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Tobias Denskus

„Das Ganze ist weniger als die Summe der Teile“ – Internationale Friedensförderung und die Rolle neoliberaler Diskurse

 

Einleitung

Ist „Frieden“ der neue Name für „Entwicklung“? Zumindest spielt der Begriff heute eine wichtigere Rolle in der Entwicklungszusammenarbeit als noch vor 10 oder 15 Jahren. Er ist angekommen im programmatischen „mainstream“ – und damit auch im „mainstream“ der Worte und Konzepte. Mitte Mai wurde z.B. der „Aktionsplan Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung“ der Bundesregierung vorgestellt. Das ist zunächst einmal keine „schlechte“ Sache, das Frieden einen hohen Platz auf der politischen Agenda hat. Ich möchte – und das gilt für den kompletten folgenden Vortrag – an keiner Stelle einzelne Personen oder Institutionen für Nebeneffekte von Friedensförderung verantwortlich machen. Manche ahnten oder befürchteten bereits, dass das Wort „neoliberal“ sich im Titel auf die internationalen Finanzinstitutionen bezieht, und, nennen wir den „Feind“ beim Namen: auf die Weltbank. Dann wäre ich hier falsch. Vielleicht nicht völlig, denn wo Beobachter von einer „pervasive intolerance of dissent“ (Leiteritz) sprechen, die die internen Diskussionen innerhalb der Weltbank prägen, da liegt die Frage nach Diskursen nicht weit weg. Der Umgang mit den „unterdrückten“ Stimmen und Meinungen – sowohl von Sozialwissenschaftlern in der Weltbank als auch Indios in Mittel- und Südamerika – ist ein zentraler Ansatzpunkt meiner Ausführungen. Das „Legitimationspotential“ von Friedensförderung ist sehr hoch – wer ist schon gegen Frieden? – aber die Diskussionen über Wiederaufbau werden oft „ent-politisiert“, technokratisiert und expertisiert, denn Friedensförderung ist auch ein Geschäft, das zweiseitige „Terms of References“ produziert, jene kurzen Arbeits- und Gebrauchsanweisungen, die internationale Organisationen für ihre Programme erstellen.

Diskursanalyse soll hierbei exemplarisch als eine Methode vorgestellt – und natürlich diskutiert - werden, die helfen kann, oftmals unbewusste Denkstrukturen, die administrative Arbeit begleiten, zu identifizieren und letztlich einen praktischen „Input“ für die Programmgestaltung zu geben, angefangen von der Analyse der Situation bis hin zur Evaluierung von „Wirkungen“. Denn Konflikttransformation „implies the acceptance of personal and collective responsibility. It also means culture transformation for all of us.” (Francis)

 

Diskursanalyse in der Friedensforschung - Die Suche nach kritischen Methoden

 

Wenn im folgenden auf „die“ Friedensforschung verwiesen wird, dann meine ich damit vor allem die angelsächsische Friedensforschung. Das hängt zum einen damit zusammen, dass wesentlich Studienabschnitte in England stattfanden und anschließende Arbeitsaufenthalte bei englischsprachigen Organisationen, zum anderen, weil sich die deutsche Friedensforschung erst seit kurzem und nur zögerlich mit der engeren Verbindung von Theorie und Praxis befasst, wie sie z.B. in Großbritannien schon länger Gang und Gäbe ist.

 

Die Friedensforschung sah sich mit dem Ende des Kalten Krieges auch mit dem Ende vieler ihrer „alternativen“ Welt- und Lebensentwürfe konfrontiert. Dependenztheorien oder sozialistische Theorien schienen sich selbst widerlegt zu haben: Das liberal-demokratische Modell war das Paradigma der Stunde. Für Lawrence Summers, den damalige Chef-Ökonom der Weltbank, war diese „Stunde 0“ besonders fundamental: „Spread the truth. The laws of economics are like the laws of engineering, one set of laws works everywhere.” (Sogge)

Aber die folgenden Jahre waren sahen nicht nur Markt-Logik im wirtschaftlichen Raum, sondern einen sich ausbreitenden neo-liberalen Diskurs in fast allen gesellschaftlichen Bereichen. „Friedlicher Wettbewerb“ und „zivile Harmonie“ ließen sich ebenso auf das politische Verhalten von Staaten übertragen und Konfliktmanagement hieß dann nur ein einhegen sozialer Widersprüche in einen neo-liberalen Rahmen von Staat und Gesellschaft.

 

Damit musste sich die Friedensforschung auseinandersetzen, sich fragen, wie „counter-lifeworld constructs“, also lokale alternative Lebensführungen, entstehen und umgesetzt werden können.

Diskursanalyse erscheint als Fortsetzung der kritischen Tradition und Methode, um mit der „Globalen Intellektuellen Hegemonie“ (Gosovic) umzugehen die sich im Informationszeitalter verstärkt und schneller ausbreiten kann. Auch wenn nicht immer eine strikte linguistische Analyse vorgenommen wird (Abb. S. 20 von Phillips/Hardy), so hilft die Diskursanalyse dabei, dass zentrale Konzepte und Themen der theoretischen und praktischen Friedensforschung (Was ist Frieden? Was ist Friedensförderung? Was bedeutet Globalisierung?) kritisch hinterfragt werden können.

 

„Does peacebuilding build peace”? Internationales Konfliktmanagement in der post-Kalte Krieg Zeit

 

Eine detaillierte Darstellung, wie Entwicklungs- und Humanitäre Hilfe ihr Instrumentarium der Zeit nach dem Kalten Krieg (intra-state war; fewer conflicts, but more complexity; warlordism, Trauma-Arbeit) angepasst haben ist im Rahmen dieses Vortrags nicht möglich. Allerdings liegt in dieser Knappheit auch die Chance sich auf die „diskursive Essenz“ von Friedensförderung zu konzentrieren. Das möchte ich in Anlehnung an Le’s dreistufigem Modell machen mit dem sie französische Zeitungskommentare zur Menschenrechtsthematik während des zweiten Tschetschenien-Krieges analysiert hat: 1. Diskurs als Sprachgebrauch, 2. Diskurs als Übermittlung von Überzeugungen und 3. Diskurs als soziale Interaktion.

 

1. Diskurs als Sprachgebrauch

Untersucht man offizielle Dokumente von Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit, öffentliche Regierungspapiere aber auch wissenschaftliche Artikel genauer, dann stellt man fest, dass Friedensförderung (peacebuilding) zu einer technokratischen Operation gerät. Die folgende Tabelle (hier nicht eingefügt) zeigt, wie „peacebuilding linguistics“ in Erscheinung treten. Das gilt, wie sich im nachfolgenden Punkt zeigen wird, nicht nur für strategische, „große“ Dokumente, sondern lässt sich auch anhand konkreter Länderstudien nachweisen.

 

2. Diskurs als Übermittlung von Überzeugungen

Wie bereits eingangs erwähnt, hat die Benutzung des neo-liberalen Vokabulars den Vorteil, dass komplexe, vielschichtige, gegenläufige Ereignisse, die eine Nachkriegsgesellschaft beschäftigen, „problematisiert“ werden, d.h. sie werden als „Problem“ dargestellt, für das Entwicklungsprojekte eine „Lösung“ haben. Dabei, ebenfalls wichtig für den Diskursrahmen, kommt es immer wieder zu Wörtern, die aus der Literatur verschwinden, wie Gosovic beobachtet: „equity“, „self-reliance“, „exploitation“ oder „land reform“ sind kaum noch anzutreffen. Diese Wörter beinhalten oft komplizierte Konzepte und Ideologien – sie lassen Spielrum für kritischen Dialog und Interpretation.

 

3. Diskurs als soziale Interaktion

Dieser letzter Punkt stellt zugleich den Übergang zum letzten Teil dar, wo „peacebuilding“ in Mittel- und Südamerika vorgestellt wird.

 

Daher möchte ich diesen Teil mit einem langen, aber wichtigen Zitat von Berthold Löffler abschließen:

 

„Denn in der liberal-individualistisch geprägten Welt des Westens, in der es als eine zivilisatorische Haupterrungenschaft gilt, dass sich die Individuen weitgehend von kollektiven Normen und Vorstellungen befreit haben, ist es schwer verständlich zu machen, dass kollektive Werte und kollektive Identitäten (politische Kultur), die durch den Ablauf der Geschichte ausgeformt werden einen so weitgehenden Einfluss auf die individuelle Denk- und Handlungsweise von Menschen haben können.“

 

Der Punkt der Interaktion bezieht sich auch und gerade auf Menschen aus dem „Westen“ die Friedensprojekte konzeptionell und praktisch begleiten sollen und eigentlich eine feine Sensorik für Diskurse und damit zusammenhängende Macht- und Legitimationsmechanismen haben sollten.

 

„Gewalt“ und „Gerechtigkeit“ in Nachkriegsgesellschaften in Mittel- und Südamerika

 

Bedauerlicherweise reicht die Zeit auch in diesem Teil bei weitem nicht aus, die Prozesse in Ländern wie Guatemala oder El Salvador die sich nach den Friedensabkommen gebildet haben näher zu beleuchten.

Daher möchte ich mich hier auf einen kurzen Aufriss mit Hilfe von Le’s Diskursdefinition beschränken:

 

1. Diskurs als Sprachgebrauch

Ein Weltbank Dokument mit dem Titel „El Salvador: Meeting the challenge of globalization“ soll hier als Beispiel für die konzeptionelle Herangehensweise einer bedeutenden Entwicklungsorganisation dienen: Gleich zu Beginn gibt man die Richtung vor, nämlich „a return to peace“, der Unterdrückung, Krieg und die Bereicherung durch wenige Familienclans zu übersehen scheint. Auch wird „ownership“ impliziert, wenn es heißt, dass „El Salvador is currently undertaking bold reforms to become a more open economy with a dynamic export-oriented private sector keyed to international markets“. Dass große Teile der (alten) Elite wirtschaftlichen Reformen zustimmten, hatte auch damit zu tun, dass weder Vermögen angetastet wurde, noch sichergestellt wurde, dass wirtschaftliche Gewinne im Heimatland investiert wurden. Und schließlich, wie bereits vorher erwähnt, wird das Thema Landreform als „land-related issues“ erwähnt, damit keine „politischen“ Konzepte den „Wiederaufbau“ gefährden können.

 

2. Diskurs als Übermittlung von Überzeugungen

Besonders für die kaffeeproduzierenden Länder in Mittel- und Südamerika, hat die „Öffnung“ für den Weltmarkt und die globale Wirtschaft sehr greifbare Implikationen. So umstritten der Fall auch ist, Vietnam’s Eintritt in den weltweiten Kaffeemarkt und der damit einhergehende Preisverfall, den vor allem Farmer in Südamerika zu spüren bekamen, ist nur ein Beispiel für die strukturelle und institutionelle Verflechtung, die einen Diskurs ausmacht. Denn beide Nachkriegsgesellschaften sollten in den Welthandel integriert werden

 

3. Diskurs als soziale Interaktion

Nachkriegsstaaten wie Guatemala und El Salvador haben auch heute noch eine auffallende Ungleichverteilung von Einkommen, eine hohe Armut und sehr hohe Mord- und Kriminalitätsraten. Die „87 Prozent Mehrheit“ hat nach wie vor Schwierigkeiten sich gegen traditionelle Strukturen zu behaupten. Während Mitarbeiter von internationalen Organisationen offiziell verkündeten „We’re dealing here with a government that shares the same philosophy“ übten hinter den Türen das alte Regime regelrecht Druck auf internationale Vertreter aus, die sich um ein Friedensabkommen bemühten: „If you want peace, you pay for it!“. Umverteilung oder verantwortliches Investieren in lokalen Wiederaufbau kamen dagegen nicht zur Sprache in den Verhandlungen.

 

So bemerkte schließlich ein lokaler Politiker in Guatemala: “The armed conflict, yes it is over – the war of guns, the war of armies – but for us this doesn’t mean very much because the war o hunger, misery and poverty still goes on in our community” (Preti)

 

Abschluss und Ausblick

 

So verkürzt die dargestellten Prozesse auch sind, so lassen sich doch ein paar erste Rückschlüsse finden. Zunächst war es mein Ziel zu zeigen, warum und wie sich eine Disziplin wie „Friedensforschung“ der Diskursanalyse als Methode angenommen hat. Wie sie praktisch angewendet werden kann, um linguistische Prozesse und ihre praktisch-institutionellen Auswirkungen zu verfolgen, hat der zweite Teil am Beispiel „peacebuilding“ und dem Wiederaufbau in Mittelamerika gezeigt.

Diskursanalyse kann in Zukunft aber gewiss mehr leisten, als ex-post in Erscheinung zu treten. Narrative Methoden, z.B. „storytelling”, haben das Potential schon während Entscheidungs- und Organisationsprozessen angewendet zu werden um so unterbewusste Diskurse und alternative Ideen sichtbar in den Entscheidungsprozess mit einzubinden – vorausgesetzt Organisationen öffnen sich für alternative Methoden und ihre möglichen Ergebnisse.

 

Literaturverzeichnis

Bendana, A. 1996: Conflict Resolution – Empowerment and Disempowerment. Peace & Change, 21 (1), S.68-77

De Soto, A., del Castillo, G. 1994: Obstacles to Peacebuilding. Foreign Policy, 24 (2), S.69-83

Denskus, T. 2004: Mazedonien: Internationaler Frieden ohne lokale Entwicklung? »Globale Kultur« der Konfliktprävention und Transformation. Wissenschaft und Frieden, 21 (1), S.28-30

Francis, D. 2002: People, Peace and Power – Conflict Transformation in Action. London: Pluto Press

Gosovic, B. 2000: Global intellectual hegemony and the international development agenda, International Social Science Journal, 52 (4), S.447-456

Jabri, V. 1996: Discourses on violence – Conflict analysis reconsidered. Manchester: Manchester University Press

Le, E. 2002: Human rights discourse and international relations: Le Monde’s editorials on Russia. Discourse & Society, 13 (3), S.373-408

Leiteritz, R.J., Weaver, C. 2002: ‘Our Poverty is a World Full of Dreams’: The World Bank’s Strategic Compact and the Tenacity of Organizational Culture. Paper prepared for delivery at the Annual Meeting of the International Studies Association, New Orleans, March 24-27, 2002.

Loeffler, B. 2001: Das Elend der Balkanpolitik des Westens am Beispiel des Kosovo. Osteuropa, 51 (8), S.938-952

Moore, D. 2000: Levelling the Playing Fields & Embedding Illusions: ‘Post Conflict’ Discourse & Neo-liberal ‘Development’ in War-torn Africa. Review of African Political Economy, 27 (83), S.11-28

Paris, R. 1997: Peacebuilding and the Limits of Liberal Internationalism, International Security, 22 (2), S.54-89

Phillips, N., Hardy, C. 2002: Discourse Analysis: Investigating Processes of Social Construction. Thousand Oaks, CA: Sage

Preti, A. 2002: Guatemala: Violence in Peacetime – A Critical Analysis of the Armed Conflict and the Peace Process. Disasters, 26 (2), S.99-119

Robinson, W.I. 1998: Neo-Liberalism, the Global Elite, and the Guatemalan Transition. A critical macrostructural analysis. Paper prepared for seminar on ‘Guatemalan development and democratization: proactive responses to globalization’, Universidad del Valle de Guatemala, March 26-28, 1998. Online erhältlich unter: http://dkc.mse.jhu.edu/~scholz/Iprints/rob.htm (30.05.04)

Sogge, D. 2002: Give & Take – What’s the Matter with Foreign Aid? London: Zed Books