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Torsten Jurasik (Universität Magdeburg)

Der konstruktivistische Ansatz von Alexander Wendt. Ein hegemonialer Versuch Willfährigkeit und Fügsamkeit zu konstituieren.

 

1. Einleitung

 

Bertolt Brecht notiert zur Darstellung der Kirche im Stück Leben des Galilei [1], dass dort weniger die juristische Seite des Prozesses beleuchtet werden soll, sondern eher „die beiläufige Art, in der diese hohen Beamten den Forscher behandeln, soll […] zeigen, dass sie auf Grund ihrer bisherigen Erfahrungen mit einer schnellen Willfährigkeit auch Galileis rechnen zu können glauben (Brecht [1947] 1983, S. 124)“. Darüber hinaus empfiehlt er für die Aufführung und das Anschauen des Stücks die Verlagerung des Augenmerks, fort vom Verhalten kirchlicher Würdenträger und hin zum Verhalten von „heutigen reaktionären Obrigkeiten (Ebd., S. 124)“.

 

Im Stück übernimmt die Kirche die Funktion von Obrigkeit. Für Brecht fungiert sie als geistliche Obrigkeit und als letzte wissenschaftliche Instanz, weil die Wissenschaft ein Zweig der Theologie war, die sich später davon emanzipiert. Zugleich ist die Kirche weltliche Obrigkeit und die letzte politische Instanz. Aufgrund dieser Verquickung von Wissenschaft und Politik schreibt er: „Das Stück zeigt den vorläufigen Sieg der Obrigkeit, nicht den der Geistlichkeit (Ebd., S. 123)“. Der vorläufige Sieg der Obrigkeit drückt sich gerade in der Willfährigkeit von Galilei aus. Für Brecht beruht die Willfährigkeit des Protagonisten nicht auf dessen Unwissenheit, den er an einer bekannten Stelle sagen lässt: „Warum stellt er (der Papst) die Erde in den Mittelpunkt des Universums? Damit der Stuhl Petri im Mittelpunkt der Erde stehen kann! Um das letztere handelt es sich. […] es handelt sich nicht um die Planeten, sondern um die Campagnabauern (Ebd., S. 68; Anm. Klammerangabe T. J.)“. Der Konflikt zwischen geozentrischem und heliozentrischem Weltbild wird ebenso innerhalb der politischen Dimension ausgetragen. Bei der Äußerung erfährt sie zudem eine Vorrangigkeit vor der wissenschaftlichen Dimension.

 

Bei der Aufrechterhaltung von Herrschafts- und Ungleichheitsverhältnissen greifen beide Dimensionen ineinander. Die kirchliche Doktrin unterstützt die politischen Absichten, die damit verfolgt werden können. Dagegen untergräbt Galileis Lehre diesen Anspruch. Beide Seiten sind sich dieser Konsequenz im Klaren. Um politische Willfährigkeit oder Fügsamkeit einzufordern, bedarf es der Durchsetzung des dafür geeigneten wissenschaftlichen Standpunkts und umgekehrt. Von Galilei ist keine kirchenfeindliche Äußerung bekannt geworden und auf dieses Verhalten wird durch die Obrigkeit zurückgegriffen. Die Gewaltandrohung soll schließlich das willfährige und fügsame Verhalten zementieren helfen, nachdem positive Sanktionen in Form von wertvollen Geschenken nicht den gewünschten Erfolg bringen. 

 

Die Hervorhebung einer heutigen Perspektive marginalisiert den historischen Konflikt zwischen kirchlicher Doktrin und wissenschaftlicher Forschung zugunsten der Einbeziehung anderer Konfliktsituationen. Dieser Weg soll im Vortrag verfolgt werden. Im Folgenden soll anhand eines Beispiels verdeutlicht werden, wie man Willfährigkeit beim Gegenüber konstituieren kann. Sie beruht nicht auf Unwissenheit derjenigen, die willfährig oder fügsam gemacht werden sollen. Eine Annahme in diesem Vortrag lautet, dass die Fähigkeit von Personen andere Personen willfährig oder fügsam zu machen, darin besteht, sie in Situationen zu manövrieren, in denen sie schlecht widersprechen können, ohne dass ihnen zuvor Gewalt zumindest im physischen Sinne angedroht wurde.    

 

2. Die wissenschaftliche Dimension

 

Seit den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts entwickelte sich in der akademischen Disziplin der Internationalen Beziehungen (International Relations) eine Kontroverse über den Konstruktivismus. Mehrere Klassifikationen wurden bereits zu diesem Gegenstandsbereich vorgelegt (Adler 1997; Ruggie 1998; Zehfuss 2002). In diesem Vortrag wird die Arbeit von Alexander Wendt herausgegriffen. Ende der 80er Jahre führte Nicholas Onuf mit dem Buch World of Our Making den Begriff Konstruktivismus in den Internationalen Beziehungen ein (Dessler 1999, S. 123). Einige Jahre später übernahm Wendt den Begriff, um damit seinen Ansatz zu bezeichnen (Kubalkova 2001, S. 99).

 

Sein Ziel ist die Ausarbeitung einer Sozialtheorie für die internationalen Beziehungen (Wendt 1999) [2]. Als grundlegend für seinen Ansatz erachtet er die Annahme, dass sich die Akteure und die Strukturen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit gemeinsam konstituieren. Das ist eine Antwort auf das so genannte Akteur-Struktur-Problem (Wendt 1987). Zugleich behauptet er, dass sich diese Annahme nur aufrechterhalten lässt, wenn dafür der wissenschaftsphilosophische und -theoretische Standpunkt des „scientific realism“ (wissenschaftlicher Realismus) als notwendige Bedingung anerkannt wird (Wendt 1987, S. 350). In einer längeren Passage soll Wendts Standpunkt vorgestellt werden.

 

„Realism shows that social science manifestly can explain social kinds. It does not deny the unique features of social science: ontologically, its objects do not exist independent of knowledgeable practices; epistemologically, reference to social kinds will often involve descriptive and relational elements; and methodologically, the hermeneutical recovery of self-understandings must be an essential aspect of explaining social action. But in the realist view social scientists can still hope to explain those realities, even though they are socially constructed (Wendt 1999, S. 77)”.

 

Die Wendtsche Sozialtheorie ist eine sozialwissenschaftliche Theorie. Deren Untersuchungsobjekte konstituieren sich nicht selbständig. Dabei gilt es die „doppelte Hermeneutik“ zu beachten. Mit der „doppelten Hermeneutik“ fällt die strikte Unterscheidung zwischen erkennender Sozialwissenschaft und zu erkennender Gesellschaft, weil es ein Wechselverhältnis von sozialwissenschaftlichen Interpretationen und Selbstinterpretationen sozialer Akteure ausdrückt (Jaeger 1996, S. 325). Unter der Beachtung des wissenschaftlichen Realismus kann dennoch die gesellschaftliche Wirklichkeit erklärt werden. Was versteht Wendt unter einer Erklärung? Wir erklären die gesellschaftliche Wirklichkeit, indem wir die Mechanismen identifizieren, die die Handlungen von Akteuren hervorbringen. Die Bedingungen von Handlungen sollen aufgespürt werden. Dies soll mit der Hilfe der „Wie-Frage“ und „Was-Frage“ geschehen (Wendt 1998, S. 104; Wendt 1999, S. 85).

 

Wie werden Handlungen ausgeführt und was sind deren Bedingungen? Wie können wir die Bedingungen von Handlungen identifizieren? Mit der Hilfe einer kausalen Referenztheorie ist man in der Lage diese Fragen zu beantworten (Wendt 1999, S. 53ff.). Drei Kriterien werden für eine erfolgreiche Identifikation genannt: 1) X und Y existieren unabhängig voneinander, 2) X ist zeitlich früher zu Y und 3) ohne X, kein Y (Wendt 1998, S. 105). Seinen Angaben zufolge stellen die ersten beiden Kriterien konzeptionelle Schwierigkeiten dar. Sie müssen durch diejenigen sichergestellt werden, die die Handlungsbedingungen identifizieren wollen. Die größte Schwierigkeit bildet das letzte Kriterium, weil es eine Unterscheidung zwischen Verursachung und Korrelation involviert. Bei einer Korrelation wird dieses Kriterium nicht erfüllt und spielt daher keine weitere Rolle bei der Identifikation von Handlungsbedingungen. Zur Verursachung notiert er: „Causation is a relation in nature not in logic (Wendt 1999, S. 81)“.  

 

Die Bedingungen von Handlungen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit „may be organized into two distinct levels […] might consist mostly material conditions, mostly of ideas, or a balance of both (Ebd., S. 157)”. Um eine Goldmine betreiben zu können, muss am entsprechenden Ort dieser Rohstoff vorhanden sein. Darüber hinaus ist das Wissen um das Vorkommen des Rohstoffes und um den Gebrauch der erforderlichen Arbeitsmittel notwendig, um Gold schürfen zu können. Des Weiteren wird den materiellen Bedingungen eine weitere Funktion zugeschrieben: „[M]aterial conditions do play an independent role in society, making certain actions possible or impossible […] whether or not actors perceive them as such (Ebd., 157)”. Sie erfüllen alle Kriterien einer kausalen Referenztheorie. Materielle Bedingungen spielen eine Rolle in der Gesellschaft, vor der sie selbst unabhängig existieren. Zeitlich existieren sie daher ebenso vor der Gesellschaft. Und ohne materielle Bedingungen können bestimmte Handlungen von Akteuren nicht ausgeführt werden. Bei dieser Konzeptionalisierung von materiellen Bedingungen wird die Beibehaltung einer gemeinsamen Konstitution von Akteuren und Strukturen oder von Handlungen und deren Bedingungen erschwert. Wie können sie sich gemeinsam konstituieren, wenn materielle Bedingungen unabhängig von Akteuren existieren? Materielle Bedingungen existieren ohne menschliches Zutun, weil sie eine unabhängige Rolle in der gesellschaftlichen Wirklichkeit übernehmen können. Sie können bestimmte Handlungen „verursachen“. Würden sie durch menschliches Zutun in der gesellschaftlichen Wirklichkeit existieren, wären sie Bestandteil einer bestimmten „Logik“ und nicht Bestandteil einer natürlich-physikalischen Welt. Unter Zugrundelegung der kausalen Referenztheorie könnte damit keine erfolgreiche Identifikation von Handlungsbedingungen vorgenommen werden.

 

Die andere Ebene von Handlungsbedingungen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit bilden soziale Bedingungen. Zu ihrer Identifikation werden zwei Kriterien genannt, die in direkter Konkurrenz zu den ersten beiden anderen Kriterien stehen: 1) X existiert abhängig von Y und 2) X und Y bilden eine gleichzeitige Beziehung zueinander aus (Wendt 1998, S. 106). Er macht deutlich, dass „social structures have constitutive effects when they create phenomena [...] that are conceptually or logically dependent on those ideas or structures (Wendt 1999, S. 88)”. Eine erfolgreiche Identifikation von Handlungsbedingungen kann mit diesen Voraussetzungen nicht gewährleistet werden, weil dass dritte Kriterium nicht eingehalten werden kann. Aus diesem Grund sollen für Erklärungen soziale Bedingungen wie materielle Bedingungen funktionieren. „Things get caused in society as much as things get constituted in nature (Wendt 1998, S. 108)”. Diese Ansicht wird mehrmals hervorgehoben: „[S]ocial structures are real and objective, not ´just talk´ (Wendt 1995, S. 74)“, und “state and states system are real structures whose nature can be approximated through science (Wendt 1999, S. 47)“. Die Kriterien der Unabhängigkeit und Ungleichzeitigkeit zwischen X und Y stellen konzeptionelle Schwierigkeiten auf dem Weg zur kausalen Referenz dar. Soziale Bedingungen zeichnen sich hingegen durch Abhängigkeit und Gleichzeitigkeit zwischen X und Y aus. Dieser Mangel kann behoben werden, indem die beiden Kriterien für soziale Bedingungen zugunsten der ersten beiden Kriterien für materielle Bedingungen ausgetauscht werden. Das Ergebnis ist eine erfolgreiche kausale Referenz sowohl für materielle als auch für soziale Bedingungen. Wenn für Erklärungen soziale Bedingungen auf die gleiche Weise wie materielle Bedingungen zu behandeln sein sollen, dann ist eine Unterscheidung zwischen beiden Handlungsbedingungen nicht plausibel. Zehfuss notiert dazu: „Wendt assumes the existence of a reality independent of mind in terms of not only material but also the social world. [...] In other words, there is a social reality ´out there´, independent of our thoughts, and Wendt wants to explain it (Zehfuss 2002, S. 13)”.

 

Die Beibehaltung der Annahme einer gemeinsamen Konstitution von Akteuren und Strukturen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit wird durch die Hinzufügung der dafür notwendigen Bedingung des „scientific realism“ stark eingeschränkt. Zur Identifikation von generativen Mechanismen, wie es von diesem Standpunkt verlangt wird, bildet diese Annahme geradezu ein Hindernis, welches darum umgangen werden muss. „Individuals must be constitutionally independent [...] individuals and thus culture (which is carried by them), can play only a causal, not constitutive, role (Wendt 1999, S. 169; Anm. kursiv im Orig.)”. Es scheint kein Platz für diese Annahme reserviert zu werden. Und so können wir noch hoffen die gesellschaftliche Wirklichkeit zu erklären, gerade wenn sie sozial konstituiert ist.

 

3. Die politische Dimension

 

Für das momentane Staatensystem in den internationalen Beziehungen identifiziert Wendt ein Spannungsverhältnis zwischen juridischer Gleichheit und de facto Ungleichheit. Die Institution der Souveränität in den internationalen Beziehungen konstituiert alle Staaten mit den gleichen exklusiven territorialen Befugnissen (juridische Gleichheit). Zugleich gibt es eine ungleiche Machtverteilung (distribution of power) zwischen den Staaten (de facto Ungleichheit) zu verzeichnen (Wendt/ Friedheim 1995, S. 689). An einer anderen Stelle äußert er sich zur Souveränität eines Staates in abweichender Form als der hier vorliegenden.

 

„A state controlling a lost island or a world government would still be both be sovereign, and to that extent sovereignty is an intrinsic, self-organizing property of their individuality. It is in virtue of this feature of sovereignty that states can causally interact with each other, and thus with a structure of sovereign states, because it means they are independently existing (Wendt 1999, S. 182)”.

 

Demzufolge verfügen Staaten über exklusive territoriale Befugnisse durch die Fähigkeit sich selbst zu organisieren. Die Institution der Souveränität in den internationalen Beziehungen konstituiert diesen Angaben zufolge gerade nicht ihre exklusiven territorialen Befugnisse, weil sie darüber bereits verfügen. Während im ersten Fall wenigstens zwei Staaten auftreten, die sich gegenseitig souveräne Rechte zuerkennen, ist diese Voraussetzung beim zweiten Fall nicht gegeben. Beide Lesarten sind möglich, weil einmal eine gemeinsame Konstitution von Akteuren und Strukturen angenommen wird und ein andermal deren notwendige Bedingung in Form des „scientific realism“.

 

„[S]overeignty is also a right constituted by mutual recognition, which confers on each state certain freedoms (for example, from intervention) and capacities (equal standing before international law) that only the most powerful states might be able to enjoy based on intrinsic properties alone (Ebd., S. 182; Anm. kursiv im Orig.)”.

 

Herrschafts- und Ungleichheitsverhältnisse zwischen den Staaten sorgen dafür, dass ein mächtigerer Staat einen weniger mächtigen Staat daran hindern kann, sein Recht einzufordern. In verschiedenen Situationen kann dieser Fall eintreten. „Dominant states decide what counts as a security threat to subordinate states, and the latter are therefore not sovereign in the sense of autodetermining (Wendt/ Friedheim 1995, S. 698)”. Ein mächtigerer Staat entscheidet, wann eine Bedrohung für die Sicherheit des Territoriums und der Bevölkerung vorliegt. Dabei kann die Souveränität des weniger mächtigen Staates stark eingegrenzt werden, wenn es die Lage erfordert. „This amounts to a functional differentiation of units (Staaten) with respect to security (Ebd., S. 698; Anm. Klammerangabe T. J.)”. Der Umgang mit der Sicherheitsbedrohung lässt eine funktionale Differenzierung zwischen beiden Staaten als notwendig erscheinen. Während eine Seite die Richtung vorgibt, führt die andere Seite die ihr übertragenen Aufgaben aus. Wird sich der Order widersetzt, drohen negative Sanktionen, wie z.B. der Verlust des Interventionsverbots.

 

Herrschafts- und Ungleichheitsverhältnisse beruhen nicht zuletzt auf materiellen Disparitäten zwischen den Akteuren. Wendt versucht zu zeigen “that it is the underlying social relations that give material disparities causal significance (Wendt/ Friedheim 1995, S. 691)”. Um eine kausale Referenz zu identifizieren, können sich Akteure und Strukturen nicht gemeinsam konstituieren. Alle Kriterien für eine erfolgreiche Identifikation werden damit gebrochen. Aus diesem Grund können die angesprochenen sozialen Beziehungen nicht auf diese Weise konstituiert werden. Folglich konstituieren sie sich auf eine andere Weise. Unter der Beachtung, dass materielle und soziale Bedingungen von Handlungen nach den gleichen Regeln funktionieren sollen; sprechen wir in beiden Fällen von keiner gemeinsamen Konstitution von Akteuren und Strukturen. Die sozialen Beziehungen, welche materiellen Disparitäten kausale Bedeutsamkeit zuschreiben, gehorchen kausalen und nicht konstitutiven Beziehungsmustern. Nach dieser Lesart versucht Wendt zu zeigen „that it is the underlying causal mechanisms that give material disparities causal significance”. Eine gemeinsame Konstitution von Akteuren und Strukturen wird umgangen. Dafür können wir nun die Mechanismen identifizieren, die bestimmte Handlungen hervorbringen. Diese Aussage ist mit der kausalen Referenztheorie vereinbar, weil nun materielle Bedingungen eine unabhängige, ungleichzeitige und notwendige Bedingung abgeben können. Gleiches gilt für soziale Bedingungen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Meines Erachtens liegt auf diesem Aspekt die Betonung des „scientific realism“ in der Version von Wendt.

 

Im historischen Stück wurde das heliozentrische Weltbild zugunsten des etablierten geozentrischen Weltbildes unterlaufen und diskreditiert. Beide Standpunkte zugleich waren unvereinbar. Die Konsequenz dieses Konflikts war das Beiseiteschieben eines Standpunktes. Aus vormals zwei Standpunkten, blieb nur ein Standpunkt übrig. In der Konzeption von Wendt finden wir eine andere Konstellation vor. Zuerst gibt es einen Standpunkt: die gemeinsame Konstitution von Akteuren und Strukturen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Ein weiterer Standpunkt wird etabliert, der sich mit dem vorher geäußerten Standpunkt nur schwer zu vereinbaren lassen scheint. Eine Säule des zweiten Standpunktes ist zweifelsohne die kausale Referenztheorie. In der Folgezeit wird der erste Standpunkt zunehmend durch den zweiten Standpunkt an den Rand gedrängt. Die Annahme einer gemeinsamen Konstitution von Akteuren und Strukturen wird allerdings nicht gänzlich zurückgedrängt, weil ihr weiterhin eine Funktion zukommt, wie z.B. der Zugang zur Kontroverse über den Konstruktivismus in den Internationalen Beziehungen. Mit dem zweiten Standpunkt würde der Zugang dorthin schwerer zu bewerkstelligen sein.

 

4. Ein Beispiel für Willfährigkeit und Fügsamkeit

 

Ein mächtigerer Staat sieht die Sicherheit seines Territoriums und seiner Bevölkerung durch einen weniger mächtigen Staat bedroht. Ob die Sicherheitsbedrohung durch materielle oder soziale Bedingungen des „Aggressors“ hervorgerufen wird, spielt bei einer Zugrundelegung der kausalen Referenztheorie keine Rolle. Demzufolge kann die Bedrohung durch vielerlei Sachen ausgelöst werden. So kann z.B. der weniger mächtige Staat über ein bestimmtes Kontingent von Plüschbären verfügen, ohne dass es den Akteuren des betreffenden Staates Gewahr ist. Ob der weniger mächtige Staat dieses Kontingent von Plüschbären besitzt oder nicht, ist von geringer Relevanz, weil der mächtigere Staat entscheidet, was als Bedrohung zählt. Die Akteure des mächtigeren Staates handeln auf der Grundlage ihrer Informationen. Informationen von Vertretern des weniger mächtigen Staates können nicht geglaubt werden, weil sie gerade das Territorium und die Bevölkerung bedrohen. Die Informationsweitergabe dient diesem Ziel und dadurch stellt diese Vorgehensweise selbst eine Bedrohung dar. Informationen von Außenstehenden über die Anzahl der Plüschbären kann mit der gleichen Begründung abgewiesen werden oder sie werden mit dem Vermerk „fehlerhafte Informationen“ versehen. Das Bedrohungsszenario kann von Außenstehenden ebenso wenig entkräftet werden.

 

Den Vertretern des mächtigeren Staates liegen Informationen vor über die Anzahl der Plüschbären. Sie übersteigt den zulässigen Bestand, den der weniger mächtige Staat laut bi- oder multilateralen Vereinbarungen besitzen darf. Die überschüssige Stückzahl muss abgebaut werden, um dadurch die Sicherheitsbedrohung abzuschwächen. Sollte der bedrohende Staat über diesen Überschuss verfügen, dann wird bei Nichteinhaltung der Vereinbarungen, dessen Verhalten sanktioniert. Der Überschuss kann zumindest potentiell erhoben werden. Sollte der weniger mächtige Staat genau die Stückzahl einhalten oder sogar darunter liegen, wird dadurch nicht gleichzeitig die Sicherheitsbedrohung abgeschwächt. Schließlich herrscht die Überzeugung einer Bedrohung vor. Selbst wenn ein Überschuss, der zugesicherte Bestand oder ein Minus bei den Plüschbären nicht festgestellt werden kann, trotz intensiver Suche nach diesen Merkmalen, kann das Bedrohungsszenario weiterhin aufrechterhalten werden. Die Bedrohungsobjekte existieren unabhängig von unserem Zutun. Sie existieren, weil jemand die Behauptung aufstellt, dass sie existieren. 

 

Für diejenigen, die dieser Behauptung Glauben schenken, ergeben sich keine größeren Konsequenzen für ihre Handlungen. Sie handeln unter dem Eindruck einer Sicherheitsbedrohung. Sie beteiligen sich vielleicht sogar an der Suche. Sie sind erleichtert, wenn die Befürchtungen nicht zutreffen. Diejenigen, die dieser Behauptung keinen Glauben schenken, stecken in einer Bredouille. Dabei ist es unerheblich, ob man Bewohner des mächtigeren, des weniger mächtigen Staates oder Bewohner eines dritten Staates ist. Sie können zwar wiederholt auf die unzutreffenden Angaben, die mangelhafte Informationsbeschaffung und vieles mehr auf der Seite des mächtigeren Staates hinweisen, dennoch können sie nicht sinnvoll die Existenz des Bedrohungspotentials bestreiten. Um die Existenz bestreiten zu können, benötigt man einen Zugang zur Quelle der Gefahr. Dieser Zugang wird durch die Etablierung der kausalen Referenztheorie verwehrt. Willfährigkeit und Fügsamkeit wird durch die Gläubigen in einem gewissen Umfang „freiwillig“ erbracht. Die Ungläubigen dieser Behauptung sollen willfährig und fügsam gemacht werden. Und sie können in die gewünschte Bahn gebracht werden. Die Suche nach den Plüschbären kann jederzeit fortgesetzt werden. Nach Gutdünken derjenigen, die solche Bedrohungsszenarien mit solchen Mitteln konstituieren. Der zu Überzeugende ist dabei schon immer der Überzeugte. Es müssen Plüschbären existieren, sonst würden wir uns nicht bedroht fühlen.

 

5. Fazit

 

Dieser Vortrag sollte verdeutlichen helfen, wie die wissenschaftlichen und politischen Dimensionen innerhalb „hegemonialer Diskurse“ zusammengeführt werden können und welche Konsequenzen sie für den Einen oder Anderen mit sich führen. Dabei können die Akteure, die für die Produktion und Verbreitung von Aussagen verantwortlich zeichnen, eine Position einnehmen, die es ihnen ermöglicht, die Bedeutung und Geltung dieser Aussagen zu monopolisieren. Diese Fähigkeit kann dazu führen, dass Personen ohne solchen Akteursstatus kaum Alternativen zur dominierenden Ansicht formulieren können, obwohl sie es vermutlich gern tun würden (Onuf/ Klink 1989, S. 209f.).

 

Ein Weg besteht darin, die hegemoniale Sichtweise als alternativlos darzustellen. Wer kann schon Alternativen nennen, wenn es scheinbar keine Alternativen gibt. Darüber hinaus können durch die Monopolisierung von Aussagen, die jeweiligen Bedeutungen manipuliert werden. Sie können demzufolge für verschiedene Situationen eingesetzt werden, liefern sie doch einen Vorrat von Deutungen für viele Ereignisse. Je nach Bedarf werden die Deutungsangebote verändert. Solche Manipulationen tragen jedoch selten zur Veränderung der Deutungshoheit bei. Vielmehr stärken sie die dominierende Sichtweise. Bei dieser Vorgehensweise kann man seinen Vorteil ziehen. Hier gilt das soeben Gesagte. Es lassen sich schwer Alternativen formulieren. Die Brechtsche Bezeichnung „reaktionäre Obrigkeiten“ scheint mir ein geeigneter Begriff zu sein, um Akteure mit solchen Handlungen zu benennen. Es ist die Reaktion auf die Gefahr das aufgebaute Monopol einzubüßen.

 

Nichtsdestotrotz ist die Situation nicht ausweglos für Personen, die dabei den Kürzeren ziehen. Ein erster Schritt besteht in der Teilnahme an den angesprochenen Praktiken. Dadurch kann man sich die Chance erarbeiten, für seine Sache Gehör zu finden. Nimmt man nicht daran teil, wird man noch weniger gehört. Zweitens kann die Teilnahme jemanden in die Situation bringen, die hegemoniale Sichtweise selbst auf eine Weise zu manipulieren, die vielleicht nicht im Sinne einer Monopolisierung gedacht ist, sondern gerade ihr Gegenteil bezweckt. Drittens kann dadurch zumindest ein kleiner Raum für Alternativen geschaffen werden. Zum Abschluss des Vortrags spreche ich allerdings noch eine Warnung aus. Ich glaube nicht, dass diejenigen, die sich hierin engagieren wollen, keine hegemonialen Strategien verfolgen. Vielleicht müssen sie sie sogar beabsichtigen, um die dominierende Sichtweise unterminieren zu können. Eine bloße „Anti-Haltung“ scheint mir ausgeschlossen.

 

6. Literaturliste

 

Adler, Emanuel: Seizing the Middle Ground. Constructivism in World Politics. In: European Journal of International Relations. Bd. 3; H. 3; 1997; S. 319-363

 

Brecht, Bertolt: Leben des Galilei. Mit Anmerkungen Brechts. Leipzig 1983

 

Dessler, David: Constructivism within a positivist social science. In: Review of International Studies. Bd. 25; H. 1; 1999; S. 123-137

 

Jaeger, Hans-Martin: Konstruktionsfehler des Konstruktivismus in den Internationalen Beziehungen. In: Zeitschrift für Internationale Beziehungen. Bd. 3; H. 2; 1996; S. 313-340

 

Kubalkova, Vendulka: Soviet „New Thinking“ and the End of the Cold War: Five Explanations. In: dies. (Hrsg.): Foreign Policy In a Contructed World. Armonk, London 2001; S. 99-145

 

Onuf, Nicholas/ Klink, Frank F.: Political Society. In: Onuf, Nicholas: World of Our Making. Rules and Rule in Social Theory and International Relations. Columbia 1989, S. 196-227

 

Onuf, Nicholas: World of Our Making. Rules and Rule in Social Theory and International Relations. Columbia 1989

 

Ruggie, John Gerard: What Makes the World Hang Together? Neo-utilitarianism and the Social Constructivist Challenge. In: International Organization. Bd. 52; H. 4; 1998; S. 855-885

 

Wendt, Alexander: The agent-structure problem in international relations theory. In: International Organization. Bd. 41; H. 3; 1987; S. 335-370

 

Wendt, Alexander: Constructing International Politics. In: International Security. Bd. 20; H. 1; 1995; S. 71-81

 

Wendt, Alexander/ Friedheim, Daniel: Hierarchy under anarchy: informal empire and the East German state. In: International Organization. Bd. 49; H. 4; 1995; S. 689-721

 

Wendt, Alexander: On constitution and causation in International Relations. In: Review of International Studies. Bd. 24; 1998; S. 101-117

 

Wendt, Alexander: Social Theory of International Politics. Cambridge 1999

 

Zehfuss, Maja: Constructivism in International Relations. The politics of reality. Cambridge 2002  

 



[1] Im Jahr 1616 bestätigte das Collegium Romanum (Forschungsinstitut des Vatikans) unter der Leitung von Christoph Clavius die Untersuchungsergebnisse von Galileo Galilei. Sie unterminierten die geltende Doktrin vom geozentrischen Weltbild. Unter der Androhung von Gewalt an die körperliche Unversehrtheit von Galilei, widerrief er seine Lehre am 22. Juni 1633. Er wurde von Papst Johannes Paul II. rehabilitiert. 

[2] In diesem Vortrag wird unter „Internationale Beziehungen“ die akademische Disziplin, und unter „internationale Beziehungen“ deren konstitutiver empirischer Forschungsgegenstand gefasst.