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Annett Herrmann (Universität Münster)

Temporale Aspekte gesellschaftlicher Hegemonieansprüche: Zeitkonzepte zwischen Herrschaft und Emanzipationsbestrebungen

 

„Weil uns die Zeit definiert, müssen wir sie definieren.“ (Rifkin 1988)

 

Beschleunigung als soziales Strukturprinzip

Beschleunigung, Verdichtung, Verstetigung, Deregulierung, Desynchronisierung, Individualisierung, Zeitmanagement, neue Zeitbindungen, die Ökonomisierung der Zeit und soziale Exklusion sind Trends, deren Neues darin besteht, dass die Globalisierung diese Prinzipien des sozialen Lebens zu verallgemeinern und zu verdichten sucht (vgl. Garhammer 1999: 64 ff., 463 ff.). Beschleunigung lässt sich als ein Charakteristikum der Moderne überhaupt kennzeichnen. In fast allen Lebensbereichen wird Zeit eingespart, um Zeit zu gewinnen, ohne dass der Widersinn dieser Aussage hinterfragt wird. Der Imperativ, Zeit zu sparen, betrifft nicht nur wirtschaftliche Prozesse, sondern nahezu alle Alltagsaktivitäten. Regionale und nationale Esskulturen weichen zu Gunsten von Instant- und Fertiggerichten sowie Fast-Food-Ketten. Tempowahn bei verkehrlichen und sportlichen Aktivitäten lässt sich als ein weiteres Indiz herausstellen, das wiederum in Schule und Beruf mit dem Prinzip „Leistung in der Zeit“ verknüpft wird. Auch die Medien, die mehr durch die Flüchtigkeit der Bilderwelt und die unruhige Kameraführung (VIVA, MTV) Inhalte vermitteln, sind lediglich der Unterhaltung und dem vorgefilterten Informationsfluss dienlich. Mit Hilfe von Email, Fax und Handy ist der moderne Mensch allgegenwärtig und erreichbar. Zeitknappheit, verbunden mit ihrem Zwillingsphänomen der Temposteigerung, charakterisieren das Phänomen der Beschleunigung, das sich als ein soziales Strukturprinzip im sozialen Handeln definieren lässt und zu einem besonderen Ausdrucksmittel im Beziehungssystem der Menschen in ausdifferenzierten Gesellschaften wird. Frei nach dem Motto: „Wer schneller lebt, ist schneller fertig!“

     Zustandszuschreibungen wie Hochgeschwindigkeitsgesellschaft, Risikogesellschaft, Hoch-leistungsgesellschaft, flexibilisierte Gesellschaft, Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft, Gesellschaft ohne Zeit oder Nonstop-Gesellschaft (vgl. Rinderspacher 1982, 1985, 1988; Höring/Gerhard/Michailow 1990; Garhammer 1994; Beck 1997; Höring/Dollhausen 1997; Adam/Geißler 1998; Dahrendorf 1998; Gendolla 1992; Guggenberger 2000; Sennett 2000; Giddens 2001 u.a.) versuchen, die westlichen Industrienationen gegenwartsanalytisch zu identifizieren. Würde man die von mir in freier Montage zusammengestellten Bezeichnungen für hochkomplexe, ausdifferenzierte Gesellschaften auf einen gemeinsamen Nenner kürzen, dann könnte man sich auf den der Beschleunigung einigen. Beschleunigung als Merkmal und Kriterium gesellschaftlicher Zusammenhänge (vgl. Giddens 1996, 1997, 2001; Schlote 1996; Altvater/Mahnkopf 1999; Garhammer 1999, 2000; Bindé 2002) lässt sich neben der Ausweitung des Welthandels, der Zunahme von grenzüberschreitenden Direktinvestitionen, der Deregulierung des nationalstaatlichen Regelwerks, der Entwicklung von globalen Kapitalmärkten und Migrationsbewegungen als ein Ausgangspunkt von Globalisierungsprozessen begreifen. So dass die beschleunigte Welt und ihre Bemühungen um stetiges Tempo, verbunden mit der Klage „Ich habe keine Zeit!“, eine thematische Hochkonjunktur erlebt. Beschleunigung ist eine offensichtlich temporale Dimension, die die (europäische) Zeitkultur zu beeinflussen weiß. Die Strukturierung der Zeit und ihre Wahrnehmung verändern sich. Zeitstrukturen, Zeiterleben und die Auseinandersetzung um Zeit entwickeln Widersprüche, die in allen Bereichen der Gesellschaft, bspw. in der Arbeitszeit wie Freizeit, zum Ausdruck kommen. Die Chance von Menschen, über Zeit zu verfügen und sie zu kontrollieren, nimmt einerseits zu, doch stoßen Fähigkeiten und Möglichkeiten von Menschen an Grenzen, ihre Zeit selbst zu bestimmen und zu organisieren. Gesellschaftliche Macht- und Ungleichheitsverhältnisse haben eine häufig übersehene Zeitstruktur. Diese zeigt sich in Vorschriften und Regelungen, in Prioritäten, Geschwindigkeiten und Befristungen. Institutionen versuchen andererseits, ihre Kontrolle über die Zeit der Menschen zu verstärken, sie zu perfektionieren. Diese Strategien versuchen dem Duktus der Ökonomisierung der Zeit zu entsprechen, darüber Herrschaftsverhältnisse aufrechtzuerhalten und soziale Ungleichheitsprozesse zu verstärken.

    Doch die Erfahrung der Beschleunigung ist nichts, was für das 21. Jahrhundert oder für die letzten 50 Jahre neu ist. Jede Epoche hat auf ihre Weise ein Gefühl entwickelt, und in ihrer Kunst verarbeitet, der Geschwindigkeit des sozialen Wandels nicht gewachsen zu sein. Neu ist allerdings, dass das letzte Jahrzehnt des gerade zu Ende gegangenen Jahrhunderts ein Gesellschaftsmodell delegitimierte, das in den 70er und 80er Jahren Leitbild in und für Westeuropa war (vgl. Garhammer 1999: 203ff.). Die Auseinandersetzung im Konflikt der Werte, die sich durch die gesamte Geschichte der Moderne vollzieht, verschiebt sich von der Bestimmtheit und (institutionalisierten) Sicherheit zur Unübersichtlichkeit und Unsicherheit. Die Globalisierung der Geld-, Güter- und Arbeitsmärkte hat den Wohlfahrtsstaat in Westeuropa, der sich über die soziale Regulierung der Gesellschaft legitimiert und sich darüber Loyalität geschaffen hat, in ein Dilemma geführt. Damit verbunden ist auch eine umfassende Reorganisation der sozialen Zeit, beginnend von der Schul- und Studiendauer bis zur Arbeits- und Ladenöffnungszeit (vgl. Garhammer1999; Rinderspacher 1989, 1988, 1985).

 

2. Soziale Zeit als Abstraktion lebensweltlichen Wissens

Das Bewusstsein von Zeit unterliegt kulturellen Mechanismen und historischen Entwicklungen. Zeitstrukturen sind soziale „Produkte“. Sie suchen, individuelle und gesellschaftliche Mechanismen in Einklang zu bringen. Zeit ist primär weder eine physikalische oder astronomische Entität, noch ein dem Menschen angeborenes Instrument zur Orientierung in seiner Umwelt. Denn die absolute Zeit als Naturkonstante, die nach Kant den Dingen als inhärente Eigenschaft innewohnt und nicht als eine angelernte Form der Wahrnehmung zu untersuchen ist, bleibt selbst Konstruktion. Und weiter überwiegt die Zeitwahrnehmung als kreativer und kognitiver Prozess, der durch Zustandsänderungen erzeugt wird, da der Mensch über kein zeitspezifisches Sinnesorgan verfügt, das Zeit, wie Licht oder Schall, wahrnehmbar macht. Zeitstrukturen resultieren aus pragmatischen Erfordernissen und können als gesellschaftliche Konventionen definiert werden (vgl. Sorokin/Merton 1937: 625ff.). Zeitkonzepte und der Funktionszusammenhang einer sich bereits konstituierten Gesellschaft sind eng miteinander verwoben. Ein tempus absolutum, eine Art über den gesellschaftlichen Verhältnissen vorgegebener Zeitnavigator, existiert nicht. Die Tätigkeitskoordinationen und Handlungsabläufe innerhalb einer Gesellschaft reflektieren nicht, sondern kreieren Zeitstrukturen. [E]s ist der Rhythmus des sozialen Lebens, der die Grundlage der Kategorie Zeit bildet.“ (Müller 1997: 224)

    Transformationen von Zeitstrukturen sind Reaktionen auf geschichtliche Erfahrungen, ökonomische und soziale Veränderungen, neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse sowie zivilisatorische Neuerungen. Mit dem „Geist der Zeit“ haben sich die jeweils gültigen temporalen Strukturen verändert. Durch Rationalisierungsprozesse und die Ausweitung des Handleskapitalismus entsteht eine neue Zeitkonzeption, die sich als dominante Zeitstruktur etablieren konnte. Der Wettlauf der Zeiger auf einer Uhr vergegenwärtigt die abstrakte, metrische Zeitkonzeption. Diese temporale Struktur geht auf Newton zurück und basiert auf einem einheitlich strukturierten Zeitkontinuum, das auf physikalisch-mathematischen Berechnungen basiert. Dieses Kontinuum fließt, unabhängig von äußeren Begebenheiten, homogen in eine Richtung. Mit der „Entzauberung der Welt“ (Weber 1972) und der Betonung der Rationalität als wissenschaftlichem Fortschritt setzt die „Entdeckung der Zeit“ als präzise eingeteilte Struktur ein, so dass sich die Zeitschere zwischen individuellen Lebenszeiten und der institutionalisierten Weltzeit weiter öffnet. Die Entwicklung eines komplexen Alltagsbewusstseins von Zeit hat die metrische Zeitordnung mit ihrem Chronotop-Aufforderungscharakter hervorgebracht, die die Zeiterfahrung auf das einseitig Ökonomische konzeptionalisiert und auf ihre chronometrisch messbaren Aspekte reduziert. Dabei darf man allerdings nicht aus den Augen verlieren, dass die apparative Zeitmessung, die sich als besondere Zeitorganisation durch die Entwicklung und die Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft verbreitete und sich bis hin zur Atomuhr entwickelte, nur Exaktheit, auch wenn diese in Nanosekunden gemessen wird, vortäuscht. Zu bedenken bleibt, dass zeitliche Bezüge, die sich in der Technikabwicklung ausbilden, nicht aus technischen Geräten einsehbar sind. Nur durch die Regeln der sozialen Zeit, die wie Edward Hall formulierte, „stumme Sprache“ (Hall zit. Nach Levine 2001: 21) der jeweiligen Gesellschaftsstruktur, wird der Technik eine eindeutige Zeitlichkeit zugeschrieben.

    Um die Relationen zwischen Gesellschaftsform und dominierendem Zeitkonzept deutlich zu machen, ist die Entwicklung der Zeitformen in einen engen Kontext mit der Darstellung gesellschaftlicher Beziehungsverhältnisse zu stellen. War die Zeitsystemverbindlichkeit zunächst auf kleinere Gruppen beschränkt, die im gleichen sozialen, zyklischen Rhythmus lebten, so breitete sie sich im Zuge des Handels, den Austausch von Produkten und Waren immer weiter aus. Gesellschaftliche Veränderungen führten zu einem Wandel temporaler Strukturen, an denen das verstärkte Aufkommen der Industrialisierung und eine Ausweitung des bisherigen Marktes maßgeblich beteiligt waren. Dadurch entwickelte sich die zyklische Zeitkonzeption zur linearen oder auch messbaren Zeit. Die Menschen mussten sich nun an neue Reglementierungen halten, z.B. an die festgelegten Arbeitszeiten und die Pünktlichkeit, ohne die sich die Industriegesellschaft nicht in dem Maße hätte entwickeln können. Diese Vorstellung einer „verfügbaren“ Zeit, die sich einteilen lässt und auf die Zukunft verweist, kann als Produkt des gesellschaftlichen Differenzierungs- und Rationalisierungsprozesses beschrieben werden, der in die Etablierung des industriellen Kapitalismus mündet. Die Verbindlichkeit der Zeitsysteme erweitert sich in dem Maße, wie sich das Feld der Interaktion ausdehnt. Durch die neue Computertechnologie und den Übergang vom Fordismus zum Postfordismus wird die lineare Zeit in kleine, unverbundene Abschnitte zerteilt und als digitalisierte Zeit in die Zeittheorie etabliert. Die als neue Zeitstruktur ausgerufene digitalisierte Zeit kann als ein Versuch einer Strukturierung des gesellschaftlichen Ganzen, unter Einbeziehung des Phänomens der Beschleunigung, kategorisiert werden.

 

3. Weltzeit als spezifisches Zeitkonstrukt

Jeder kulturell geleistete Koordinierungszusammenhang entscheidet zunächst über den Fluss der Zeit, demnach über Beschleunigungstendenzen, Bremsung, Eigenzeit, Zeitgewinne, Zeitverluste. Die Dynamik des Marktes, die Kulturindustrie, die Moden und Konventionen beeinflussen die Zeitstrukturen auf mehreren Ebenen in ambivalenter Weise. Zum einen ist aus biologischer Sicht das Leben auf die weitgehend natürlichen circadianen Rhythmen eingestellt und dem gegenüber das gesellschaftliche Leben immer mehr auf den Nanosekundentakt des Computers, frei nach dem Slogan, „schneller ist besser“. „Die soziale Zeit unserer gegenwärtigen Epoche läßt sich als eine hierarchisch gegliederte Struktur beschreiben, bei der die wirtschaftliche Verwendung der Zeit gegenüber anderen zeitlichen Bezügen dominiert.“ (Rinderspacher 1985: 288) Zeitliche Vorgaben im Arbeitsprozess, Fremdbestimmung der Zeiteinteilung im Tages- und Wochenablauf und die quantitative Festlegung von Arbeitszeit an der gesamten Lebenszeit sind Tentakeln der Zeitherrschaft. „Just in time“ heißt die Mitte der 80er Jahre, im Zuge der postfordistischen Produktionsweise aufkommende Strategie. Neue Rationalisierungs- und Produktionskonzepte, bspw. das der „lean production“, werden aufgrund der langanhaltenden Wachstums- und Strukturkrise der 70er und 80er Jahre in den entwickelten kapitalistischen Ökonomien eingeführt. Einige der neuen Produktionsmethoden sind neue Arbeitsorganisationen, z.B. Gruppenarbeit, Arbeitszeit- und Arbeitseinsatzflexibilisierung. Allerdings hat der Angriff auf die fordistisch-tayloristische Arbeitsroutine, deren Symbol das Fliessband ist, nicht zu weniger Strukturen geführt, sondern die institutionelle Struktur ist gewundener, nicht einfacher oder freiheitlicher für den Arbeitnehmer geworden. „Die Zeit der Flexibilität ist die Zeit einer neuen Macht.“ (Sennett 2000: 75) Die Kehrseite der technisch machbaren Verschnellerungsprozesse zeigt, dass sie nicht zwangsläufig zu mehr individuellem Wohlstand führen. Besonders deutlich werden die Grenzen der Zeitökonomie, wenn menschliche Tätigkeiten und menschliches Verhalten an immer kürzere, normierte Zeitintervalle angepasst werden. Dieser Anpassung kommen moderne Arbeitsprozesse nach, die eine Tempo- und Produktionseffizienzsteigerung menschlicher Arbeit zum Ziel haben. Das ökonomisierte Zeitkonzept durchdringt mit jedem Entwicklungsschritt vermehrt die Technologie, die Arbeitsorganisation und somit den Menschen selbst. Die heftig diskutierten Vorschläge zur Flexibilisierung der Arbeitszeitregelungen führen nur bedingt zu prinzipiell vergrößerten Optionsspielräumen. Zeitliche Flexibilisierung im Sinne der „Flex-Zeit“ (Sennett 2000) führt nicht zu einer Aufhebung zeitlicher Strukturiertheit überhaupt, sondern beinhaltet eine qualitative Neufassung des Zeitmodus. Jede verfügbare Zeiteinheit in der Sphäre der Arbeit, der Alltagsorganisation sowie der Freizeit geraten unter den Druck des zeitwirtschaftlichen Kalküls.

     Die Dauer eines Ereignisses schrumpft zu einer bestimmten Quantität physikalisch definierter Zeit. Dadurch werden Lage und Dauer von unterschiedlichen Vorgängen einer bestimmten Zeitstelle und Zeitdauer zugeordnet und durch Standardisierung prinzipiell synchronisierbar. Durch Übereinstimmung der Zeitmessung an verschiedenen Orten gilt dies global. So entsteht in der Zeittheoriedebatte das Konzept der „Weltzeit“ (Luhmann 1975; Blumberg 1986; Schlote 1996; Robertson 1998; Altvater/Mahnkopf 1999; Garhammer 1999; u.a.), das der Ökonomisierung von Zeit und dem Homogenisierungsprojekt von Globalisierung entspricht. Die „Weltzeit“ wird als Zeitkonzept universalisiert, so dass Herrschaftsstrukturen aufgebaut, sowie aufrechterhalten und verschiedene Zeitkonzepte, die parallel existieren, zurückgedrängt werden. Die Weltzeit, interpretiert als ein Homogenisierungsprojekt, wirkt mit dem us-amerikanisch dominierten Globalisierungsdiskurs zusammen. Als ein übergreifendes Element der Definition von Globalisierung kann der Begriff der Raum- und Zeitkompression von David Harvey (vgl. Altvater/Mahnkopf 1999: 23) genannt werden, der Globalisierung als einen Prozess der „Verkürzung“ von zeitlichen und räumlichen Distanzen verständlich macht. Die zeitübergreifende Koordinierung über regionale Grenzen setzt zunächst mit einer Standardisierung bzw. einer „Entleerung der Zeit“ (Giddens 1996) ein. Sie schafft die Grundlage zur Kontrolle über den Raum. Die Zeit- und Raumdimensionen werden in diesem modernitätsbedingten dynamischen Prozess entklammert und der Ort als lokaler Schauplatz phantasmagorisch, also von entfernten sozialen Einflüssen gründlich geprägt und gestaltet. Durch den Markt, der die Logik des Geldes etabliert und die Gegenwart zur Omnipräsens verpflichtet, scheinen die Koordinaten des raum- und zeitkompakten Globus an allen Orten fast identisch. Eine Herauslösung von Gesellschaften (und somit auch von Individuen) aus der sozialen Zeit- und Raumbindung, hinein in marktwirtschaftlich-organisierte, gesellschaftsformierende Strukturen, ist mit einem abstrakten, weltzeitlichen Raum- und Zeitregime verbunden. Dieses Zeitregime tritt dominant gegenüber der alltagsweltlich banalen Raum-Zeiterfahrung der Menschen hervor. Mit der Allerweltsformel „time is money“ lösen sich viele Unterschiede der Raum-Zeit-Erfahrungen oberflächlich auf. Soziale Beziehungen können so aus ihren ortsgebundenen Interaktionszusammenhängen herausgehoben und durch entgrenzte Raum-Zeit-Spannen umstrukturiert werden. Doch trotz der universalen Standardisierung durch die  Weltzeit kann von regionalen oder nationalen temporalen Besonder- und Eigenheiten nicht abgesehen werden. Zu bedenken bleibt außerdem, dass Entbettungsmechanismen zwar soziale Beziehungen und den Informationsaustausch aus spezifischen raumzeitlichen Kontexten herausheben, sie allerdings auch zur gleichen Zeit neue Gelegenheiten für ihre Wiederaneignung bieten.

 

4. Ausblicke

    Trotz der Objektivierung und Ökonomisierung der Zeit als messbare, weist die soziale Zeit eine Pluralisierung von verschiedenen Zeitkonzepten auf. Der gesellschaftliche Modernisierungsprozess folgt unter temporalen Aspekten keineswegs – wie häufig dargestellt – linearen Beschleunigungs- bzw. Homogenisierungstendenzen, sondern ist vielmehr von einer Pluralisierung und Heterogenisierung von Zeitkonzepten begleitet. Die übliche lineare Epochengliederung – von der zyklischen über die lineare zur digitalen Zeit – bleibt meiner Auffassung nach eindimensional, da sich in ihr der Hegemonieanspruch des neoliberalen Globalisierungsdiskurses wiederspiegelt. Auch das Konzept der Weltzeit, dem eine Universalisierungstendenz inne wohnt, stellt nur eine Dimension von sozialer Zeit dar und ist durch Widersprüche gekennzeichnet, die den Blick auf mögliche Alternativen verstellen. Die soziale Zeit lässt sich als Zeitnetz bestimmen, das durch gesellschaftliche Ausdifferenzierungen temporale Modifikationen aufweist, die wiederum als spezifische Netzzeiten ausgewiesen werden können. Die Betonung liegt auf der Entwicklung eines zeittheoretischen Rahmens, der erlaubt, verschiedene Zeitstrukturen zu verbinden, um einer konstatierten (globalen) Homogenisierung wie auch einer ausufernden Heterogenisierung entgegen zu wirken, so dass gesellschaftliche Prozesse auf der temporalen Ebene in ihren Widersprüchen und Potenzialitäten erfasst werden können. Denn unterschiedliche gesellschaftliche und lebensweltliche Felder weisen Eigenzeiten (Nowotny 1993, 1999) auf, die sich dem Hegemonieanspruch des ökonomischen Systems entziehen. Darüber hinaus gibt es deutliche temporale Unterschiede von einer Kultur zur anderen, von der Stadt zum Dorf, von Nachbar zu Nachbar (vgl. Garhammer 1999; Levine 2001). Soziale Zeit ist demnach vielmehr eine vielschichtige Heterogenität, die sich am alltäglichen Wissensstand entfaltet. Temporale Strukturen unterscheiden sich durch Schnelligkeit, Langsamkeit, Aktivität, Ausruhen, Veränderung und Stabilität. Jeder Stadtbezirk, jede Gesellschaft und auch die Wirtschaft haben ihre eigene zeitliche Bewegungsanweisung, ihren typischen temporalen (Aufforderungs-)Charakter.

      Gerade durch diesen Umstand existieren in der Zeittheorie verschiedene, miteinander konkurrierende Modelle, die den Zugang, Erklärungsgehalt und die Bedeutung von temporalen Strukturen erschweren. Die Dynamik der gegenwärtigen Informations- und Wissenszunahme, unter zu Hilfenahme des Internets und seiner technischen Beschleunigungsmöglichkeiten, zwingt zum Abschied vom linearen Denken und von enzyklopädischen Anstrengungen (vgl. Deleuze/Guattari 1977; Welsch 1996; Eco 1999). Die drei von der Zeittheorie verkündeten Epochen der Zeit (vgl. Müller 1977; Neumann 1988; Zoll 1988, 1988a Gendolla 1989; Richter 1991; Strasser 1999; Mainzer 2002) lassen sich in eine lineare, standardisierte, parallel zu den gesellschaftlich-technischen und wissenschaftlichen Entwicklungen verlaufende, statische Abfolge bringen. Doch diese Epochengliederung erfasst nur mäßig die temporalen Aspekte gesellschaftlicher Differenzierungsprozesse. Auch Theorieansätze wie bspw. die „Weltzeit“ (vgl. Luhmann 1975, 1994; Blumberg 1986; Schlote 1996; Robertson 1998; Altvater/Mahnkopf 1999; Garhammer 1999 u.a.) als zeitökonomisches Gesetz des globalisierten Kapitalismus, die „Zeitlose Zeit“ (Castells 2001, 2001a) als Definition für Internetkommunikation oder die „Fragmentierte Zeit“ (Schlote 1996) oder „Punktzeit“ (Gendolla 1992) als Theorien für flexibilisierte Zeitstrukturen erlauben, einzelne Strukturen zu analysieren, wirken aber mit ihrem universalen Anspruch auf Gültigkeit unzureichend. Zeit soll nicht als vorfindbare Entität der Natur aufgefasst werden, sondern vielmehr im Sinne von „Zeitlichem“ oder „Zeitlichkeit(en)“, die immer als Konstruktionen eines Beobachters oder eines Systems begreifbar sind. Zeit als konstruiertes und gesellschaftskonstituierendes Koordinationssystem zeigt sich vielmehr als ein Zeitnetz, dass verschiedene Netzzeiten umfasst. Dieser Zusammenhang einzelner spezifischer Netzzeiten ist ein in der Zeittheorie vernachlässigter Zusammenhang. Netze sind in einem ständigen Umbau begriffen. Das heißt, sie entwickeln und verändern sich durch den Gebrauch des Netzes. Netze sind prozesshaft und besitzen eine offene Struktur. (Vgl. Castells 2001; Faßler 2001) Dieses Netzartige betonen Deleuze und Guattari in ihrem Rhizommodell, das sucht, bestehende Strukturen auf eine Vielfalt zurückzuführen und ihres universalen Status zu entkleiden. Mit Hilfe dieses Modells können temporale Aspekte gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse analysiert und auf ihre Heterogenität zurückgeführt werden.

     Gerade durch den Umstand, dass sich die heutige Diskussionslage über die Zeit und ihre Strukturen durch verschiedene, miteinander konkurrierende Modelle kennzeichnen lässt, bedarf es eines Zugangs, der heterogene Konzepte zu verknüpfen vermag. Mit Hilfe des Rhizommodells von Deleuze und Guattari (1977) kann der Zugang erleichtert werden. Denn das Rhizom besteht nicht aus statischen Einheiten, sondern aus einem heterogenen Gefüge von Konnexionen. Die Zeitstruktur, definiert als rhizomische lässt sich schwerlich auf einen Ursprung, bspw. den der zyklischen Zeit zurückführen, sondern lässt sich als Mannigfaltigkeit begreifen. Die von mir vorgeschlagene rhizomische Zeitstruktur verstehe ich als ein Wider auf die Widersprüchlichkeit und Unvollständigkeit, in Hinsicht auf die Eindimensionalität einer Epochengliederung, sowie hinsichtlich ökonomischer Hegemoniebestrebungen. Demgegenüber soll die Heterogenität und Vielheit betont werden. Nicht nur theoretisch, sondern auch für die tatsächliche Alltagswelt. Angesichts der Erosion linearer Fortschrittslogik, die durch die neuen Kommunikationstechniken provoziert und dadurch erst in ihrer Prägnanz sichtbar werden, rücken Zeitkonzepte als Form- und Gestaltbares in den Vordergrund. Im Gebrauch der neuen Techniken kann das Denken in Mehrzeitigkeiten benutzt, erarbeitet, gespielt und gedacht werden. Es bedarf der Kompetenz, Vieles mit Althergebrachtem in Verbindung setzen zu können, um sich eigene Modelle zu schaffen, die nicht auf bereits existierende Strukturen aufbauen. Die chronometrischen Kriterien werden aufgrund des Chronotops-Charakters der sozialen Zeit keineswegs ausgeschlossen, sondern als eine Dimension der sozialen Zeit kenntlich gemacht. Die rhizomische Struktur der Zeit unterstreicht einen immer wieder stattfindenden Aufbau von Strukturen, so dass die Akzeptanz mehrerer Zeitkonzepte aus verschiedenen Blickwinkeln und Teilsystemen der Gesellschaft hervorgehoben wird. Die Zeit als Zeitnetz lässt sich als Vielheit von Perspektiven betrachten, indem sich verschiedene Netzzeiten verbinden lassen. Die Zeit und ihre Strukturen entfalten sich in ausdifferenzierten und dynamischen Gesellschaften. Sie verzweigen, differenzieren und spezialisieren sich innerhalb kulturspezifischer Differenzierungsmodi. Vor diesem Hintergrund kann die Beschleunigung verschiedener Bewegungsabläufe als eine mögliche Einwirkung auf der Zeitebene und die Bedeutung der Eigenzeiten, bspw. Ruhephasen als eine andere verstanden werden. Die scheinbar objektive, messbare Zeit kann dabei kein Anrecht auf Priorität beanspruchen und die Erfahrung von Zeitlichem nicht hinreichend reflektieren. Es geht um den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Wandel und Zeitvorstellungen, sowie den daraus resultierenden sozialwirksamen Zeitstrukturen. Die Grundlage unseres Zeitbewusstseins liegt nicht in der objektiven Zeit und ihren Herrschaftsstrukturen, sondern in aktiven (intentionalen) und konstruktiven Wahrnehmungsakten.

 

 

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