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Arne Klawitter (China)

Das Situationspotential im chinesischen Autoritätsdispositv. Ein Beitrag zur Topographie der Macht

 

Deleuze behauptet in seinem Postskriptum über die Kontrollgesellschaften, dass seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Kontrollgesellschaft im Begriff ist, die Disziplinargesellschaft, wie sie Foucault so ausführlich analysiert hat, abzulösen. Anzeichen dieses Übergangs sieht er zum einen in den Reformen sämtlicher Institutionen des Einschließungsmilieus (dem Gefängnis, Krankenhaus, der Fabrik, Schule und Familie), zum anderen in den vielfältigen Möglichkeiten der Speicherung von Daten im Zeitalter der digitalen Medien und ihrer globalen Vernetzung. Es scheint fraglich, ob die derzeit durchgeführten Reformen die Institutionen am Leben erhalten können. Im Grunde handelt es sich lediglich darum, deren „Agonie zu verwalten und die Leute zu beschäftigen, bis neue Kräfte, die schon an die Türe klopfen, ihren Platz eingenommen haben“ (Deleuze 1993: 255). In absehbarer Zeit werden „Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen“ die überkommenen Formen der Disziplinierung ersetzt haben, mutmaßt Deleuze.

In der Disziplinargesellschaft wird bekanntlich das Leben des Individuums normalisiert, wobei das Individuum von einem geschlossenen Milieu der Einschließung ins andere wechselt. Eine umfassende Disziplinierungsmaschinerie ist damit beschäftigt, das Leben der Individuen zu verwalten, während vorher noch die Souveränitätsgesellschaft, die der Disziplinierung vorausging, eine Entscheidungsgewalt über Leben und Tod implizierte. Die Kontrollmechanismen hingegen werden viel früher in die Formung des Lebens eingreifen und Variationen neuer Lebensformen schaffen, die die bestehende Grenze zwischen Natürlichem und Künstlichem überschreiten. Das neue Dispositiv der Kontrollgesellschaft impliziert nicht nur mediengesteuerte Kontrollmechanismen, die mit dem Übergang vom digitalen Panopticon zur Heterotopie virtueller Realitäten in Erscheinung treten. Offenbar werden auch Pharmaerzeugnisse und Genmanipulationen in diesen Prozess des Übergangs eingreifen.

 

Mit Foucault und Deleuze können wir drei historische Dispositive unterscheiden. Doch ihre Analysen der Straf- und Überwachungssysteme beschränken sich auf die Gesellschaftsgeschichte des Abendlands. Neuere Kulturvergleiche könnten diesen ausschließlich auf das Abendland gerichteten Blick erheblich erweitern, indem sie ebenso außereuropäische Entwicklungen berücksichtigen. Mein Vorhaben besteht darin, den Kulturvergleich mit der Wissensarchäologie und der Machtgenealogie zusammenzuführen. Was kulturvergleichende Studien der Machtanalyse eröffnen könnten, wäre beispielsweise die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass sich Kontrollgesellschaften auch völlig anders organisieren können, als man es im Abendland beobachten kann.

In diesem Zusammenhang sei die Aufmerksamkeit auf das chinesische Autoritätsdispositiv gelenkt, das sich nicht auf der Grundlage einer Souveränitätsgesellschaft herausgebildet hat, sondern im Zuge seiner relativ homogenen Entwicklung über viele Jahrhunderte verschiedene Aspekte der Überwachung, Disziplinierung und Kontrolle assimiliert hat. Das Autoritätsdispositiv erzielt ähnliche Effekte der Überwachung, Normalisierung und Kontrolle, jedoch mit ganz anderen Mitteln.

Die Machtausübung im chinesischen Autoritätsdispositiv besteht nicht allein in der Unterdrückung von Diskursen. Bei ihrer Untersuchung ist insbesondere der Umstand zu berücksichtigen, dass bestimmte Diskurse, die die westliche Vorstellung von Demokratie und Staatspolitik grundsätzlich geprägt haben und immer noch prägen, sich in China überhaupt nicht konstituiert haben. Ich bin mir nicht sicher, ob man sich klar gemacht hat, welche konkreten Effekte diese Abwesenheit erzeugt hat und welche Folgen das für eine Gesellschaft im Zeitalter der Globalisierung haben könnte.

Das chinesische Autoritätsdispositv kann man sich als eine Art Lageplan vorstellen, der eine Konstellation von Abhängigkeiten veranschaulicht. Man darf sich den Lageplan aber nicht als eine ebene Fläche denken. Es gibt ein Gefälle, d.h. die Dinge entwickeln sich in eine bestimmte Richtung, die aber nicht vorgegeben ist; sie muss auch nicht unbedingt geradlinig oder kontinuierlich sein. Diese Vorstellung bringt den physikalische Begriff der Neigung ins Spiel. Eine Konfiguration von Umständen besitzt demnach so etwas wie eine potentielle Situationsenergie. Die Handlung des Einzelnen ist in jedem Fall das Resultat einer Situation bzw. der Umstände, in denen man sich gerade befindet. Im Unterschied zum abendländischen Denken hat man in China seit jeher nicht die Handlung des Individuums und den Aktionismus eines Helden hochgeschätzt. Statt dessen hat man die Anpassung an eine gegebene Konstellation von Umständen, die als unabänderlich gelten, für notwendig erachtet. Der Einzelne hat sich den Gegebenheiten des Dispositivs unterzuordnen. Er ist gleichsam schicksalhaft in das Dispositiv hineingepflanzt. Aus der Anpassung an die gegebene Umwelt schöpft er ein Potential, das seine eigene Handlung antreibt.

Das Autoritätsdispositiv gibt eine Art traditionelles Vorbild für die Einparteienherrschaft in China. Das Potential der chinesischen Politik liegt in der Position der Autorität begründet. Die Autorität wiederum wird durch den Ort bestimmt, nicht durch die Person, ihren Charakter oder ihre Fähigkeiten. Auf diese Weise beschreibt der Philosoph und Sinologie François Jullien die Autorität: „Durch seine überlegene Position strahlt der Ort, den der Herrscher einnimmt, eine Macht aus, die stark genug ist, um im ganzen Reich für Ordnung zu sorgen – allein auf Grund der bloßen, rein objektiven Neigung, die von ihr ausgeht, und nicht aus der immer zufälligen Gegebenheit des Wertes der Menschen“ (Jullien 1999: 46). Selbst heute zweifeln nur verhältnismäßig wenig Chinesen die Notwendigkeit einer starken Regierung an, die alle Belange des Volkes vertritt.

Das Autoritätsdispositiv schafft einen Automatismus der Unterwerfung. Jullien spricht in diesem Zusammenhang auch von einer „Neigung zum Gehorsam“. Ein Netzwerk von Beobachtungsposten und Denunzianten, wie es schon vor 2000 Jahren von Han Feizi (etwa 280-234 v.Chr.) beschrieben wurde, ermöglichte es dem damaligen Kaiser alles im Land zu sehen und zu hören, ohne den Palast verlassen zu müssen. „Durch ein hochentwickeltes System der ‚Dissoziation’ der Vorschläge und Meinungen (wodurch man sie miteinander konfrontieren kann) und der gleichzeitigen ‚Solidarisierung’ der Menschen (wodurch man sie kollektiv verantwortlich macht und dazu anreizt, sich zu denunzieren [...]), sowie durch einen subtilen Einsatz der Polizei, der geheimgehalten wird, durch verdeckte Untersuchungen und trügerische Desinformationen (der Begriff des shu) baut der Herrscher seine Position zu einer regelrechten Wissensmaschine aus.“ (Jullien 1999: 47)

Im Zentrum der Organisation autoritärer Macht in China steht die Verflechtung von Wissen und Macht. Ihr Sinnbild findet man in der traditionellen Beamtenprüfung. Wissensträger im alten China war die Beamtenschicht. Das Wissen selbst war nicht transparent und wurde nicht durch Universitäten vermittelt; strenge Prüfungen regelten den Zugang zum Wissen. Zum einen war die Prüfung eine Art Einübung in die vorherrschende Meinung. Gegenstand der Prüfung waren eben nicht die von Konfuzius zusammengestellten Klassiker selbst; geprüft wurde die Fähigkeit, die Kommentare über die Klassiker auswendig wieder geben zu können. Zum anderen stellten die Prüfungen eine Überprüfung der Loyalität dar. Dieses Vorgehen erzwingt wiederum eine Transparenz der Wissenssubjekte. Zwar wurde die traditionelle Beamtenprüfung offiziell im Jahre 1906 abgeschafft, dennoch verwundert es nicht, wenn sich im heutigen China noch dieselben Strukturen finden lassen: die Technologie der Macht hat sich wenig geändert.

Im Gegensatz zur Geschichte des Abendlands, die sich bekanntlich durch markante Diskontinuitäten auszeichnet, scheint es in China ein historisch relativ kontinuierliches Dispositiv zu geben. Wichtig ist dabei der Aspekt, dass das Autoritätsdispositiv wesentlich selbsterhaltend ist, während im Abendland verschiedene Reorganisationen der Macht eine effektivere Machtausübung garantieren sollte, als es vorher der Fall war.

Das Autoritätsdispositv hat in China eine Theorie der Unterdrückung oder der Revolution verhindert. Statt dessen ist von den chinesischen Strategen schon sehr früh eine Theorie der Position ausgearbeitet worden, die eine Art Gebrauchsanweisung der Position beinhaltet. Die Position der Autorität wurde nie in Frage gestellt. Nicht um den Thron zu stürzen, sondern um ihn zu usurpieren, wurden Intrigen geschmiedet und Strategien entworfen; zur Ersetzung der Autoritätsposition wurde die Kulturrevolution lanciert, die in den Menschen die Erinnerung an die feudale Vergangenheit auslöschen sollte, wohl auch, damit man keine Ähnlichkeiten mit der feudalen Vergangenheit entdecken kann.

Vergleiche zwischen der westlichen Disziplinargesellschaft und der fernöstlichen Autoritätsgesellschaft waren bislang ideologisch begründet. Dezidiert machtgenealogische Untersuchungen gab es diesbezüglich noch nicht. Einige Ansätze finden sich bei Jullien, der in seiner Studie über den chinesischen Begriff der Wirksamkeit zu dem denkwürdigen Schluss kommt, dass das chinesische Autoritätsdispositiv effektiver sei als das Panopticon von Bentham. Während das Panopticon noch die Lokalisierung der Macht in einem zentralen Auge impliziert, das selbst unsichtbar oder zumindest verdeckt bleibt, funktioniert das Autoritätsdispositv wie von selbst. Getragen wird das Autoritätsdispositiv von einem Automatismus der Überwachung. Kontrolle wird zur Normalität. Wenn ein Individuum ausfällt, wird es sofort problemlos durch ein anderes ersetzt. Das chinesische Autoritätsdispositiv ließe sich in dieser Hinsicht auch als ein flexibler und pragmatischer Normalismus auffassen. Bemerkenswert dabei ist jedoch, dass der Machterhalt in China zum großen Teil durch die Zurückhaltung von Informationen und die bedachte Nichtkonstitution von diskursivem Wissen gesichert wird. Dieser Zusammenhang lässt sich nicht einfach als Unterdrückung begreifen. Man müsste die Abwesenheit von ihrer Wurzel her beschreiben und im Dispositiv die Gründe suchen, warum es nicht zur Ausbildung bestimmter Diskurse gekommen ist.

 

 

Deleuze, Gilles (1993): Unterhandlungen 1972-1990, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Foucault, Michel (1977): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Jullien, François (1999): Über die Wirksamkeit, Berlin: Merve.