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Jens Kastner (Universität Münster)

Staat und kulturelle Produktion. Theoretische Überlegungen zum Zusammenhang von symbolischer Exklusion und sozialer Ungleichheit am Beispiel „rassistischer Herrschaft“ unter neoliberalen Bedingungen

 

von Jens Kastner

Mit der Herausbildung der Autonomie des künstlerischen Feldes zum Ende des 19.Jahrhunderts und der Ausbildung der Wissenschaften, die sich diesem Feld widmen, geht die Ausblendung der Frage staatlicher Macht einher. Die Kulturwissenschaften, die Kunst- und die Kultursoziologie, sowie auch weite Teile der Cultural Studies haben sich diesem Thema aus programmatischen Gründen nicht, oder nur am Rande gewidmet. Mit der kulturtheoretischen Wende reagierten die Sozialwissenschaften auf die Bedeutung des Repräsentierten in der kulturellen Reproduktion sozialer Ungleichheit. Kultur wurde nicht mehr als die Summe von Normen, Werten und Werken einer Nation bzw. eines Nationalstaates begriffen, sondern als Ensemble von Symbolen, Ritualen und Praktiken. Damit konnte einerseits davon abgesehen werden, die nationalstaatliche Matrix von Kultur durch die Kultur- und Sozialwissenschaften fortzuschreiben. Andererseits aber blieb der Zusammenhang von Staat und Kultur theoretisch unterbelichtet.

Unter Einbeziehung staatstheoretischer sowie diskursanalytischer Ansätze Überlegungen zu einem adäquaten Verständnis dieses Zusammenhangs anzustellen – ausgehend von der Hypothese der Vernachlässigung staatlicher Macht – ist das Anliegen dieses Beitrages. Zunächst ist dabei auf die symbolische Produktion sozialer Ungleichheit abzuheben. Mit Klaus Eder ist davon auszugehen, dass symbolische Formen soziale Ungleichheit nicht nur repräsentieren, sondern auch reproduzieren. Zweitens muss der Staat als Bank oder Treuhänder für symbolisches Kapital begriffen werden, der, wie Pierre Bourdieu gezeigt hat, für die Transaktionen kulturellen Kapitals bürgt. Drittens ist dann die staatliche und kulturelle Produktion von Ausgrenzung zu thematisieren. Im Mittelpunkt dieser Thematisierung steht die Produktion ethnifizierender Effekte.

Entgegen der Annahme eines allgemeinen Einflussverlustes des Staates unter neoliberalen Bedingungen soll die These vertreten werden, dass die Existenz einer neoliberalen Hegemonie in den westlichen Industriestaaten zu neuen Formen von Ausgrenzung, respektive rassistischer Herrschaft führt, bei deren Genese und Struktur der Staat über die Produktion ethnifizierender Effekte eine entscheidende Rolle spielt (vgl. Kastner 2002).

 

I. Symbolische und soziale Ungleichheit

Die kulturtheoretische Wende in der sozialen Ungleichheitsforschung hat ambivalente Ergebnisse gezeitigt: Zum einen lädt sie dazu ein, Klassenstrukturen nur noch in ihren identitären – im Gegensatz zu ökonomischen und politischen (vgl. Eder 2001: 44f.) – Formen wahrzunehmen oder ganz zu negieren, zum anderen hat sie aber auch zu einer genaueren Beobachtung gesellschaftlicher Strukturierung geführt. Denn, so merkt Klaus Eder (2001: 39) an, „erst kulturell definierte Unterschiede machen soziale Gruppen sichtbar und damit unterscheidbar“. Kultur wird damit zur Variable, die das Soziale repräsentiert. Was aber repräsentiert wird, sind Strukturen, die wiederum in einer kommunikationstheoretischen Perspektive als Ergebnis von Interaktionen begriffen werden können (vgl. Eder 2001: 51). In solchen Interaktionsprozessen wirkt das Repräsentierende, die Kultur, immer auch zurück auf das Repräsentierte, die Struktur, und verändert oder verfestigt diese. Kulturelle Differenzen wiederum wirken aber auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlicher Vehemenz.

Um diese Unterschiede benennen zu können, bietet sich das Modell von Weiß et al. (2001) an. Die AutorInnen unterscheiden in der Vielfalt kultureller Differenzen zwischen a) kulturellen Ausdrucksformen, b) horizontalen Disparitäten und c) kulturellen Klassifikationen. Kulturelle Ausdrucksformen sind symbolische Transformationen primär ökonomisch fundierter Ungleichheit (distinktive Lebensstile). Horizontale Disparitäten sind verschiedene Ausdrucksformen ein und derselben Ungleichheitsrelation (z.B. Armut, die in der Stadt anderes bedeutet als auf dem Land, für Junge anderes als für Alte). Kulturelle Klassifikationen sind Ethnizität und Geschlecht und müssen „als primär in der kulturellen Sphäre angesiedelte und dennoch eigenständige und vertikale Dimensionen sozialer Ungleichheit angesehen werden“ (Weiß et al. 2001: 11), da entlang dieser Kategorien politische Unterdrückung gerechtfertigt und ökonomische Ausbeutung praktiziert werde.

 

II.Staat als Monopolist symbolischer Gewalt

Für den Zusammenhang der verschiedenen Unterdrückungs-, Ausbeutungs-, und Exklusionsformen spielt der Staat eine wichtige Rolle. Für Bourdieu (1998: 91-136) gerät der Staat überhaupt wieder ins Blickfeld der Soziologie, weil staatliches Handeln die Dinge der Kultur zu quasi natürlichen gemacht hat. Bourdieu erweitert die webersche Staatsdefinition um die Dimension der symbolischen Gewalt. Im Gegensatz zu bisherigen Staatstheorien, in denen die Konzentration des Kapitals der physischen Gewalt im Vordergrund steht, beschreibt Bourdieu den Staat als Ergebnis einer Konzentration verschiedener Kapitalsorten. Die Analyse der Kapitalkonzentration ermöglicht einen umfassenden Blick auf rassistische Herrschaft, der über materialistische Staatstheorien insofern hinausgeht, als diese staatlichen Rassismus, wenn überhaupt, nur innerhalb des Repressionsparadigmas wahrnehmen können.

Das symbolische Kapital, welches zu Beginn der Aufklärung noch auf diffusen, kollektiven Anerkennungsprozessen beruht, wird mit zunehmender Bürokratisierung zu einem objektivierten, symbolischen Kapital. Der Staat ist laut Bourdieu (1998: 109) „der ideale Ort für die Konzentration und die Ausübung symbolischer Macht“. Denn er verfügt über die Mittel zur Durchsetzung  und Verinnerlichung seinen eigenen Strukturen entsprechenden Wahrnehmungs- und Gliederungsprinzipien. Durch die symbolische Wirksamkeit aller Setzungsriten werden Voraussetzungen für eine Art unmittelbarer Abstimmung der Habitus geschaffen. Dadurch entsteht das, was Bourdieu die präreflexive Übereinstimmung nennt, die für die immer wieder erstaunliche Leichtigkeit verantwortlich ist, mit der die Herrschenden ihre Herrschaft durchsetzen.

Um den Staat dabei nicht als Wesen oder autonome Quelle von Macht zu begreifen, ohne aber auf die Analyse von Durchstaatlichungen verzichten zu müssen, lässt sich Bourdieu ergänzen durch die Ausführungen Michel Foucaults zur Gouvernementalität (vgl. Foucault 2000). Wie materialistische Staatstheorien (vgl. Poulantzas 1978, Hirsch 2001) analysiert auch Foucault die Genese des Staates als Entstehung einer rationalistischen politischen Form. Dabei koppelt er mit dem Begriff der Gouvernementalität Formen des Regierens (gouverner) mit Denkweisen (mentalité), um untersuchen zu können, wie Menschen geführt werden und wie sie sich (auf-)führen. So wie es Foucault um die Untersuchung neuer Formen der Herrschaft ging – er entwickelt das Modell der Gouvernementalität in Anbetracht des erstarkenden Neoliberalismus –, nimmt auch für Bourdieu die Frage der Durchsetzung von Herrschaft einen zentralen Stellenwert ein. Ins Zentrum der Analyse rassistischer Praxen rückt der Staat daher als Treuhänder symbolischen Kapitals. Ethnifizierende Praxen sind symbolische Klassifikationen, die nur auf der Grundlage ihrer institutionellen Absicherung funktionieren: Das Zusammenwirken der Wahrnehmungsschemata und der durch staatliche Bescheinigungs- und Ernennungsmacht praktizierten „sozialen Magie“.

 

III. Zur staatlichen und kulturellen Produktion von Ausgrenzung unter neoliberalen Bedingungen

Einer These Étienne Balibars (2002: 145) folgend, die besagt, dass es Kultur nur durch und für Institutionen gibt, soll Staat als die Institution begriffen werden, die Differenzen reguliert und das Gemeinsame am Unterschiedlichen herstellt. In der Konstitution von Gesellschaft – auch von Eder (2001: 55) verstanden als „Herstellung strukturierter Differenzen“ – spielt der Staat daher nach wie vor eine entscheidende Rolle. Schon mit seiner Entstehung hat sich der moderne Nationalstaat als permanente Quelle kultureller Produktionen etabliert, indem er die Einheit der imaginierten Gruppe „Nation“ mit dem politischen Gebilde „Staat“ behauptete. In besonderer Form aber zeitigt staatliche Politik unter neoliberalen Bedingungen ethnisierende Effekte. Nur vordergründig betrachtet steht dies im Widerspruch zu den zentralen Inhalten der neoliberalen Ideologie wie der Gleichgültigkeit gegenüber Kollektiven und dem Primat der individuellen Leistung. Zum einen stellen gesetzliche Praktiken wie die durch Ausländer- und das Asylgesetz ausgelöste institutionelle Verweigerungen von Anerkennungstiteln dar, die auszustellen nur dem Staat obliegt. Zum anderen werden auch über diskursive Verknüpfung von Zuwanderungspolitik und Fragen der Inneren Sicherheit deskriptive Zuschreibungen quasi normativ gewendet, die Armut oder Kriminalität an ethnische Zugehörigkeit koppeln. Indem die neoliberale Ideologie die auf beiden Ebenen praktizierte, kollektive Diskriminierung leugnet, verstärkt sie den Druck (z.B. in Form der Integrationsforderung) auf die/den Einzelnen, wodurch wiederum der staatlich produzierte Effekt der Ethnifizierung verschärft wird. Die Untersuchung dieser Effekte ist Teil dessen, was Loїc Wacquant „Analytik rassischer Herrschaft“ (Wacquant 2001: 61ff.) nennt.

 

Literatur:

Balibar, Étienne 2002: Kultur und Identität (Arbeitsnotizen), in: Demirovic, Alex/ Bojadzijev, Manuela (Hg.): Konjunkturen des Rassismus, Münster, S.136-156.

Bourdieu, Pierre 1998: Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns; Frankfurt/ M..

Eder, Klaus 2001: Klasse, Macht und Kultur. Zum Theoriedefizit der Ungleichheitsforschung, in: Weiß, Anja/ Koppetsch, Cornelia/ Scharenberg, Albert/ Schmidtke, Oliver (Hg.): Klasse und Klassifikation. Die symbolische Dimension sozialer Ungleichheit, Wiesbaden, S.29-60.

Foucault, Michel 2000: Die Gouvernementalität, in: Bröckling, Ulrich/ Krasmann, Susanne/ Lemke, Thomas  (Hg.): Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen. Frankfurt/ M. S.41-67.

Hirsch, Joachim 2001: Die Internationalisierung des Staates. Anmerkungen zu einigen aktuellen Fragen der Staatstheorie, in: Hirsch, Joachim/ Jessop, Bob/ Poulantzas, Nicos (Hg.): Die Zukunft des Staates, Hamburg, S.101-138.

Kastner, Jens 2002: „Fleischgewordene Höllenmaschine“. Staatlicher Rassismus als neoliberale Politik., in: Bittlingmayer, Uwe/ Eickelpasch, Rolf/ Kastner, Jens/ Rademacher, Claudia (Hg.): Theorie als Kampf? Zur politischen Soziologie Pierre Bourdieus, Opladen, S.319-341.

Poulantzas, Nicos 1978: Staatstheorie. Politischer Überbau, Ideologie, Autoritärer Etatismus, Hamburg.

Wacquant, Loïc 2001: Für eine Analytik rassischer Herrschaft, in: in: Weiß, Anja/ Koppetsch, Cornelia/ Scharenberg, Albert/ Schmidtke, Oliver (Hg.): Klasse und Klassifikation. Die symbolische Dimension sozialer Ungleichheit, Wiesbaden, S.61-77.

Weiß, Anja/ Koppetsch, Cornelia/ Scharenberg, Albert/ Schmidtke, Oliver (2001): Horizontale Disparitäten oder kulturelle Klassifikationen? Zur Integration von Ethnizität und Geschlecht in die Analysesozialer Ungleichhheiten, in: dies. (Hg.): Klasse und Klassifikation. Die symbolische Dimension sozialer Ungleichheit, Wiesbaden, S.7-26.