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Mona Kleine (Georg-August-Universität Göttingen)

Verhältnis von Macht und Gewalt

Ein letztes Mittel? Folter als Thema der Soziologie

 

Dieser Beitrag stellt den Ansatz meines Promotionsprojekts Gegenläufige Diskurse. Zur Kritik soziologischer Gewaltanalysen (Arbeitstitel) an einem konkreten Beispiel dar: Folter als spezifisches Gewalt- und Herrschaftsphänomen. Dabei wird der Gewalt, genauer, der Beschäftigung der Soziologie mit dieser, eine katalysatorische Wirkung zugeschrieben: Immer auch treffen Gewaltanalysen in der Soziologie – neben Erkenntnissen über die Gewaltphänomene selbst – Aussagen zum (Zu-)Stand der Wissenschaft.

Folter als Gewaltphänomen soll entlang zweier zentraler, gegenläufiger Diskurse analysiert werden. Einmal wird Gewalt als Gegenstand konstruktivistischer Interpretationsprozesse (z.B. innerhalb Definitions-, Normalisierungs-, Dramatisierungs-, Wahrnehmungsprozesse) begriffen, die es in ihrer Wirkmächtigkeit zu analysieren gilt. Hierbei wäre bezüglich der Folter beispielsweise zu fragen, wie diese Gewaltform begrifflich und inhaltlich zu bestimmen ist, ob und inwiefern sich Folterbegriffe wandeln, in welchen historischen/gegenwärtigen Bedingungen Folter auftaucht(e), etc.

Die Gewaltform Folter wird in der soziologischen Betrachtung – und nicht nur dort –  im Zusammenhang mit dem Konzept Herrschaft analysiert (vgl. J.-P. Reemtsma, 1991, S. 13). Damit wird sie aus dem notorisch unübersichtlichen Feld der Gewaltphänomene herausgenommen und im Bereich der “Makrogewalt”, genauer, der politischen motivierten Gewalt verortet (vgl. hierzu Imbusch, 2002, S. 27). Dies bedeutet allerdings nicht, soviel sei vorausgeschickt, dass sich die Folter einer mikrosoziologischen Herangehensweise entzieht, näheres dazu weiter unten. Obwohl grausame Gewalttaten an anderen ”Orten der Gewalt” (z.B. Gewalt in der Familie, Gewaltkriminaltät) mitunter als Folter bezeichnet werden, steht  im Mittelpunkt der soziologischen Betrachtung die Tortur als spezifische Form der Herrschaftsausübung, definiert also ein Geschehen, das nicht dem Feld der individuellen, sondern kollektiven Gewaltausübung zuzuordnen ist (vgl. ebenfalls Imbusch, 2002).

Historischer Bezugspunkt dieser Einschätzung bildet zunächst "peinliche Frage” als Bestandteil des mittelalterlich/neuzeitlichen Strafprozesses, an welchem zentrale Merkmale der Folter deutlich werden, die auch das gegenwärtige Verständnis der Tortur bestimmen - mit weitreichenden Konsequenzen. Diese Charakteristika –  absichtsvolle Zufügung starker physischer Schmerzen (mit einiger Vorsicht soll hier davon ausgegangen werden, dass psychische, geistig-seelische Schmerzen zumindest in ihrer expliziten Thematisierung eine “Ergänzung” eher jüngeren Datums ist) eines von der ’herrschenden Ordnung’ Beschuldigten, die Erpressung eines Geständnisses, das auch Dritte belasten kann/soll – finden sich in den anerkannten Definitionen der Folter, wie sie in verschiedenen Erklärungen, Abkommen und lexikalischen Einträgen zu finden sind – und prägen auch das so genannte  “Alltagsverständnis”. So wird in aktuellen Diskursen über Folter nach möglichen Verbrechen der Gefolterten (hat er/sie etwas zu gestehen, etwas zu “verraten”?), sowie nach dem unter Umständen gerechtfertigten Motiv der Folterer und ihrer Auftraggeber gefragt. Selbst diejenigen, welche die Folter ablehnen, rekurieren auf deren angenommene ”Inhalte”: (mögliches, vermutetes) Verbrechen, Verhör, Geständnis. In diesem Zusammenhang bildet  - parallel geführt zu einer abstrakten Diskussion über die ethischen Dimensionen der Folteranwendung - der Zweckbezug der Folter den Mittelpunkt des Diskurses. Aus durchaus pragmatischen Gründen wird die Folter als ungeeignetes oder geeigentes Mittel betrachtet. Folter als letztes Mittel zu begreifen, gewissermaßen mit 'falschen' Mitteln (absichtsvolle Schädigung, Missachtung von Rechten, etc.) etwas potentiell 'richtiges' (Erlangung von – möglicherweise – lebenswichtigen Informationen) zu erreichen, verkennt jedoch wesentliche Dimensionen dieses Phänomens.

In einer analytisch erweiterten Perspektive wird die Folter deshalb als expansives, repressives Herrschaftsinstrument betrachtet, als Herrschaftstechnik, deren (Droh-)Potential weit über die konkreten Schrecken der Foltersituation hinausreicht. Verwiesen  wird aus dieser Perspektive z. B. auf die Antike, in der (zunächst) ausschließlich Sklaven gefoltert wurden, die Tortur also vor allem als sozialer Grenzziehungsmechanismus wirksam wurde; Beispiele der jüngeren Vergangenheit verdeutlichen ebenfalls, dass die Analyse der Folter verkürzt wird, wenn das Geschehen mit der Praxis eines spezifischen Justizverfahren – z.B. des ’klassischen’ Hexen- bzw. Inquisitionsprozesses –  assoziiert und damit unzulässig reduziert wird. Auch ohne konkreten empirischen Nachweis führen zu müssen, wird mit Blick auf die Realitäten in nationalsozialistischen Konzentrations- und Venichtungslagern, in südamerikanischen Diktaturen offensichtlich, dass Folter angewendet wurde und wird, ohne dass sich die Ausübenden auf die Notwendigkeit der ’Informationsbeschaffung’ berufen (haben).

 

Der anthropologisch fundierte Gegenentwurf sogenannter “innovativer” Gewaltforscher (vgl. aufbauend auf Heinrich Popitz v.a. Wolfgang Sofsky,  m. E. Birgitta Nedelmann, T. v. Trotha, Michael Neumann) fasst Gewalt, im konkreten Fall Folter, als materielle Möglichkeit des Menschen, letztlich als unausweichliche anthropologische Konstante. Er greift die oben dargestellte antireduktionistische Analyse auf und radikalisiert sie. Das grundlegende Selbstverständnis der (zunehmend) gewaltfreien Moderne, und der Soziologie als die Wissenschaft der Moderne, wird in diesem Ansatz in Frage gestellt. Ausgehend von Popitz’ Diktum, nach welchem Gewalt immer eine Möglichkeit des Menschen ist (und bleibt), wird hier nicht mehr nach dem weshalb, zu welchem (Herrschafts-)Zweck gefragt. Dem ’sozialen’ Geschehen während der Folter wird sich mit Bezug auf den ethnographischen Ansatz Clifford Geertzs in einer “dichten Beschreibung” genähert (vgl. v.a. Wolfgang Sofsky, 1996, S. 83ff). Was passiert wem, durch wen, auf welche Art und Weise während der Folter – wobei den ersten Teilfragen deutlich geringere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Der Zweckbezug der Tortur wird nicht nur in Bezug auf das Verhör, das Erlangen der Informationen sondern in toto verworfen. Der Sinn der Folter “ist der Schmerz, das immerwährende Sterben” (Wolfgang Sofsky, 1996, S. 84) – die Suche nach anderen Motiven, einen Menschen “[b]ei lebendigem Leib” (J.-P. Reemtsma, 1991, S. 26) sterben zu lassen, versperrt nach dieser Meinung nur den Blick auf die Essenz der Folter. Soziologische Grundbegriffe versagen vor der Situation der Tortur: soziale Handlung, Interaktion, asymmetrische Beziehung stellen aus dieser Perspektive keine Kategorien dar, die etwas substantielles zum Phänomen Folter aussagen könnten. Vielmehr stelle in Anlehnung an Jean Améry (vgl. ders. 1977, S. 66) gerade die Aushebelung des Sozialprinzips, die Negation des Anderen das Charakteristikum der Tortur dar.

 

Die Vernachlässigung der “materiellen Basis” des Sozialen, im Fall der Gewalt, der Körperlichkeit mit seiner Verletzungsoffenheit (Erleiden von Gewalt) und –mächtigkeit (Ausübung von Gewalt) wird mit eben beschriebenen antireduktionistischen Gewaltforschungsansatz “entgegengewirkt”, ein ”anthropologischer Reduktionismus” (Trutz von Trotha, Michael Schwab-Trapp, 1996, S. 59) ist jedoch der Preis, der für diese ohne Zweifel notwendige  Ergänzung der Gewaltforschung gezahlt wird. Die sinnvolle und fruchtbare Verknüpfung des ’realen’, i.S.v. sinnlich-leiblich erfahrbaren Geschehen der Folter mit einer Analyse ihrer sozialen Überformungen, dem ’genuinen’ Feld soziologische Forschung, wäre zu fordern. Wenn ein Geschehen wie ’Abu Ghraib’ einer umfassenden soziologischen Analyse zugänglich gemacht werden soll – und ungeachtet aller ’Unvorstellbarkeiten’ ist das Geschehen sehr wohl vorstellbar und deshalb zugänglich - , müssen beide Ebenen der Gewaltanalyse betrachtet und in Verbindung gesetzt werden. 'Gewalt um der Gewalt willen ausgeübt' – dies ist zweifelsohne möglich, gleichwohl entzieht sich auch eine solche Gewalt nicht der einer Kontextualisierung in macht- und herrschaftssoziologische Zusammenhänge. Inwieweit z. B. ’rechnet’ ein Herrschaftsapparat, der aus bestimmten Gründen Folter praktiziert, mit der Entfesselung von Gewaltprozessen, ist u. U. sogar auf diese angewiesen, provoziert und organisiert diese? Eigendynamik, Entgrenzung und Gelegenheitsstrukturen - Kategorien der Gewaltanalyse, wie sie von Gewaltforschungsinnovateuren formuliert werden, können und sollten sehr wohl in komplexere Analysen von Macht- und Herrschaftsstrukturen eingebunden werden.