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Katharina Gajdukowa (Philipps-Universität Marburg)

Individuelle oder kollektive Schuld? – Das Schul-Massaker am Erfurter Gutenberg-Gymnasium

 

Das Buch der Berliner Autorin Ines Geipel  - „Für heute reicht`s“. Amok in Erfurt - sorgte schon vor seinem Erscheinen für kontroverse Debatten in der Stadt. Worum geht es bei den Kontroversen, welchen Sprengstoff birgt das Buch? Anhand der Auseinandersetzungen um das Buch soll in diesem Beitrag untersucht werden, welche Deutungsoptionen für das Gewaltgeschehen aufeinanderprallen und welche Handlungsoptionen damit verbunden. 

 

Am auffälligsten ist bei der Debatte um die kollektive Deutungshoheit über das Schulmassaker von Erfurt, dass das Gewaltereignis  zur Sinnstiftung zum Anlass genommen wird, konkret zur kollektiven Identitätsstiftung. Die Dynamik in der Debatte dreht sich um die Schuldfrage, ob es sich um eine Kollektivschuld handelt oder ob die Schuld individuell zu erklären und zu bearbeiten ist. 

  

Während Ines Geipel eine Form ostdeutscher Kollektivschuld in Verbindung mit struktureller Gewalt[1] beschreibt, und den Umgang mit dem Drama als „Katastrophe nach der Katastrophe“ schildert, ist der Umgang der Stadt Erfurt mit dem Drama wie auch mit dem Buch am ehesten mit dem Begriff geschlossene Erinnerungsgesellschaft zu bezeichnen, welche sich dafür entscheidet, Schuld als individuelle Schuld zu behandeln.

 

Was ist für Ines Geipel ostdeutsche Kollektivschuld? Im ostdeutschen Kollektiv sieht sie die Ursachen für den Amoklauf wie im unzureichenden Umgang mit dem Drama, angefangen vom fehlerhaften Polizei- und Rettungseinsatz bis zur Informationssperre bei den Behörden und dem unsensiblen Umgang mit den Hinterbliebenen. In ihrer Deutungsoption ist strukturelle Gewalt als Ursache für das Gewaltereignis anzusehen. Die Schuldfrage wird mit der Kollektivschuld beantwortet. Durch das Beschweigen der Ursachen des Dramas werden die Hinterbliebenen aus Ines Geipels Perspektive immer wieder retraumatisiert. Die Autorin  konstruiert damit gleichzeitig eine ostdeutsche Identität. Ostdeutsche Identität versieht sie mit dem Merkmal Desintegration, worauf noch einzugehen sein wird. Ihre Handlungsoption sind demnach rückhaltlose Aufklärung und Skandalisierung struktureller Gewalt. Sie konfrontiert das ostdeutsche Kollektiv mit seiner Schicksalsergebenheit und seiner Schlussstrich-Mentalität.

 

Damit zielt sie auf die geschlossene Erinnerungsgesellschaft in Erfurt, die eine ganz anders gelagerte Antwort auf die Frage nach der Schuld stellt und gibt: Für diese ist in erster Linie die individuelle Schuld entscheidend – derjenige, der schießt ist schuld[2]. Das schließt auch den Einzelnen in seinem familiären Kontext mit ein. Erst an zweiter Stelle folgt die strukturelle Schuld der (Gewalt)Medien und der (Gewalt)Jugendkultur. Als geschlossene Erinnerungsgesellschaft bezeichne ich eine Gesellschaft, die sich vorbehält, bestimmte Themen nicht zu diskutieren, vor allem nicht öffentlich und damit deutlich macht, dass sie keine Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten wünscht. Die Exklusivität der Betroffenheit und damit Kompetenz für das Thema ist lokal definiert – durch die direkte Anwesenheit bei dem Massaker. Damit ist die Zuständigkeit über die Deutungshoheit geklärt. Mit diesen Elementen wird eine andere Art der kollektiven Identität konstruiert, als es Ines Geipel mit ihrem Buch macht.  Das nach dem Drama entstandene Zusammengehörigkeitsgefühl geht einher mit Eingrenzungs- wie Ausgrenzungstendenzen. Anstelle von Dialog findet  aggressive Konfrontation statt. Die Konsequenz aus der individuellen Schuldzuschreibung ist, dass die Traumabearbeitung vorrangig auf der individuellen Ebene – eben in geschützten Räumen -  verläuft. Öffentliche Diskussionen wie das Buch von Ines Geipel werden als Gefahr für die bisher erreichte Stabilisierung gesehen.[3]. Die Deutungsoption individuelle Schuld bedeutet in der Konsequenz für die Handlungsoptionen also den individualistischen Umgang mit dem Ereignis (um die Erfurter Betroffenen kümmern sich 49 Psychologen). Damit einher geht allerdings die Verhinderung öffentlicher Diskussionen, da diese als Gefahr für die individuell erreichte Stabilisierung betrachtet werden.  

 

Desintegrationsthese zur Erklärung struktureller Gewalt

 

Ines Geipels Definition „ostdeutscher Beziehungslosigkeit“ ist die Negativfolie für ihr Verständnis von Gesellschaft, in der subjektive Solidarität in Einklang mit den Institutionen funktionieren soll. „Diese Defizitperspektive auf Gewalt führt in der Tendenz dazu, alle möglichen Phänomene, die als Übel der Gesellschaft erscheinen (Leistungsdruck, Individualismus, Pluralisierung von Werten, Rückzug aus Institutionen etc.) zur unscharfen und vagen Diagnose einer `desintegrierten Gesellschaft` zu verdichten und diese als Ursache für Gewalt auszugeben. Kulturpessimistisch zugespitzt, erscheinen alle produktiven Auswege, Lösungen und Bearbeitungen von Gewaltereignissen geradezu aussichtslos.“[4] Mit diesem Erklärungsansatz befindet sie sich im Mainstream der Medienberichtserstattung, die ebenfalls die verloren gegangenen Werte der Jugend beschwören. 

Die aktuelle kontextspezifische empirische Erforschung von Gewaltphänomenen zeigt jedoch, dass es nicht um Desintegration geht, sondern dass sich diese Prozesse sozialen Wandels vielmehr als  Re-Integration beschreiben lassen.

 

Kritik am Buch

Die stärkste Kritik an Ines Geipels Buch ist sicher die Verwendung nicht autorisierter Strafermittlungsakten und damit verbunden die Nicht-Offenlegung der Quellen. Der Kunstgriff, die Quellen nicht offen legen zu müssen, war die fiktive Form. Die fiktive Form schützt Ines Geipel auch vor Unterlassungsklagen. Genützt hat diese Form sicher auch ihren Informanten aus den Behördenstuben, die so um ihren Job nicht fürchten müssen. Geschadet hat es der Glaubwürdigkeit des Buches. Ines Geipels Stilmittel der Emotionalisierung von recherchierten Fakten beansprucht die Deutungshoheit über die Ereignisse von Erfurt, indem sie skandalisiert. Damit ist sie mitten in der Polarisierung. Durch die Konzentration auf die strukturelle Schuld sind aber keine Handlungsoptionen möglich: „Ines Geipel stellt die richtigen Fragen, lässt uns aber dann in einem Scherbenhaufen zurück. “ so Katrin Fromm vom Förderverein der Schule.[5] In seiner Wirkung verletzt das Buch mehr, als das es aufrüttelt. Die Vermischung von Fakten und Fiktion ist besonders für die Betroffenen harter Tobak: Sie brauchen nachvollziehbare Fakten, um sich einen eigenen Zugang zu dem Thema zu erarbeiten. Die Darstellung der Betroffenen als Opfer des Systems (ostdeutsche Gesellschaft, Schule) spricht ihnen zudem die eigene Handlungsfähigkeit ab im Umgang mit dieser Konfliktsituation und verhindert somit den Dialog, den Ines Geipel eigentlich mit diesem Buch beansprucht.

 

 

Fazit:

Die Deutungsoption von der individuellen Schuld, die als Unheil von Außen kam, behindert die öffentliche Diskussion um die Ursachen und Prävention solcher Ereignisse. Die geschlossene Erinnerungsgesellschaft will damit die Deutungshoheit behalten. Die individuelle Schuldzuschreibung ist deshalb ebenso wenig wie die These von der strukturellen Desintegration dazu geeignet, die spezifisch moderne Form von Gewalt differenziert zu erfassen und daraus folgend Gewaltprävention zu betreiben.

 

In diesem Beitrag möchte ich deshalb dafür plädieren, Schuld wie auch Gewalt in ihrer historischen wie sozialen Dimension zu begreifen und damit neueren Ansätzen der Traumapädagogik wie auch der Konfliktforschung zu folgen[6], denen zufolge es keine sinnlose Gewalt gibt. Damit könnte es gelingen, den Graben zwischen den beiden Ursachenvermutungs-Strategien zu überbrücken und zu einer genaueren Erklärung von Schuld und Gewalt wie auch einer sachgerechten Bearbeitung des Gewalt-Geschehens und last but not least der Prävention von Gewalt beizutragen.



[1] vgl. Galtung, Johann: Strukturelle Gewalt, Reinbek, 1975

[2] Hensel, Jana: Schuld hat, wer schießt, in: Der Spiegel 5/2004, 26.1.2004

[3] so die Schulleiterin Christiane Alt in: BILD vom 14,12.2004, S. 3

[4] Liell, Christoph: Gewalt in modernen Gesellschaften – zwischen Ausblendung und Dramatisierung in: Das Parlament, ApuZ, Nr. 44, 4.11.2002

[5] Mudra, Kai: Autorin steht zu Gutenberg-Buch, Thüringer Allgemeine 23.1.04

[6] vgl. dazu: www.traumapaedagogik.de und Bonacker, Thorsten: Zuschreibungen der Gewalt. Zur Sinnförmigkeit interaktiver, organisierter und gesellschaftlicher Gewalt, in: Soziale Welt, Heft 1/2002, S.31-48