollfunktion eigen. Von den Gefängnissen ausgehend hat sich eine Disziplinargesellschaft gebildet, die neue Verfahrensweisen der Macht nutzt, nicht mehr mit Recht sondern mit Techniken arbeitet und nicht die Strafe sondern die Kontrolle in den Mittelpunkt stellt. (Vgl. Speth).

Bevor ein Kredit vergeben wird, strebt die Weltbank eine gewisse Kontrolle eines Landes durch weitgehende Organisation und Transparenz an. Um finanzielle Unterstützung zu erhalten, muss das entsprechende Land seine ökonomische Situation offen legen und seine Wirtschafts- und Finanzpolitik, entsprechend der Vorstellungen der Weltbank umgestalten. Hier spielt auch die Konfliktanalyse eine entscheidende Rolle, da sie erheblich dazu beiträgt, die Kreditwürdigkeit eines Landes zu untersuchen.

Ist eine bestimmte Wissensordnung mit institutionellen Machtwirkungen ausgestattet, so wird die Gesellschaft nicht mehr von einer Rechtsordnung sondern von dieser Wissensordnung beherrscht (Vgl. Foucault, Ordnung der Dinge).

Die Verbindung von Macht und Wissen spiegelt sich auch in den »Dispositiven« der Macht, die die Weltbank konstruiert. Foucault führt den Begriff des »Dispositivs« ein, um den »Macht-Wissenskomplex« zu kennzeichnen. Es handelt sich hierbei um machtstrategische Verknüpfungen von Diskursen, Praktiken, Wissen und Macht. Die Dispositive der Weltbank beinhalten Diskurse, d.h. geregelte Verknüpfungen von Aussagen wie z.B. »Armut evoziert Konflikte«, Praktiken in Form von Handlungsanweisungen wie z.B. »Deregulierung des Finanzmarktes« und Macht durch die in Aussicht gestellte Vergabe von Krediten oder Darlehen.

Die Machtpraktiken der Weltbank beinhalten die diskursive Ordnung des Wissens, der Wille zum Wissen ist selber ein Wille zur Macht. (Vgl. Foucault, Der Wille zum Wissen).

Mittels der Auferlegung einer Wissenstheorie beschränkt sich die Macht der Weltbank nicht nur auf Handlungen im ökonomischen Bereich. Jedes Land, dass finanzielle Unterstützung der Weltbank erhalten möchte, muss sich den vorgegebenen Wissen anschließen. Dadurch, dass die von der Weltbank aufgestellten Variablen und Indikatoren zur Konfliktanalyse als aus den von der Bank durchgeführten »wissenschaftlichen« Studien resultieren, wird ihre Neutralität hervorgehoben. Durch die Produktion von Wahrheiten, wie sie Foucault auch in seinen Gouvernementalitätsstudien darlegt, werden Subjekte bzw. die Länder nicht unterworfen sondern sie erhalten Anleitungen, sich selbst zu führen. (Vgl. Lemke, Krasmann, Bröckling).

 

Mit beiden theoretischen Ansätzen konnte gezeigt werden, dass die Weltbank sehr wohl großen Einfluss auf das soziale, ökonomische wie auch politische Weltgeschehen ausübt. Wie selbstverständlich werden Forderungen an die „Entwicklungsländer“ gestellt, deren Berechtigung und Sinnhaftigkeit sich von vornherein jeglichem Diskurs entzieht, da sie über scheinbar „objektives Expertenwissen“ und „Naturgesetzhaftigkeit“ abgesichert werden. „Heilung“ (i.S.v. Armutsreduktion, Minderung der Kriegsgefahr, Ordnung und Stabilität) durch entsprechende Reformen versprechen dabei finanzstarke Länder weniger aus altruistischen Motiven, sondern nicht zuletzt auch, um einen offensichtlich als Bedrohung wahrgenommenen Erdteil berechenbarer zu machen.

 

Literatur

Escobar, Arturo, Encountering Development: The Making and Unmaking of the Third World, Princeton, 1995.

Foucault, Michel, Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, Frankfurt.M. 1997.

Foucault, Michel, Die Geburt der Klinik, Eine Archäologie des ärtzlichen Blicks, Frankfurt/M./Berlin/Wien 1976.

Foucault, Überwachen und Strafen, Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt/M., 1976.

Foucault, Der Wille zum Wissen, Frankfurt/M., 1976.

Fischer, Martina und Oliver Wils, Armutsbekämpfung und Krisenprävention, Bonn/Berlin, 2003.

Lemke, Krasmann, Bröckling, Gouvernementalität, Neoliberalismus und Selbsttechnologien, IN: Gouvernementalität der Gegenwart, 2000, S. 7-39.

Onuf, Nicholas (1998): Constructivism: A User’s Manual, in: Kubálková, Onuf und Kowert: International relations in a constructed world, S.58-84.

Onuf, Nicholas und Klink, Frank F. (1989): Anarchy, Authority, Rule, in: International Studies Quarterly 33/ 1989, S.149-173

Speth, Rudolf, Foucaults Theorie der Disziplinarmacht mit Bezug auf Nietzsche, IN: Institution – Macht- Repräsentation, S. 262 – 319.

Ziai, Aram, Die Bank, die Armen und der Markt, IN: Blätter des Informationszentrums 3. Welt, Sonderheft Globalisierungskritik, S. 16 –20, 2002

World Bank Group, Strategic Framework, January 2001

 

Websites

Conflict Prevention and Reconstruction: http://lnweb18.worldbank.org/ESSD/sdvext.nsf/67ByDocName/ConflictPreventionandReconstruction

Operational Policies Conflictmanagement: http://wbln0018.worldbank.org/Institutional/Manuals/OpManual.nsf/OPolw/5870698DE018C520852569E5004EC9AD?OpenDocument

Conflict Analysis Framework: http://lnweb18.worldbank.org/ESSD/sdvext.nsf/67ByDocName/TheConflictAnalysisFramework/$FILE/CAFAugust03.pdf



[1] Articles of Agreement: Art. VI/ Section 3(a):Each original member shall, in respect of its initial subscription, have 500 votes plus an additional vote for each $ 5,000 of its initial subscription (…).

[2] Alle folgenden Zitate sind dem Link Conflict Prevention and Reconstruction: http://lnweb18.worldbank.org/ESSD/sdvext.nsf/67ByDocName/ConflictPreventionandReconstruction entnommen