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Michael Kleinen (Otto-von-Guericke Universität Magdeburg)

Vom barbarischen Berserker zum miles christianus – Zur Veränderungen  der Feindbildkonstruktion in den Kriegsdiskursen früh- und hochmittelalterlicher erzählender Quellen. 

 

Die Mittelalterforschung geht davon aus, dass sich im Laufe des 11. und 12. Jahrhunderts aus den barbarischen Kriegern des Frühmittelalters das so genannte Rittertum entwickelte. Mehrheitlich sieht man dies als Ausdruck einer zunehmenden Zivilisiertheit der adligen Schichten im Allgemeinen und deren Kriegswesens im Speziellen an. Es wird in diesem Zusammenhang nur selten darauf hingewiesen, dass dieser Sachverhalt - wenn überhaupt - nur auf die Kriege innerhalb der katholischen Christenheit zutrifft. In den Kriegen gegen Andersgläubige ist dagegen eine zunehmende Unfähigkeit zur Begrenzung von Konflikten und eine enorme Brutalisierung zu verzeichnen. Dieser Befund korrespondiert mit einer deutlichen Veränderung der in den Quellen jeweils gezeichneten Feind- bzw. Selbstbilder. Da die Konstruktion eines effektiv wirksamen, breit vermittelbaren Feindbildes eine der Grundvoraussetzungen für kollektives Töten ist, bietet sich hier die Möglichkeit grundlegende Sinnstiftungen der mittelalterlichen Kriegerschicht offenzulegen. An Hand der Feind- aber auch der Selbstbilder in den Quellendiskursen über den Krieg können ausgewählte Wert- und Orientierungsmuster jener Personengruppe als handlungsrelevante Größen in Kriegen bestimmt werden.

    In den erzählenden Quellen des 9. und 10. Jahrhunderts werden sowohl christliche als auch heidnische Krieger fast ausschließlich in den Kategorien Mut, Tapferkeit, Grausamkeit, Listigkeit und Geschicklichkeit beschrieben. Dabei ist es egal, ob es sich um Beschreibungen von Feinden oder um eigene Krieger handelt. Alle diese Kategorien beziehen sich direkt auf die kriegerische Praxis der Kämpfer und haben vor allem eine beschreibende Funktion. Darüber hinausgehende Aussagen, die sich auf die Lebensweise und Sitten des Feindes beziehen, sind dagegen selten. Lediglich bezüglich der Ungarn bedienen sich die entsprechenden Chronisten dieses Sujets, um das ungewöhnliche Durchhaltevermögen und die angeblich übergroßen Körperkräfte des Gegners zu erklären. Religiös aufgeladene Feindbilder fehlen in den Quellen dieser Zeit dagegen völlig.

   Betrachtet man nun die Konnotation der jeweiligen den Feinden zugeschriebenen Eigenschaften und Handlungsweisen, macht man die erstaunliche Beobachtung, dass selbst solche Aktionen, die nach neuzeitlichen Begriffen als extrem grausame und heimtückisch zu bewerten wären, nicht dazu benutzt werden, den Gegner zur entmenschlichten Bestie zu erklären. Vielmehr schwingt gerade in derartigen Berichten eine kaum zu überhörende Anerkennung für die kriegerische Tüchtigkeit des Gegners mit. Offenbar bedurfte einerseits das Töten des militärischen Gegners keiner weiteren Legitimation, andererseits respektierte man den Gegner auf der professionellen Basis des gemeinsamen „Berufsstandes“. Trotz allem galt eine ebenso brutale wie rücksichtslose Kampfweise auf beiden Seiten als legitim.

    Das Christentum kann demnach keinen wesentlichen Einfluss auf die militärische Praxis des Frühmittelalters ausgeübt haben. Vielmehr erscheinen die Krieger, mögen sie Franken, Sachsen, Ungarn oder Wikkinger gewesen sein, als Träger einer erstaunlich zählebigen, archaischen Kriegerkultur. Als Beispiel für den Idealtypus des barbarischen Kriegers kann man die vom Geschichtsschreiber Widukind im 10. Jahrhundert gezeichnete Figur des Sachsen Hathagat anführen. Widukind lässt den schon ergrauten Krieger folgendes sprechen: „Ich weiß zu kämpfen, zu fliehen verstehe und vermag ich nicht; wenn mir das Geschick nicht gestattet, länger zu leben, so sei mir wenigstens vergönnt, was mir das liebste ist, mit den Freunden zu fallen. Als Beispiel väterlicher Tapferkeit gelten mir die rings um uns hingestreckten Leichen unserer Freunde, welche lieber sterben wollten, als besiegt zu werden.“ ... „Lasst uns zu den Sorglosen [ er meint die feindlichen Thüringer] gehen, nur zum Morden, nicht zum Kampfe; denn wegen des verheißenen Friedens und unseres schweren Verlustes ahnen sie kein Unheil; auch bleiben sie, durch den heutigen Kampf ermüdet, ohne Besorgnis, ohne Wachen und ohne die übliche Vorsicht. Lasst uns also herstürzen über die Ungerüsteten, in Schlaf versenkten ...“[1] Widukind beschreibt hier eine erbarmungslose Kriegerkaste ohne jeden Skrupel. Als ehrenhaft gilt der berserkerhafte, listige Kämpfer. Die Loyalität des Einzelnen gilt den Kriegerkameraden und der Schlachtentod neben ihnen erscheint als durchaus erstrebenswert.

   Über die Motive den Kampf aufzunehmen schreibt der Chronist in diesem Zusammenhang: „Da nun eine grimmige Schlacht sich entspann, wurden viele auf beiden Seiten zu Boden gestreckt; denn jene [ die Thüringer ] kämpften für ihr Vaterland, für Weib und Kind und schließlich für ihr eigenes Leben; die Sachsen aber für Ruhm und Beute“. Widukind nennt hier die verschiedenen Gründe völlig wertfrei nebeneinander und ohne eine moralische Hierarchisierung. Bemerkenswerterweise kommt der Mönch Widukind in dem gesamten Kapitel ohne jeden Gottes- oder Glaubensbezug aus.

    Die zentralen Antriebe für eine solche Kriegführung finden sich nicht primär im „politischen“ oder gar im religiösen Bereich sondern sie wurzeln vorrangig in dem fundamentalen Bestreben, durch den Sieg Ruhm, Ehre und vor allem reiche Beute zu gewinnen. Die einzusetzenden Mittel sind kaum limitiert, so dass auch nach heutigen Maßstäben heimtückische Vorgehensweisen ohne weitere Probleme akzeptiert werden. Vor diesem Sinnhorizont wird der Krieg zum Selbstzweck. Er ist weniger eine „Fortsetzung der Politik mit gewaltsamen Mitteln“ sondern vielmehr der zentrale Lebensbereich einer spezialisierten Kriegerschicht. Eine religiöse Begründung oder gar Reglementierung der Kriegführung stünde dem zumindest teilweise entgegen. Gleichzeitig erlaubt es gerade diese „Ideologiefreiheit“ den sich feindlich gegenüberstehenden Akteuren auf erstaunliche Art und Weise, kriegerische Konflikte pragmatisch beizulegen oder zu begrenzen. 

 

Ein vollkommen anderes Bild zeigen die einschlägigen Quellen nur 150 Jahre später. Bernhard von Clairvaux[2] stellt in seiner Preisschrift zu Gunsten des gerade gegründeten Templerordens das Bild des christlichen Ritters idealtypisch dem heidnischen Krieger gegenüber. Er betrachtet das Töten im Krieg aus dem Blickwinkel des christlichen Tötungsverbotes. Nach Bernhard tötet der Heide im Krieg nicht nur den Gegner sondern auch seine eigene Seele. Dieser Tod der Seele sei vergleichbar mit dem wirklichen Tod an Leib und Leben. Dagegen bräuchte der christliche Ritter, „dessen Leib mit Eisen und dessen Seele mit der Rüstung des Glaubens bewehrt ist“ weder das Leben noch den Tod fürchten, wenn sie gegen die Heiden kämpfen. Das töten von Christen lehnt Bernhard dagegen strikt ab. Sinn und Zweck der Kriegführung ist ab diesem Zeitpunkt idealerweise die Bekämpfung der Heiden bzw. die Verteidigung der Christenheit.

   Diese neue Einstellung zum Krieg spiegelt sich auch in den überlieferten Feindbildern wider. So tauchen ab der Mitte des 11. Jahrhunderts zunehmend Überlieferungen auf, in denen dem heidnischen wie christlichen Feind zum Beispiel vorgeworfen wird, Kruzifixe zu bespucken oder zu verstümmeln und  Kirchen zu schänden. Gleichzeitig wird der Feind immer öfter zum wilden Tier erklärt, zur Bestie, die es umzubringen gilt. Fast zur selben Zeit taucht ein anderes Phänomen in der Kriegführung auf, das es früher so gut wie nie gegeben hat: Das Massaker mit religiöser Begründung. Neu ist in diesem Zusammenhang weniger die relativ wahllose Tötung vieler Menschen, man denke an das berüchtigte Blutbad zu Verden an der Aller 782, sondern die religiöse Begründung der Aktionen. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht diese Entwicklung mit der Niedermetzelung der Jerusalemer Bevölkerung durch die christlichen Eroberer im Jahre 1099.  Die noch am Anfang des 11. Jahrhunderts zu beobachtenden Tendenzen auch Konflikte mit den Heiden pragmatisch zu begrenzen, treten mit dem Beginn des 12. Jahrhunderts zunehmend in den Hintergrund.

 

 

Zusammenfassung:

Ähnlich wie in heute noch existierenden, vormodernen  Kulturen mit ausgeprägten Kriegerständen, waren die früh- und hochmittelalterlichen Kämpfer Träger einer eigenen, von den Werten des Christentums weitgehend unbeeinflussten Kriegerkultur. Diese stand in zum Teil deutlichem Gegensatz zu den Vorgaben der christlichen Religion. Mit dem Aufkommen des Rittertums kam es zu einer deutlichen Dominanz christlicher Wertvorstellungen bei den betroffenen Kämpfern, welche eine Akzeptanz des Gegners als gleichwertigem Verhandlungspartner unmöglich machte. Die bis dahin gegebenen Möglichkeiten paralleler Diskurse zur Konfliktbegrenzung verschwanden zunehmend. Die angestrebte Verregelung des Krieges innerhalb der Christenheit bezahlt man mit der starken Brutalisierung nach außen.



[1] Die Sachsengeschichte des Widukind von Corvey ( Widukindi monachi Corbeiensis Rerum gestarum Saxonicarum libri III), hg. Paul Hirsch und Hans-Eberhard Lohmann, MGH SS rer. Germ. in us. schol. [60.], 1935, ND 1989.

[2] Ad milites Templi de laude nove militie, in: St. Bernardi opera omnia, 2 Bde, ed. L. Leclercq, C. H. Talbot, H. Rochais, 1957; III-VIII, ed. J. Leclercq-J. Rochais, 1963-76.